Archiv für den Monat Januar 2015

Zwischenzeit

Der Himmel klirrt, verbrannt zu blauen Scherben,
auf die Wegewartensterne vor der Stadt,
und durch die Birken geht ein gelbes Sterben,
weil der Regen sie vergessen hat..

Grellweiße Häuser schaun durch stumme Fenster
auf Asphaltwege, die verglutend weichen.
Die Luft fließt säulenhohe Flirrgespenster
in die Fabrik, die sie zermorst zu wirren Zeichen.

Die Welt verflimmert qualvoll in den Krallen
aus gleißendgelbem, hartem Sonnenlicht,
das sich in tödlichheißen Platinstrahlen
durch Parks und Wohnblocks in die Erde bricht.

Die Wälder brennen dem Gestirn entgegen,
die Städte lohen rot zu ihm empor.
Doch hinten löscht schon schwarzer, schwerer Regen
die Sommerfarben heimlich aus dem Moor.

Bald wolken Nebel grau durch graue Gassen,
in denen graue, müde Häuser stehen,
und graue Pfützen sprühn den grauen, blassen,
versengten Blättern nach, die erdwärts wehn.

Zinnsoldaten

Hans hatte nie Soldat werden wollen. Aber eines Tages, Anno 1910, wurde ihm der bunte Rock einfach übergestreift, und niemand fragte danach, ob er das wollte, und er wurde in einen blaugrünen Pappkarton gestopft, der neben einem orangegelben Pappkarton in einer schwarz und rot bedruckten Spanschachtel lag.

„Das ist eure Kaserne“, sagte eine männliche Stimme lachend. Die neue Kleidung war schön warm, und draußen stürmte der Dezember.

„Stillgestanden! Im Laufschritt marsch! Präsentiert das Gewehr!“ Die männliche Stimme klang laut, aber nicht gefährlich, denn im Hintergrund schwang immer noch das Lachen mit.

„Was für unsinnige Befehle!“, sagte Hans zu Klaus, einem Soldaten aus der orangegelben Pappkaserne, und die beiden setzten sich vor ihre Kartonhäuser in der Spanschachtel und spielten Schach mit Figürchen, die noch winziger waren als sie selbst.

Hans trug einen roten Rock, und Klaus trug einen grünen. Die Grünröcke waren die Feinde der Rotröcke, sagte die männliche Stimme, die man von der geschlossenen Spanschachtel aus nicht sehen konnte.

Als die beiden Schachfreunde – genau wie die übrigen Grünen und Roten – gelernt hatten, wie man richtig stillsteht (das war das Wichtigste für Zinnsoldaten), wurde ein Zellophanpapier um die Spanschachtel gewickelt, und ein Pferdefuhrwerk brachte sie mit vielen anderen Schachteln in ein Spielwarengeschäft. Dort durften sie ein paar Tage lang ausruhen und so viel Schach spielen, wie sie wollten.

Aber der Urlaub war bald vorbei.

„Ich hätte gern eine Schachtel Zinnsoldaten für meinen Buben“, sagte eine weibliche Stimme. Sie gehörte der Mutter von Thomas, die auch die Tochter von Thomas war. Den großen Thomas hatte sie nie gekannt. Er war sieben Monate vor ihrer Geburt in Frankreich gefallen. „Die Soldaten sehen ein bisschen aus wie mein Vater auf dem alten Bild, das bei meiner Mutter im Schlafzimmer hängt“, fand sie. „Deshalb soll mein Bub sie zu Weihnachten bekommen.“ Sie packte die Schachtel in ihr Einkaufsnetz und legte sie zu Hause unter den Tannenbaum.

„Oh! Wie das strahlt!“, rief der kleine Thomas am Abend, als auch seine großen Brüder zu Besuch da waren. „So viele Geschenke! Und da! die schwarzrote Schachtel – oh! Zinnsoldaten!“

„Die hast du dir doch so gewünscht“, sagte die Mutter und lächelte. „Sehen sie nicht aus wie der Opa?“

Thomas antwortete nicht. Mit großen, gespannten Kinderaugen betrachtete er die Spanschachtel, öffnete sie, nahm die Figürchen heraus.

„Oh! Wie schön!“, sagte er.

Für Hans und Klaus waren seine Augen die eines gefährlichen, riesengroßen, unberechenbaren Ungeheuers. Denn gleich am Weihnachtsabend begann Thomas aufgeregt mit den beiden feindlichen Armeen Krieg zu spielen. Er ließ den rotberockten Hans gnadenlos auf seine grünberockten Schachfreunde losgehen, kommandierte „lauflauf!“ und „schieß-doch-endlich!“, und wenn einer nicht schießen wollte, warf er den Feigling einfach um.

