Archiv für den Monat Juni 2017

Sabotage

„Ich hab mal einen Flugkapitän gekannt“, sagte Franziska und ließ ihr Strickzeug sinken. Eine Masche löste sich von der Nadel, dann noch eine und noch eine, aber sie schien es nicht zu bemerken. Regenschnüre rannen die Fenster des Kaffeehauses hinunter und lösten sich zu Tropfen auf, die einander mal schräg, mal krumm nach unten verfolgten, bis sie irgendwo, meist lange vor dem Ziel, ihre Absicht vergaßen und stehenblieben, ehe sie sich mit anderen Tropfen zusammentaten und sich erst schwerfällig und dann schneller wieder in Bewegung setzten.
„Einen Lug-Agenten?“ Johannes nestelte an seinem Hörgerät und klopfte mit dem Kopf seiner Pfeife so unkoordiniert wie unbeabsichtigt auf den Kaffeehaustisch. „Entschuldige“, murmelte er erklärend dazu, „Parkinson.“ Die Pfeife roch nach kalter Asche. Seit Jahren hatte niemand mehr daraus geraucht.
„Einen Flug-ka-pi-tän“, wiederholte Franziska, so laut es ihre Stimme hergab, und strich sich eine weiße Haarsträhne von der Wange. „Der hat gesagt, Fliegen ist im Prinzip wie Busfahren, nur schneller und höher.“
„Ich fahre gern Bus“, sagte Johannes und versuchte, die Pfeife aufzuheben, die ihm aus den Händen gerutscht war. Es gelang ihm nicht. Franziska nahm einen Schluck von dem koffeinfreien Kaffee, den die Pflegerin ihr eingegossen hatte.
„Was wollte ich denn … ach ja, Georg, so hieß der Flugkapitän. Wir haben uns bei der Diakonie getroffen, im Altkleiderladen. Da war er schon seit Jahren in Pension. Einmal in der Woche hat er dort ausgeholfen, im Laden.“
„Als Flugkapitän?“ Roselies nestelte ein Papiertaschentuch aus dem Seitenfach ihres Rollstuhls und tupfte sich damit den Speichel aus dem Mundwinkel. Seit ihrem Schlaganfall konnte sie den Speichelfluss nicht mehr kontrollieren.
„Hörst du nicht zu? Das war er damals schon lange nicht mehr.“ Franziska versuchte vergeblich, ihren Rücken geradezubiegen. „Ich war dort Praktikantin, hatte eben die letzte Klasse abgeschlossen.“
Wer war die fremde Alte im gegenüberliegenden Kaffeehausspiegel? Der Spiegel war halb blind, und das war gut, denn er zeigte Franziska ohnehin nicht die junge Frau mit blondem Haarkranz, klaren Augen und glatter, sommerbrauner Haut, die er hätte zeigen sollen.
„Sabotage ist das“, sagte sie und bemühte sich vergebens, die Maschen ihrer Strickarbeit wieder aufzunehmen.
„Was? Die Laufmaschen?“ Roselies lehnte sich in ihrem Rollstuhl zurück und schloss die Augen. „Sabotage“ war Franziskas Lieblingswort.
„Das ganze Leben ist Sabotage. Irgendwer ist immer da, der einer Steine in den Weg legt, Sand ins Getriebe streut oder die Suppe versalzt.“
„Damals im Krieg …“, begann Johannes. „Wir haben dafür sorgen müssen, dass kein Flugzeug den Flughafen verlassen konnte. Ich habe die Motoren ausgebaut, manipuliert und wieder eingebaut, mein Kumpel Jonathan hat Schmiere gestanden und meine Mutter hat uns heimlich Stullen mit selbst gemachter Bratwurst in den Hangar geschleppt …“
„Sag ich ja. Sabotage.“ Franziska schnitt dem blinden Kaffeehausspiegel eine Grimasse, eine pubertäre Gesichtsverrenkung, eingebettet in blassgraue, zerklüftete Haut.
„Pflichterfüllung“, widersprach Johannes. „Es war ein Befehl der Partei!“
„So etwas Ähnliches hat meinen Flugkapitän fast das Leben gekostet“, erzählte Franziska den Blümchen auf ihrer Kaffeetasse.
„Er hat die Maschine in die Luft gebracht und zu spät gemerkt, dass etwas damit nicht in Ordnung war. Nur mit großer Mühe hat er sie wieder landen können. Sie ist wohl verbrannt, aber er konnte sich retten. Danach konnte er nie wieder fliegen.“
„War das hier am Flughafen Wiesental?“, fragte Johannes. „Georg hieß der also? Lebt er noch?“
„Nein“, sagte Franziska.

