Archiv für den Monat Juli 2017

Das Monster

Das Stativ sah aus wie ein Monster, mit seinen drei Beinen, dem zylindrischen Metallkörper und dem flachen Kopf mit senkrechten Rillen dran.

„Geh weg!“, sagte meine Enkelin und baute sich drohend vor dem Gebilde auf, das doppelt so groß war wie sie, „geh weg, Monster! Ich habe keine Angst vor dir, aber du darfst dem Brüderchen nichts tun. Wenn du dem Brüderchen die Beine abbeißt, jag ich dich!“

Das Monster sagte nichts.

Das Brüderchen schlief unbeeindruckt in seiner Wippe den Traum eines gerechten Babys, diesen Kindheitstraum, den wir alle einmal geträumt haben, zumindest wenn wir nicht schon vorher traumatisiert das Träumen verlernen mussten.

Meine Enkelin drehte sich zu dem Kleinen um und legte schützend die Ärmchen um den unteren Teil der Wippe.

„Ich bin ganz vorsichtig, Oma“, sagte sie, „ich tu dem Brüderchen nicht weh, ich will nur bitte, dass du das Monster wegmachst.“

Da sie so nett bat, konnte ich nicht widerstehen, klappte das Stativ zusammen und räumte es in seine Kiste.

Den Erinnerungen an diese Zeit voller Stress und Wachstum, voller Wandel und Hoffnung, voller Ängste und Lebensfreude würde ich später auch nachspüren können, ohne sie im Bild festgehalten zu haben.

(Danke für die Schreibeinladung an „Christiane“ und für die Wortspende zu dieser Zehn-Satz-Geschichte an „Anna-Lena„.)

Zauberwesen

Ich bin ausgewandert. „Gestern“, würde meine Enkeltochter sagen, oder „vorhin“ oder „früher“. Tatsächlich ist es noch keine 45 Jahre her, für Zweijährige eine unvorstellbare Ewigkeit, für mich immerhin über zwei Drittel meines bisherigen Lebens. Ja, ich war zu dem Zeitpunkt schon so gut wie erwachsen, und ich hatte Gründe für meinen Schritt ins Unbekannte: Wenn das Bekannte unerträglich wird, wächst der Mut zum Risiko, und die Entscheidungsfreude steigt.

Ich ließ vieles zurück, was mich dort, wo ich lebte, noch mindestens bis 1989 begleitet hätte: Securitate und drohenden Dienst an der Waffe, Schlangen vor den Lebensmittelläden und die für Journalismus-Ausbildung zuständige Parteihochschule in Bukarest, dunkle Abende ohne elektrischen Strom, brüllendheiße Sommer mit ausgetrockneten Brunnen, bitterkalte Winter mit der Angst davor, das Heizgas abgedreht zu bekommen, den Flüsterton beim Erzählen harmloser Witze, das routinemäßige Schließen der Fenster vor jeder privaten Unterhaltung, das Lügenmüssen und das unvermeidliche Mitschuldigwerden an einer Diktatur, die sich in die Küchen und Schlafzimmer, in die Obstgärten und Kinderseelen fraß.

Ich ließ auch vieles zurück, was ich ohnehin hätte zurücklassen müssen, weil mein Auswandern aus dem Land meiner Geburt zusammenfiel mit meinem Auswandern aus der Zeit meiner Kindheit. So opferte ich meine Puppen, die Hema und Annegritt hießen, meinen Teddybären Burri-Bär, meinen türkisblauen Plüschhund, alle meine Lieblingsbücher, mein Bett und „mein“ Klavier, das eigentlich das Familienklavier war, meinen Platz auf dem dicksten Ast des alten Nussbaums, mein Versteck auf der morschen Bank unter den zwei riesigen Jasminsträuchern. Nicht nach und nach, sondern von jetzt auf gleich. Ungefähr so, wie ich über 40 Jahre später meinen Mann verlor: Gerade noch war er da, gesund und fröhlich, plötzlich war er tot, einfach so.

Ob mich das traumatisiert hat? Vielleicht. Sind wir nicht alle traumatisiert? Falls daraus eine Störung entstanden sein sollte, habe ich sie im Griff, glaube ich. Zumindest meistens. Wie die meisten anderen Menschen. Aber darüber will ich gar nicht schreiben. Denn neben allem anderen ließ ich auch Sachen – Gestalten – Erscheinungen? – zurück, an die ich damals nicht dachte. Meinen Zauberstorch zum Beispiel, der die Nacht machte. Er wohnte im Gebüsch entlang unseres Gartenzauns und war tagsüber nicht zu sehen, nachts aber flog er hoch über die uralte Fichte (na ja, sie war damals etwa 40 Jahre jung, wenn ich nachrechne), breitete seine Schwingen über den ganzen Himmel aus und ließ nur ein paar Lichtsterne durchblitzen. Im Schnabel aber hielt er den Mond, als Sichel, als Halbkugel, als Ball, wie es ihm gerade gefiel.