Hans nahm das Zinngewehr fest in die Hand und zielte sorgfältig auf Klaus. Aber er drückte nicht ab. Die Welt drehte sich plötzlich vor seinen Augen, ihm wurde übel, und er ließ sich ins Bodenlose fallen, das unter dem Küchentisch lag.

„Tot! Tot!“, hörte er das Ungeheuer jubeln, das der kleine Thomas für ihn war.

Den Ruf hörte er noch oft, denn Thomas wurde es nicht müde, mit seinen zinnernen Armeen blutige Schlachten zu schlagen. Die Grünberockten und die Rotberockten, auch Klaus und Hans, bekamen Flecke und Risse davon, Schrammen und Wunden, aber Thomas schien das sogar zu freuen. Er spielte jahrelang mit seinen Zinnsoldaten. 1911. 1912. 1913. Erst als seine Stimme tiefer wurde, ließ er die Figürchen eine Weile in ihrer Schachtel.

Hans und Klaus genossen die Zeit, spielten Schach und vermissten Thomas nicht. Erst 1916 nahm der sie wieder in die Hand. Die Zinnsoldaten zitterten und fürchteten sein Spiel, aber er holte nur einen nach dem anderen aus der Schachtel, strich mit dem Finger über die rissig gewordenen Uniformen, legte sie wieder zurück und schwieg. Dann räumte er die Schachtel wieder ins Küchenregal neben das alte Brot, zog seinen Uniformrock gerade, richtete sich steif auf und ging fort aus der Küche seiner Mutter.

„Komm bald wieder, Junge!“, rief sie ihm nach. „Pass auf dich auf!“

„Bis bald!“ rief er. „Der Krieg wird bald gewonnen sein!“

Aber er irrte. Die Mutter sah Thomas niemals wieder. Dass auch der Krieg verloren ging, schien ihr dabei fast unwichtig.

Das Leben in der Spanschachtel war ohne die Schlachten und Feldzüge gut zu ertragen. Hans und Klaus ließen die Figürchen auf ihrem Schachbrett gegeneinander antreten. Schwarz gegen Weiß. Sie schlugen einander die Bauern vom Feld, bedrohten ihren  jeweiligen König, schoben die Damen hin und her, verrückten die Burgen und ließen die Rösser springen. Manchmal gewann Hans, manchmal Klaus. Lustig war es immer.

Im Winter 1932 entdeckte Thomas‘ Schwester, die nach dem Tod der Mutter die Wohnung aufräumte, die verstaubte Spanschachtel mit den alten Zinnsoldaten. Sie öffnete den leicht beschädigten rotschwarzen Deckel und betrachtete die Figürchen gerührt.

„Wenn man sie ein wenig aufpoliert“, sagte sie zu ihrem Mann, “ dann wären die doch ein wunderhübsches Geschenk für Heiner!“

„Ja“, stimmte der zu. „In dieser schweren Zeit wird es wohl auch das einzige Weihnachtsgeschenk bleiben, das er bekommt.“

So zogen sie den kleinen Soldaten neue Uniformen an, rote und grüne, reparierten die Schachtel, packten sie in braunes Packpapier und legten sie unter den Christbaum.

Was an Heiligabend passierte, war für Hans und seine Freunde keine so große Überraschung wie für den kleinen Heiner: Dessen große, strahlende Kinderaugen glitzerten genauso gefährlich wie damals die von Thomas. Sofort brachte er die Roten gegen die Grünen in Stellung.

„Lauflauf!“ brüllte er. „Schieß doch endlich, Feigling!“

Er brüllte es 1933, 1934, 1935, 1936 … Dann wurde es wieder still. Lange.

Erst 1950 öffnete Heiner die Schachtel wieder, mit den zwei Fingern seiner linken Hand. Er zeigte die Figürchen den Kindern, die jetzt in seinem alten Zimmer wohnten. Andreas und Hannelore, Annemarie und Peter, Josefine und Michael, Franziska und Heinz-Otto staunten: „Zinnsoldaten!“, rief Andreas. „Dürfen wir damit spielen?“, fragte Josefine. Sie durften.