Strohhalm im Dung

Erst vorgestern, zwei Stunden vor ihrem ersten gemeinsamen Auftritt als Clowns, hatten sie, Maria und ihr Mann Martin, 28 Störche gezählt. Noch niemals hatte Maria so viele auf einem Haufen gesehen. Sie war heim gelaufen, um ihr Smartphone zu holen (zum Kuckuck, gerade heute hatte sie es vergessen), aber als sie wieder an der Brache am Bach ankam, waren die Vögel fort.

Stattdessen fiel ihr dieses Etwas auf, das sie für ein Vogelnest hielt, vielleicht von einer Ackerhummel, das müsste sie im Internet nachschlagen. Sie fotografierte das Nest und prüfte das Foto, und es WAR das Nest einer Ackerhummel.

Heute stand Maria wieder vor dem Nest, und es war immer noch da, und es war immer noch das Nest einer Ackerhummel, und der Augusthimmel war immer noch blau, und der Bach stank immer noch nach Abwasser, und der Sommer surrte durch die Hochspannungsleitung, als könne er nie vergehen.

Aber Maria wusste, dass er vergehen würde, alles verging, das hatte sie heute Mittag auf der Intensivstation gelernt, als sie den Ärzten erlaubte, die Herz-Lungen-Maschine auszuschalten, weil sie Martins Körper nicht  mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen konnte.

Maria griff mit beiden Händen nach vorn, griff nach dem Strohhalm im Dung, auf dem ein Distelfalter wippte, als wollte sie den Falter mitnehmen in ihre leer gewordene Wohnung. Der Distelfalter schwebte davon, irgendwohin ins Licht, über den Bach, über die Brache, und Maria sah ihm nach, bis sie den Punkt aus den Augen verlor.

Es war sinnlos, alles, es würde sinnlos bleiben und war immer schon sinnlos gewesen.

(Für die Anregung zu dieser Etüde danke ich (unbekannterweise) „Karin“, https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/06/25/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-26-17-wortspende-von-karin.

Sie hat die Reizwörter „Vogelnest, sinnlos und Auftritt“ in die Runde geworfen.

Gestrandet

Marietta schmeckte das Badesalz auf den Lippen. Badesalz. Kein Meersalz. In diesem Sommer würde sie kein Meerwasser sehen.

Nachdenklich, aber nicht mehr traurig betrachtete sie auf ihrem Handy-Display das Strandfoto vom letzten Jahr. Hankas Körper beulte breit und flundernplatt den Sand aus, ölig, fast leblos unter der Sommerbräune. Daneben stand Sven, breitbeinig, ein Lehrmeister, der seine Schülerin dahin gebracht hat, wo er sie hin haben wollte, ein Sklavenhalter vor seiner erschöpften Sklavin.

Marietta streichelte sich über die Hüften und lächelte dem Bild ihres molligen Selbst im Badezimmerspiegel zu. Es gab keinen Sven mehr in ihrem Leben, und das war gut so. Sie hoffte für Hanka, dass auch sie den Absprung irgendwann schaffen würde.

Zu zweit allein

Die Sommerblüten in der trüben Glasvase auf dem Schreibtisch waren so trocken, dass der Luftzug, den Marianas Eintreten verursachte, einen Teil davon zu Staub zerfallen ließ, und in dem fensterlosen Raum war es so still, dass sie das Auftreffen der Blütenteilchen auf den Aktenblättern hören konnte. Das Knistern klang bedrohlich wie fernes Donnergrollen.

„Ich habe Kaffee organisieren können“, sagte der alte Mann und strich sich die zu langen Seitenhaare über die verschwitzte Glatze. „Ich habe sogar Zucker, extra für Sie.“

Es klang zynisch, aber Mariana hatte Durst, großen Durst, sie hätte jedes Getränk angenommen, und wenn es Gift gewesen wäre. Sie setzte die Tasse an die Lippen und trank einen langen Schluck.

Der Kaffee schmeckte bittersüß.

„Und jetzt zu uns“, flüsterte der Alte. Es klang in ihren Ohren wie das Zischen einer Schlange, aber Mariana biss die Zähne zusammen und ging um den Schreibtisch herum, wie sie es jedes Mal tat, wenn er sie rief.

Außerhalb dieses schalldicht abgeschlossenen Bunkers, das wusste sie, konnte niemand es hören, wenn sie schrie.

Bittersüß

Weißt du noch, die Margeriten am Bunker?
Der Mohn?
Der lila Klee und das Zittergras, die Glockenblumen und Königskerzen?
Wir lagen auf unserer Picknickdecke mitten in den Sommerblüten, zerknitterten sie, zerquetschten ihre Schönheit, atmeten ihren bittersüßen Duft.
Über uns der gläserne Himmel, dunkelblau, mit einem gleißenden Lichtfleck schräg oben.
Wattewolken, nur zwei oder drei, auf Wanderschaft vom Wald zum Dorf, bauschig, gemächlich treibend im Wind.
Unter uns Verfall, Schimmelpilze, baumdurchwachsene Schutzräume, unsprengbare Erinnerung an Bomben und Krieg.
In meinem Einkaufsnetz ein Schwarzbrot, ein Stück Speck und ein Bund Lauchzwiebeln.
In der Tasche deiner Jeans dein Westpass.
Und – datiert auf den folgenden Tag – die Rückflugkarte in deine heimische Freiheit.

Traumlos

Immer war da irgendwas,

das mich daran hinderte, meine Träume zu leben.

Immer war da irgendwas,

das wichtiger war als ich.

Immer war da irgendwas,

das sich in den Vordergrund schob, wenn ich ich sein wollte.

Immer war da irgendwas,

hinter dem ich mich vor mir verstecken konnte.

Und jetzt ist da nichts mehr als Angst.

 

 

Ausgetrickst

„Guten Tag, hier ist die Kreissparkasse Hinterbergen, mein Name ist Müller. Spreche ich mit Frau Winterhuber?“

„Am Apparat.“ Annette Winterhuber löste die Telefonschnur vom Griff ihres Rollators, in den sich das Spiralkabel verheddert hatte, und schob das Gefährt ein Stück zur Seite. Hier im Zimmer brauchte sie es nicht.

„Ich bin Ihr Bankberater und habe eine bedauerliche Mitteilung für Sie, aber erschrecken Sie nicht, es ist alles lösbar.“

„Aha.“ Annette rieb mit dem Finger über den Jahre alten Staub auf dem Kabel. Sie musste ihren Putzmann am Freitag anweisen, es einmal gründlich zu reinigen.

„Sie müssen dafür nicht einmal in unsere Filiale kommen.“

„So.“

„Es gibt ein Problem mit Ihrem Konto in unserem Institut.“

„Ich habe kein Konto bei Ihnen.“

„Ach – nicht? Dann entschuldigen Sie den Anruf.“

Annette legte auf und frühstückte weiter. Eiweißbrötchen mit Quark und Blaubeeren. Diabetesgerecht und lecker, genau was sie sollte und wollte. Sie nahm einen Schluck Kaffee (ihr Herz vertrug Koffein noch ausgezeichnet) und scrollte auf ihrem Tablet zur nächsten Nachricht in ihrem Messengerdienst:

„Hallo Oma, kannst du mir heute Nachmittag mit Mathe helfen? Wir schreiben morgen eine Arbeit in Analysis.“

„Machen wir es online?“

„Lieber bei Kaffee und Kuchen. Kaffee für dich und Kuchen für mich. Um 3?“

„Bis dann!“

Annette legte das Tablet beiseite und rubbelte mit einem Kosmetiktuch ein wenig festgebackenen Staub von den Tasten ihres tannengrünen Telefons. Auch das Gehäuse, beschloss sie, musste der Putzmann mal sauber machen. Oder sollte sie gleich den Vertrag mit der Telefongesellschaft kündigen und das Gerät entsorgen? Ehe es sich heute Morgen in Erinnerung rief, hatte es wochenlang keinen Ton von sich gegeben. Wenn überhaupt, telefonierte Annette per Smartphone, das sich bei Bedarf mit „Für Elise“ bemerkbar machte. Und wozu gab es Kurznachrichtendienste samt ihren Audio-, Foto- und Videofunktionen?

Annette schob das grüne Monster nach hinten. Sollte sie den Rollator nehmen, um zum Bäcker zu gehen? Sie brauchte ihn nicht so sehr, wie Roland ihn gebraucht hatte, ihr Mann, der in seinen letzten Lebensmonaten keinen Schritt mehr ohne sein „Wägelchen“ vors Haus gegangen war.

Noch ehe sie die Wohnungstür öffnen konnte, schrillte wieder das alte Telefon.

„Ja, bitte?“

„Spreche ich mit Frau Winterhuber?“

„Wer sind Sie?“

„Ich bin Ihr Bankberater.“

Annette biss sich auf die Lippen.

„Bankberater Nr. 2“, kritzelte sie auf die Rückseite ihres Einkaufszettels. Oder war es dieselbe Stimme? Fast schien es ihr so.

„Es ist mir ein bisschen unangenehm …“ Ja, eindeutig dieselbe Stimme wie vorhin. Annette spielte mit ihrem Kugelschreiber.

„Es geht um Ihr Konto bei der Volksbank Hinterbergen.“

„Sie haben sich verwählt, junger Mann.“ Sie hatte kein Konto bei der Volksbank Hinterbergen.

Als Annette vom Bäcker zurückkam, einen Vollkornkringel in der einen und eine Packung geschnittenes Eiweißbrot in der anderen Hand, schrillte das Telefon wieder.

„Ich heiße Müller. Mit Ihrem Konto stimmt etwas nicht.“

„Ach?“ Annette malte eine 3 auf die Rückseite des Einkaufszettels.

„Sie haben vielleicht gelesen, dass Falschgeld im Umlauf ist. Auch auf Ihrem Konto haben wir welches gefunden. Meine Kollegin Angelika Meier kommt gleich bei Ihnen vorbei. Sie können das Geld auch in Raten wieder einzahlen, Frau Meier bringt es für Sie zur Filiale. Wieviel Bargeld haben Sie im Haus?“

Jetzt verschluckte sich Annette an ihrem Vollkornkringel, dem sie nicht hatte widerstehen können, und hustete.

„Frau Winterhuber?“

„Oh,“ sagte Annette, als der Hustenreiz abebbte. „Was bin ich doch für ein Pechvogel! Erst gestern ist mein WLAN-Kabel zu Bruch gegangen.“

„Ihr … ?!“

„Ja. Dabei hatte ich es gerade gründlich sauber gemacht, unten am Bach, mit dem Waschbrett, das ich von meiner Urgroßmutter geerbt habe. So wasche ich auch meine Online-Überweisungen immer. Schmutziges Geld ist mir ein Gräuel!“

Annettes Mann schien ihr zuzublinzeln, auf dem alten Hochzeitsbild über dem wurmstichigen Sekretär aus Nussbaumholz.

„Verd …“ Der Anrufer legte auf.

„Alte Hexe!“ Norbert Großmann alias Herr Müller sagte es zu niemandem im Speziellen. Jedenfalls nicht zu Angelika Meier alias Lehmann, die neben ihm auf der Parkbank saß und an ihrem Smartphone herumfingerte.

„Da hat jemand nicht richtig recherchiert,“ erklärte Angelika ihrem Handy so geduldig, als spräche sie mit einem Grundschulkind.

„Fährt mit dem Rollator durch den Park, die alte Schlampe, und gibt freche Antworten!“ Norbert kickte wütend einen Kieselstein in den Teich.

„Geschieht dir recht“, sagte Angelika. Sie stand auf und stopfte sich das Handy in die Gesäßtasche ihrer Freizeithose. „Die Frau hat gestern im Altenheim einen Vortrag gehalten über Trickbetrug.“

„Sie hat – ?!“

„Annette Winterhuber. Direktorin beim Bundeskriminalamt außer Dienst. Kam über Twitter.“ Angelika feixte. „Du solltest lieber zuhören, wenn ich etwas sage!“