Auch die Brunnenfrau blieb, wo sie war, in dem Ziehbrunnen hinten am Hof, in dem sie meistens schlief oder spielte, was wusste denn ich, manchmal aber darauf lauerte, dass ein Kind nicht vorsichtig war, wenn es Wasser in den verbeulten Blecheimer schöpfen sollte. Die Brunnenfrau nämlich mochte Kinder gern und wollte sie deshalb nach unten ziehen, zu sich in den Brunnen. Wenn ihr das nicht gelang, schickte sie wenigstens Münzen in die elterlichen Hände, die wir Kinder dann auf unerklärliche Art in der Badewanne fanden, wenn wir samstags saubergeschrubbt wurden. Eimer für Eimer wurde dafür auf dem Herd warm gemacht, bis die Wanne halb voll war, sodass wir sie zu dritt benutzen konnten. Zum Glück hatte sie wenigstens einen Abfluss und musste also nicht auch noch ausgeschöpft werden.

Und dann war da noch der Klogeist. Das war ein weniger sympathisches Zauberwesen, das im Plumpsklo hinter dem Misthaufen wohnte. Einmal, lange vor meiner Geburt, hatte er ein Lebendopfer gefordert, die kleine Hündin Hanka, die durch das Loch im Holzsitz gefallen und im menschlichen Flüssigdung ertrunken war. Die Geschichte war sehr abschreckend und machte uns desto vorsichtiger, denn das Loch war so groß, dass ein Kind problemlos durchpasste, und so setzten wir uns immer brav auf den Rand und zitterten davor, dass der Klogeist uns am Popo packte und zu sich in den stinkenden Untergrund zog.

Vielleicht gab es noch andere Zauberwesen in meinem Köpfchen, ich weiß es nicht mehr, 40 Jahre sind eben doch länger als 40 Minuten. Aber es waren bestimmt nicht so viele Wesen, wie sie durch das Köpfchen meiner Enkeltochter und damit unsichtbar auch durch meine Wohnung und mein Leben spuken. Angeführt wird die Geistermeute von einem lila und einem rosa Gespenst, oder waren es das lila und das rosa Monster? Der lila Dinosaurier und der rosa Dinosaurier gesellen sich dazu, und der lila-rosa gestreifte Tiger ist selten weit weg davon. Eigentlich sind die Wesen alle lieb. Es handelt sich um Babywesen, die ihre Mama suchen, die Mama Gespenst und die Mama Monster, die Mama Dinosaurier und die Tiger-Mama. Die gibt ihnen Mamamilch, es sei denn, sie kommen aus dem Ei wie die Dinosaurier, dann nimmt sie die Babys nur auf den Arm und kuschelt mit ihnen. Auch das Papa-Gespenst, das Papa-Monster, der Papa-Dinosaurier und der Papa-Tiger sind beliebte Figuren.

Angst zu haben braucht man vor den rosalila Wesen nicht, weiß meine Enkeltochter. Man muss sich nur immer wieder sagen, dass sie nicht gefährlich sind. Besonders der Tiger frisst einer sonst möglicherweise die Beinchen ab, falls die nicht zugedeckt sind – aber er meint es nicht böse, erklärt sie mir, er ist nur „stürmisch“. Mama, Papa und Oma sind stark genug, eine vor den Zauberwesen zu schützen, und neuerdings ist auch „große Schwester“ so mutig, ihren Baby-Bruder gegen die Fantasiegestalten ihrer kleinen Welt zu verteidigen: „Geh weg, Dinosaurier! Geh weg, Gespenst! Lass das Brüderchen in Ruhe!“, sagt sie tapfer und wedelt die unsichtbaren Kreaturen von Babys Wippe weg.

So also sind die Zauberwesen neu gekleidet in meine Welt zurückgekehrt. Lila sind sie und rosa und lieb, und manchmal eben … ein bisschen stürmisch. Schlimmstenfalls.

Auf gut Glück

„Verdammter Aasvogel!“ Polizeiobermeisterin Annette Busch und Polizeihauptmeisterin Johanna Gutlieb, beide von einer Kölner Polizeidienststelle, vertrieben mit angedeuteten Fußtritten den letzten Mäusebussard vom Mittelstreifen der Autobahn, der dort, anders als die anderen Bussarde, geduldig ausgeharrt hatte, vom Blaulicht des Polizeifahrzeugs rotierend angestrahlt.

Die Autobahn war eine gute Speisekammer für Mäusebussarde, immer wieder gab es Igel oder Hasen, Katzen oder Mäuse, manchmal sogar Füchse und Hunde, die unvorsichtig genug waren, sich auf die Fahrstreifen zu wagen. Diesmal war ein Pony entlaufen, von einem Pferdehof bei Junkersdorf.

Das Pony war an der Unfallstelle – zwei Pkw, ausgebrannt, Totalschaden ohne Überlebende – nicht gefunden worden, die beiden Kölner Beamtinnen sichteten Spuren auf gut Glück, stocherten im Nebel, suchten nach Dingen, die nicht hierher gehörten, um etwas über die Unfallursache herauszufinden. Sie fanden eine Weckeruhr, ein Modeschmuck-Armband, einen angebissenen Hamburger, einen leeren Flachmann, sieben Zigarettenkippen und eine seltsam verformte Plastiktüte mit der blauen Aufschrift eines Discounters.

„Die Tüte muss aus einem der Autos geschleudert worden sein, sie ist ganz neu“, sagte die Polizeihauptmeisterin und prüfte den Inhalt: eine Babypuppe, originalverpackt und mit rotem Geschenkband umwickelt.

„Die war heute im Sonderangebot“, sagte die Polizeiobermeisterin, „ich habe versucht, eine zu kriegen, aber als ich meine Kleine endlich im Kindergarten abgeliefert hatte, war alles schon ausverkauft.“

In den Unfallwagen war kein Kind gewesen. Die Polizeihauptmeisterin strich der Puppe das Kunsthaar aus der Plastikstirn und hoffte, dass sie eine Überraschung hätte werden sollen, weil es dann kein Kind geben musste, dass irgendwo vergeblich auf ein Geschenk wartete, das jetzt in der Asservatenkammer unter dem Landgericht an der Luxemburger Straße landen würde.

(Kürzestgeschichte in 10 Sätzen aus den drei selbst vorgegebenen Wörtern Aasvogel, Babypuppe, Beamtinnen)

Fortschritt

„Iiiih“, die Redaktionsvolontärin Marilena tat, als würde sie mit spitzen Fingern ein Blatt Papier aus ihrem Bildschirm fischen und es angewidert von sich halten.

„Ich sehe schon – etwas für unsere Buddelkiste!“ Der Jungredakteur Moh’d nahm pantomimisch das imaginäre Papier und legte es in eine ebenso imaginäre Kiste neben seinem Schreibtisch. Früher, lange vor Marilenas und Moh’ds Volontariatszeit beim Unterwiesener Anzeiger, hatte dort tatsächlich eine Kiste gestanden, eine Holzkiste, aus der die damalige Chefin der Lokalredaktion extra ihre letzte Rotweinflasche geräumt hatte, um für die gesammelten Iiiih-Texte Platz zu schaffen.

Iiiih-Texte waren Berichte im Bauchwehstil und kamen meistens aus den örtlichen Vereinen.

„Lass mich raten“, sagte Moh’d, „ist es Dietmar vom Kaninchenzüchterverein, die hatten am Wochenende Züchterversammlung, oder Hannelore von den Landfrauen, die auf einem Ausflug waren? Die beiden schwadronieren immer am schlimmsten, und ich bin sicher, sie haben auch diesmal kräftig das Tanzbein geschwungen!“

„Oh ja, und die Frauen der Vereinsmitglieder haben natürlich fürs leibliche Wohl gesorgt, und der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt“, bestätigte die angehende Kollegin, „aber du hast falsch geraten, es waren diesmal Ivankas Schneckenzüchter, die angegrillt haben.“

„Wenn wir diesen Schwachsinn wie früher in echte Buddelkisten stecken würden, hätten wir bald kein Geld mehr fürs Lagern,“ sagte Moh’d und gönnte sich einen Schluck Latte macchiato aus seiner angeschmuddelten Bürotasse, während Marilena seufzend in die Tasten griff, um aus dem Iiiih-Text einen Vereinsbeitrag zu destillieren, den Ivanka noch als ihren Artikel erkennen und der trotzdem einem modernen Journalismus ansatzweise entsprechen musste.