Als Heiner starb – er lebte nicht mehr lange – behielt Josefine die Figuren. Zu Weihnachten 1975 schenkte sie die alte Spanschachtel ihrer kleinen Monique.  „Da steckt Geschichte drin, mein Mädchen“, sagte ihr Mann Henri zu seiner Tochter.

Geschichte? Die Zinnsoldaten Hans und Klaus rechneten ihr Alter nach. 65 Jahre. War das Geschichte?

Monique spielte nie mit den Zinnsoldaten. Sie stellte sie nur in ihr Mädchenzimmer in ein Regal neben Väschen und Döschen und staubte sie manchmal ab, wenn ihre Oma zu Besuch kam, weil Oma immer schimpfte, wenn der Staub nicht gewischt war. Als sie das Zimmer 2005 für ihre Zwillinge herrichtete, verschwanden die Figuren in ihrer Spanschachtel, und die Spanschachtel fand einen Platz am Kellerboden.

Dort entdeckten sie die Zwillinge im Dezember 2014.

„Wahnsinn“, sagte Natalie zu ihrem Bruder Marcel. „Zinnsoldaten!“

„Wie toll“, sagte Marcel, „die kann man nämlich gerade eintauschen – da läuft eine Tauschaktion ‚Kriegsspielzeug gegen Friedensspielzeug‘, vielleicht kriegen wir auf die Art einen Elektrobaukasten.“

„Au ja“, Natalie freute sich, „dann kann ich endlich Strom verlegen in meinem Puppenhaus!“

Sie packten die Spanschachtel mit den Zinnsoldaten, gaben sie am Tauschplatz ab und zogen wenig später tatsächlich mit ihrem neuen Elektrobaukasten davon. Hans und Klaus aber fanden sich wieder zwischen vielen anderen Zinnsoldaten, umgeben von Panzerchen, Krachpistolen, Kampfflugzeuglein und Datenträgern mit Ballerspielen.

„Was passiert mit uns?“, fragten sich die Zinnsoldaten und vergaßen ganz, miteinander Schach zu spielen.

„Was passiert mit uns?“, fragte auch Hans seinen Freund Klaus, auf den er noch nie hatte schießen können. Aber Klaus wusste es auch nicht.

Sie begriffen es erst, als die riesige Walze langsam, schwer und drohend auf sie zurollte.

„Das können sie doch nicht tun!“ sagte Klaus. „Wir sind doch Geschichte!“

Dann fuhr die Walze krachend über ihre kleinen Körper und drückte ihre Köpfchen flach auf den gepflasterten Rathausplatz.

Ein Mädchen in rosa Jogginghosen, einer zu großen grünbraunen Windjacke und schlammbespritzten gelben Gummistiefeln stand am Straßenrand und sah mit großen Augen zu.

„Aber die Püppchen“, sagte es leise zu einer alten Frau, die neben ihm stand. „Aber Oma – die Püppchen! Oh, Oma – sie machen die Püppchen ja tot!“

„Das sind Zinnsoldaten“, sagte die Frau. „Und du weißt doch, was mit Soldaten passiert, wenn sie verlieren.“

„Nicht nur bei uns daheim?“, fragte das kleine Mädchen.

„Nein“, sagte die Oma. „Überall. Überall auf der ganzen Welt.“

Aus dem Handgelenk

„Ionescu hat eben angerufen.“ Die Leiterin der Lokalredaktion schloss das Fenster und sperrte den Krach der Rüttelramme und des vorbeibrandenden Berufsverkehrs damit beinahe aus.

„Er liefert nicht?“ fragte die Redaktionssekretärin, ihre Arbeit am Scanner dafür nicht unterbrechend.

Die Redaktionsleiterin lachte: „Erraten. Zum Glück haben wir vorgebaut. Ist ja nicht das erste Mal.“

„Wieso zahlt ihm der Verlag dann so viel?“ fragte der neue Redaktionsvolontär niemanden im Speziellen, sah aber dabei zu der Festen Freien hinüber, die heute ihren Schreibtag in den Redaktionsräumen hatte. „Er schreibt doch nicht einmal besonders gut?“

Die Feste Freie zuckte die Schultern: „Ist halt so. Bekannter Name, schmückt das Blatt. War mal Bürgermeisterkandidat. Kannst du nicht wissen, war vor deiner Zeit. Aber ist immer noch wichtig. Zieht die Fäden in seiner Partei, wenn er dort auch nicht mehr Vorsitzender ist.“

„Aber wieso nimmt er Geld? Ist es nicht in seinem eigenen Interesse, seinen Namen bekannt zu halten?“

