Zinnsoldaten

Hans hatte nie Soldat werden wollen. Aber eines Tages, Anno 1910, wurde ihm der bunte Rock einfach übergestreift, und niemand fragte danach, ob er das wollte, und er wurde in einen blaugrünen Pappkarton gestopft, der neben einem orangegelben Pappkarton in einer schwarz und rot bedruckten Spanschachtel lag.

„Das ist eure Kaserne“, sagte eine männliche Stimme lachend. Die neue Kleidung war schön warm, und draußen stürmte der Dezember.

„Stillgestanden! Im Laufschritt marsch! Präsentiert das Gewehr!“ Die männliche Stimme klang laut, aber nicht gefährlich, denn im Hintergrund schwang immer noch das Lachen mit.

„Was für unsinnige Befehle!“, sagte Hans zu Klaus, einem Soldaten aus der orangegelben Pappkaserne, und die beiden setzten sich vor ihre Kartonhäuser in der Spanschachtel und spielten Schach mit Figürchen, die noch winziger waren als sie selbst.

Hans trug einen roten Rock, und Klaus trug einen grünen. Die Grünröcke waren die Feinde der Rotröcke, sagte die männliche Stimme, die man von der geschlossenen Spanschachtel aus nicht sehen konnte.

Als die beiden Schachfreunde – genau wie die übrigen Grünen und Roten – gelernt hatten, wie man richtig stillsteht (das war das Wichtigste für Zinnsoldaten), wurde ein Zellophanpapier um die Spanschachtel gewickelt, und ein Pferdefuhrwerk brachte sie mit vielen anderen Schachteln in ein Spielwarengeschäft. Dort durften sie ein paar Tage lang ausruhen und so viel Schach spielen, wie sie wollten.

Aber der Urlaub war bald vorbei.

„Ich hätte gern eine Schachtel Zinnsoldaten für meinen Buben“, sagte eine weibliche Stimme. Sie gehörte der Mutter von Thomas, die auch die Tochter von Thomas war. Den großen Thomas hatte sie nie gekannt. Er war sieben Monate vor ihrer Geburt in Frankreich gefallen. „Die Soldaten sehen ein bisschen aus wie mein Vater auf dem alten Bild, das bei meiner Mutter im Schlafzimmer hängt“, fand sie. „Deshalb soll mein Bub sie zu Weihnachten bekommen.“ Sie packte die Schachtel in ihr Einkaufsnetz und legte sie zu Hause unter den Tannenbaum.

„Oh! Wie das strahlt!“, rief der kleine Thomas am Abend, als auch seine großen Brüder zu Besuch da waren. „So viele Geschenke! Und da! die schwarzrote Schachtel – oh! Zinnsoldaten!“

„Die hast du dir doch so gewünscht“, sagte die Mutter und lächelte. „Sehen sie nicht aus wie der Opa?“

Thomas antwortete nicht. Mit großen, gespannten Kinderaugen betrachtete er die Spanschachtel, öffnete sie, nahm die Figürchen heraus.

„Oh! Wie schön!“, sagte er.

Für Hans und Klaus waren seine Augen die eines gefährlichen, riesengroßen, unberechenbaren Ungeheuers. Denn gleich am Weihnachtsabend begann Thomas aufgeregt mit den beiden feindlichen Armeen Krieg zu spielen. Er ließ den rotberockten Hans gnadenlos auf seine grünberockten Schachfreunde losgehen, kommandierte „lauflauf!“ und „schieß-doch-endlich!“, und wenn einer nicht schießen wollte, warf er den Feigling einfach um.

Hans nahm das Zinngewehr fest in die Hand und zielte sorgfältig auf Klaus. Aber er drückte nicht ab. Die Welt drehte sich plötzlich vor seinen Augen, ihm wurde übel, und er ließ sich ins Bodenlose fallen, das unter dem Küchentisch lag.

„Tot! Tot!“, hörte er das Ungeheuer jubeln, das der kleine Thomas für ihn war.

Den Ruf hörte er noch oft, denn Thomas wurde es nicht müde, mit seinen zinnernen Armeen blutige Schlachten zu schlagen. Die Grünberockten und die Rotberockten, auch Klaus und Hans, bekamen Flecke und Risse davon, Schrammen und Wunden, aber Thomas schien das sogar zu freuen. Er spielte jahrelang mit seinen Zinnsoldaten. 1911. 1912. 1913. Erst als seine Stimme tiefer wurde, ließ er die Figürchen eine Weile in ihrer Schachtel.

Hans und Klaus genossen die Zeit, spielten Schach und vermissten Thomas nicht. Erst 1916 nahm der sie wieder in die Hand. Die Zinnsoldaten zitterten und fürchteten sein Spiel, aber er holte nur einen nach dem anderen aus der Schachtel, strich mit dem Finger über die rissig gewordenen Uniformen, legte sie wieder zurück und schwieg. Dann räumte er die Schachtel wieder ins Küchenregal neben das alte Brot, zog seinen Uniformrock gerade, richtete sich steif auf und ging fort aus der Küche seiner Mutter.

„Komm bald wieder, Junge!“, rief sie ihm nach. „Pass auf dich auf!“

„Bis bald!“ rief er. „Der Krieg wird bald gewonnen sein!“

Aber er irrte. Die Mutter sah Thomas niemals wieder. Dass auch der Krieg verloren ging, schien ihr dabei fast unwichtig.

