Archiv für den Monat November 2017

Vorankündigung Christmas Blogging Adventskalender

Eine nette Idee: der Blogger-Adventskalender. Ich mache zum ersten Mal mit und bin gespannt, ob ich mich damit zurechtfinde. Und natürlich bin ich ebenso gespannt auf die Beiträge der anderen Mitmachenden!

Urlaub für den Muser

Seit mein Muser sich mit Burnout-Symptomen auf die Kanarischen Inseln verabschiedet hat – Ausrede: er BRAUCHE den Urlaub, und ich müsse ihn bezahlen, ich sei schließlich schuld an seinem Zustand – ist mein vormals breiter und reißender Ideenstrom komplett versiegt. Nur noch ein leeres Flussbett erinnert daran, dass da mal etwas gewesen sein muss, das wohl doch nicht in meinem eigenen Kopf wohnte, wie ich immer dachte, sondern in demjenigen vom Muser, obwohl ich den Kerl bisher für total überflüssig gehalten habe.

„Du unterschätzt uns alle“, beschwert sich der Nopupa, eine Fantasiegestalt, die dem dreijährigen Kindergartenhirn meiner Enkelin entsprungen ist wie alle Fantasiewesen um mich her, vom Muser einmal abgesehen, aber der ist ja, wie gesagt, nicht mehr da, sondern auf den Kanaren, und das für unbestimmte Zeit (oder solange mein Geld für seine Erholungshöhle reicht).

Der Nopupa ist derjenige unter den Gespenstern und Monstern meiner Zwei-Zimmer-Wohnung, der den meisten Quatsch macht. Er erfindet Wörter wie Dumamo und mindieren und quamquompom und xinowasig und Klamidro, was dann so klingt als mindiere ein Dumamo quamquompom xinowasig ins Klamidro hinüber.

Das nervt den Bepampam tierisch, weil er es nicht versteht und weil SEINE Spezialität eher darin besteht, auf meinem Bett herumzuhüpfen, um mich aufzuheitern, denn schließlich hat meine Enkeltochter ihn eigens zu dem Zweck erfunden, dass er mir zur Seite stehe (oder eben hüpfe), wenn mich der Kummer packt, weil ihr Opa tot ist. Aber wenn es darum geht, sich unterschätzt zu fühlen, stimmt der Bepampam dem Nopupa augenblicklich zu.

„Ohne den Muser kannst du nicht mal einen simplen Weihnachtsstern klöppeln, geschweige denn eine gescheite Geschichte schreiben“, wirft er mir vor, und das stimmt auffällig, weil ich überhaupt gar nicht klöppeln kann, „und soviel ich den Muser verstanden habe, ist diese Börnhaut-Sache höchst langwierig, du musst also endlich mal selbst etwas tun!“

„Das sehe ich auch so“, meldet sich der kleine Dinosaurier mit dem bösen Gesicht und den Stacheln am Rücken, der sich am liebsten von Kinderfüßchen ernährt, wie meine Enkelin mir mehrere Male täglich versichert, wenn sie nicht allein auf Toilette gehen will, weil ihr der bösartige Dino im Bad auflauert, „also hurtig, hurtig, ab in dein Oma-Büro, Computer angemacht, und los geht’s!“

Ich schließe die Tür hinter mir, um endlich in Ruhe nachdenken zu können, ohne Quatschsätze und Bettgehüpfe, und frage mich ein wenig bange, ob der kleine Dinosaurier wohl auch MEINE Füße schmackhaft fände, wenn er es schaffte, in mein Oma-Büro zu kommen, beschließe, das unwahrscheinlich zu finden, weil meine Füße bestimmt zäh sind wie Sohlenleder, und drehe doch zur Sicherheit den Schlüssel zweimal um, auch wenn das ein Monstergespenst wie den kleinen Dino schwerlich am Eindringen hindern dürfte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die mit den Wörtern „Flussbett“, „langwierig“, „klöppeln“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Sie stammen diesmal übrigens von „Frau Myriade“.)

