Feuerwasser

Ioana sah wieder einmal zum Himmel hinauf. Stahlblau wölbte er sich über das zundertrockene Land. Keine Wolke in Sicht. Sie ging zurück ins Haus, schloss die Terrassentür, sperrte die brüllende Hitze aus.

„Wie ist die Wetterprognose?“, fragte sie ihren Bruder zum siebtenmal. Sie hatten schon seit zwei Wochen hitzefrei, bei Temperaturen über 40 Grad konnte in dem kleinen Betrieb kein Mensch arbeiten. Zumal es dort keine Klimaanlage gab.

Mihail zückte das Handy, wischte mit dem Finger über den kleinen Bildschirm.

„Mist! Kein Netz!“ Er schüttelte das Gerät, als könne er dadurch die Verbindung herstellen.

„Lass das!“, sagte seine Schwester genervt. „Mach lieber den Fernseher an, gleich müssen Nachrichten kommen.“

Während Mihail nach der Fernbedienung suchte, änderte sich irgendwas am Geräusch des Deckenventilators. Das Surren wurde leiser, unregelmäßiger, stockte. Ungläubig starrte Ioana hoch zur Zimmerdecke. Kein Zweifel – der Ventilator stand still.

„Stromausfall“, stellte ihr Bruder fest, als er vergeblich mit der Fernbedienung hantierte.

„Auch das noch!“

Sie schlüpfte aus ihren Badelatschen und versuchte, ihre Füße in der lauwarmen Brühe des Plastik-Planschbeckens zu kühlen, das sie ins Zimmer geholt hatte, damit es auf den glühenden Steinen des Terrassenbodens nicht schmolz, so wie die Schwimmflügel sich aufgelöst hatten. Es gelang ihr nicht recht. Die Eiswürfel, die sie aus dem Gefrierfach genommen und in das Becken geworden hatte, waren längst geschmolzen.

Als sie die Füße wieder auf die Terracottafliesen setzte, zuckte sie zurück, verzog das Gesicht vor Schmerz und angelte nach den Badelatschen. Mihail versuchte sich derweil als Wassermaler, tropfte aus einer grünen Flasche Muster auf die Fliesen, sah zu, wie sie sich änderten, dünner wurden, verschwanden.

„Wir werden hier noch lebendig gebraten“, murmelte Ioana. Ihr Bruder brauchte ihr Gejammer nicht zu hören. Der war ohnehin geladen bis zum Gehtnichtmehr, und auf seine Explosion aus Schimpfwörtern konnte sie gut verzichten. Sie kuschelte sich im Liegestuhl zusammen und versuchte, die heißen Plastiklehnen nicht zu berühren. Aus ihren Sommersprossen schien Schweiß zu quellen wie aus einem porösen Schlauch.

Über die Terrasse hinweg beobachtete sie den Wald und betete, dass kein Tourist dort im Vorbeifahren eine Zigarette aus dem Fenster werfen möge. Durch den Wald führte die Europastraße, die in der warmen Jahreszeit viel befahren war. Touristen waren seltsame Leute. Nicht einmal die Quallenplage hielt sie davon ab, im Sommer her zu kommen. Bah! Fast wäre Ioana heute Vormittag auf eine Qualle getreten. Zu Hunderten lagen sie in den Sanddünen, seit die Lagune verdunstet war, und verbreiteten einen Höllengestank.

Besorgt prüfte sie wieder den Wald mit den Blicken.

„Da!“ Sie zeigte mit ausgestrecktem Arm in Richtung der Hügelkette. Qualm schlängelte sich ins Stahlblau, eine dünne, windzerzauste Rauchsäule stieg aus dem Wald auf. Dann schlugen Flammen aus dem Laub, leckten am wolkenlosen Himmel, breiteten sich aus, fraßen sich weiter ins Land, bildeten bald ein Höhenfeuer aus roten, gelben, orangen Zungen, sprühten Funken, die als Feuerregen vom Wind weitergetragen wurden.

„Da hat mal wieder einer eine Kippe zur Unzeit aus dem Fenster geworfen“, sagte Mihail, als plötzlich ein greller Blitz hinter den Geschwistern aufzuckte, gefolgt von einem Donner, der ihnen fast das Trommelfell zerriss. In kürzester Zeit wurde der Himmel schwarz, und die Wolken zerrissen, als hätte jemande eine Schleuse geöffnet. Ein Stausee stürzte auf die Hügel, auf das Haus, auf den brennenden Wald, zischte auf den Steinen der Terrasse, sammelte sich in den ausgedörrten Schlammrillen zu Sturzbächen, sprudelte meerwärts über tote Grasbüschel und rissige Holzzäune, löschte den Waldbrand, schwemmte die Quallen ins Meer zurück, füllte die Lagune, überschwemmte den Keller. Und hörte so abrupt auf, wie er begonnen hatte.

Ioana öffnete die Terrassentür. Frische strömte ins Haus, und am Horizont zauberte die Abendsonne die letzten Wolkenfetzen lila. Hinter Ioana surrte es – der Ventilator nahm seinen Dienst auf, der Fernseher sprang an, und Mihail hatte auf seinem Smartphone wieder eine Internetverbindung.

„Sie warnen vor Waldbränden und Gewittern“, teilte er Ioana mit. Und grinste.

(Mit Dank an „Christiane“ für die Anregung, aus den zehn Wörtern Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator und Wassermaler einen Text zusammenzusetzen, in dem Regen eine Rolle spielt; diese Geschichte ist mein zweiter Versuch dazu.)

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Über Elke H. Speidel

ist Journalistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 3. August 2017 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Ich kann die Hitze bis hierher spüren …
    Bei dir muss ich echt achtgeben, deine Bilder setzen sich in meinem Hirn fest. 🙂
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Oh, das ist aber ein großes Kompliment für mich, danke dafür!

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  3. Ganz wunderbar umgesetzt und so passend, wenn man an die armen Urlauber in Südeuropa denkt.
    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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  4. Ja, Sommer können unerträglich heiß sein. Und die Waldbrandgefahr bei langen Trockenperioden ist nicht nur in Südeuropa nicht zu unterschätzen. In Brandenburg zum Beispiel hatten wir regelmäßig entsprechende Warnungen zu beherzigen, wurden aufgefordert, die Straßenbäume zu wässern und sämtliche Feuer in freier Natur zu vermeiden.

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  5. Schöne Bilder, man das Szenario sofort vor Augen. Gefällt mir 😊

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  1. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo – danke! | Irgendwas ist immer

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