Neuanfang

Veronika stopfte die Badelatschen ihres Mannes in den blauen Müllsack neben der Eingangstür, in dem schon die quietschgelben Schwimmflügel von Marion und der kaputte Ventilator lagen. Sie strich sich eine widerspenstige graue Strähne aus dem Gesicht und stellte dabei erstaunt fest, dass die tiefen Furchen, die von ihren Augen zum Mund hin führten, nass waren wie kleine Rinnsale. Sie merkte schon lange nicht mehr, wenn sie weinte.

Eigentlich war sie froh, die Badelatschen loszuwerden. Schon vor Jahren (oder waren es Jahrzehnte?) hatte sie ihren Mann bei jeder Altkleider-Aufräumaktion gebeten, die Schuhe dazuzulegen. Deren Farbe war verblichen, das Material (billiges Plastik) vor Altersschwäche spröde und rissig geworden. Aber Joachim hatte sich nie von Schuhen trennen können. Eine Schwäche, die Veronika immer gehasst hatte. Und die sie jetzt vermisste, oh, so sehr … noch einmal diesen Streit, bitte, noch einmal, nur noch einmal!

Es war ein dummer Wunsch. Das Leben hatte Joachim endlich von den Schuhen und von so vielem anderen getrennt, das er nicht hatte loslassen wollen. Erst war er vom Läufer zum Rollstuhlfahrer geworden, hatte die Badelatschen nur noch angucken können, voller Wehmut und Selbstquälerei. Dann wurde aus dem aktiven Rollstuhlfahrer ein passiver Rollstuhlnutzer. Vor einem Jahr, vier Monaten und 22 Tagen hatte Veronika seinen letzten Wunsch erfüllt und seine Asche ins Meer streuen lassen. Wie absurde Sommersprossen hatten die schwarzgrauen Körnchen eine Weile auf den gleißenden Wellen getanzt, ehe sie in die Tiefe gesunken waren.

Aus.

Vorbei.

Auch Marion würde an ihren Schwimmflügeln nie wieder Interesse zeigen, an diesen Gummidingern, die keine zehn Minuten mehr die eingepumpte Luft halten konnten. Veronika sah Joachim und das Kind damit im Uferwasser planschen, in den Gischt brechender Wellen springen, hörte Marions Jauchzen und Joachims beruhigend tiefe Stimme, wenn Marion vor Angst brüllte, weil sie eine Qualle gesichtet hatte, freute sich, wenn er sie in seinen starken Armen auffing und mit ihr zum Liegestuhl gerannt kam, dass um sie herum das Wasser nur so spritzte. Zu dem Liegestuhl, in dem Veronika saß und ihren Studienbrief bearbeitete. Zu dem Liegestuhl, den gestern der Sperrmüllwagen abgeholt hatte.

Was Marion wohl im Moment tat und dachte? Zum Glück hatte sie nicht den Typen geheiratet, den Veronika insgeheim immer den „Wassermaler“ nannte, weil er ihr so windig vorkam wie der Schneider, der weiland dem berühmten Kaiser die neuen Kleider verpasst hatte, die niemand sah. Ein Luftikus, der mit immer neuen „Projekten“ ohne Inhalt viel Geld verdienen wollte und es niemals tat. Viel Qualm um nichts. Rauch ohne Flammen.

Irgendwo in Südamerika war Marion stattdessen gelandet, Veronika wusste nicht einmal das Land. Irgendwo in einem Dorf im Urwald, in dem es weder Internet noch Telefon, weder Strom noch eine Poststation gab. Missionarin war sie geworden, der kleine Wildfang, ausgerechnet. Nur ganz selten erhielt Veronika über ihre Zentrale eines dieser Rundschreiben, in dem sie aller Welt (und darunter auch ihrer Mutter) erzählte, was sie in den letzten Monaten erlebt hatte. Und immer ging es dabei um die Menschen in ihrem Dorf, ihre Krankheiten, ihren Alltag, ihren Glauben. Nie um Marion selbst. Ob sie inzwischen einen Partner hatte? Kinder vielleicht? Oder eine Partnerin? Ob sie noch lebte? Veronika wusste es nicht.

