Auf gut Glück

„Verdammter Aasvogel!“ Polizeiobermeisterin Annette Busch und Polizeihauptmeisterin Johanna Gutlieb, beide von einer Kölner Polizeidienststelle, vertrieben mit angedeuteten Fußtritten den letzten Mäusebussard vom Mittelstreifen der Autobahn, der dort, anders als die anderen Bussarde, geduldig ausgeharrt hatte, vom Blaulicht des Polizeifahrzeugs rotierend angestrahlt.

Die Autobahn war eine gute Speisekammer für Mäusebussarde, immer wieder gab es Igel oder Hasen, Katzen oder Mäuse, manchmal sogar Füchse und Hunde, die unvorsichtig genug waren, sich auf die Fahrstreifen zu wagen. Diesmal war ein Pony entlaufen, von einem Pferdehof bei Junkersdorf.

Das Pony war an der Unfallstelle – zwei Pkw, ausgebrannt, Totalschaden ohne Überlebende – nicht gefunden worden, die beiden Kölner Beamtinnen sichteten Spuren auf gut Glück, stocherten im Nebel, suchten nach Dingen, die nicht hierher gehörten, um etwas über die Unfallursache herauszufinden. Sie fanden eine Weckeruhr, ein Modeschmuck-Armband, einen angebissenen Hamburger, einen leeren Flachmann, sieben Zigarettenkippen und eine seltsam verformte Plastiktüte mit der blauen Aufschrift eines Discounters.

„Die Tüte muss aus einem der Autos geschleudert worden sein, sie ist ganz neu“, sagte die Polizeihauptmeisterin und prüfte den Inhalt: eine Babypuppe, originalverpackt und mit rotem Geschenkband umwickelt.

„Die war heute im Sonderangebot“, sagte die Polizeiobermeisterin, „ich habe versucht, eine zu kriegen, aber als ich meine Kleine endlich im Kindergarten abgeliefert hatte, war alles schon ausverkauft.“

In den Unfallwagen war kein Kind gewesen. Die Polizeihauptmeisterin strich der Puppe das Kunsthaar aus der Plastikstirn und hoffte, dass sie eine Überraschung hätte werden sollen, weil es dann kein Kind geben musste, dass irgendwo vergeblich auf ein Geschenk wartete, das jetzt in der Asservatenkammer unter dem Landgericht an der Luxemburger Straße landen würde.

(Kürzestgeschichte in 10 Sätzen aus den drei selbst vorgegebenen Wörtern Aasvogel, Babypuppe, Beamtinnen)

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Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 17. Juli 2017 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Wie kam es zu den Wörtern? Wahllos in irgendeinem Buch geblättert und auf Seite Soundso mit dem Finger auf irgendein Wort getippt?
    Wir haben übrigens früher gerne Scrabble gesielt, und am Schluss haben wir eine Geschichte aus den gelegten Wörtern erfunden. Dafür gab es dann aber keine Punkte, das war nur zum Spass 😉

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  2. Wahllos in einem Kreuzworträtsellexikon mausgetippt ;).

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