Schicksalsstadt

Oh, wie Elly den rheinischen Dialekt hasste, diesen widerlichen Singsang, die „Pänz“ und die „Veedel“ und den „Zoch“ und das „Piddeln“ und – iiiih! Sie hatte fast einen Ohnmachtsanfall bekommen, als Markus ihr von dem Job berichtete, dem tollen Job, dem Job seines Lebens, den er in Köln – ausgerechnet Bananenkuchen – angenommen hatte. Wieder einmal würde sie also ins Rheinland ziehen müssen, eine Gegend, die sie einfach nur mit Niederlagen verband, eine Region, in die sie immer genau dann gezwungen wurde, wenn sie sich anderswo gerade ein gemütliches Sein gebaut und eben erst begonnen hatte, die Früchte ihrer mühsamen Aufbauarbeit zu genießen.

So wie damals in Hamburg, als sie ihren kleinen Sohn bei ihrer Schwester in Tagespflege untergebracht hatte, um weiter ihrer Arbeit als Bauingenieurin nachgehen zu können, damals, als sie in die Nähe ihrer Eltern gezogen war, damit ihr kürzlich verwitweter Vater ihre Schwester bei der Tagespflege unterstützen und gleichzeitig eine neue Aufgabe für sich selbst finden konnte. Alles schien perfekt, bis ihre Chefin ihr mitteilte, dass der Firmensitz nach Köln verlegt worden war, und sie vor die Wahl stellte, mitzuziehen oder arbeitslos zu werden, was keine Wahl darstellte, weil sie Johannes allein erzog und schließlich von etwas leben musste.

Oder damals, als in Rosenheim ihr Ingenieurbüro gerade aus den Miesen kam und das kleine Häuschen seit wenigen Monaten fertig war, das sie für sich und ihren Sohn erworben hatte und ihre beiden Hauptkunden absprangen, weil der eine davon seine Tätigkeit nach Düsseldorf und der andere nach Bonn verlagerte. Beide waren an ihren Diensten weiterhin interessiert, wollten sie aber mehr in ihrer Nähe haben, und so vermietete sie das Häuschen in Rosenheim, zog selbst zähneknirschend mit ihrem Jungen in eine Mietwohnung in Brühl bei Köln, meldete ihn in einer Privatschule an, damit er diesen hässlichen Dialekt nicht lernen musste und erlebte hilflos, dass er ihn auf der Straße trotzdem anwandte.

Und jetzt, nachdem Johannes aus dem Haus war (er hatte in Bonn eine Frau gefunden und sie vor sechs Jahren in Köln geheiratet) und sie in Leipzig so gut Fuß gefasst hatte, jetzt, nachdem sie sich mit Markus, ihrem neuen Partner, in der Loftwohnung an der Weißen Elster genüsslich auf ihren Lebensabend vorbereitete, jetzt kam dieses Angebot aus Köln. Sie fühlte sich angeschwindelt, angekohlt vom Leben, irgendwie auch von Markus und sogar von Johannes, der doch wirklich nichts dafür konnte.

Aber obwohl sie sich selbst dafür verachtete, würde sie auch diesmal mit umziehen, weil sie Markus liebte und weil er nach diesem Job nicht nur gesucht hatte, um sich selbst einen Lebenstraum zu erfüllen, sondern vor allem, um ihr die Möglichkeit zu geben, ihre zwei Enkelkinder aus nächster Nähe aufwachsen zu sehen, was sie sich wünschte, seit der älteste Junge vor fünf Jahren zur Welt gekommen war, und vielleicht, hoffte sie, war Köln ja doch nicht so schrecklich, wie sie es in Erinnerung hatte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane und Bernd für ihre Schreibeinladung und Wortspende zu dieser abc-Etüde in 10 Sätzen mit den Wörtern „Ohnmachtsanfall, angekohlt, piddeln“.)

 

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 22. Februar 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Ja, Liebe … Aber die Entscheidung umzuziehen trifft sich nicht leicht, finde ich.
    Und, wie ist Köln? Magst du persönlich den Dialekt, oder hast du dich einfach arrangiert? Sprache hat ja auch immer was mit Heimat zu tun, von daher finde ich die Ablehnung deiner Hauptperson sehr interessant.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

  2. Und? hat sie sich inKöln einleben können? Enkelkinder in der Nähe ist ja ein nicht zu verachtender Umzugs-Anreiz. Auch wenn die womöglich inzwischen Kölsch reden.

    Gefällt 1 Person

  3. Tja. Köln wird wohl nie ihre (oder meine) Lieblingsstadt werden, und irgendwann zieht sie (und ziehe ich) vielleicht wieder um. Ich mag den Dialekt hier nicht besonders gern, obwohl ich sonst nichts gegen Dialekte habe. Brandenburgisch oder Sächsisch oder Schwäbisch oder Bayerisch oder Badisch finde ich nett, norddeutschen Akzent sympathisch, mit dem Kölner Dialekt werde ich aber nicht warm, auch wenn ich ihm nicht ganz so ablehnend gegenüberstehe wie meine Figur. Aber wenn meine Enkel wider Erwarten so lange hier leben sollten, dass sie Kölsch mit mir reden, nun denn – solange sie dabei gesund sind, soll’s mir recht sein, grins.

    Gefällt 1 Person

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