Das Leben in der Spanschachtel war ohne die Schlachten und Feldzüge gut zu ertragen. Hans und Klaus ließen die Figürchen auf ihrem Schachbrett gegeneinander antreten. Schwarz gegen Weiß. Sie schlugen einander die Bauern vom Feld, bedrohten ihren  jeweiligen König, schoben die Damen hin und her, verrückten die Burgen und ließen die Rösser springen. Manchmal gewann Hans, manchmal Klaus. Lustig war es immer.

Im Winter 1932 entdeckte Thomas‘ Schwester, die nach dem Tod der Mutter die Wohnung aufräumte, die verstaubte Spanschachtel mit den alten Zinnsoldaten. Sie öffnete den leicht beschädigten rotschwarzen Deckel und betrachtete die Figürchen gerührt.

„Wenn man sie ein wenig aufpoliert“, sagte sie zu ihrem Mann, “ dann wären die doch ein wunderhübsches Geschenk für Heiner!“

„Ja“, stimmte der zu. „In dieser schweren Zeit wird es wohl auch das einzige Weihnachtsgeschenk bleiben, das er bekommt.“

So zogen sie den kleinen Soldaten neue Uniformen an, rote und grüne, reparierten die Schachtel, packten sie in braunes Packpapier und legten sie unter den Christbaum.

Was an Heiligabend passierte, war für Hans und seine Freunde keine so große Überraschung wie für den kleinen Heiner: Dessen große, strahlende Kinderaugen glitzerten genauso gefährlich wie damals die von Thomas. Sofort brachte er die Roten gegen die Grünen in Stellung.

„Lauflauf!“ brüllte er. „Schieß doch endlich, Feigling!“

Er brüllte es 1933, 1934, 1935, 1936 … Dann wurde es wieder still. Lange.

Erst 1950 öffnete Heiner die Schachtel wieder, mit den zwei Fingern seiner linken Hand. Er zeigte die Figürchen den Kindern, die jetzt in seinem alten Zimmer wohnten. Andreas und Hannelore, Annemarie und Peter, Josefine und Michael, Franziska und Heinz-Otto staunten: „Zinnsoldaten!“, rief Andreas. „Dürfen wir damit spielen?“, fragte Josefine. Sie durften.

Als Heiner starb – er lebte nicht mehr lange – behielt Josefine die Figuren. Zu Weihnachten 1975 schenkte sie die alte Spanschachtel ihrer kleinen Monique.  „Da steckt Geschichte drin, mein Mädchen“, sagte ihr Mann Henri zu seiner Tochter.

Geschichte? Die Zinnsoldaten Hans und Klaus rechneten ihr Alter nach. 65 Jahre. War das Geschichte?

Monique spielte nie mit den Zinnsoldaten. Sie stellte sie nur in ihr Mädchenzimmer in ein Regal neben Väschen und Döschen und staubte sie manchmal ab, wenn ihre Oma zu Besuch kam, weil Oma immer schimpfte, wenn der Staub nicht gewischt war. Als sie das Zimmer 2005 für ihre Zwillinge herrichtete, verschwanden die Figuren in ihrer Spanschachtel, und die Spanschachtel fand einen Platz am Kellerboden.

Dort entdeckten sie die Zwillinge im Dezember 2014.

„Wahnsinn“, sagte Natalie zu ihrem Bruder Marcel. „Zinnsoldaten!“

„Wie toll“, sagte Marcel, „die kann man nämlich gerade eintauschen – da läuft eine Tauschaktion ‚Kriegsspielzeug gegen Friedensspielzeug‘, vielleicht kriegen wir auf die Art einen Elektrobaukasten.“

„Au ja“, Natalie freute sich, „dann kann ich endlich Strom verlegen in meinem Puppenhaus!“

Sie packten die Spanschachtel mit den Zinnsoldaten, gaben sie am Tauschplatz ab und zogen wenig später tatsächlich mit ihrem neuen Elektrobaukasten davon. Hans und Klaus aber fanden sich wieder zwischen vielen anderen Zinnsoldaten, umgeben von Panzerchen, Krachpistolen, Kampfflugzeuglein und Datenträgern mit Ballerspielen.

„Was passiert mit uns?“, fragten sich die Zinnsoldaten und vergaßen ganz, miteinander Schach zu spielen.

„Was passiert mit uns?“, fragte auch Hans seinen Freund Klaus, auf den er noch nie hatte schießen können. Aber Klaus wusste es auch nicht.

Sie begriffen es erst, als die riesige Walze langsam, schwer und drohend auf sie zurollte.

„Das können sie doch nicht tun!“ sagte Klaus. „Wir sind doch Geschichte!“

Dann fuhr die Walze krachend über ihre kleinen Körper und drückte ihre Köpfchen flach auf den gepflasterten Rathausplatz.

Ein Mädchen in rosa Jogginghosen, einer zu großen grünbraunen Windjacke und schlammbespritzten gelben Gummistiefeln stand am Straßenrand und sah mit großen Augen zu.

„Aber die Püppchen“, sagte es leise zu einer alten Frau, die neben ihm stand. „Aber Oma – die Püppchen! Oh, Oma – sie machen die Püppchen ja tot!“

„Das sind Zinnsoldaten“, sagte die Frau. „Und du weißt doch, was mit Soldaten passiert, wenn sie verlieren.“

„Nicht nur bei uns daheim?“, fragte das kleine Mädchen.

„Nein“, sagte die Oma. „Überall. Überall auf der ganzen Welt.“

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 26. Januar 2015 in Allgemein, Realismus und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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