„Wieso sollte er kein Geld nehmen?“ fragte die Feste Freie zurück. „Er ist schließlich ein Kollege. Im Moment ist er nur als freier Journalist unterwegs. Und eine Familie hat er vielleicht auch. Wir Freien sind auf die Honorare angewiesen, das kannst du mir glauben!“

„Aber Cristina Schneider zum Beispiel arbeitet doch auch als Freie. Und was wetten wir? Die schickt ihren Bericht wieder in letzter Minute – aber geändert werden muss nichts daran.“ Der Redaktionsvolontär versuchte das Gespräch in Gang zu halten, denn er wusste nicht so recht, wie er die anstehende Recherche aufbauen sollte.

„Sie schüttelt ihre Texte einfach so aus dem Ärmel“, sagte die Jungredakteurin, die froh war, von ihrer Sportmeldung ein wenig abgelenkt zu werden. „Schade, dass wir ihr nicht mehr zahlen können, oder?“

Die Redaktionsleiterin sah die junge Kollegin über den Monitor hinweg an: „Ja, schade, aber das werden wir sicher nicht ändern, zumal sie noch nie mehr Geld gefordert hat. Einen schönen Ärger mit der Verlagsleitung würden wir uns sonst einhandeln! Und nein, ich wette nicht mit dir, Junior, denn ich weiß, dass du Recht hast. Für die Schneider ist so ein Auftrag nur eine kleine Fingerübung. Den schüttelt die aus dem Handgelenk! Vermutlich ertrinkt sie in Aufträgen. Eine wie sie, kritisch in der Recherche, brillant im Stil… ich schätze, dass sie für uns nur schreibt, weil der Abendkurier ihr Hausblatt ist.“

***

Cristina Schneider saß zur gleichen Zeit an Mihaelas Küchentisch, vor sich eine Scheibe Knäckebrot, mit Margarine bestrichen, und ein Glas mit Brunnenwasser aus Mihaelas Hofbrunnen. Sie klappte das Netbook auf, das Mihaela ihr geschenkt hatte, als sie sich das neuere Modell kaufte, biss eine Scheibe von dem Brot ab, nahm einen Schluck Wasser und wartete, den Blick aufs Küchenfenster gerichtet, die Startprozedur des Rechners ab. Das Licht aus dem gegenüberliegenden Küchenfenster blendete heute nicht. Trüb lastete der Nachmittag über dem Walnussbaum, der sein kahles Geäst nassschwarz der Brandwand des Nachbarhauses aufprägte.

Die Journalistin fotografierte gedanklich das filigrane Gebilde für sie-wusste-nicht-welchen Zweck, klickte die Textverarbeitung an, wählte „neues Dokument“, zwang ihren Blick zum Monitor, rückte mit Mihaelas Küchenstuhl weiter nach vorn, schob die welken Vasenastern nach hinten, platzierte den Mauszeiger auf der leeren Fläche am Bildschirm und ließ die Finger über der Tastatur schweben. Die Fläche blieb leer.

Schneider biss wieder in ihr Brot, nahm einen weiteren Schluck Wasser. Der Text, der ihr nicht einfallen wollte, musste heute geliefert werden. Ein Text über den Korruptionsverdacht gegen den Bürgermeister des Dorfes, in dem sie seit kurzem eher widerwillig wohnte, weil sie die Miete ihrer Großstadtwohnung nicht länger zahlen konnte. Ein Text über ein Thema, das sie kalt ließ. Eine Auftragsarbeit, schlecht bezahlt wie das meiste, das sie schrieb. Die Lokalredaktion der Kreisstadt hatte ihn bei ihr bestellt, der „Abendkurier“, eines dieser Blätter, die sie nie las, obwohl (oder weil?) sie dafür schrieb.

Schneider hielt nicht viel von dem Korruptionsverdacht, obwohl sie den jungen Bürgermeister nicht besonders gut leiden konnte. Ja, seine Schwester und seine Ehefrau arbeiteten als Lehrerinnen an der weiterführenden Schule des Dorfes, ja, sein Vater war im eingemeindeten Nachbarort als Grundschullehrer tätig, ja, der Bürgermeister tat auffällig viel für die Schulen, beschaffte Geld dafür, wo immer er konnte (selbst aus Brüssel!), ließ die Gebäude renovieren, organisierte gebrauchte Computer über seine privaten Kontakte in Frankreich… Ja, seine Verwandten hatten dadurch angenehme Arbeitsbedingungen – aber sie wurden bezahlt wie alle anderen Lehrkräfte auch, soviel Schneider hatte herausfinden können.

