Gejagte Schnäppchenjägerin

Dass Birkenweiher seine besten Tage hinter sich hatte, konnte jede sehen, die in der Straßenbahn daran vorbeifuhr und froh war, nicht an einer der beiden Haltestellen aussteigen zu müssen, an denen alles trist und grau aussah, selbst die mit misslungenen Graffiti-Schriftzügen verzierten Reste der Plastikscheiben, die einmal Wartende auf der jetzt verrotteten Holzbank vor Sturm und Regen geschützt haben mochten. Keine Suburb mit gepflegten Vorgärtchen, keine Bungalowsiedlung für Schulleiter und kinderlose Fachhochschulprofessorinnen, keine Reihenhausanlage für beamtete Lehrerinnen und angestellte Handwerksmeister, eher eine aus dem Nichts hochgezogene Trabantenstadt ohne durchdachte Infrastruktur, eine Bleibe für Arbeitsuchende, Alleinerziehende und Immigrantinnen ohne anerkannte Berufsausbildung und allzu oft auch ohne Aufenthaltsgenehmigung. Einer dieser Orte, an denen Interpol immer gute Chancen hatte, fündig zu werden, wenn es galt, einen internationalen Haftbefehl zu vollstrecken.

Und hier, ausgerechnet hier, sollte es die Honigpumpe geben, die Mariella Heinemann bei Ebay ersteigert hatte, ein echtes Schnäppchen, eine Pumpe mit einem Neuwert von über 1700 Euro für jämmerliche 120 Lappen zum Selbstabholen, mit Barzahlung, dazu eine Vierwaben-Schleuder mit Freilaufantrieb und Rückdruckbremse für 40 Euro, ein Zweihand-Honig-Rührwerk für 20 Euro und noch einige weitere Kleinigkeiten für den Imkereibetrieb, die Heinemann und ihre Partnerin vom Bioladen dringend brauchten, während sich ihr ehemaliger Besitzer offenbar so schnell wie möglich von dem Zeug trennen wollte. Die ärmliche Gegend hatte Heinemann nicht viel ausgemacht, ehe sie ausgestiegen war, ein schmuddeliges Viertel, na ja, aber No-Go-Areas gab es nicht wirklich. Oder doch?

Der Typ im Kapuzenpulli in Flecktarn-Muster, der ihr jetzt schon seit einer Viertelstunde folgte und immer näher kam (die Haltestelle war leider weit weg von der Abholadresse), war ihr nicht geheuer mit dem schwarzen Bart, der ihm bis zum Gürtel reichte, dem undefinierbaren länglichen Gepäckstück über der Schulter (ein Musikinstrument konnte es sein, aber auch etwas anderes), dem gefährlich aussehenden Kampfhund (vielleicht eine Bulldogge) und den schweren Militärstiefeln, die rhythmisch auf den Asphaltgehweg trommelten, nur ab und zu unterbrochen von einem platschenden Geräusch, wenn ihr Besitzer durch eine der zahllosen Pfützen stapfte, die sich beim Regen letzte Nacht in den Schlaglöchern gesammelt hatten.

Heinemann versuchte, schneller auszuschreiten, aber der Typ beschleunigte seine Schritte ebenfalls und holte auf, sodass sie unwillkürlich an ihre Manteltasche fasste, um zu fühlen, ob die Geldbörse noch drin war. Wie elektrisiert blieb sie stehen, denn da war nichts zu spüren, auch nichts herauszukramen, als Heinemann die Tasche von innen nach außen drehte, da gab es einfach nichts mehr; die Börse mit sämtlichen Papieren, mit fünfhundert Euro in bar, mit zwei Scheck- und zwei Kreditkarten und nicht zuletzt mit dem Foto ihrer vierjährigen Enkeltochter war weg, und der finstere Typ holte Heinemann eben ein.

Sie hörte schon alle Engel im Himmel singen, als er abrupt eine Hand aus der Eingrifftasche seines Kapuzenpullis zog, ehe er sagte: „Gut, dass ich Sie noch erwische, obwohl Sie es offenbar so eilig haben, Sie haben nämlich eben in der Straßenbahn ihre Geldbörse verloren, und ich konnte Sie kaum einholen, um sie Ihnen wiederzugeben.“

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 3 mit den Wörtern „Interpol“, „Trabantenstadt“ und „Honigpumpe“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 5. Oktober 2017 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Lustige Geschichten, Realismus und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 8 Kommentare.

  1. Ich wünschte mir, dieses Beispiel würde Schule machen. Danke dafür, ich verliere gerade ein bisschen meinen Glauben an alles.
    Liebe Grüße zur Nacht
    Christiane

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  2. Das tut mir leid für dich. 😞

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  3. Ich hab mal was Ähnliches erlebt, ist schon tausend Jahre her. Da war ich in Algerien, war grad unabhängig geworden. Ich ging mit einem englischen Freund auf einem Platz einen Kaffee trinken – doch wurden wir vom Kellner freundlich aber bestimmt informiert, dass Damen nicht in der Öffentlichkeit sitzen dürften. Also sprangen wir ziemlich irritiert auf und entfernten uns. Wir waren noch nicht weit, als ein zerlumpter etwa 10-jähriger Junge hinter uns hergelaufen kam. „Madame, Madame“! In der Hand meine Handtasche, die ich bei dem eiligen Aufbruch vergessen hatte. Ich bedankte mich und fischte nach einem Geldstück, aber er verbeugte sich mit Noblesse, sagte: „Mon plaisir“ und verschwand.

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  4. Ja, es gibt sowas wirklich. Meine Geschichte hat auch einen autobiografischen Hintergrund.

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  5. Fein. Ein toller, atmosphärischer erster Satz und ein wunderbares, aber auch realistisches Ende (oft sind die, die eben nicht so aussehen eher ehrlich als die, von denen man es erwarten würde, gilt auch für Hilfsbereitschaft, meiner Erfahrung nach).

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  6. Sehr gelungen und gern gelesen. Das Ende ist so schön!

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  7. Danke. Wie gesagt – autobiografischer Hintergrund. Sowas gibt’s.

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