Archiv für den Monat März 2018

Bulimische Begriffe

Es gab Wörter, die Mariella nur lesen konnte, wenn sie zu viel gegessen hatte, um ihr Fliegengewicht zu halten, und sich übergeben wollte, ohne sich den Finger in den Hals stecken zu müssen. Ihrer Erfahrung nach funktionierte der Trick immer.

Zu diesen Wörtern zählten „Herz“, „Lust“, gern auch in der Kombination „Herzenslust“, aber auch „Herzschmerz“, „Herzeleid“ und ähnlich schwülstiger Blödsinn. Dazu kamen Begriffe wie „brav“, „fromm“, „lammfromm“, „züchtig“, „gehorsam“, „sittsam“, „sittenstreng“, „sittlich“, „unschuldig“, „keusch“, „unberührt“, „mädchenhaft“, unterlegt mit einem Unterton sexueller Enthaltsamkeit und ebensolcher Unterwerfung des Weiblichen unter das Männliche.

Ah, Mariella hasste das! Sie hasste es, wenn sie „Prinzesschen“ genannt wurde, wenn männliche Wesen ihre „Zartheit“ lobten, sie für „zerbrechlich“ hielten und ihr nicht zutrauten, von der Haustür bis zur Bushaltestelle selbst auf sich aufzupassen. Ebenso wenig mochte sie Ausdrücke wie „brüderlich“, „Vaterland“, aber auch „Muttersprache“. Warum konnte es nicht „geschwisterlich“ heißen, „Wohnstaat“ und „Hauptsprache“, wenn es denn überhaupt sein musste, einen Staat und eine Sprache vor anderen hervorzuheben?

Nie würde sie sich mit diesen diskriminierenden Ausdrücken „versöhnen“ können, und warum auch? Sie war eine Tochter ihrer Zeit, mehrsprachig aufgewachsen in mehreren Staaten, und das wollte sie auch bleiben, und sie konnte gut darauf verzichten, zum Sohn eines einzigen Landes zu werden, das ihre Hauptsprache fälschlicherweise ihrer Mutter zuschrieb!

(„Herzenslust, brav, versöhnen“ spendete diesmal die von mir sehr geschätzte Gerda Kazakou, Malerin und Schreiberin, für die abc-Etüden, zu denen Christiane eingeladen hat. Drei Wörter, aus denen wie immer in zehn Sätzen eine Geschichte zu basteln war. Lieben Dank an beide!)

Frühlingsanfang

Pedro lauschte den Geräuschen, die vom Hühnerstall herüberdrangen. Das Braunborsten-Gürteltier, das sich neben dem Stall seinen Bau gegraben hatte, um rasch an die Gelege zu kommen, grunzte wie jeden Abend, und Pedro wusste, dass mindestens ein Jungtier bei ihm sein musste, wahrscheinlich zwei, denn er hörte sie schnurren wie zufriedene Katzen, was sie nur taten, wenn sie gesäugt wurden.

Gerade noch hatte Amei ekstatisch gestöhnt, als sie (nach sechsmonatiger Trennung) wieder das Bett geteilt hatten, wie sie es nannte, wenn sie sich nicht aktuell den akrobatischen Übungen des Beischlafs hingab, jetzt aber lag sie zusammengerollt wie eine satte Schlange auf dem Flechtteppich vor dem alten Küchenherd, hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig und gleichmäßig. Es war September, das Frühjahr hatte eben begonnen, und wie jedes Jahr litt Amei unter ihrer verdammten Frühjahrsmüdigkeit.

Pedro war es so leid!

Er hasste die langen Trennungen von Amei, die er auf sich nehmen musste, um das Nötigste zu beschaffen, das sie zum Überleben brauchten, das bisschen Geld für die Miete, für das Saatgut, für das Hühnerfutter, für den Strom und das Feuerholz. Er hasste Ameis Vorwürfe, die mit unschöner Regelmäßigkeit auf ihn einprasselten, wenn er endlich müde und ausgelaugt vor ihrer Hütte stand und sich nur noch Ruhe und Geborgenheit wünschte.

Er hasste es, nicht zu wissen, ob die Kinder, die sie während seiner Abwesenheit zur Welt brachte und die im Moment bei Ameis Mutter am anderen Ende des Dorfes übernachteten, wirklich seine Kinder waren, entstanden in den kurzen Stunden zwischen seinen Reisen, oder doch diejenigen eines Nachbarn, der seine Tage nicht mit Arbeit, sondern mit Schnapstrinken verbrachte und folglich immer in Ameis Nähe blieb. Er hasste dieses verfluchte Gürteltier, das nichts Besseres zu tun hatte, als sich von Ameis Hühnereiern zu ernähren, und er hasste die Vorstellung, dass jetzt zwei Jungtiere da waren, vermutlich ein Männchen und ein Weibchen, die schon im nächsten Jahr neue Gürteltiere produzieren würden, wenn ihn nicht alles täuschte, sodass bald eine ganze Herde da wäre, um auch nicht ein einziges Ei übrig zu lassen.