Wenigstens lieferten die Vereinsleute ihren Schreibschrott heutzutage digital, tröstete sie sich, und das, musste sie zugeben, war schon ein Fortschritt.

 

(Mit Dank an „Christiane“ von Irgendwas ist immer für ihre Schreibeinladung  und an „Ulli“ aus dem Café Weltenall für die Wortspende dazu, die diesmal „Buddelkiste, schwadronieren, Tanzbein“ lautete.)

Unkontrollierbar

Die Mondsichel schnitt in die Gewitterwolken wie ein scharfes, schimmerndes Gemüsemesser. Marietta sah aus dem Fenster, während sie das Abendessen zubereitete, Möhren zerkleinerte, Zwiebeln, Gurken, Lauch, Petersilie. Sie knipste das Licht über der Arbeitsplatte an, zusätzlich zur Deckenbeleuchtung. Die Küche war dunkel, da konnte Jonathan sagen, was er wollte.

Wolken zogen vorbei wie schwarzer Blumenkohl, ballten sich bauschig zusammen, jagten den Himmel entlang, an den Bergspitzen entlang, zack, Schnitt, Zäsur, unter den Sternen durch, von denen einige Flugzeuge waren, rotes Blinken verriet sie, die Wolken rasten zur tödlichen Sichel hinüber, Zäsur, Zusammenballen, Schnitt …

Marietta schüttete das Gemüse in die Pfanne, hörte zu, wie das heiße Fett aufbrutzelte, stellte die Dunstabzugshaube auf Position zwei. Sie rief nach Jonathan, der noch irgendwo im Garten Johannisbeeren erntete und sicher glaubte, er habe alles unter Kontrolle, denn das glaubte er eigentlich immer.

„Es geht gleich los!“, rief sie, und sie wusste selbst nicht, ob sie das Abendessen meinte oder das Gewitter. Blitze durchzuckten die Nacht, ließen Sichel und Sterne vergessen, aus der Pfanne spritzte Fett auf die heiße Herdplatte, loderte flammend hoch, verfing sich in Mariettas offenem Haar, brachte den Brandmelder zum Schrillen. Manche Dinge, dachte Marietta mit einem absurden Gefühl von Triumph, konnte eben nicht einmal Jonathan kontrollieren.

(Mit Dank an „Christiane“ für ihre Schreibeinladung  und an „autopict“ für die Wortspende dazu, die diesmal „Mondsichel, Zäsur, kontrollieren“ lautete.)

Großstadtdämmern

Draußen, am Jahrmarkt, bei der Achterbahn hatte die Sonne Christine so geblendet, dass sie nach ihrer Sonnenbrille kramte und sich selbst verfluchte, weil sie keine dabei hatte. Jetzt, in der Straßenschlucht zwischen den nichtssagenden neunziggeschossigen Bürotürmen schien die Dämmerung bereits in Nacht überzugehen. Die sechsspurige Autostraße, flankiert von zwei fahrspurbreiten Gehwegen, war zwischen den Hochhausriesen so eingeklemmt, dass sie selbst zum Atmen fast zu eng wirkte.

Christine war ein Großstadtmensch, aber diese Schlucht erinnerte sie an einen Urlaub in den Bergen, als sie aus einer Klamm nur mit Mühe und Not wieder herausgefunden hatte, ehe der Schneesturm die Klamm unpassierbar machte. Die Autos rauschten vorbei wie damals der Bergbach, unablässig, unaufhaltsam, mit auf- und abwallendem Basso continuo. Hinter einer leichten Linkskurve verschwand der Jahrmarkt mitsamt seinen Gerüchen nach Maronen und Zuckermandeln, Bratwurst und Erbseneintopf.

Nichts daran war einzigartig. Nichts hielt irgendeines der Versprechen, die Peter ihr gegeben hatte.

Christine ging in die Dunkelheit hinein und genoss das Geflirre der Scheinwerfer und Bremslichter, der Leuchtreklamen und Verkehrsampeln, wie sie es bei jedem Landeanflug nach Nachtflügen genoss, die diamantbunten Lichtpunkte im Samtschwarz funkeln zu sehen.

Wer, bitte, war schon Peter?!

 

(Eine abc-Etüde in 10 Sätzen, Reizwörter: Achterbahn, Straßenschlucht, einzigartig. Mit Dank an „Bruni“ Brunhilde Kantz, www.wortbehagen.de für die „Wortspende“, sowie an „Christiane“, Irgendwas ist immer.)