Zugegeben, die Schwester war als Biologielehrerin eingestellt worden, kurz nachdem ihr Bruder die Bürgermeisterwahl gewonnen hatte, und eine andere Kandidatin auf die regulär ausgeschriebene Stelle hatte damals das Nachsehen gehabt. Aber die Schwester hatte Biologie als Hauptfach studiert, und ihre Rivalin hatte das Fach zwar unterrichtet, aber nie studiert. Klar, der Schulleiter war mit dem Bürgermeister befreundet, die Leiterin des Multimediahauses traf sich mit seiner Frau und seiner Schwester zum Sonntagskaffee (und das Multimediahaus war entsprechend gut ausgestattet), aber Schneider hatte bei ihren Recherchen nichts entdecken können, was gegen geltendes Recht verstoßen hätte, und sie fand es positiv, dass Schule und Multimediahaus besser dastanden als in manchen anderen Dörfern im Umland.

Ihr Recherchewissen gegen die Menschen zu verwenden, mit denen sie Straße an Straße leben musste, fand Schneider nicht richtig. „Es gibt keine Freiheit“, hatte sie Mihaela einmal erklärt. „Es gibt nur Freiheiten. Und die legitime Freiheit eines Menschen hört genau dort auf, wo die legitime Freiheit eines anderen Menschen anfängt. Ganz gleich, ob es sich um Politik oder Medien, Religion oder Wirtschaft, Straßenverkehr oder Nachbarschaft handelt.“ Das war ihre tiefste Überzeugung. Die Informationen aus dem Mund der abgelehnten Kandidatin waren so belastend, wie der „Abendkurier“ es nur wünschen konnte, aber wäre etwas anderes zu erwarten gewesen?

Die Journalistin hasste es, Menschen „totzuschreiben“, wie sie es für sich nannte. Investigativer Journalismus war nicht ihre Stärke. Fast alle kritikwürdigen Zustände, und sie kannte viele, hatten mehr als nur eine andere Seite. Auch darüber hatte sie mit Mihaela neulich gesprochen, als sie in deren Gartenlaube den Schwalben nachblickten, die als Schattenrisse vor der sinkenden Sonne den Abflug probten: „Es gibt zwischen Schwarz und Weiß nicht nur alle Grautöne, sondern auch unendlich viele andere Farbnuancen, die ihrerseits aus unendlich vielen Schattierungen bestehen.“ Mihaela, die Tischlerin und Holzbildhauerin, die in ihrer Freizeit Geige und Querflöte spielte und leidenschaftlich gern kochte, stimmte der Älteren zu: „Und darüber hinaus gibt es eine unendliche Skala von Tönen und Misstönen, Aromen und Düften, Geschmacksvarianten und und Greiferlebnissen.“ Das Schwarz der Schwalben vor dem Weiß des gleißenden Himmelslichtes war ständig in Bewegung, es flatterte, ordnete sich um, gruppierte sich neu. Auch Schwarz war nicht einfach Schwarz.

„Deshalb schreibe ich lieber über kleine Jungen, die seltene Steine sammeln“, sagte Schneider. „Darüber könnte ich stundenlang fabulieren, und es ist näher an der komplexen Wirklichkeit als jeder noch so kritische Bericht über die letzte Gemeinderatssitzung. Oder auch die aktuelle Sitzung des Weltsicherheitsrates.“ Die Journalistin sah hinaus ins herbstliche Dämmerlicht, biss noch eine Ecke ihres Knäckebrotes ab, fegte mit einer Hand die Brotkrumen am Wachstischtuch zusammen, pickte sie mit den Fingern auf, schleckte sie mit der Zunge ab und verschluckte sich daran. Sie hustete, nahm noch einen Schluck Wasser und starrte wieder auf den Monitor. „Dokument 1. Seite 1 von 1. 0 Wörter.“ Manchmal blieb Weiß eben doch Weiß, statisch, stur, unabänderlich. Jetzt zum Beispiel, vor ihr am Schirm des Netbooks.

