Himbeergelee

Ausgezeichnet, das Steak.

Ich habe in Argentinien mal eines gegessen, ich sage Ihnen…

Jaja. Argentinien.

Waren Sie schon einmal da?

Nein.

In diesem Jahr will es auch gar nicht Frühling werden.

Leider.

Ein Dauerregen. Gestern hat es sogar geschneit.

Tatsächlich? Haben Sie vorgestern den TV-Film gesehen? Das war ein Schnee!

Ja.

.

Enge vor dem Hintergrund des prasselnden Kaminfeuers. Drei Biergläser auf dem Tisch, golden mit weißen Schaumkronen, fast voll. Zwei schaumbestreifte Schnurrbärte, ein Lippenstiftabdruck weinrot an einem Glasrand. Zigarettenqual in drei dünnen Säulen, blau, träumerisch.

Ich habe gehört, Ihre Tochter will heiraten?

Nächste Woche. Keine große Hochzeit: 20 Leute vielleicht. Mein Schwiegersohn ist leider geizig.

Ja, die Jugend. Wir hatten andere Ideale.

In die Welt schicken sollte man die, damit sie sehen, was sie sich wünschen. Nur für ein Jahr.

Ja. Der Nachtisch ist auch gut.

Schließlich weiß ich, weshalb ich immer herkomme!

Auch das Bier: kühl, angenehm…

Und der Aschenbecher: geleert, ehe man daran denkt, dass er voll ist.

Es ist spät.

Wollen wir ein Spielchen machen?

Ein Spielchen. Ja.

.

Durch die Gesichter hindurch sieht man die Wand. Darüber eine Glatze, schwarzes Igelhaar, eine blonde Perücke; mittendrin je ein Mund, zweimal schnurrhaarbedeckt, einmal weinrot. Sonst nichts. Man kann durch die Köpfe hindurch die Lehne greifen, die sie stützt.

Pause.

.

Nanu, ich dachte…

Herzbube.

Da! Bitte!

Tja…

Und hier! Und hier!

Damit hast du wohl nicht gerechnet?!

.

Der weinrote Mund sagt: Durch eure Gesichter hindurch sieht man die Wand. Ihr habt keine Augen, keine Wangen, keine Nasen. Nur Mund und Schnurrbart. Sonst nichts. Schweigen. Stille.

Die anderen, scheint es, bewegen den Mund, aber durch die Gallertmasse im Kaminzimmer dringt kein Wort mehr. Durch die leeren Köpfe flackert das Kaminfeuer, kalt und lautlos. Über dem weinroten Mund sind Augen. Die sehen. Aber das Lächeln der Schnurrbartmünder erreicht sie nicht. Es schwimmt tot auf der Gallertmasse, die ihre Köpfe durchdringt, ihre Körper füllt, durch sie ein- und ausfließt.

In dem Glas mit dem weinroten Lippenstiftrand ist kein Bier mehr, nur noch Gallert. Die Masse schwemmt die anderen beiden Gläser weg, samt den dazugehörigen Schnurrbärten und Mündern. Ganz fern sind sie schon, ganz fern… Es ist vergebliche Mühe, ihnen nachzuschwimmen. Man kann nicht schwimmen durch einen Stoff, der sich mehr und mehr zäh verdichtet, der röter und röter wird. Ist es Himbeergelee? Vielleicht. Es macht jedes Atmen, Sprechen, Bewegen unmöglich.

Unerreichbar sind die beiden Schnurrbärte, gefangen im blutroten Bernstein, erstarrt wie die blauen, kräuslig-dünnen Rauchsäulen, die dreifach die Decke berühren. Das Feuer ist nicht mehr sichtbar. Es ist kalt.

Es gibt nur noch den weinroten Mund und die Augen darüber. Diese Augen, die es leider unmöglich machen, nichts zu sehen.

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Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 6. Februar 2015, in Fantasy, Realismus. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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