Aufbruch

Sie ging noch einmal durch alle Räume des großflächigen, ebenerdigen Hauses.

Sie ging weder langsam noch hastig.

Wie oft hatte sie diesen Weg schon zurückgelegt, früher, als noch Möbel in allen Ecken standen?

Sie wusste es nicht, und sie fragte sich nicht danach.

Sie ging zu den gardinenlos gewordenen Fenstern und sah hinaus. Wie schütter die alten Apfelbäume belaubt waren! Jetzt, im August! Und die Äpfel waren winzig. Früher waren sie größer gewesen. Oder schien ihr das nur so, weil sie selbst früher kleiner war?

In Deutschland gab es riesengroße Äpfel, so groß wie Männerfäuste. Ihre Kusine hatte ihr vor zwei Wochen erst einen geschenkt, einen solchen Apfel, rotbackig, knackig-frisch, herrlich saftig. In Deutschland gab es auch im Winter Äpfel, hatte ihre Mutter erzählt, die vor zwei Jahren auf einer Besuchsreise in Deutschland gewesen war. Nicht so kleine verschrumpelte Äpfel aus Kellerregalen, sondern richtig frisches Obst, das man im Laden kaufen konnte.

Seltsam war das. Sie konnte es sich nicht so recht vorstellen.

Sie schloss im Schlafzimmer der Großeltern das mit mattgelb gestrichenem Holz gerahmte Flügelfenster und sah durch die leicht verschmutzten Scheiben hinaus. Über die kahlen Hügeln malte die Augustsonne, noch hinter dem Horizont, eine heller werdende Umrisslinie.

Am Bach entlang duckten sich grellblaue, baufällige Hütten ins Tal. Irgendwo, auf einem Misthaufen, krähte ein Hahn. Andere Hähne und ein paar Hunde antworteten ihm, sonst war es still. Keine Motorsägen, keine Traktoren,keine  Lastwagen, keine Lautsprecher.

Sie genoss die Stille.

Im Weinlaub versteckt, das sich an einem Geländer entlang der Hauswand bis zum Dach hinaufzog, schilpte ein Sperling. Im Nussbaum drüben turtelte eine Lachtaube.

Welche Filmmusik würde wohl zu dieser Szene passen?  Es wäre eine sentimentale Szene. Eine melancholische Melodie könnte einsetzen, während die Hauptdarstellerin mit unbewegtem Gesicht die Rollläden schloss.

Sie konnte ihr Gesicht nicht sehen, während sie langsam die Hand zu den Gurten ausstreckte, um die Jalousien mit leisem Rattern zwischen das leere Zimmer und die überalterten Apfelbäume gleiten zu lassen. Es gab keinen Spiegel mehr in diesem Zimmer.

Die Apfelbäume hätten zwölf Jahre tragen sollen, das wusste sie von ihrem Großvater, der sie vor 45 Jahren gepflanzt hatte. Ihre Mutter und ihr Onkel waren darin herumgeklettert, sie selbst, ihre Schwester, ihr Bruder, ihre Cousins und Cousinen. Der neue Eigentümer würde sie abholzen. Das war vernünftig.

Sie ging am Telefon vorbei, das nackt am kahlen Boden stand.

War sie erleichtert? Belustigt? Traurig? Enttäuscht? Besorgt? Gespannt?

Sie war nichts davon.

Der schwarze Apparat, der immer noch an die Rufnummer Unu-schepte-tschintsch angeschlossen war, 1-7-5, klingelte nicht. Es war ein Telefon für manuelle Vermittlung, ohne Wählscheibe, und immer wieder kam es vor, dass eine Stimme ein Gespräch unterbrach mit der Frage „Sprechen Sie noch?“.

Privatgespräche, wusste sie, führte man besser nicht per Telefon.

In ihrem Mädchenzimmer, vor ihrem matratzenlosen Bettgestell, blieb sie länger stehen. Es war ein gutes Bett. Sie war dem Käufer fast böse, dass er es noch nicht abgeholt hatte. Nur um ihr Pianino tat es ihr noch mehr leid. Das Pianino war schon lange fort, gleich am zweiten Tag der Haushaltsauflösung war der Ehemann der Käuferin mit einem geliehenen Pferdefuhrwerk vorgefahren, um es abzutransportieren. Ein heller Fleck an der gekalkten Wand bezeichnete die Stelle, an der das Instrument zuletzt gestanden hatte.

Sie öffnete die Tür zur Speisekammer, über die man durch eine Luke in der Decke das Dachgeschoss erreichen konnte. Halbvolle Marmeladengläser, die niemand hatte kaufen wollen, standen verlassen in den leeren Lattenregalen. Auf dem Holzgestell, das ihr Vater eigens für den winzigen Kühlschrank gezimmert hatte, lag Staub.

Als sie zum Fenster ging, um es zu schließen, sah sie von draußen ihre Mutter winken: Komm doch, komm doch endlich, was machst du denn so lange.

Im Geländewagen, der früher der Dienstwagen ihres Vaters gewesen war, wartete schon der Kraftfahrer, der ihn jahrzehntelang zu den kranken Kühen und Pferden auf den abgelegensten Dörfern gefahren hatte. Die Koffer des Handgepäcks waren zwischen den seitlich verlaufenden Sitzbänken aufgetürmt und festgezurrt.

Sie öffnete die schwere neue Eichentür des alten Hauses und schloss sie wieder hinter sich. Fröstelnd schloss sie die Knöpfe ihres Sommermantels. Sie hatte zu wenig geschlafen, und der Augustmorgen wärmte sich erst langsam.

Sie hatte Angst. Angst, dass sie die Fahrt in dem alten Geländewagen nicht vertragen würde. Schon einmal, erinnerte sie sich, war sie darin unterwegs gewesen, über holprige Erdwege, und sie hatte sich in ein Maisfeld übergeben müssen. Aber vielleicht wäre es anders, wenn das Fahrzeug die Hauptstraßen entlang in die Kreisstadt fuhr.

Was hast du so lange gemacht? fragte ihre Mutter.

Ich habe die Rollläden heruntergelassen, antwortete sie. Damit das Haus richtig verlassen aussieht, wenn wir weg sind.

 

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 4. Februar 2015 in Realismus und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: