Ausgetrickst

„Guten Tag, hier ist die Kreissparkasse Hinterbergen, mein Name ist Müller. Spreche ich mit Frau Winterhuber?“

„Am Apparat.“ Annette Winterhuber löste die Telefonschnur vom Griff ihres Rollators, in den sich das Spiralkabel verheddert hatte, und schob das Gefährt ein Stück zur Seite. Hier im Zimmer brauchte sie es nicht.

„Ich bin Ihr Bankberater und habe eine bedauerliche Mitteilung für Sie, aber erschrecken Sie nicht, es ist alles lösbar.“

„Aha.“ Annette rieb mit dem Finger über den Jahre alten Staub auf dem Kabel. Sie musste ihren Putzmann am Freitag anweisen, es einmal gründlich zu reinigen.

„Sie müssen dafür nicht einmal in unsere Filiale kommen.“

„So.“

„Es gibt ein Problem mit Ihrem Konto in unserem Institut.“

„Ich habe kein Konto bei Ihnen.“

„Ach – nicht? Dann entschuldigen Sie den Anruf.“

Annette legte auf und frühstückte weiter. Eiweißbrötchen mit Quark und Blaubeeren. Diabetesgerecht und lecker, genau was sie sollte und wollte. Sie nahm einen Schluck Kaffee (ihr Herz vertrug Koffein noch ausgezeichnet) und scrollte auf ihrem Tablet zur nächsten Nachricht in ihrem Messengerdienst:

„Hallo Oma, kannst du mir heute Nachmittag mit Mathe helfen? Wir schreiben morgen eine Arbeit in Analysis.“

„Machen wir es online?“

„Lieber bei Kaffee und Kuchen. Kaffee für dich und Kuchen für mich. Um 3?“

„Bis dann!“

Annette legte das Tablet beiseite und rubbelte mit einem Kosmetiktuch ein wenig festgebackenen Staub von den Tasten ihres tannengrünen Telefons. Auch das Gehäuse, beschloss sie, musste der Putzmann mal sauber machen. Oder sollte sie gleich den Vertrag mit der Telefongesellschaft kündigen und das Gerät entsorgen? Ehe es sich heute Morgen in Erinnerung rief, hatte es wochenlang keinen Ton von sich gegeben. Wenn überhaupt, telefonierte Annette per Smartphone, das sich bei Bedarf mit „Für Elise“ bemerkbar machte. Und wozu gab es Kurznachrichtendienste samt ihren Audio-, Foto- und Videofunktionen?

Annette schob das grüne Monster nach hinten. Sollte sie den Rollator nehmen, um zum Bäcker zu gehen? Sie brauchte ihn nicht so sehr, wie Roland ihn gebraucht hatte, ihr Mann, der in seinen letzten Lebensmonaten keinen Schritt mehr ohne sein „Wägelchen“ vors Haus gegangen war.

Noch ehe sie die Wohnungstür öffnen konnte, schrillte wieder das alte Telefon.

„Ja, bitte?“

„Spreche ich mit Frau Winterhuber?“

„Wer sind Sie?“

„Ich bin Ihr Bankberater.“

Annette biss sich auf die Lippen.

„Bankberater Nr. 2“, kritzelte sie auf die Rückseite ihres Einkaufszettels. Oder war es dieselbe Stimme? Fast schien es ihr so.

„Es ist mir ein bisschen unangenehm …“ Ja, eindeutig dieselbe Stimme wie vorhin. Annette spielte mit ihrem Kugelschreiber.

„Es geht um Ihr Konto bei der Volksbank Hinterbergen.“

„Sie haben sich verwählt, junger Mann.“ Sie hatte kein Konto bei der Volksbank Hinterbergen.

Als Annette vom Bäcker zurückkam, einen Vollkornkringel in der einen und eine Packung geschnittenes Eiweißbrot in der anderen Hand, schrillte das Telefon wieder.

„Ich heiße Müller. Mit Ihrem Konto stimmt etwas nicht.“

„Ach?“ Annette malte eine 3 auf die Rückseite des Einkaufszettels.

„Sie haben vielleicht gelesen, dass Falschgeld im Umlauf ist. Auch auf Ihrem Konto haben wir welches gefunden. Meine Kollegin Angelika Meier kommt gleich bei Ihnen vorbei. Sie können das Geld auch in Raten wieder einzahlen, Frau Meier bringt es für Sie zur Filiale. Wieviel Bargeld haben Sie im Haus?“

Jetzt verschluckte sich Annette an ihrem Vollkornkringel, dem sie nicht hatte widerstehen können, und hustete.

„Frau Winterhuber?“

„Oh,“ sagte Annette, als der Hustenreiz abebbte. „Was bin ich doch für ein Pechvogel! Erst gestern ist mein WLAN-Kabel zu Bruch gegangen.“

„Ihr … ?!“

„Ja. Dabei hatte ich es gerade gründlich sauber gemacht, unten am Bach, mit dem Waschbrett, das ich von meiner Urgroßmutter geerbt habe. So wasche ich auch meine Online-Überweisungen immer. Schmutziges Geld ist mir ein Gräuel!“

Annettes Mann schien ihr zuzublinzeln, auf dem alten Hochzeitsbild über dem wurmstichigen Sekretär aus Nussbaumholz.

„Verd …“ Der Anrufer legte auf.

„Alte Hexe!“ Norbert Großmann alias Herr Müller sagte es zu niemandem im Speziellen. Jedenfalls nicht zu Angelika Meier alias Lehmann, die neben ihm auf der Parkbank saß und an ihrem Smartphone herumfingerte.

„Da hat jemand nicht richtig recherchiert,“ erklärte Angelika ihrem Handy so geduldig, als spräche sie mit einem Grundschulkind.

„Fährt mit dem Rollator durch den Park, die alte Schlampe, und gibt freche Antworten!“ Norbert kickte wütend einen Kieselstein in den Teich.

„Geschieht dir recht“, sagte Angelika. Sie stand auf und stopfte sich das Handy in die Gesäßtasche ihrer Freizeithose. „Die Frau hat gestern im Altenheim einen Vortrag gehalten über Trickbetrug.“

„Sie hat – ?!“

„Annette Winterhuber. Direktorin beim Bundeskriminalamt außer Dienst. Kam über Twitter.“ Angelika feixte. „Du solltest lieber zuhören, wenn ich etwas sage!“

 

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 4. Juni 2017, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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