Strohhalm im Dung

Erst vorgestern, zwei Stunden vor ihrem ersten gemeinsamen Auftritt als Clowns, hatten sie, Maria und ihr Mann Martin, 28 Störche gezählt. Noch niemals hatte Maria so viele auf einem Haufen gesehen. Sie war heim gelaufen, um ihr Smartphone zu holen (zum Kuckuck, gerade heute hatte sie es vergessen), aber als sie wieder an der Brache am Bach ankam, waren die Vögel fort.

Stattdessen fiel ihr dieses Etwas auf, das sie für ein Vogelnest hielt, vielleicht von einer Ackerhummel, das müsste sie im Internet nachschlagen. Sie fotografierte das Nest und prüfte das Foto, und es WAR das Nest einer Ackerhummel.

Heute stand Maria wieder vor dem Nest, und es war immer noch da, und es war immer noch das Nest einer Ackerhummel, und der Augusthimmel war immer noch blau, und der Bach stank immer noch nach Abwasser, und der Sommer surrte durch die Hochspannungsleitung, als könne er nie vergehen.

Aber Maria wusste, dass er vergehen würde, alles verging, das hatte sie heute Mittag auf der Intensivstation gelernt, als sie den Ärzten erlaubte, die Herz-Lungen-Maschine auszuschalten, weil sie Martins Körper nicht  mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen konnte.

Maria griff mit beiden Händen nach vorn, griff nach dem Strohhalm im Dung, auf dem ein Distelfalter wippte, als wollte sie den Falter mitnehmen in ihre leer gewordene Wohnung. Der Distelfalter schwebte davon, irgendwohin ins Licht, über den Bach, über die Brache, und Maria sah ihm nach, bis sie den Punkt aus den Augen verlor.

Es war sinnlos, alles, es würde sinnlos bleiben und war immer schon sinnlos gewesen.

(Für die Anregung zu dieser Etüde danke ich (unbekannterweise) „Karin“, https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/06/25/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-26-17-wortspende-von-karin.

Sie hat die Reizwörter „Vogelnest, sinnlos und Auftritt“ in die Runde geworfen.

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 25. Juni 2017 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Der Tod schlägt oft zu mit einer Beliebigkeit, die bitter macht. Ein unglaublich starker Schluss. Danke dafür.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Du sagst es, liebe Christiane. Und es ist schwer, über diese Bitterkeit hinwegzukommen und weiterzuleben, Schritt für Schritt und Tag für Tag.

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  3. Ich hatte vor ein paar Wochen eine unendlich traurige Etüde verfaßt (ging um eine junge Frau, die, hochschwanger, einen Hirntumor bekam und vor der Wahl stand, ich oder mein Kind). Ich fand die Geschichte selbst eigentlich sehe stark – aber letztlich dann doch auch wieder zu heftig, hab sie also nicht veröffentlicht. Manchmal sind einem die eigenen Gedanken, selbst wenn sie total fiktiv sind, zu nah bzw zu intensiv.

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    • Ja, mag sein. Mir hilft es eher, wenn ich meine Gedanken ins Fiktive übersetze und anderen Menschen zugänglich mache. Es hilft mir auch, die Gedanken, Fiktionen und Erlebnisse anderer Menschen zu Themen zu lesen, die mich gerade beschäftigen und traurig machen, weil ich mich in meiner Trauer dann nicht ganz so allein fühle. Aber das ist sicher von Mensch zu Mensch verschieden, und ich wollte niemandem mit meinen Zeilen zu nahe treten.

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      • Nein, so meinte ich das gar nicht. Ich wollte nur sagen, dass es merkwürdig ist, was die eigenen – wenn auch ausgedachten – Geschichten mit einem machen (können). Gerade bei diesen Kürzestgeschichten passiert oft Überraschendes 😊

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