Die Journalistin sah den kleinen Steinsammler-Buben vor sich, den es sicher gab, vielleicht hieß er Ionel und wohnte in ihrer Straße? Sie sah ihn durch endlose Steinwüsten wandern, ganz allein, er hatte seinen Sonnenhut vergessen, und es war sehr heiß. Durch seine dünnen Sandalen brannte der glühende Sand, aber er gab nicht auf. Er wusste nicht genau, wonach er suchte, nach etwas Seltenem jedenfalls, etwas Auffallendem. (Was gab es für Steine? Egal, das ließ sich herausfinden). Mit Hilfe der Fotos in dem Taschenbuch „Mineralien, Fossilien und Gesteine“, das er in seiner zerkratzten linken Hand trug, wollte er sie bestimmen. (Warum zerkratzt? fragte sich Schneider – das wäre noch auszuführen!).

Schneider stellte sich seine Mutter vor, der er aus der Oase weggelaufen sein mochte, fühlte ihre Angst um das Kind, ließ sie bei der Reiseleitung nach ihm fragen und am Rand der Oase entlangwandern, ihre Hände knetend, ab und zu Nägel kauend vor Nervosität. Aber es war eine Geschichte mit Happy-End, denn zum Schluss saß der Junge im Wohnzimmer seiner Eltern, hier im Dorf oder in einer der Nachbargemeinden, und zeigte Schneider stolz seine bunten Steine, die er alle genau benennen konnte. „Ich werde Geologe, wenn ich groß bin“, sagte er. Aber wie viele Geschichten, kurze und lange, spannende und lustige, dramatische und langatmig-geduldige lagen dazwischen! Und wie viele würden noch folgen, bis Ionel (oder hieß er doch anders?) wirklich „groß“ wäre!

Es könnte einen Roman lang reichen, überlegte die Journalistin, oder zumindest könnte es die Seiten einer Novelle füllen. Gab es noch Novellen? Oder war diese literarische Form im 19. Jahrhundert ausgestorben? Ach nein, da waren ja Günter Grass, Martin Walser, Patrick Süskind… Aber trotzdem… Schneider hatte wenig Kontakt zur modernen Literatur, die Bücher in ihrem kleinen schwarzen Bücherkoffer stammten fast alle noch aus ihrer Schülerinnenzeit. Sie waren zerlesen, vergilbt und verknittert, mit Anmerkungen übersät, die meisten mit Lesezeichen vollgestopft. Effi Briest. Amintiri din copilarie. Divina Commedia. Die Buddenbrooks. For Whom The Bell Tolls. Les Misérable. Lausbubengeschichten. O scrisoare pierduta. Les Rhinocéros. Bücher in deutscher Sprache, in rumänischer, in englischer, in französischer, in italienischer. Sie las viel, aber ihr Literaturgeschmack hatte sich seit den 1960er oder 1970er Jahren nicht geändert und war damals schon konservativ gewesen.

Eine kurze Geschichte würde ihr Steinforscherthema eher nicht, so viel war klar, dafür war es zu komplex und zu verschlungen. Der Junge, fiel ihr ein, war schließlich hochbegabt und hatte deshalb – oder trotzdem? – Probleme in der Schule. Kein Mensch dort verstand ihn. Die neuen Ideen, die er in seine Arbeiten einflocht, strichen ihm die Lehrkräfte als Fehler an. Bei den Mitschülern galt er als arrogant, weil er sich nicht an denselben Dingen erfreuen konnte wie sie. Weil er nicht gern Fußball spielte und es ablehnte, den Mädchen zum Spaß die Ranzen auszuleeren.Weil er Geige spielte und zum Ballettunterricht ging. Die Mitschülerinnen mochten ihn nicht, weil er nicht mit ihnen herumalbern wollte. Und weil er ihnen nicht gestattete, die Rechenaufgaben und technischen Zeichnungen bei ihm abzuschreiben und auch seine Grammatiklösungen in Latein und Rumänisch vor ihnen geheimhielt.

Die Notizen in Schneiders Textdatei wurden immer ausführlicher, füllten das leuchtende Weiß des Bildschirms, das an diesem düsteren Tag etwas Licht in Mihaelas dämmerdunkle Küche brachte. Aber als das Telefon läutete und der „Abendkurier“ nach dem Stand der Korruptions-Geschichte fragte, war dazu noch keine Zeile geschrieben.

„Ich bin dran“, sagte die Journalistin. „Eine halbe Stunde vielleicht… oder eine Stunde, dann haben Sie die Mail.“

„Ich bin noch drei Stunden in der Redaktion.“ Aus dem Lautsprecher des Smartphones (ein anderes abgelegtes Gerät von Mihaela) drangen unverständliche Gesprächsfetzen, emsiges Tastaturgeklapper, wild zusammengewürfelte Handysignaltöne. Ein Großraumbüro. Schneider wusste, dass sie in so einer Umgebung nie würde arbeiten können. Sie hatte es einmal versucht, in der großen Stadt, in der sie bis vor kurzem gewohnt hatte, ohne darin zu Hause zu sein. Es war ihr nicht gelungen.

