Frühlingsanfang

Pedro lauschte den Geräuschen, die vom Hühnerstall herüberdrangen. Das Braunborsten-Gürteltier, das sich neben dem Stall seinen Bau gegraben hatte, um rasch an die Gelege zu kommen, grunzte wie jeden Abend, und Pedro wusste, dass mindestens ein Jungtier bei ihm sein musste, wahrscheinlich zwei, denn er hörte sie schnurren wie zufriedene Katzen, was sie nur taten, wenn sie gesäugt wurden.

Gerade noch hatte Amei ekstatisch gestöhnt, als sie (nach sechsmonatiger Trennung) wieder das Bett geteilt hatten, wie sie es nannte, wenn sie sich nicht aktuell den akrobatischen Übungen des Beischlafs hingab, jetzt aber lag sie zusammengerollt wie eine satte Schlange auf dem Flechtteppich vor dem alten Küchenherd, hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig und gleichmäßig. Es war September, das Frühjahr hatte eben begonnen, und wie jedes Jahr litt Amei unter ihrer verdammten Frühjahrsmüdigkeit.

Pedro war es so leid!

Er hasste die langen Trennungen von Amei, die er auf sich nehmen musste, um das Nötigste zu beschaffen, das sie zum Überleben brauchten, das bisschen Geld für die Miete, für das Saatgut, für das Hühnerfutter, für den Strom und das Feuerholz. Er hasste Ameis Vorwürfe, die mit unschöner Regelmäßigkeit auf ihn einprasselten, wenn er endlich müde und ausgelaugt vor ihrer Hütte stand und sich nur noch Ruhe und Geborgenheit wünschte.

Er hasste es, nicht zu wissen, ob die Kinder, die sie während seiner Abwesenheit zur Welt brachte und die im Moment bei Ameis Mutter am anderen Ende des Dorfes übernachteten, wirklich seine Kinder waren, entstanden in den kurzen Stunden zwischen seinen Reisen, oder doch diejenigen eines Nachbarn, der seine Tage nicht mit Arbeit, sondern mit Schnapstrinken verbrachte und folglich immer in Ameis Nähe blieb. Er hasste dieses verfluchte Gürteltier, das nichts Besseres zu tun hatte, als sich von Ameis Hühnereiern zu ernähren, und er hasste die Vorstellung, dass jetzt zwei Jungtiere da waren, vermutlich ein Männchen und ein Weibchen, die schon im nächsten Jahr neue Gürteltiere produzieren würden, wenn ihn nicht alles täuschte, sodass bald eine ganze Herde da wäre, um auch nicht ein einziges Ei übrig zu lassen.

Ohne Amei zu wecken, schulterte Pedro seinen Reisesack, schloss die schief hängende Tür des Häuschens hinter sich und stapfte durch den Morast, den die septemberliche Frühlingssonne noch nicht hatte trocknen können, in Richtung Bushaltestelle, der nächsten Arbeitssaison entgegen – es nutzte ja alles nichts.

(„Frühjahrsmüdigkeit, ekstatisch, schnurren“ spendete diesmal Frau Vro für die abc-Etüden, zu denen Christiane eingeladen hat. Drei Wörter, aus denen wie immer in zehn Sätzen eine Geschichte zu basteln war. Lieben Dank an beide, und gute Besserung an Frau Vro, die an einer (selbstdiagnostizierten) Sehnenscheidenentzündung leidet!)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 18. März 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Beeindruckend.
    Aber abgesehen davon würde mich spontan schon interessieren, ob es in Südamerika auch das Konzept von Frühjahrsmüdigkeit gibt – ich habe das immer für europäisch gehalten.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Das Klima ist ja ähnlich, nur findet der Frühling ab September statt. Ob das Konzept existiert, weiß ich tatsächlich nicht, halte es aber zumindest nicht für ausgeschlossen. Und irgendwann sind die Vorfahren von Pedro und Amei vielleicht aus Europa ausgewandert und haben das Konzept mitgenommen? 😉

    Gefällt 2 Personen

  3. Wie gut immer mal wieder daran erinnert zu werden, dass die Verhältnisse nicht unbedingt so sind, wie wir uns angewöhnt haben zu meinen. Wer steht auf dem Kopf, wer auf den Füßen?

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  4. Wow! Vielen Dank! Starke Geschichte. Das Gürteltier kommt mir als geringstes Übel vor. 😉
    Liebe Grüße, Veronika

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