Das Teufelchen

Es war einmal ein Teufelchen, das hatten sie aus der Hölle geworfen, weil es sich weigerte, so schlecht zu sein wie ein Satan.

„Geh doch in den Himmel, da gehörst du hin!“ sagten sie. Und das Teufelchen ging in den Himmel.

Aber Petrus stand dort vor dem Eingangstor und sagte: „Du bist doch ein Teufel! Was willst du hier? Geh doch zur Hölle!“

„Da komm ich her“, antwortete das Teufelchen, „die wollen mich nicht haben und haben mich zu dir geschickt.“

„Das geht mich nichts an“, sagte Petrus. „Davon steht nichts in meinen Vorschriften. Und überhaupt: Der Himmel ist sowieso schon übervölkert. Geh zur Hölle, Satansbraten!“

Da weinte das Teufelchen, denn es wusste nicht, wohin es sich wenden sollte, und bat um Überprüfung seiner Angelegenheiten durch eine höhere Instanz.

Aber Gott der Herr war ausgelastet mit wichtigeren Problemen, und so wurde das Verfahren zurückverwiesen an Petrus, und der entschied: „Du wirst ausgewiesen, Satansbraten, und abgeschoben, mit sofortiger Wirkung, ohne Recht auf Revision!“

Und das Teufelchen duckte sich und fügte sich und fuhr zur Erde. Dort ließ es sich nieder als mäusefressendes Dachgespenst in einem Fachwerkhaus, unsichtbar, harmlos, lautlos, einsam. Es wollte nur geduldet werden, nicht gefüttert, nur in Ruhe gelassen, nicht geliebt, nur übersehen, nicht geachtet.

Als die Bagger kamen, um das Haus abzureißen, machte es sich noch kleiner, als es war und flüchtete in die dunkelste Ecke zwischen den Fachwerkbalken. Aber die Bagger rissen die Balken weg und setzten ein dachloses Industriegebäude an die Stelle des Gespensterhauses. Das neue Gebäude bestand aus Fertigteilen und war im Handumdrehen aufgestellt.

Das Teufelchen aber geriet in die Baggerschaufel eines Minibaggers, und der Bagger sagte: „Geh doch zur Hölle, du winziges Teufelchen, wo du hingehörst, oder in den Himmel, meinetwegen, wenn sie dich in der Hölle nicht haben wollen! Du passt nicht unter moderne Menschen. In Industriegebäuden ist kein Platz für Dachgespenster.“

„Aber ich tue doch keinem was“, sagte das Teufelchen und weinte wieder.

„Du frisst unberechtigt unsere Mäuse!“ sagte der Minibagger.

„Habe ich nicht genug übrig gelassen?“ fragte das Teufelchen verwundert. „Und jetzt seid ihr hungrig danach?“

„Nein“, sagte der Minibagger, „die würden wir nicht selber fressen, aber sie gehören uns und gehen dich nichts an.“

Da weinte das Teufelchen, denn es wusste nicht, wohin es sich wenden sollte, und bat um eine Überprüfung durch eine höhere Instanz.

Aber der Gittermastkran war gerade ausgelastet mit wichtigeren Angelegenheiten, und so wurde das Verfahren zurückverwiesen an die Arbeitsgruppe der Kompakt- und Minibagger, und die entschieden: „Du wirst ausgewiesen, Satansbraten, ohne Recht auf Revision, und abgeschoben mit sofortiger Wirkung!“

Und das Teufelchen, das sie aus der Hölle geworfen, von der Himmelspforte gejagt und von der Erde vertrieben hatten, entschloss sich, zur Hölle zurückzufahren. Voll Reue versprach es dort, endlich schlecht zu werden wie ein Teufel. Obwohl es sich lieber das Leben genommen hätte, als das zu tun. Aber diese Möglichkeit stand ihm nicht offen, denn als Teufelchen war der arme kleine Satansbraten leider unsterblich. Und weil es nicht gestorben ist, lebt es dort noch heute.

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 10. Februar 2015 in Fantasy, Lustige Geschichten, Märchen und mit , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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