Unkontrollierbar

Die Mondsichel schnitt in die Gewitterwolken wie ein scharfes, schimmerndes Gemüsemesser. Marietta sah aus dem Fenster, während sie das Abendessen zubereitete, Möhren zerkleinerte, Zwiebeln, Gurken, Lauch, Petersilie. Sie knipste das Licht über der Arbeitsplatte an, zusätzlich zur Deckenbeleuchtung. Die Küche war dunkel, da konnte Jonathan sagen, was er wollte.

Wolken zogen vorbei wie schwarzer Blumenkohl, ballten sich bauschig zusammen, jagten den Himmel entlang, an den Bergspitzen entlang, zack, Schnitt, Zäsur, unter den Sternen durch, von denen einige Flugzeuge waren, rotes Blinken verriet sie, die Wolken rasten zur tödlichen Sichel hinüber, Zäsur, Zusammenballen, Schnitt …

Marietta schüttete das Gemüse in die Pfanne, hörte zu, wie das heiße Fett aufbrutzelte, stellte die Dunstabzugshaube auf Position zwei. Sie rief nach Jonathan, der noch irgendwo im Garten Johannisbeeren erntete und sicher glaubte, er habe alles unter Kontrolle, denn das glaubte er eigentlich immer.

„Es geht gleich los!“, rief sie, und sie wusste selbst nicht, ob sie das Abendessen meinte oder das Gewitter. Blitze durchzuckten die Nacht, ließen Sichel und Sterne vergessen, aus der Pfanne spritzte Fett auf die heiße Herdplatte, loderte flammend hoch, verfing sich in Mariettas offenem Haar, brachte den Brandmelder zum Schrillen. Manche Dinge, dachte Marietta mit einem absurden Gefühl von Triumph, konnte eben nicht einmal Jonathan kontrollieren.

(Mit Dank an „Christiane“ für ihre Schreibeinladung  und an „autopict“ für die Wortspende dazu, die diesmal „Mondsichel, Zäsur, kontrollieren“ lautete.)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 9. Juli 2017 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Oh, verdammt, wer in so einem Moment über den Partner triumphiert, hat wirklich ein Problem. Eine gute Geschichte, es gruselt mich ein bisschen bei der Vorstellung.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Die meisten Unfälle passieren doch wohl im Haushalt *grusel*, aber schön umgesetzt.

    LG Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

  3. Sehr dramatisch, in der Tat. Witzigerweise donnert es hier eben gewaltig und es regnet auch. Da ich aber zufällig weiß, dass heute Vollmond war, wird mich die messerscharfe Mondsichel in Ruhe lassen! Die Mondsichel mit einem Messer zu kombinieren, das gefällt mir jetzt mal besonders gut. Danke auch dir für diese Geschichte.
    Eine gute Woche auch dir.

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