Hochzeitsflug
Zeitig aufgestanden war Florina auch heute, genauso zeitig wie immer, obwohl sie niemals wieder die Kühe würde hüten müssen.
Es war eigenartig, sich das vorzustellen: Nie wieder von Haus zu Haus gehen, dem Vieh – neben Kühen waren es auch Büffel und Ziegen – zusehen, wie es aus den rundbogigen Toren neben den walmbedachten Häuschen schritt, nie wieder die Gerte schwingen, um die Tiere zur Mitte der Dorfstraße zu lenken, nie wieder das dumpfe Muhen, das helle Meckern und das vereinzelte Glockengebimmel hören, nie wieder der sengenden Sonne, dem gelegentlichen Platzregen, den oft heftigen Gewittern, dem Grau-in-Grau des Landregens, dem Zerren des Sturms ausgesetzt sein, nie wieder die Herde heimbegleiten und in der Abenddämmerung darauf hoffen, dass kein versprengtes Auto mit überhöhter Geschwindigkeit in die Tiere hineinraste, nie wieder den Sommer riechen und dem Zirpen der Grillen lauschen, nie wieder in der winzigen Hütte frieren, trotz der vielen Menschen, die sich den Raum zum Schlafen teilten, nie wieder Angst haben, dass der Wind das Dach mit sich davontrug.
Florina knöpfte sich den letzten Knopf der neuen Bluse zu, die zu Sebastians Geschenken gehörte wie die Jeans, die sie statt des bunten, weiten Rockes heute trug, wie der teure Ring, der an ihrer rechten Hand blitzte, wie das kostbare Badesalz und das Shampoo und der Blazer, der sie vor der Morgenkälte dieses Septembertages schützte. Das Hotelzimmer, das sie nur mit Sebastian teilte, war größer als das ganze Haus, in dem sie ihr bisheriges Leben verbracht hatte, und roch ganz leicht nach Seife oder Waschmittel oder Parfüm. Oder einfach nach Reichtum. Florina wusste es nicht.
Sie wusste nur, dass sie nun verheiratet war, seit gestern, mit diesem fremden Mann, der Sebastian hieß, verheiratet, weil Sebastian sich in ihr schwarzes, struwweliges Haar und ihre Kohleaugen verliebt zu haben meinte, trotz der Kühe, Büffel und Ziegen, trotz der schmutzigen Hütte mit ihrem Geruch nach gekochtem Kohl und rohem Knoblauch, nach Schweiß und ungewaschener Wäsche, verheiratet mit einem Mann, den sie nicht kannte und von dem sie nicht wusste, ob sie ihn je würde lieben können, mit einem Mann, der wusste, dass sie das nicht wusste, und der sie trotzdem zur Ehefrau wollte, warum auch immer.
Ihr Brautkleid, einen Traum in Weiß, hatte sie ihrer Schwester Marioara schenken dürfen, Sebastian hatte es ihr erlaubt, weil Marioara so gebettelt hatte, und Sebastian hatte Marioara sogar versprochen, die Kosten für ihre Hochzeitsfeier mit Ionel zu übernehmen, und die Kosten für die Tauffeierlichkeiten ihrer drei Kinder gleich mit.
Florina lächelte, als sie an die ungläubig-glücklichen Gesichter ihrer Verwandten dachte, und packte ihre Sachen, nur die neuen natürlich, die Sebastian ihr gekauft hatte, aus dem Hotelschrank in ihr Handgepäck, betrachtete ihre sorgfältig manikürten Hände, spürte Sebastians Kuss in ihrem Nacken und ging entschlossen mit ihm zum Taxi, das sie zum Flughafen bringen sollte, für ihren Flug in ein neues Land und ein neues Leben, vor dem sie sich trotz allem ein wenig fürchtete.
(„Knopf, zeitig, hüten“ spendete diesmal Frau M.Mama für die abc-Etüden, zu denen Christiane eingeladen hat. Drei Wörter, aus denen wie immer in zehn Sätzen eine Geschichte zu basteln war. Lieben Dank an beide!)
Veröffentlicht am 6. März 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit Angst, Armut, Hochzeit, Migration getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.
„… der sie trotzdem zur Ehefrau wollte, warum auch immer.“
Das könnte ein wunderbares Glück und/oder der Anfang eines Albtraums sein. Ich wünsche ihr alles Gute, dass das neue Land freundlich ist und der Mann wirklich ein Prinz bleibt.
Liebe Grüße
Christiane
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Ja, so ähnlich hat mein Onkel bei meiner ersten Eheschließung argumentiert: „Es ist entweder ein großes Glück oder ein großer Blödsinn.“ Es war ein großer Blödsinn, das große Glück kam erst später. Mit einem anderen Mann.
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das ist eine ganz besondere Geschichte. Ich mag sie sehr.
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Das freut mich, liebe Gerda! Das gleiche gilt für deine Kata-Strophe samt dazugehöriger Legearbeit.
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Zehn Sätze über die man noch zehn Seiten nachsinnen kann …
Danke dafür
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Ja, dahinter steht so manches. Freut mich, wenn die Geschichte nachdenklich macht.
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