Bald ist nicht jetzt

Violett war immer ihre Lieblingsfarbe gewesen. Na ja – eigentlich lila, li-a hatte sie als Kleinkind dazu gesagt. Aber sie hatte nicht gewusst, dass es noch schönere Farben gab, und dass sie diese Farben je sehen würde, Farben, die violetter waren als violett, lila hoch irgendwas, ultraviolett eben.

Ihr war klar, dass andere sie für verrückt hielten, wenn sie erzählte (nicht nur behauptete), dass ultraviolette Strahlung für sie sichtbar war. Oh, sie liebte es, in kalten, klaren Winternächten den Himmel zu betrachten, sie benötigte kein Fernrohr dafür, schon gar kein astronomisches, noch nicht einmal eine Lupe. Jeder Supernovaüberrest schien ihr eine leuchtende Blüte, schöner als jedes professionelle Silvesterfeuerwerk.

Wenn sie zu erklären versuchte, dass Phänomene wie FRB 121102, dieses wiederholte Aufblitzen einer erlöschenden Zwerggalaxie, keineswegs so einzigartig waren, wie angenommen wurde, stieß sie auf pures Unverständnis. Aber sie wusste, dass sie im Recht war, denn ihre Augen waren um so viel genauer als all die groben Geräte der Astronomen, und ihr Gehirn arbeitete um Zehnerpotenzen schneller als die schnellsten Rechner dieser Welt. „Ihr IQ ist nicht messbar“, hatte die testende Psychologin ihr bestätigt, bevor sie ihr dieses jämmerliche Krankenzimmer zugewiesen hatte.

Sie konnte hier nicht weg, aber irgendwann, daran zweifelte sie nicht, würde sie sich zurückverwandeln in einen Teil der Galaxie, aus der sie kam, einer Galaxie, die so viel wunderbarer gewesen war, als diejenige, die sie jetzt umgab, zu der sie jetzt zwangsweise gehörte, und ihre Galaxie würde wieder so wunderbar werden, wie sie einst gewesen war, irgendwann, wenn alles mit einem neuen Urknall von vorn begann, nicht heute, nicht morgen, nicht in tausend und nicht in Milliarden Jahren, aber bald.

(Eine verspätete abc-Etüde, mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung, diesmal die mit den Wörtern „FRB 121102“,  „ultraviolett“ und „Supernovaüberrest“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Sie stammen diesmal übrigens von Ludwig.)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 25. Januar 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Oh, die finde ich ganz wunderbar, die berührt mich mit ihrer Sehnsucht nach Verstandenwerden und Heimat …
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Auch ich sage: Ohhh! Wunderschön, dies Aufblitzen, dies Aufblühen an einem unendlichen Firmament, und bald schon, ja bald, wird es sich auch für sie wieder öffnen.

    Gefällt 1 Person

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