Ohne Amei zu wecken, schulterte Pedro seinen Reisesack, schloss die schief hängende Tür des Häuschens hinter sich und stapfte durch den Morast, den die septemberliche Frühlingssonne noch nicht hatte trocknen können, in Richtung Bushaltestelle, der nächsten Arbeitssaison entgegen – es nutzte ja alles nichts.

(„Frühjahrsmüdigkeit, ekstatisch, schnurren“ spendete diesmal Frau Vro für die abc-Etüden, zu denen Christiane eingeladen hat. Drei Wörter, aus denen wie immer in zehn Sätzen eine Geschichte zu basteln war. Lieben Dank an beide, und gute Besserung an Frau Vro, die an einer (selbstdiagnostizierten) Sehnenscheidenentzündung leidet!)

Abschiedsminuten

Wilhelm stand mit dem Gesicht zum Fenster im Abschiedsraum des Universitätsklinikums und beobachtete ein Pfauenauge, ein Tagpfauenauge, um genau zu sein, das sich auf die schwarze Fensterbank verirrt hatte, und er beobachtete sich selbst dabei, dass er überlegte, ob es ein Falter der ersten Generation sein mochte – Juni bis August – oder einer der zweiten – August bis Oktober.

Es hatte keine Bedeutung.

Nichts hatte mehr eine Bedeutung, seit die Ärztin ihm die Plastiktüte mit Susannes Ehering übergeben hatte. Sie war nicht versiegelt, die Tüte, nur mit einem von diesen wiederverschließbaren Verschlüssen geschlossen worden, sie hatte sich ganz leicht öffnen lassen und lag jetzt leer auf der Innenseite der Fensterbank, von dem verirrten Pfauenauge nur durch das Isolierglas des Fensters getrennt. Es war kalt im Abschiedsraum, wenn auch nicht so kalt, wie es in dem Raum auf der Intensivstation gewesen war, in dem das namenlose medizinische Personal Susannes Temperatur so kühl wie möglich zu halten versuchte, um mit Hilfe des künstlichen Komas vielleicht noch irgendwelche Funktionen und Organe retten zu können.

Vergeblich.

Wilhelm konzentrierte sich eine Weile auf das Surren der Klimaanlage, während er registrierte, wie ein grauhaariges Pärchen Hand in Hand den Kiesweg des Krankenhausparks entlangspazierte. Nie mehr würde er mit Susanne so schlendern können, nicht einmal im Rollstuhl könnte er sie mehr schieben, wie er es noch vor fünf Stunden irrsinnigerweise gehofft hatte. Ab und zu kam die Augustsonne hinter einer flauscheweichen Wolke hervor, schickte blendende Strahlen zum Schmetterling und spiegelte sich in Susannes Ring, der jetzt an Wilhelms kleinem Finger steckte.

„Ich bin soweit“, sagte er nach einer gefühlten Ewigkeit zu niemand im Besonderen (es war niemand da) und nahm leicht verwundert wahr, wie er sich umdrehte, die sechs Schritte zur Tür hinter sich brachte, Susannes Hülle ein letztes Mal auf sich wirken ließ und, Fuß vor Fuß setzend, den Krankenhausflur entlang zum Ausgang strebte.

(„Pfauenauge, versiegelt, schlendern“ spendete diesmal Natalie für die abc-Etüden, zu denen Christiane eingeladen hat. Drei Wörter, aus denen wie immer in zehn Sätzen eine Geschichte zu basteln war. Lieben Dank an beide!)

Hochzeitsflug

Zeitig aufgestanden war Florina auch heute, genauso zeitig wie immer, obwohl sie niemals wieder die Kühe würde hüten müssen.

Es war eigenartig, sich das vorzustellen: Nie wieder von Haus zu Haus gehen, dem Vieh – neben Kühen waren es auch Büffel und Ziegen – zusehen, wie es aus den rundbogigen Toren neben den walmbedachten Häuschen schritt, nie wieder die Gerte schwingen, um die Tiere zur Mitte der Dorfstraße zu lenken, nie wieder das dumpfe Muhen, das helle Meckern und das vereinzelte Glockengebimmel hören, nie wieder der sengenden Sonne, dem gelegentlichen Platzregen, den oft heftigen Gewittern, dem Grau-in-Grau des Landregens, dem Zerren des Sturms ausgesetzt sein, nie wieder die Herde heimbegleiten und in der Abenddämmerung darauf hoffen, dass kein versprengtes Auto mit überhöhter Geschwindigkeit in die Tiere hineinraste, nie wieder den Sommer riechen und dem Zirpen der Grillen lauschen, nie wieder in der winzigen Hütte frieren, trotz der vielen Menschen, die sich den Raum zum Schlafen teilten, nie wieder Angst haben, dass der Wind das Dach mit sich davontrug.

