Potz Blitz!

Maria saß auf einer Gewitterwolke, baumelte mit den Beinen und polierte lustlos ihren Heiligenschein.

Das Tuch, mit dem sie das tat, war so zerfleddert, dass es an vielen Stellen nur noch von einzelnen Fäden zusammengehalten wurde.

Weil es trotz ihrer sieben Dringlichkeitsanträge an die Untere Himmelsbehörde kein neues Tuch gab, hatte Maria die Frequenz ihrer Reinigungsversuche stark eingeschränkt und deren Intensität auf ein Minimum heruntergefahren.

Aber gestern bei der jahrhundertlichen Hauptversammlung hatte sie mal wieder Ärger gekriegt (von Petrus, dem alten Pedanten, der sich überall einmischte), weil ihr Heiligenschein so matt geworden war, dass er von der Erde aus nicht mehr wahrgenommen werden konnte.

Wie auch anders?

Putzmittel waren verboten, sie zerstörten das Klima und galten folgerichtig als Teufelszeug.

Kein Wunder also, dass die Unterweltlichen leuchteten wie Gewitterblitze!

Wieder zuckte einer von ihnen an Maria vorbei, so nahe, dass sie fast getroffen worden wäre, hätte sie nicht geistesgegenwärtig ihren Lichtkranz als Schutzschild benutzt.

Verblüfft betrachtete sie den Reif in ihrer Hand, stellte das Polieren ein und platzierte das Ding wieder über ihrem Kopf, denn es glänzte plötzlich wie hellerlichtes Gold!

Maria lehnte sich erleichtert ins Grau ihrer Wolke zurück, räkelte sich im warmen Regen, so entspannt wie seit Jahrhunderten nicht mehr und dachte: ‚Wenn Petrus das wüsste‘ – aber sie würde den Teufel tun und es ihm erzählen!

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal mit den Wörtern „Heiligenschein“, „Frequenz“ und „erleichtert“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Es handelt sich um die Einladung für letzte Woche, in der ich leider nicht zum Schreiben gekommen bin. Morgen folgt hoffentlich die Geschichte, die diese Woche eigentlich dran ist.)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 12. September 2017 in Allgemein, Fantasy, Kürzestgeschichten, Lustige Geschichten und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Und was lernen wir daraus? Ohne „Dunkel“ kein Licht, ohne Unterweltliche keine Heiligenscheine. Sehr philosophisch. Grandios. 😉
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

  2. Da sieht man mal wieder, was so zwischen Himmel und Erde alles passiert…

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

    Gefällt mir

  3. Mehr als wir gemeinen Erdlinge denken vermutlich 😉.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: