Fortschritt

„Iiiih“, die Redaktionsvolontärin Marilena tat, als würde sie mit spitzen Fingern ein Blatt Papier aus ihrem Bildschirm fischen und es angewidert von sich halten.

„Ich sehe schon – etwas für unsere Buddelkiste!“ Der Jungredakteur Moh’d nahm pantomimisch das imaginäre Papier und legte es in eine ebenso imaginäre Kiste neben seinem Schreibtisch. Früher, lange vor Marilenas und Moh’ds Volontariatszeit beim Unterwiesener Anzeiger, hatte dort tatsächlich eine Kiste gestanden, eine Holzkiste, aus der die damalige Chefin der Lokalredaktion extra ihre letzte Rotweinflasche geräumt hatte, um für die gesammelten Iiiih-Texte Platz zu schaffen.

Iiiih-Texte waren Berichte im Bauchwehstil und kamen meistens aus den örtlichen Vereinen.

„Lass mich raten“, sagte Moh’d, „ist es Dietmar vom Kaninchenzüchterverein, die hatten am Wochenende Züchterversammlung, oder Hannelore von den Landfrauen, die auf einem Ausflug waren? Die beiden schwadronieren immer am schlimmsten, und ich bin sicher, sie haben auch diesmal kräftig das Tanzbein geschwungen!“

„Oh ja, und die Frauen der Vereinsmitglieder haben natürlich fürs leibliche Wohl gesorgt, und der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt“, bestätigte die angehende Kollegin, „aber du hast falsch geraten, es waren diesmal Ivankas Schneckenzüchter, die angegrillt haben.“

„Wenn wir diesen Schwachsinn wie früher in echte Buddelkisten stecken würden, hätten wir bald kein Geld mehr fürs Lagern,“ sagte Moh’d und gönnte sich einen Schluck Latte macchiato aus seiner angeschmuddelten Bürotasse, während Marilena seufzend in die Tasten griff, um aus dem Iiiih-Text einen Vereinsbeitrag zu destillieren, den Ivanka noch als ihren Artikel erkennen und der trotzdem einem modernen Journalismus ansatzweise entsprechen musste.

Wenigstens lieferten die Vereinsleute ihren Schreibschrott heutzutage digital, tröstete sie sich, und das, musste sie zugeben, war schon ein Fortschritt.

 

(Mit Dank an „Christiane“ von Irgendwas ist immer für ihre Schreibeinladung  und an „Ulli“ aus dem Café Weltenall für die Wortspende dazu, die diesmal „Buddelkiste, schwadronieren, Tanzbein“ lautete.)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 16. Juli 2017 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Und wenn dann jeweils 5 Euro in das Phrasenschwein wandern würden, wäre ein fettes Abendessen bald erspart.
    Es ist halt so, wie es ist. Hab mich erinnert und sehr gelacht.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Originalschauplatz: Eine Lokalredaktion, irgendwo im Schwäbischen Wald, Originalzeit: 1979-1980. Aber viel geändert hat sich wohl nicht. ;).

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  3. Neeee. Ich hätte diese Geschichte eher einem Gesangverein oder der Freiwilligen Feuerwehr oder einem Schrebergartenverein untergeschoben, aber der Geist lebt – unverdrossen! 😉

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  4. jahaaaa…. nur der Satz „hilfreich unter die Arme gegriffen“ fehlt noch – in der Hoffnung, dass die Achseln nicht schweißnass sind… (Wollen Sie Ihren Sohn wirklich Axel nennen, Frau Nässe?) Sehr schön 🙂

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