„Ist in Ordnung“, sagte sie. „Bis dahin schaffe ich es bestimmt.“

Noch drei Stunden. Mihaela übernachtete heute in der Kreisstadt, beeilen musste sich Schneider also nicht.

Draußen bellte einer von Mihaelas Hütehunden wütend auf. Die Journalistin hörte das Gartentor zufallen, das zur Hauptstraße führte, und sah durchs Fenster zwei Jugendliche, einen Jungen und ein Mädchen, am Hofbrunnen stehen. Sie kurbelten den Blecheimer in die Tiefe, schöpften mit der daneben hängenden Blechtasse Wasser aus dem hochgekurbelten Eimer und tranken nacheinander daraus, ohne sich um das Kläffen des Hundes und das Klirren seiner Kette zu kümmern, die ihn daran hinderte, von seinem Pflock neben der Scheune bis zum Brunnen zu gelangen. Als sie zum Gartentor zurückgingen, sahen sie Schneider am Fenster stehen und winkten ihr zu, bevor sie den Hof wieder verließen.

Kannte sie die jungen Leute? Sie wusste es nicht. Hier im Dorf grüßten die Jungen die Alten. Und die Journalistin war nicht mehr jung, auch wenn sie nur selten gegrüßt wurde, weil sie eine Fremde war. Konnten die beiden Geschwister sein? Kannten sie Mihaela? Hatten sie keinen Brunnen im Hof, oder war ihr Durst zu groß, um bis nach Hause zu gehen? Vielleicht waren sie ein heimliches Liebespaar und wollten von ihren Eltern nicht gesehen werden. Es gab sie immer noch, die Romeo-und-Julia-Geschichten. Wenn sie eine Romni wäre, zum Beispiel, und er ein Sohn gutbürgerlicher rumänischer Eltern. Dann wäre es gut möglich, dass sowohl seine als auch ihre Eltern etwas gegen ihre Liebe hatten. „Wenn du mir jemals mit einem Gadsche heimkommst, hast du keine Familie mehr. Aber vorher schlage ich dich windelweich, das kannst du mir glauben!“ hatte vielleicht der Vater des Mädchens gesagt. Oder hatte die Mutter des Jungen ihm gedroht, dass sie ihm die Tür nicht mehr aufmachen würde, wenn er mit einer Zigeunerin ankäme? Und der Vater hatte stumm zugehört und mit dem Kopf genickt, in der modern eingerichteten Wohn- und Essdiele, bei einem gepflegten Glas französischen Rotweins?

Schneider klickte auf „Neues Dokument“ und skizzierte die Ideen zu ihrer modernen Romanze.

Dann speicherte sie beide Dateien, seufzte und sah auf die Uhr. Noch zweieinhalb Stunden. Sie kramte ihre Recherchenotizen aus dem abgewetzten Aktenkoffer, der Innentasche ihrer Windjacken, dem Einkaufsnetz und den Tiefen ihres digitalen Notizblocks. Ohne Rücksicht auf Struktur oder Länge, Schreibziel oder Wortwiederholungen tippte sie stur alles in ein neu geöffnetes Dokument und kopierte aus den Dateien des digitalen Notizblocks dazu, was irgend zu passen schien. Dann ordnete sie die Meldungen thematisch, markierte die passendsten Zitate, verband die Satzfetzen zu vollständigen Aussagen, setzte Zwischentitel ein, kürzte alles auf die vorgeschriebene Zeichenzahl, wählte fünf Fotos aus, bearbeitete sie für den Druck, reduzierte sie auf den passendsten Ausschnitt, formulierte die Bildunterschriften dazu. Noch anderthalb Stunden Zeit.

