Nie wieder

„So ein Beichtstuhl, puh!“, sagte Marin und schüttelte sich, „das wäre die Hölle für mich. Jeden Tag erzählen müssen, was du in der Schule erlebt hast? In echt jetzt?“

Johanna saß auf der Holztreppe ihres elterlichen Reihenhauses, derselben Treppe, in der sie seit Jahren zu sitzen pflegte, wenn sie aus der Schule nach Hause kam, um ihrem Papa von ihrem Tag zu erzählen, während der gemütlich die Eier in die Pfanne schlug oder die Kartoffeln zu Brei stampfte, und sah Marin mit großen Augen an, denn sie wusste nicht recht, was er meinte.

„Wieso Beichtstuhl – ich habe doch Erzähltreppe gesagt?“

„Ist dasselbe, wenn du immer alles beichten musst, was du angestellt hast“, behauptete Marin und stopfte sich eine der Schoko-Rum-Bomben in den Mund, die er Knutschkugeln nannte, weil er sie so „fett“ fand, was, wie Johanna inzwischen gelernt hatte, „gut“ oder in diesem Fall „wohlschmeckend“ bedeutete.

Warum nur wirkte Marin hier, in ihrem Elternhaus, so anders als auf dem Campus, so – unpassend – so … Wann hatte diese Verwandlung vom coolen Typen (ob das in seiner Sprache wohl „geiler Bock“ hieße, fragte sich Johanna) zum überheblichen Proleten genau stattgefunden? Wie auch immer, sie mochte es nicht, dass Marin sie jetzt anfasste, hochhob, die Erzähltreppe hinaufzuschleppen drohte und dieses blödsinnige „du willst es doch auch“ in ihr Ohr zischte.

Aber sie mochte es, dass plötzlich Papa mit dem Kräuterbund da war, das er aus dem Garten geholt hatte, ihr starker, geliebter Papa, der sie Marin aus den Armen riss und ihm mit so unmissverständlicher Geste und noch viel unmissverständlicherem Drohen in Augen und Mundwinkeln klar machte, dass er sich hier NIE – NIE – NIE wieder blicken lassen sollte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal mit den Wörtern „Beichtstuhl“, „Knutschkugel“ und „Verwandlung“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 13. September 2017 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Ich finde vor allem, dass jede/r ein Recht auf ein eindeutiges Ja oder Nein hat, und von daher finde ich es großartig, dass ihr Papa da war, als er gebraucht wurde. Ach, wären doch alle Konflikte so einfach zu lösen!
    Interessanter Jungsname übrigens, den kannte ich noch nicht.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

  2. Interessante Geschichte, „Erzähltreppe“ gefällt mir besonders gut. Ach, hätten Kinder doch solche Treppen und Väter, die ihnen zuhören!

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  3. Mögen alle Väter so aufmerksam und handlungsbereit sein.

    Lieben Gruß
    Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

  4. Hat einen quasi-autobiografischen Hintergrund. Betraf allerdings nicht mich und ist ewige Zeiten her.

    Gefällt 3 Personen

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