Das Lotteriepäckchen

Die zwei Flaschen Glühwein hatten nicht verhindern können, dass Mirjam sich auf der Nasespitze, an den Fingern (unter den eleganten Fingerling-Handschuhen) und Zehen (in den schicken neuen Stiefeletten) Frostbeulen zugezogen hatte. Hässlich sahen die aus, die Beulen, besonders die auf der Nase, die sie nicht verbergen konnte, und von denen sie nicht so recht wusste, ob wirklich der Frost sie verursacht hatte oder doch der Glühwein, der bestimmt für ihr Kopfweh und ihre Übelkeit verantwortlich war.

Oder nein, verantwortlich war sie natürlich selbst. Was für eine Schnapsidee aber auch, am russischen Heiligabend, dem 6. Januar, eine Geschenklotterie im Freien zu veranstalten, und das hier, in Quebec, bei immerhin 20 Grad Minustemperaturen!

„Bei uns“, hatte eine der russisch-orthodoxen Teilnehmerinnen gestern gesagt – Katja hieß sie wohl, aber sie sprach es so seltsam aus, dass Mirjam es kaum verstand – „bei uns daheim wäre das für die Jahreszeit recht warm, im Moment sind dort 45 Grad minus.“

„Prost“, antwortete Mirjam und ertappte sich dabei, dass sie sich nach dem Kölner Regenwetter sehnte, das sie in den letzten sieben Jahren so gehasst hatte. Fünf Grad plus, oder sogar dreizehn, Mirjam zückte das Handy und fragte die Temperatur über eine Wetter-App ab, ja, dreizehn, in der Kölner Innenstadt sogar fünfzehn.

Was war eigentlich in dem Päckchen, fragte sie sich jetzt, als der saure Hering und die Kopfwehtablette langsam zu wirken begannen, was war in dem Päckchen, das sie in der Geschenklotterie gewonnen, das sie aber gestern mit ihren klammen Fingern nicht aufbekommen hatte?

Sie suchte den karg möblierten Raum des Studentinnenwohnheims mit den Augen ab, sah das blauglitzrige Ding am Boden liegen, hob es auf, mühte sich mit den schmerzenden Fingern, die Schnur um die Verpackung zu lösen und das Geschenkpapier zu entfernen. Ein großes, sperriges Paket war es im Grunde (kein Päckchen!), und es enthielt – gefütterte Winterstiefel und ebensolche Handschuhe.

(Hier ist die Geschichte Nummer 4 aus der Etüden-Reizwörterliste von Christiane, aus der jeweils drei gewählt und in zehn Sätzen abgehandelt werden sollten. Sie waren für die Vorweihnachtszeit bestimmt, kommen aber krankheitshalber erst jetzt dran )

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 6. Januar 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. toll, toll! wunderbar hast du das erzählt, ich musste die ganze Zeit lache, trotz Frostbeulen.

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  2. ob die Stiefel wohl gepasst hätten? Deine Weihnachtsgeschichten sind die reinste Weltreise.
    Alles Gute fürs neue Jahr
    Natalie

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  3. Tja, da kannte sie jemand wohl besser als sie sich selbst 😉
    Liebe Grüße
    Christiane

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