Sie aß den letzten Bissen von ihrem Knäckebrot, trank das Glas leer und holte sich einen der zwei leicht angefaulten Äpfel aus dem Zimmerchen, das Mihaela ihr für die Dauer der Sommermonate zur Verfügung stellte. Langsam schnitt sie die fauligen Stellen heraus, bevor sie das weiche Fruchtfleisch mit der Gabel zu einer Art Apfelmus zerdrückte. Mit einem nicht mehr ganz frischen Butterkeks löffelte sie den Brei, während sie ihren Text Korrektur las, da ein Wort löschte, dort eines hinzufügte und an einer anderen Stelle eines ersetzte. Business as usual. Der Text klang ganz gut, fand sie, kritisch, aber nicht verletzend. Der Bürgermeister würde ihn lesen können, ohne sich fehlinterpretiert zu fühlen. Die unterlegene Lehramtskandidatin war mit ihren heftigsten Äußerungen zitiert. Und die 135 Lei für den Beitrag reichten für die Handyrechnung, zwölf Packungen Knäckebrot und neun Packungen Margarine. Sie lud die Dateien hoch und tippte eine freundliche Begleitmail mit de Freigabe des Links an die Redaktion.

***

In den Arbeitsräumen des Abendkuriers saßen nur noch die Redaktionsleiterin und die Feste Freie, die das Kontingent für ihr Pauschalhonorar noch nicht abgearbeitet hatte, als das Mailprogramm mit einem nervigen Plington aufblinkte.

„Schneider?“ fragte die Redaktionsleiterin.

„Schneider!“ sagte die Feste Freie. „Hab’s schon überflogen. Keine Korrektur nötig.“

„Und in letzter Minute, wie immer“, sagte die Redaktionsleiterin. „Mit Bild natürlich?“

„Mit fünf Bildern.“

„Na, vielleicht passt eines. Falls nicht, geht es auch ohne. Wäre dann 60 Lei billiger.“

„Aber es war doch mit Bild bestellt?“ fragte die Feste Freie.

„Nur zur Sicherheit“, sagte die Redaktionsleiterin, ohne von ihrem Antrag auf Budgeterhöhung aufzublicken, den sie gerade so schlüssig wie möglich zu begründen versuchte, um von der Verlagszentrale nicht abgewiesen zu werden.

„Ich fürchte, das Bild passt nicht ins Layout.“ Die Stimme der Festen Freien klang bedauernd.

„Desto besser“, antwortete die Redaktionsleiterin. „Wieder was gespart!“

Oktoberdämmern

Hast du,

die du den Morgen liebst,

die Abenddämmersehnsucht nie gekannt?

Bist du,

die du den Frühling preist,

auf regennassen, blätterbunten Straßen nie gegangen,

wenn kahler Bäume kalte Silbertropfen

in Ringen singend Pfützen schwellen ließen

und schwarze filigrane tote Zweige

den weißen Himmelhintergrund zerstachen

als scharfes Drahtgeflecht vor grauem Tag?

Hast du,

von ersten Buchseiten zu fasziniert,

den Dank der letzten wirklich nie begriffen?

Warst du,

gefesselt starr vom Blick der ersten Liebe,

denn nicht imstand, die letzte zu erfassen,

die große, herb gereifte, viel zu späte,

die erst im letzten Augenblick sich füllt?

Hast du

vielleicht

Septembersommerwärme

mit frühem Junisonnenschein verwechselt

und bist verreist, eh der Oktober kam,

eh deiner Mutter alte Küchenwaage

als wertvolles antikes Schmuckstück galt?

Ach, sieh doch hin,

wir haben jetzt Oktober, Ende Oktober,

und der gelbliche Abend verbrennt die treibenden Wolken zu aschenem Staub.

Ach so –

hast du gedacht, die Welt sei rund?

Badelied für Babys

(zu singen nach eigenen Melodie-Ideen

von Eltern oder Großeltern, die ein Baby baden)

.

Wenn ich am Sonntagmorgen ins Badewasser fall,

macht es Plitsch-platsch-plum,

und ich spür das Wasser am Bauch und überall,

denn ich schwimm drin rum.

.

Refrain:

Ich bin die Hanna, die Puppe Hanna, und ich hab nie was an!

Ich bin die Hanna, die Puppe Hanna, mit der man baden kann!

.

Schmeißt man den Schwamm ins Wasser und wäscht mir das Gesicht.

schrei ich Mauz-bauz-brüll,

denn das Rubbeln an meiner Nase mag ich nicht,

drum halt ich nie still!

.

Refrain…

.

Auf den gefliesten Boden rutsch ich aus deiner Hand

und schrei Au-wei-au!

Denn so schrecklich hoch ist der Badewannenrand,

dass ich ihn kaum schau.

.

Refrain…

.

Manchmal, da schlaf ich beinah im Badewasser ein,

singst du Hei-ja-hei –

und dann weiß ich, mein ganzer Körper ist jetzt rein.

Baden ist vorbei!

.

Refrain…