Florina knöpfte sich den letzten Knopf der neuen Bluse zu, die zu Sebastians Geschenken gehörte wie die Jeans, die sie statt des bunten, weiten Rockes heute trug, wie der teure Ring, der an ihrer rechten Hand blitzte, wie das kostbare Badesalz und das Shampoo und der Blazer, der sie vor der Morgenkälte dieses Septembertages schützte. Das Hotelzimmer, das sie nur mit Sebastian teilte, war größer als das ganze Haus, in dem sie ihr bisheriges Leben verbracht hatte, und roch ganz leicht nach Seife oder Waschmittel oder Parfüm. Oder einfach nach Reichtum. Florina wusste es nicht.

Sie wusste nur, dass sie nun verheiratet war, seit gestern, mit diesem fremden Mann, der Sebastian hieß, verheiratet, weil Sebastian sich in ihr schwarzes, struwweliges Haar und ihre Kohleaugen verliebt zu haben meinte, trotz der Kühe, Büffel und Ziegen, trotz der schmutzigen Hütte mit ihrem Geruch nach gekochtem Kohl und rohem Knoblauch, nach Schweiß und ungewaschener Wäsche, verheiratet mit einem Mann, den sie nicht kannte und von dem sie nicht wusste, ob sie ihn je würde lieben können, mit einem Mann, der wusste, dass sie das nicht wusste, und der sie trotzdem zur Ehefrau wollte, warum auch immer.

Ihr Brautkleid, einen Traum in Weiß, hatte sie ihrer Schwester Marioara schenken dürfen, Sebastian hatte es ihr erlaubt, weil Marioara so gebettelt hatte, und Sebastian hatte Marioara sogar versprochen, die Kosten für ihre Hochzeitsfeier mit Ionel zu übernehmen, und die Kosten für die Tauffeierlichkeiten ihrer drei Kinder gleich mit.

Florina lächelte, als sie an die ungläubig-glücklichen Gesichter ihrer Verwandten dachte, und packte ihre Sachen, nur die neuen natürlich, die Sebastian ihr gekauft hatte, aus dem Hotelschrank in ihr Handgepäck, betrachtete ihre sorgfältig manikürten Hände, spürte Sebastians Kuss in ihrem Nacken und ging entschlossen mit ihm zum Taxi, das sie zum Flughafen bringen sollte, für ihren Flug in ein neues Land und ein neues Leben, vor dem sie sich trotz allem ein wenig fürchtete.

(„Knopf, zeitig, hüten“ spendete diesmal Frau M.Mama für die abc-Etüden, zu denen Christiane eingeladen hat. Drei Wörter, aus denen wie immer in zehn Sätzen eine Geschichte zu basteln war. Lieben Dank an beide!)

 

Ab heute

Oh, sie liebte ihn, sie liebte ihn so sehr, dass es wehtat, immer noch, nach fast drei Jahren. So vieles erinnerte sie an ihn, profane Dinge, Kleinigkeiten, Düfte, Melodien. Sie sah ihn vor sich, während sie die Möhren und Süßkartoffeln pürierte, denn Gemüse zu pürieren hatte sie von ihm gelernt. Sie dachte an ihn, während sie die Sonnenkollektoren am Dach gegenüber betrachtete. Er hatte auch Sonnenkollektoren für ihr Dach gewollt. Es war nicht mehr dazu gekommen, und sie hatte die Prospekte in den Papiermüll geworfen.

Manchmal war er ein Bruudler gewesen, so nannte ihn zumindest seine Mutter, eine Stuttgarterin, die nun auch schon seit fünf Jahren unter der Erde lag, und tatsächlich bruudelte und brummte er oft wie ein bräsiger Bär. Er mochte es, Dialekte zu mischen, Nord mit Süd, Ost mit West, von allem streute er etwas in seine Sprache.

Quer durch die Republik waren sie gezogen, hatten alle drei Jahre im Schnitt anderswo neu angefangen, hatten jahrzehntelang von April bis Oktober gedacht und von Oktober bis April, von Uni-Semester zu Uni-Semester, bis sie hier gestrandet waren, in diesem Nest in der Pampa von Hinterpfuiteufelshausen, wo es außer der Universität nichts gab, wo sie nie hin gewollt hatten und wo er eines hässlichen Morgens einfach nicht mehr aufwachte.

Da lag jetzt seine Asche auf dem Friedhof unter dem Märzschnee und der schwarzen Steinplatte, und sie stand davor und gratulierte ihm zum Geburtstag und liebte ihn immer noch, und sie spürte den Krampf in ihrem Magen und weinte nicht, denn sein Geburtstag war ein fröhlicher Tag, für den sie dankbar war und den sie nachher feiern würde, mit ihrer Tochter und ihrem Sohn und den Enkelkindern, sie würde eine Tradition daraus machen, nahm sie sich vor, jawohl, eine Tradition – ab heute.

(Mit freundlichem Dank an Christiane für ihre Schreibeinladung zu den abc-Etüden, sowie an   Nina Bodenlosz, von der diesmal die 3 Worte – Sonnenkollektoren, bräsig, pürieren – stammen, die in maximal 10 Sätze zu fassen waren.)