Sie wusste nur, dass Marion nicht zurückkommen würde, obwohl es niemals einen ernsthaften Streit zwischen Mutter und Tochter gegeben hatte. Sie hatte sich nur eben für diesen seltsamen Lebensweg entschieden, und Veronika hatte sich damit abfinden müssen. Marion und die Tropen. Eine abwegige Vorstellung – und doch Realität. Wie sehr hatte Marion immer unter zu heißen Sommern gelitten! Wenn es in der Schule „hitzefrei“ gab, verkroch sie sich im kühlen Keller, mit einer Tüte voller Butterkekse und einer Karaffe mit Wasser, in die sie die gesamten Eiswürfel aus dem Gefrierschrank warf, und einem Abenteuerroman zweifelhafter Qualität, den die Mutter lieber nicht sehen sollte. Auf Spanisch oder Portugiesisch. Damit die Eltern nicht beurteilen konnten, was sie las.

Veronika betrachtete die blutrünstig aussehenden Titelseiten der zerlesenen Taschenbücher und schichtete sie in den Karton zu dem übrigen Altpapier. Gehäckselte Kontoauszüge, Uralt-Steuererklärungen, Liebesbriefe von Joachims erster Frau aus der Zeit vor seiner ersten Ehe, Mietverträge für Wohnungen, die seit dreißig oder mehr Jahren von anderen bewohnt wurden, Studienunterlagen, Schulhefte, Postkarten aus aller Welt, zerfledderte Notenblätter. So vieles sammelte sich an, wenn der Platz dafür vorhanden war.

Aus.

Vorbei.

In Zukunft würde Veronika keinen Platz mehr für das ganze Zeugs haben. Nur das Nötigste durfte mit. Nie wieder Hitzefrei. Dort, wo sie hinging, gab es kein Meer, keine Terrasse, keinen Balkon, keinen Garten, keinen Sommer. Nur Eis und Schnee. Und zwei hoffentlich gut beheizte Zimmer, eines zum Wohnen, eines zum Arbeiten. Ohne Mobilfunk. Ohne Festnetzanschluss. Nur ein Hubschrauber würde einmal wöchentlich landen, um die Post einer Woche mitzubringen (hoffentlich manchmal auch eine Nachricht von Marion!) und ihre Arbeitsergebnisse der letzten Tage zu ihren Auftraggebern zu befördern.

„Es ist nicht viel anders als bei meiner Tochter“, hörte sich Veronika zum Capo des Entrümpelungsunternehmens sagen, der gerade neben ihr Kaffeepause machte. „Nur kälter. Viel kälter. Und nicht so religiös. Aber sonst …“ Der Capo sog an seiner Zigarette und schwieg. Sollte er doch. Der Qualm würde Veronika nicht mehr lange stören.

Draußen prasselte der Regen auf den Asphalt, sprühte aus den Pfützen wolkenwärts, tanzte schnürend im Wind. Die Pappeln verneigten sich und winkten mit den Ästen, als wollten sie sich von Veronika verabschieden, während die sich vom Taxi zum Flughafen fahren ließ. Oben auf den Hügeln entlang des Weges hatten die Höhenfeuer Mühe, sich gegen das herabströmende Wasser zu behaupten.

„Das war’s dann hier“, sagte Veronika zu der Taxifahrerin, ehe sie ausstieg und zum Gate ging. Noch einmal machte sie sich auf ins Unbekannte, zu einem großen, letzten Abenteuer. Warum auch nicht? Sterben konnte sie überall gleich gut.

(Mit Dank an „Christiane“ für die Anregung, aus den zehn Wörtern Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator und Wassermaler einen Text zusammenzusetzen, in dem Regen eine Rolle spielt; diese Geschichte ist mein dritter Versuch dazu.)

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Über Elke H. Speidel

ist Journalistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 10. August 2017 in Allgemein, Realismus und mit , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.

  1. „Sie merkte schon lange nicht mehr, wenn sie weinte.“ Ein Satz, der sich festsetzt … jedenfalls bei mir.
    Du entwirfst karge Bilder, die sich mit Wucht im Kopf eingraben. Ich würde mir wünschen zu erfahren, wie es mit ihr weitergeht.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Wenn ich jemals richtig plotten lernen sollte, könnte aus manchen kurzen Texten ein längerer werden. Ich gebe jedenfalls die Hoffnung nicht auf. 🙂

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  3. Ich denke sofort an Spitzbergen. Und mich hat der selbe Satz gefangen wie Christiane. Es hat eine Stimmung in Moll, aber ist nicht ohne Hoffnung, auch wenn deine Protagonistin das vielleicht selbst noch gar nicht so wahrhaben will. Finde ich gut!

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  4. Danke für den Hinweis. Vielleicht führe ich die Geschichte ja mal weiter.

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  1. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo – danke! | Irgendwas ist immer

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