Leere

Das Meer holte weißgrünen Schaum aus der Unendlichkeit, zerschmetterte ihn an den Felsen und pinselte daraus abstrakte Muster in den Ufersand. Gott war ein Wassermaler. Es gab keine Zeit. Kein Jetzt, kein Nachher, kein Gestern, kein Morgen, kein Später und kein Irgendwann. Es gab nur die Ewigkeit.

Einen Urlaub lang.

Irgendwo weit hinten – sehen konnte ich ihn nicht – lag Maximilian, in dem Liegestuhl, den er heute Morgen unserer Privatvermieterin abgebettelt hatte. Vermutlich döste er. Falls er nicht noch dabei war, eines der Sudokus zu lösen, die er in Überzahl in unseren Koffer gestopft hatte. Sonst war da nichts. Kein Haus, kein Auto, kein Kiosk, kein Mensch, keine Muschel, keine Qualle, nicht einmal eine Möwe. Himmel und Wasser spielten mit der Hitze Federball. Der Himmel warf sie aufs Wasser, das Wasser warf sie zurück. Wieder, wieder und wieder. Die Luft stand flimmernd am Horizont und wartete vergeblich auf den Seewind, der sie über Meer und Land verwirbeln würde wie ein Ventilator.

Gern hätte ich meine Badelatschen ausgezogen, aber der Sand war zu heiß dafür. Ob die Kinder in Annegrits Schule, tausende Kilometer von hier, jetzt hitzefrei hatten? Egal. Annegrit hatte kein hitzefrei mehr. Und keine Ferien. Und sie würde nie wieder die Schule schwänzen, um durch den Regen zu rennen. Die Schwimmflügel, die ich ihr letzten Sommer gekauft hatte, in ihrer Lieblingsfarbe Neonpink, lagen originalverpackt in ihrem Kinderzimmer.

Ich presste die Lippen zusammen, fuhr mir mit der Zunge über die Mundwinkel und schmeckte Salz. Wie ich die Sonne hasste! Diese Sonne, die wie ein künstliches Höhenfeuer auf die Erde herunterbrannte, ein Höhenfeuer ohne Knistern, ohne Qualm, ohne Ende.

Annegrits Zimmer war abgeschlossen und würde es bleiben. Bis irgendwann … aber … es gab ja kein Irgendwann mehr. Kein Auto. Keinen Kiosk. Keine Annegrit. Nie wieder würden ihre Sommersprossen um ihre Stupsnase tanzen, wenn sie verschmitzt versuchte, Maximilian und mich gegeneinander auszuspielen, um trotz aller Verbote an ihre Gummibärchen oder ihr abendliches Ballspiel zu kommen.

Ich fror plötzlich und wickelte mir mein Strandkleid fester um die Schultern. Irgendwo schrie ein Kind. Irgendwo, aber nicht hier. Und nicht heute. Ich drehte mich landwärts und folgte den Spuren meiner Badelatschen zurück durch den glühenden Sand. Es gab keine Zeit. Kein Jetzt, kein Nachher und kein Irgendwann.

Das Meer holte weißgrünen Schaum aus der Unendlichkeit, zerschmetterte ihn an den Felsen und pinselte daraus abstrakte Muster in den Ufersand. Gott war ein Wassermaler.

Und nein, ich verstand ihn nicht.

(Mit Dank an „Christiane“ für die Anregung, aus den zehn Wörtern Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator und Wassermaler einen Text zusammenzusetzen, in dem Regen eine Rolle spielt; diese Geschichte ist mein vierter Versuch dazu.)

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Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 11. August 2017 in Allgemein, Realismus und mit , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 8 Kommentare.

  1. Bedrückend, die Leere. Ich fange unwillkürlich an, nach Hinweisen zu suchen, was wohl passiert sein mag, finde keine und falle ins Leere …
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Ich tippe auf einen Autounfall, jedenfalls habe ich versucht, diese Spur zu legen. Auch ein Kiosk spielt vermutlich eine Rolle. Aber wenn ich weiterschreiben sollte, müsste ich die Spur noch prüfen. Örtlich liegt die Leere irgendwo in Südamerika an einem Strand, an dem man nicht baden kann und darf, weil die Strömung zu stark ist. Und an dem sich deshalb niemand aufhält. Maximilian und die Ich-Figur sind hierher geflohen, um die Erinnerung an ihre achtjährige Tochter Annegrit hinter sich zu lassen, aber die Leere ist, wie nicht anders zu erwarten, mitgereist. Vor Trauer kann sich niemand verstecken, und niemand kann ihr entkommen. Sie kommt immer mit, überall hin.

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  3. Hmmm, ich mag diese offenen Stories, bei der der Leser selbst interpretieren darf, was wie wo passiert sein mag und was noch passiere. Wird. Tolle Projektionsfläche!

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  4. Spannend und bedrückend zugleich, ein Bogen von Urlaub bis zur Vergangenheitsbewältigung – gefällt mir sehr!

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  5. Danke – ich hatte mich nicht getraut, noch eine vierte Geschichte zu posten. Will niemanden „zuspammen“. 😉

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  1. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo – danke! | Irgendwas ist immer

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