Bulimische Begriffe

Es gab Wörter, die Mariella nur lesen konnte, wenn sie zu viel gegessen hatte, um ihr Fliegengewicht zu halten, und sich übergeben wollte, ohne sich den Finger in den Hals stecken zu müssen. Ihrer Erfahrung nach funktionierte der Trick immer.

Zu diesen Wörtern zählten „Herz“, „Lust“, gern auch in der Kombination „Herzenslust“, aber auch „Herzschmerz“, „Herzeleid“ und ähnlich schwülstiger Blödsinn. Dazu kamen Begriffe wie „brav“, „fromm“, „lammfromm“, „züchtig“, „gehorsam“, „sittsam“, „sittenstreng“, „sittlich“, „unschuldig“, „keusch“, „unberührt“, „mädchenhaft“, unterlegt mit einem Unterton sexueller Enthaltsamkeit und ebensolcher Unterwerfung des Weiblichen unter das Männliche.

Ah, Mariella hasste das! Sie hasste es, wenn sie „Prinzesschen“ genannt wurde, wenn männliche Wesen ihre „Zartheit“ lobten, sie für „zerbrechlich“ hielten und ihr nicht zutrauten, von der Haustür bis zur Bushaltestelle selbst auf sich aufzupassen. Ebenso wenig mochte sie Ausdrücke wie „brüderlich“, „Vaterland“, aber auch „Muttersprache“. Warum konnte es nicht „geschwisterlich“ heißen, „Wohnstaat“ und „Hauptsprache“, wenn es denn überhaupt sein musste, einen Staat und eine Sprache vor anderen hervorzuheben?

Nie würde sie sich mit diesen diskriminierenden Ausdrücken „versöhnen“ können, und warum auch? Sie war eine Tochter ihrer Zeit, mehrsprachig aufgewachsen in mehreren Staaten, und das wollte sie auch bleiben, und sie konnte gut darauf verzichten, zum Sohn eines einzigen Landes zu werden, das ihre Hauptsprache fälschlicherweise ihrer Mutter zuschrieb!

(„Herzenslust, brav, versöhnen“ spendete diesmal die von mir sehr geschätzte Gerda Kazakou, Malerin und Schreiberin, für die abc-Etüden, zu denen Christiane eingeladen hat. Drei Wörter, aus denen wie immer in zehn Sätzen eine Geschichte zu basteln war. Lieben Dank an beide!)

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Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 27. März 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Sorry, aber: Funktioniert das wirklich? Klar, manche Begriffe kann man nicht ertragen, wenn man in irgendeiner emotionalen Notlage ist, genausowenig, wie man als Unglücklicher küssende Pärchen abkann … aber so eine körperliche Reaktion? Spannend.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Die Geschichte ist toll erzählt, doch: wer ist denn nun krank: die Sprache oder das Mädchen? Mariellas Abneigungen scheinen mir nicht besonders typisch für Magersüchtige zu sein – mit der Ausnahme vielleicht, dass sie nicht gern drauf angesprochen wird („zerbrechlich“) und dass sie ein Problem mit dem Mütterlichen hat („Muttersprache“).

    Gefällt 1 Person

  3. Gerda: Bulimie (wie im Titel steht) ist nicht dieselbe Störung wie Magersucht und generell gibt es auch noch die sogenannten „nicht näher spezifizierten Essstörungen“, haben unter diesem Begriff einen eigenen ICD-10 Code F50.9 und da kann durch aus auch so was drin inbegriffen sein.

    Christiane: Das funktioniert. Körperliche Reaktion durch starke Traumatisierung, bei Essgestörten können das zum Beispiel Schlüsselwörter aus einer Kindheit mit Missbrauchserfahrung sein.

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  4. Ich habe mit psychisch induziertem Brechreiz als junge Frau Erfahrung gesammelt, auf die ich hier allerdings nicht näher eingehen möchte. Die Wörter an sich sind harmlos, klar, krank ist in diesem Fall die Protagonistin, insofern ist die Überschrift vielleicht etwas missverständlich.

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