Archiv für den Monat Oktober 2017

Erblindend

loslassen

das frühlingsregengrün

das sommerährengelb

das herbstfarbenbunt

das winterfrostweiß

das blenden der sonne

das flirren der großstadtnacht

das glimmen der laterne

das verdämmern des mondes

loslassen

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 3 mit den Wörtern „Laterne“, „herbstfarbenbunt“, „loslassen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Traumhaft

Loslassen.

Einfach loslassen.

Sich lösen wie ein Blatt von seinem Baum, von der Sommersonne versengt, von Gewitterstürmen durchschüttelt, müde geworden, haltlos.

Loslassen.

Sich dem Nebel ergeben oder dem Herbstfarbenbunt eines milden Nachmittags, sich treiben lassen, fallen, fallen …

Loslassen – verglimmen – hinunter brennend wie das Teelicht in einer alten Laterne – ohne Aufflackern – lautlos – unmerklich fast.

Loslassen und frei sein.

Es gibt kein Danach.

Es gibt kein Davor.

Und das Jetzt ist nichts als ein Traum voller Süße und Bitterkeit.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 2 mit den Wörtern „Laterne“, „herbstfarbenbunt“, „loslassen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Loslassen

„Wenn du Dinge loslassen kannst, hast du zwei Hände frei“, schrieb er auf einen Zettel für sich selbst, und dahinter, in Klammern und mit Fragezeichen, „chinesisches Sprichwort?“. Er schrieb es, um sich das unaufschiebbar gewordene Aufräumen seines ewig überfüllten Schreibtisches zu erleichtern, das jedes Jahr im August anstand und ihn jedes Jahr dieselbe fast unmöglich zu schaffende Überwindung kostete. Eine ganze Woche reservierte er dafür in seinem elektronischen Kalender, es musste sein, und wäre es nur, um die dankbaren Worte seiner Frau zu hören, die, wie er wusste, unter dem Chaos der papierenen Informationsflut in ihrem gemeinsamen Heimbüro fast körperlich litt und sich jedesmal freute wie ein Kind, wenn Schreibtischfläche und Regale (vom Büroboden ganz zu schweigen) pünktlich zum September leer gefegt waren, noch ehe die Parkbäume vor den bodentiefen Bürofenstern herbstfarbenbunt die warmen Tage verabschiedeten und sich anschickten, zu schwarzen Skeletten verwandelt ins Nebelweiß eines zu tief gesunkenen Himmels zu stechen.

Als erste Aktion stellte er wie immer die Laterne auf seinen Flachbettscanner, die er vor einem Vierteljahrhundert beim Väterbasteln im Kindergarten für ihrer beider Tochter entworfen und gefertigt hatte, ein kunstvolles Gebilde aus Transparentpapier und Federn, das eine Ente darstellte und viele Jahre lang bei jedem Laternenumlauf bewundert worden war. Auch in diesem Jahr würde er die Ente nicht wegwerfen, und seine Frau würde es verstehen, denn vielleicht könnte die Enkeltochter (jetzt noch ein Baby) sie irgendwann vor sich hertragen und stolz den anderen Kindern erzählen, dass ihr Opa die gebastelt habe, für ihre Mama damals, vor undenklichen Zeiten, als die Mama ein Kindergartenkind war.

Er prüfte den Zettel mit dem Spruch noch einmal, überlegte, ob er ihn ordentlicher abschreiben sollte, als bessere Motivation, denn bei den ersten Wörtern hatte der Kugelschreiber nicht recht mitgespielt, aber dann verwarf er die Idee und klemmte den Zettel so, wie er war, mit einer grünen Büroklammer an den Rand der Laternen-Ente; grün wie die Hoffnung, fiel ihm dabei ein, und er grinste still in sich hinein. Zufrieden mit sich und seiner heutigen Leistung fuhr er den Rechner hinunter, schob den Pfeil an seinem Papierkalender einen Tag weiter (es war inzwischen nach Mitternacht), löschte das Licht im Heimbüro und ging ins Bad, um sich die Zähne zu putzen, ehe er sich neben seine Frau, die schon seit über einer Stunde schlief, unter die Bettdecke legen würde. Morgen, das hatte er ihr versprochen, würde er mit dem Aufräumen anfangen.

Aber als am nächsten Tag um sechs Uhr der Radiowecker „Danke für diesen guten Morgen“ anstimmte, fand seine Frau ihn leblos neben der Badewanne, mit einem erstarrten Lächeln im Gesicht, die Zahnbürste mit rot-weißer Zahnpasta garniert in der steif angewinkelten rechten Hand. Der Zettel an der Laterne erleichterte es ihr in den folgenden Monaten, all das wegzuräumen, was sie immer so gestört hatte und was sie jetzt bis an ihr Lebensende vermissen würde, all die unnützen Dinge, die ihr das Gefühl gaben, ihren Mann Stück für Stück zu entsorgen, jeden Tag ein bisschen mehr, und die doch zweifellos entsorgt werden mussten, um die Hände, vielleicht, irgendwann wieder frei zu bekommen.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „Laterne“, „herbstfarbenbunt“, „loslassen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Schön war’s

„Zweibrücken – Zweibrücken – Zweibrücken“, murmelte die alte Dame und nestelte nervös an ihrer Brille, die an einem silbernen Kettchen befestigt war und ihr wie ein zu groß geratenes Schmuckstück über dem flachen Busen baumelte, genau oberhalb des Perlenschmetterlings, der ihren zartrosa Mohairpulli zierte, „nun hilf mir mal, Roman“, es klang ungeduldig, „da war doch was, damals, in Zweibrücken, du weißt es sicher noch, du weißt ja sonst auch immer, was ich meine!?“

„Ich bin nicht Roman, Frau Eichhorster“, antwortete der junge Mann mit geschulter Ruhe in der Stimme und hob die fadenscheinig gewordene Seidendecke mit dem eingewebten Familienwappen vom peinlich sauberen PVC-Fußboden auf, drapierte sie vorsichtig so, dass sie die Räder des Rollstuhls nicht berührte und steckte sie rechts und links an Frau Eichhorsters magerem Körper fest.

„Aber wenn du nicht Roman bist, wer bist du dann, und was wollen Sie hier in Zweibrücken, junger Mann?“

Die alte Dame guckte irritiert zum kleinen Gitterkreuzfenster hin, wo, unsichtbar für ihre unbebrillten Augen, am Horizont die Alpen schwarzgezackt in den Abendhimmel ragten.

„Bist du Silviu?“

„Ich heiße Ahmed“, sagte der junge Mann, „Ahmed Aytulun, und ich arbeite hier, und Sie sind in der Residenz Abendsonne, in Radfeld, und wir kennen uns seit fünf Jahren.“

Frau Eichhorsters Hand wischte ruhelos über die Seidendecke, der Gedanke an Zweibrücken ließ sie nicht los, da war doch etwas gewesen, verdammt, sie wusste es genau, aber sie hatte vergessen, was es war, und dieser Junge, Roman oder Silviu oder Ahmed (sie erinnerte sich nicht, einen Enkel namens Ahmed zu haben, eigenartig), der wollte ihr nicht auf die Sprünge helfen wie sonst, oder er konnte es nicht, oder … Die alte Dame fasst nach einer nicht mehr vorhandenen Haarsträhne, um sie mit gewohnter Geste hinter ihr linkes Ohr zu wickeln, fasste ins Leere, starrte einen Augenblick verwundert auf ihre Handfläche, hob die Hand dann trotzig zum Ohr und hielt sich leicht zitternd am Ohrläppchen fest, grenzenlos erstaunt über diese seltsame Welt, die so gar nicht mehr schien, wie sie einmal gewesen war.

Ja, damals, in Zweibrücken, damals, als … als …

Mit trüben, halbblinden Augen, die dritten Zähne (oder die fünften, es spielte keine Rolle) knirschend aufeinandergepresst, gab sie es vor sich selbst zu, dass es weg war, das Damals, fortgeweht auch aus ihrer Erinnerung, und sie bemühte sich, das Gefühl der Freude trotzdem weiter zu spüren, das damit verbunden blieb, denn sie wusste, das, was sich in Zweibrücken abgespielt hatte, irgendwann in einem früheren Leben, das war schön gewesen, sehr schön – was immer es gewesen sein mochte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 3 mit den Wörtern „verdammt“, „Zweibrücken“, „grenzenlos“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Angebot ohne Alternative

„Verdammt – Zweibrücken. Ausgerechnet.“

„Wieso?“ Hannalene wunderte sich über den grenzenlos traurigen Ausdruck in den Augen ihres Freundes. Achim müsste sich doch freuen, er hatte so lange nach einem neuen Job gesucht, nachdem er aus der Reha entlassen worden war und seine Ärztin ihn für arbeitsfähig erklärt hatte. Eingeschränkt arbeitsfähig. Das hatte seine Chancen auf eine anspruchsvolle Tätigkeit stark gesenkt.

Wer wollte schon einen Großhandelskaufmann, der in zwanzig Stunden nur das Pensum von zehn regulären Arbeitsstunden erledigen konnte?

Nur das Dienstleistungszentrum der Bundeswehr in Zweibrücken hatte zugesagt, ausgerechnet, und alle Zehennägel kräuselten sich Achim beim Gedanken, sein Geld künftig vom Verteidigungsministerium zu bekommen, er, der den Wehrdienst aus sehr guten Gründen verweigert hatte.

Aber die Alternative war nur das Jobcenter, sonst gar nichts, und so sagte er zähneknirschend zu.

 

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 2 mit den Wörtern „verdammt“, „Zweibrücken“, „grenzenlos“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Ausweisepläne

„Ich wüsste etwas“, sagte die Mutter Gottes, „was meinen Sohn und seinen Vater dazu bringen könnte, uns für ein Weilchen auszuweisen aus diesem Paradiesgarten, der immer mehr zum Gefängnis wird für uns: Wir müssten einfach ein paar Birnen vom Baum des Lebens naschen, die sind bestimmt lecker, und den Führenden Männlichen Heiligen dürften wir nichts davon abgeben, damit Gott-Vater sie nicht auch zu unserem Ausflug in die Freiheit als Aufpasser mitschickt.“

Eva betrachtete traurig ihr dunkelolivgrünes Spiegelbild, das die himmlisch ruhige Wasserfläche erbarmungslos klar zurückwarf, und betrachtete die klobigen Filzstiefel, die soeben in der ungeliebten Uniformfarbe RGB 85, 107, 47 geliefert worden waren, mit Verachtung und Abscheu.

„Und wohin könnten wir dann gehen?“, fragte sie, und die Resignation in ihrer Stimme schien grenzenlos und kullerte wie Tränen von Wolke zu Wolke, „hast du dir das auch schon überlegt?“

„Nach Zweibrücken,“ platzte Maria heraus.

„Wie bitte?“ Noch niemals hatte die Erste Frau von einer solchen Ortschaft gehört.

„Dort findet am 28. Oktober eine Grusel-Modenschau statt“, sagte die Mutter Gottes, „und wenn ich uns so anschaue, haben wir gute Chancen, dafür zugelassen zu werden.“

„Hm“, machte die Erste Frau, „falls wir nicht dazu verdammt werden, dann für immer dort zu bleiben?“

„Werden wir nicht“, versprach Maria, „auf meinen Sohn kann ich mich verlassen, wer sich auf ihn beruft, bekommt jede Schandtat vergeben, und außerdem – ewig leben kann in Zweibrücken niemand, irgendwann müssen wir dort also sterben, und schwups sitzen wir wieder hier auf unserer Wolke, gestärkt von einem Kurzurlaub, neu eingekleidet und voller origineller Ideen, wie wir den FMH ein Schnippchen schlagen können.“

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „verdammt“, „Zweibrücken“, „grenzenlos“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Es handelt sich um eine Fortsetzung meiner Maria-und-Petrus-Anekdoten. Oder Maria-und-Eva-und-die-F(ührenden)-M(ännlichen)-H(eiligen) …)

Abendspaziergang

Noch ein Atemzug, und noch einer, und noch einer. Noch ein Schritt, immer nur einer, von Steinplatte zu Steinplatte, jeder Weg besteht aus Schritten, aus vielen Schritten, aber immer nur aus einem auf einmal, so wie ein Atemzug immer allein daherkommt, wie er auch keinen anderen braucht, nicht jetzt, nicht im nächsten Jahr, nicht im nächsten Monat, nur im nächsten Augenblick, und wieder … Ich gehe, und ich werde weiter und weiter gehen, den Weg, den er gegangen ist, und vielleicht werde ich dort ankommen, wo er angekommen ist, aber das weiß ich nicht, niemand weiß es, den ich kenne, denn ich kenne keinen Menschen, der diesen Weg je zurückgekommen ist.

Die Wolken am Dämmerhimmel sehen aus wie Dämonen, wie Federn, wie Schäfchen, wie riesige Wattebäusche, wie mächtige Gebirge, wie die Silhouette einer fremdartigen Stadt und dann wieder nur wie Wolken, windzerfetzt, vereinzelt, schlecht zusammenpassend, Schmutzflecken am Himmel. Welche Farbe hat der Himmel jetzt, seit auch das letzte Sonnenlicht hinter den Hochhäusern verschwunden ist? Er ist nicht mitternachtsblau, oder wenn er es wäre, könnte ich es nicht erkennen hinter all dem fragwürdig bunten Flirren der Großstadtlichter, die ich so geliebt habe, vor vielen Jahren, dass ich mir extra eine Busfahrkarte kaufte, um in die Innenstadt zu fahren und das Rot und Grün der Ampeln, das Weiß der Straßenlaternen, das Neonblau der Leuchtreklamen zu bestaunen.

Noch ein Schritt. Noch ein Atemzug.

„Du musst keine Angst haben“, sagt mein Enkelsohn, „du musst nichts tun, denn irgendwann sterben wir alle. Du musst nur warten, irgendwann wird ein Atemzug der letzte sein, und dann kommst du zum Opa, und später, weißt du, komme ich auch zu euch, und dann sind wir alle wieder zusammen.“

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 2 mit den Wörtern „Monat“, „fragwürdig“ und „gehen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Paradiesische Innovation

Eva und Maria hatten sich nicht getäuscht. Tatsächlich ließ Petrus, im Einvernehmen mit Adam und unter der tätigen Mithilfe von Noah, eine Honigpumpe ins Paradies einfliegen, ein riesiges Ding, das den Honig der politischen Korrektheit von der Erde pumpen sollte, weil im Paradies nach Meinung der drei männlichen Heiligen der bessere Platz dafür war. Petrus installierte eigenhändig das glitzernde Wunder der Technik, genau zwischen dem Baum der Erkenntnis und dem Baum des Lebens, und erklärte der Ersten Frau und der Mutter Gottes die Funktion in allen Einzelheiten:

„Hier fließt die Gerechtigkeit durch, dieser Schlauch führt die Chancengleichheit, und da seht ihr die Barmherzigkeit und die Gnade, also eine echte Innovation gegenüber dem Modell, das sie auf der Erde benutzen“, schwärmte der Schließer der Himmelspforte. „Die Pumpe ist ganz einfach zu bedienen, händisch, aber nicht allzu schwergängig, in einem Monat  oder spätestens in dreien habt sicherlich selbst ihr verstanden, wann ihr wohin drücken müsst, um die richtige Mischung zu erzeugen.“

„Als wenn wir Vollidiotinnen wären“, sagte die Erste Frau, als die Herren Heiligen sich umwandten, um wieder zu ihren Wolkenbänken zu gehen, wo wichtige und dringliche Musikarbeit an ihren Harfen und Posaunen auf sie wartete.

„Warum wusste ich das vorher?“, fragte die Mutter Gottes, „dass die so eine widerliche Maschine beschaffen würden, und dass die händisch zu bedienen ist?“

„Und zwar von uns“, stimmte Eva zu, „wie ich dir gleich gesagt habe.“

„Aber dass sie uns dann nicht mal zutrauen, dieses Monster korrekt zu bedienen, das ist schon mehr als fragwürdig“, schimpfte Maria, „das ist eine Beleidigung der heiligen weiblichen Intelligenz!“

„Du sagst es“, seufzte Eva, während sie die bunten Knöpfe betätigte, die alle fein säuberlich beschriftet waren und eine Fehlbedienung gar nicht zuließen, und schielte sehnsüchtig vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens hinüber, „ich wollte, mir fiele etwas ein, dass deinen Sohn und seinen Vater dazu bewegen könnte, uns bald wieder auszuweisen von hier.“

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „Monat“, „fragwürdig“ und „gehen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Es handelt sich um eine Fortsetzung meiner Maria-und-Petrus-Anekdoten.)

Brief an eine Romanfigur

Sehr geehrte Frau Schneider, liebe Cristina,

Sie sind die Hauptperson in dem Roman, den ich gern schreiben würde, wenn ich mehr über Sie und Ihr Schicksal wüsste. Wir kennen uns nun schon so lange, 60 Jahre sind es inzwischen, glaube ich, aber irgendwie kann ich Sie nicht richtig einschätzen. Ganz abgesehen davon, dass ich nach wie vor per Sie mit Ihnen bin. Das war früher anders, nicht wahr? Damals, als Sie und ich noch zur Schule gingen? Wir haben sogar zeitgleich dieselbe Schule besucht, auch wenn Ihnen das nicht bewusst sein mag. Sie waren  eine Klasse unter mir, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Wir haben uns sicher bei Schulschlussfeiern gesehen, und vielleicht würden wir gegenseitig unsere Gesichter erkennen, wenn wir sie auf einem alten Foto fänden. Vielleicht auch nicht. Ich erkenne viele Gesichter nicht mehr, wissen Sie? Geht es Ihnen auch so?

Aber da wir Schulkolleginnen sind und so gut wie gleichaltrig, könnten wir eigentlich „du“ zueinander sagen, finden Sie nicht? Ich bin ein Jahr älter als Sie. Also darf ich Ihnen laut Knigge (der zählte noch was, als Sie und ich junge Mädchen waren) das Du anbieten. Ich hoffe, Sie finden das nicht zu distanzlos? Wenn Sie sich nicht wehren, setze ich voraus, dass Sie einverstanden sind.

Also – ich bin die Elke. Und ich sage ab sofort Cristina zu dir, so lautet schließlich dein bürgerlicher Vorname. Alles andere, Cristl, Codruţa, keine Ahnung was noch, sind Spitznamen oder Kurznamen oder Kosenamen, du darfst dir aussuchen, was dir lieber ist. Wer genau hat dich immer Codruţa genannt? Deine Mama, zu der du Mămica sagtest? Dein Papa (bei uns hieß das Tata), der für dich der Tăticu war? Und dein Mann Uwe? Oder auch deine Schwiegermutter und dein Schwiegervater?

In der Schule warst du die Cristl. Ich habe es mir immer mit „h“ vorgestellt, „Christl“ also, oder „Christel“, aber dann kamen die Sommerferien, in denen ich von der Feldarbeit freigestellt war und die Klassenkataloge bearbeiten musste, während die anderen Schülerinnen und Schüler unserer Schule Kartoffeln ernteten. Und da sah ich, dass du gar nicht Herbert hießt, wie ich gedacht hatte, sondern Munteanu, und gar nicht Christine, sondern Cristina. Du wohntest halt bei den Herberts, den Herbertischen, wie wir sagten, deshalb dachte ich … und im Katalog war tatsächlich ein Bleistiftvermerk neben „Munteanu Cristina“, auf dem „Herbert Christel“ stand. Damit die Klassenlehrerin wusste, wer du warst.

Dein Mann, der Schneider Uwe, war in meiner Klasse, aber nicht in meiner Clique. Ich wusste trotzdem, dass du mit ihm zusammenwarst, und es war ein ziemlicher Skandal, als ihr so kurz nach deinem Abitur – Matura hieß das bei uns, oder Bakkalaureat – geheiratet habt. Denn es wurde bald klar, was der Grund dafür war, als du nur vier Monate später eine Tochter zur Welt brachtest. Marcela, nicht wahr? Ich weiß nicht, ob ich sie je gesehen habe, denn ich bin gleichzeitig mit den Herbertischen nach Deutschland ausgewandert, und du bliebst in Siebenbürgen zurück, zogst mit Uwe auf irgendein Dorf, Mehrburg, irgendwo Harbach-abwärts an der Strecke der Schmalspurbahn zwischen Agnetheln und Hermannstadt. Uwe nannte dich nie Cristl, daran erinnere ich mich noch. Deine Geschwister – hießen sie nicht Gerlinde und Edi? – sagten Cristl zu dir, aber Uwe nie.

Obwohl, das waren doch gar nicht deine Geschwister, die Herbert-Kinder. Du kamst aus Kleinkopisch, glaube ich. Oder aus Bukarest? Jedenfalls waren deine richtigen Eltern tot, zumindest die Mămica. Das hat mir Uwe einmal erzählt. Der Tăticu lebte noch, in Bukarest, verheiratet mit einer anderen Frau, die für dich Tanti … Rodica? ja, Rodica! hieß. Sie hatten deinen kleinen Hund nach Bukarest mitgenommen, als deine Mama starb, aber dich nicht. Ich kann mich daran erinnern, dass Uwe fast weinte, als er mir das erzählte.

Danach habe ich dich aus den Augen verloren. Wie ist es dir denn ergangen? Was machst du beruflich? Was ist aus deiner Tochter geworden? Was macht Uwe und wie geht es ihm? Ich habe viel später auch eine Tochter geboren, sie ist zehn Jahre jünger als deine und hat jetzt selbst Kinder. Mein Mann lebt nicht mehr, leider. Ich habe lange als Journalistin gearbeitet und bastle derzeit an einer neuen Geschäftsidee (wenn klar ist, worum genau es sich handelt, erzähle ich dir gern mehr darüber). Vielleicht hast du auch Enkelkinder?

Ich würde mich freuen, mehr von dir zu lesen, weil ich dich gern besser kennenlernen möchte – du weißt schon. Für meinen Roman. Den kann ich nämlich nicht weiterschreiben, wenn ich nicht weiß, was aus dir geworden ist.

Hoffentlich bis bald!

Mit lieben Grüßen

Elke

(Der Roman mit Codruţa Schneider als Hauptfigur „hängt“ tatsächlich, weil C. Schneider geb. Munteanu derzeit nicht mit mir kommuniziert. Sie geht nicht ans Telefon, antwortet nicht auf Mails … vielleicht bevorzugt sie die Gelbe Post, deshalb schicke ich ihr diesen Brief als Papiervariante. Falls sie antworten sollte, werde ich es hier offenlegen. Und ich hoffe, sie schreibt etwas, das meinem Plot zu mehr Spannung verhilft. ☺)

Gejagte Schnäppchenjägerin

Dass Birkenweiher seine besten Tage hinter sich hatte, konnte jede sehen, die in der Straßenbahn daran vorbeifuhr und froh war, nicht an einer der beiden Haltestellen aussteigen zu müssen, an denen alles trist und grau aussah, selbst die mit misslungenen Graffiti-Schriftzügen verzierten Reste der Plastikscheiben, die einmal Wartende auf der jetzt verrotteten Holzbank vor Sturm und Regen geschützt haben mochten. Keine Suburb mit gepflegten Vorgärtchen, keine Bungalowsiedlung für Schulleiter und kinderlose Fachhochschulprofessorinnen, keine Reihenhausanlage für beamtete Lehrerinnen und angestellte Handwerksmeister, eher eine aus dem Nichts hochgezogene Trabantenstadt ohne durchdachte Infrastruktur, eine Bleibe für Arbeitsuchende, Alleinerziehende und Immigrantinnen ohne anerkannte Berufsausbildung und allzu oft auch ohne Aufenthaltsgenehmigung. Einer dieser Orte, an denen Interpol immer gute Chancen hatte, fündig zu werden, wenn es galt, einen internationalen Haftbefehl zu vollstrecken.

Und hier, ausgerechnet hier, sollte es die Honigpumpe geben, die Mariella Heinemann bei Ebay ersteigert hatte, ein echtes Schnäppchen, eine Pumpe mit einem Neuwert von über 1700 Euro für jämmerliche 120 Lappen zum Selbstabholen, mit Barzahlung, dazu eine Vierwaben-Schleuder mit Freilaufantrieb und Rückdruckbremse für 40 Euro, ein Zweihand-Honig-Rührwerk für 20 Euro und noch einige weitere Kleinigkeiten für den Imkereibetrieb, die Heinemann und ihre Partnerin vom Bioladen dringend brauchten, während sich ihr ehemaliger Besitzer offenbar so schnell wie möglich von dem Zeug trennen wollte. Die ärmliche Gegend hatte Heinemann nicht viel ausgemacht, ehe sie ausgestiegen war, ein schmuddeliges Viertel, na ja, aber No-Go-Areas gab es nicht wirklich. Oder doch?

Der Typ im Kapuzenpulli in Flecktarn-Muster, der ihr jetzt schon seit einer Viertelstunde folgte und immer näher kam (die Haltestelle war leider weit weg von der Abholadresse), war ihr nicht geheuer mit dem schwarzen Bart, der ihm bis zum Gürtel reichte, dem undefinierbaren länglichen Gepäckstück über der Schulter (ein Musikinstrument konnte es sein, aber auch etwas anderes), dem gefährlich aussehenden Kampfhund (vielleicht eine Bulldogge) und den schweren Militärstiefeln, die rhythmisch auf den Asphaltgehweg trommelten, nur ab und zu unterbrochen von einem platschenden Geräusch, wenn ihr Besitzer durch eine der zahllosen Pfützen stapfte, die sich beim Regen letzte Nacht in den Schlaglöchern gesammelt hatten.

Heinemann versuchte, schneller auszuschreiten, aber der Typ beschleunigte seine Schritte ebenfalls und holte auf, sodass sie unwillkürlich an ihre Manteltasche fasste, um zu fühlen, ob die Geldbörse noch drin war. Wie elektrisiert blieb sie stehen, denn da war nichts zu spüren, auch nichts herauszukramen, als Heinemann die Tasche von innen nach außen drehte, da gab es einfach nichts mehr; die Börse mit sämtlichen Papieren, mit fünfhundert Euro in bar, mit zwei Scheck- und zwei Kreditkarten und nicht zuletzt mit dem Foto ihrer vierjährigen Enkeltochter war weg, und der finstere Typ holte Heinemann eben ein.

Sie hörte schon alle Engel im Himmel singen, als er abrupt eine Hand aus der Eingrifftasche seines Kapuzenpullis zog, ehe er sagte: „Gut, dass ich Sie noch erwische, obwohl Sie es offenbar so eilig haben, Sie haben nämlich eben in der Straßenbahn ihre Geldbörse verloren, und ich konnte Sie kaum einholen, um sie Ihnen wiederzugeben.“

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 3 mit den Wörtern „Interpol“, „Trabantenstadt“ und „Honigpumpe“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)