Der erste Brief

„Gänse sind das, Gänse, mein Mädchen. G-ä-n-s-e. Gigaga machen die.“

„Giga.“

„Ja. Gi-ga-ga. Magst du es der Oma schreiben, dass wir die gesehen haben?“

„Sseiben.“

„Der Oma?“

„Oma. Oma sseiben!“

„Fein. Was schreiben wir noch?“

„Liebe Oma?“

„Genau. Liebe Oma – magst du es auch dem Opa schreiben?“

„Opa.“

„Gut. Liebe Oma, lieber Opa …“

„Wir haben Giga-giga-giga?“

„… Gänse gesehen, in der Pfütze vor unserem Küchenfenster …“

„Nein!“

„Nein? Was nein? Warum denn nicht? Da sind doch die Gänse, und es regnet, und sie baden in der Pfütze?“

„Nein. Will nicht!“

„Aber was willst du dann?“

„Liebe Oma …“

„… und lieber Opa?“

„… Opa …“

„Und dann?“

„Wir haben …“

„Wir haben?“

„Giga-giga-giga! Fättich aus! Von Mama und Maus.“

„Von Erika und Mama?“

„Sstimmt. Fättich aus. Ssumachen. Ssumachen und wegdamit!“

(Diese Geschichte entstand als Reizwortgeschichte während eines Schreibworkshops bei der Lektorin und Schreibtrainerin Maike Frie in Münster. Es gab mehrere Reizwörter, gewonnen aus einem Schreibspiel ähnlich dem Spiel „Stadt-Land-Fluss“. Die Wörter durften, mussten aber nicht alle verwendet werden. Ich wählte in diesem Fall das Wort „Gänse“.) 

Stummes Rufen

„Komm her“, sagte Franz-der-Fisch, „komm her zu mir!“

Er sagte es mit seinen großen, grünen Augen zu niemand Bestimmtem, denn niemand außer ihm war da, und er wusste es. Trotzdem bettelte er stumm mit halb geöffneten Lippen um Beachtung.

Warum kam denn keiner? Wo waren alle? Gut, auf Harry-den-Hai verzichtete er gern, und mit Walter-dem-Wal konnte er auch wenig anfangen. Aber Dietmar-der-Delfin? Was war mit dem? Wie herrlich hätte Franz mit ihm spielen können, wie oft hatten sie es zusammen getan!

War er etwa Manfred-dem-Menschen ins Netz gegangen? Bloß das nicht! Ein Dasein im Aquarium eines zoologischen Gartens war das Schrecklichste, das sich Franz und Dietmar je ausgemalt hatten. Roberta-die-Robbe, der die Flucht aus einem Zoo gelungen war, hatte gar nicht aufhören können, Horrorgeschichten darüber zu erzählen.

„Komm her, du“, bettelte Franz weiter mit den Augen, bettelte ins Leere hinein, sinnlos, denn in dem Gewässer, das sein Zuhause war, lebte außer ihm nichts mehr, und die Reste des aufblasbaren Plastikkrokodils, die blaurosa an einem vorspringenden Unterwasserfelsen baumelten, konnten Franz nicht antworten, hätten es nicht einmal zu der Zeit gekonnt, als der Strand noch sauber und voller Menschenkinder gewesen war, die fröhlich ihre Sandburgen gebaut hatten.

(Diese Geschichte entstand als Bildbeschreibung während eines Schreibworkshops bei der Lektorin und Schreibtrainerin Maike Frie in Münster. Darzustellen, aber nicht zu nennen war der Begriff „traurig“ anhand des Aussehens eines bunten Fisches auf schwarzem Grund.) 

Die Babymuschel

Die kleine Muschel lag allein am Strand und weinte, weil sie so allein war. Sie wollte zu ihrer Mamamuschel oder zu ihrer Papamuschel, zu irgendeiner Elternmuschel eben, oder zumindest zu einer Omamuschel oder einer Opamuschel. Sie war doch noch ein Baby!

Zwar hatte der Straßenlöffel, der neben ihr auf der Strandpromenade lag, auch kein Zuhause, keine Straßengabel, kein Straßenmesser kümmerte sich um ihn, aber das war etwas anders: Er brauchte keine Mamamilch mehr.

„Die brauchst du auch nicht“, schrie die Scherenmöwe, die im Vorbeifliegen den blauen Himmel zerschnitt, „Muscheln kriegen sowieso keine Mamamilch, das steht doch in allen Algenbüchern, und jeder Dummfisch weiß es!“

„Ich bin aber kein Dummfisch“, wollte die Babymuschel sagen und konnte es natürlich nicht, weil Muscheln nicht reden können und Babys auch nicht und Babymuscheln schon gar nicht.

Aber zum Glück war auch Johanna da, die mit ihrem Papa eine Art Kescher-Ferien am Strand verbrachte, und Johanna wusste genau, was Babys brauchen, denn sie hatte ein kleines Brüderchen, das nie mit durfte zu den Papa-Wochenenden, weil es noch Mamamilch brauchte. Und so half Johanna der Babymuschel, das zu sagen, was sie bestimmt meinte, und der Papa half Johanna und dem Muschelbaby, die Muschelmama und den Muschelpapa, zwei Muschelomas und einen Muschelopa am Strand zu finden.

Nur den zweiten Muschelopa fanden sie nicht.

„Das geht auch nicht“, sagte Johanna, „der andere Muschelopa ist ja totgegangen. Wie mein Opa Bernd, der dein Papa war.“

„So wird es sein“, sagte der Papa und half Johanna und dem Muschelbaby ein bisschen beim Weinen.

(Diese Geschichte entstand als Reizwortgeschichte während eines Schreibworkshops bei der Lektorin und Schreibtrainerin Maike Frie in Münster. Die Reizwörter waren ElternMuschel, StraßenLöffel, ScherenMöwe, AlgenBücher und KescherFerien. Die Wörter durften, mussten aber nicht alle verwendet werden.) 

Lösungswege

Wegrennen. Nein. Mauseloch.

Schreien. Einen Sandsack hauen.

Rennen, rennen, rennen.

Hilft nicht.

Badewanne, Buch.

Quatsch.

Funktionieren.

Bett.

Zucker, Schokolade, Kuchen.

Lustigsein!

Unten. Jalousien.

Chaos. Tränendrüsen. Todessehnsucht?

Noch nicht jetzt! Rosa Wolken

für einen kurzen Moment.

Rosa Wolken

„Wegrennen müsstest du“, empfiehlt der Schmerz.

„Nein. Du gehörst ins Mauseloch, ganz tief hinten hinein, in ein Versteck, in dem dich keine Katze findet“, widerspricht der Kummer.

„Du musst schreien, das hilft“, sagt die Traurigkeit.

„Genau. Und einen Sandsack hauen“, schreit die Wut.

„Nein“, beharrt der Schmerz, „du musst rennen, rennen, rennen. Rennen, bis du nicht mehr kannst. Bis die Puste dir ausgeht. Bis du zusammenbrichst und nur noch Sterne vor den Augen siehst.“

„Ja“, stimmt das Leid zu. „Rennen hilft. Aber weit weg muss es sein. Irgendwohin, wo niemand dich kennt, wo die Sonne scheint, wo nichts mehr wehtun kann.“

„Hilft nicht“, meldet sich wieder der Kummer. „Versteck dich einfach in der Badewanne. Schließ ab, damit niemand dich stören kann. Lass warmes Wasser über dich fließen und denk an nichts. Wenn du das nicht kannst, lies ein Buch und denk an die Probleme anderer Menschen.“

„Quatsch! Du musst funktionieren. Alles andere ist nicht wichtig“, schimpft aus dem Hintergrund die Pflicht. „Du bist schließlich nicht allein auf der Welt. Du hast gesunde Arme und Beine und Augen und Ohren  und Hände und überhaupt, du hast ein Dach über dem Kopf und genug zu essen, was willst du eigentlich?“

„Du gehörst ins Bett“, bestimmt die Depression, „du kannst sowieso nicht arbeiten. Und ob du etwas isst oder nicht, kann dir egal sein. Wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen.“

„Blödsinn“, brüllt der Hunger aus der Küche, „essen ist wichtig! Viel Zucker, das hilft! Eis wäre gut. Und Schokolade. Und Kuchen.“

„Du solltest ein wenig lustiger sein“, flüstert die Lebensfreude, wird aber sofort vom Selbstmitleid und der Angst ausgemobbt, wie immer, wenn sie versucht, sich mit ihrem leisen Stimmchen in die Diskussion einzubringen. Brutal tritt ihr die Verzweiflung gegen das Schienbein, leert ihr den spärlich gefüllten und abgegriffenen rosa Ranzen aus und dreht ihr die mageren Arme auf den Rücken.

„Also bleiben wir unten?“, fragen die Jalousien.

„Also deckt mich niemand für den Tag um?“, erkundigt sich das Bett.

„Ich weiß nicht“, sagt der Verstand, „ich kann euer Chaos nicht mehr ordnen.“

„Das stimmt auffällig“, bestärken ihn die Tränendrüsen, „da hilft nur eine gründliche Feuchtreinigung.“

„Es gibt keine Antworten“, verkündet die Todessehnsucht. „Aber es gibt ein Ende.“

„Auf jeden Fall“, traut sich die Lebensfreude nicht auszusprechen, „nur noch nicht jetzt.“

Und heimlich, still und leise holt sie ihre alte Sprühdose aus dem Versteck in der Seitentasche ihres in die Ecke geworfenen Ranzens und sprüht rosa Wolken in den Raum, die für einen kurzen Moment nach Sommer und Vanille duften, ehe die Nacht sie erstickt.

Novembergebet

Zu viele Tränen nicht geweint,
zu viel gesagt und nicht gemeint,
zu viel gewollt und nicht geschafft,
zu viel gesollt, zu wenig Kraft.

Zu viel Gezerre her und hin,
zu viel gemusst, zu wenig Sinn,
zu viel Gewölk vorm Sonnenlicht,
zu steil der Weg, zu wenig Sicht.

Zu grau der Tag, zu schwarz die Nacht,
auch viel zu selten laut gelacht
und nie gedankt für gute Stunden
oder verheilte alte Wunden.

Von Stürmen, die vorüberwehten,
zu viel verschwiegen in Gebeten …
Wir Menschen gehen, wie wir kamen.
Gott, steh uns bei und hilf uns! Amen.

Löwenzahnblüten

So ein Umzug konnte alles verdrehen und verderben, das hatte Natalie in ihrem Leben schon fünfmal erfahren müssen, alle zwei Jahre einmal, immer, wenn die Bundeswehr ihre Mama wieder anderswohin versetzte; zwei Jahre – das war der Normalfall beim Generalstab. Nicht einmal die Sprache stimmte dann mehr, und das nicht nur, wenn der Umzug mal wieder ins Ausland führte, nach Amsterdam, nach Paris oder  Washington, das galt auch für Stuttgart oder Köln.

Pissnelken sagten sie hier im Rheinischen zu den Milchlingen, die sie von Stuttgart her kannte, es schüttelte Natalie, wenn sie es hörte. Pissebloem, sagten sie in Amsterdam, und auch das fand das Mädchen abstoßend. In Paris waren es die Pissenlits gewesen, manger les pissenlits par la racine,  die Veilchen von unten riechen, auf der anderen Seite des Seins.

Natalie spürte wieder, wie das Weinen in ihr hochkroch, aus dem Brustkorb in den Hals, in den Hinterkopf, in die Ohren, hinter die Stirn, bis es vor den Augen haltmachte, die Tränen stauend wie einen Wasserfall an einem Wehr, manger les pissenlits par la racine, wie der Papa es seit zweieinhalb Jahren tat, der Papa, der immer mitgekommen war, von Ort zu Ort, der seine Musik von überallher hatte komponieren können, der jeden Tag eine andere Melodie auf den Lippen führte, der Natalie über alles Unverständliche und Fremdartige hinwegtröstete, der den Kuchen mit Pudding mischte, wenn er Mama zu krümelig geriet, der jedes Mittagessen essbar machte, das Natalie und Mama versalzten oder verkochten, der Papa, der jetzt in Paris in einem Urnengrab wohnte, per manger les pissenlits par la racine, wie Madame Bertrand und Monsieur Lefebvre es abfällig nannten, weil sie nicht wussten, dass Natalie zuhörte und sie verstand, und weil sie Papa und sein Trompetenspiel nie hatten leiden können.

Pissnelken – wie konnte man die sonnengelben Milchlinge so nennen? Für Natalie kündigten sie den Frühling an, zackten mit ihren dunkelgrünen Blättern freche Inselchen aus dem langweiligen Rasen, trugen als Pusteblumen auf ihren weißen Fallschirmchen die Beschwingtheit der erwachenden Natur in himmelblaue Tage.

„Was stehst du hier im Weg herum, du Pissnelke, du ausländische“, bellte hinter ihr eine heisere Stimme, „verzieh dich, oder ich brat dir eine über!“

Natalie versuchte, den Strauß Löwenzahnblüten in ihrer rechten Hand mit der linken zu schützen, aber der Junge, der sie verfolgte, scherte sich nicht darum und schlug ihr die Blumen aus der Hand, sodass sie auf den staubigen Asphalt fielen, wo er mit seinen schweren Stiefeln darauf herumtrampelte, bis sie aussahen wie ein Häufchen gelbgrüner Matsch.

 

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die mit den Wörtern „Pissnelke“, „krümelig“, „verdrehen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Sie stammen diesmal übrigens von Bettina.)

Totensonntag

du

bleibst einzigartig

und unersetzlich und

in mir drin als

lücke