Archiv für den Monat Juni 2018

Überleben

Das Frühstücksbrot schmeckte heute altbacken, der Pfannkuchenteig sah aus, als sei er aus einem Drachenei notdürftig zusammengepanscht.

„Ist das ein Dinosaurierei, Oma?“ Der kleine Thierry verzog das Gesichtchen.

„Es ist ein Pferdeei“, stellte seine Schwester Nina naserümpfend mit einem Blick auf die zweifelhafte Pfannkuchenzutat fest und meinte einen Pferdeapfel.

Ein paar Sekunden später hörte ich den Deckel auf die Kloschüssel knallen. Schneller, als ich bis drei zählen konnte, hatte Nina den Pfannkuchenteig in die Toilette gekippt.

Jetzt war nur noch das Brot da.

„Es ist verschimmelt“, behauptete das Mädchen, und nachdem ich skeptisch die weißen Punkte auf seiner Rückseite geprüft hatte, musste ich zustimmen.

Wir würden nachher losziehen und Kiefernnadeln sammeln, ich wusste schon wo, die schmeckten besser, waren nahrhafter und enthielten mehr Vitamin C, und dazu würde ich einen würzigen Brennnesselspinat zubereiten. Zum Kuckuck mit den abgelaufenen Nahrungsmitteln aus der Mülltonne des Supermarktes nebenan!

(Für die Textwoche 26.18 hat Frau Flumsel die drei Wörter Drachenei, altbacken und knallen gespendet, die wie immer auf Einladung von Christiane in maximal 10 Sätze zu packen waren.)

Im falschen Kurs

Wie lächerlich das ist! Faxen machen auf einem Pferderücken, während das Tier sich langsam an einer Leine im Kreis herum bewegt, hinter dieser Trulla, deren viel zu enges Kleid, giftgrün mit pinken Riesenpunkten, aus den Nähten zu platzen droht.

Voltigieren ist definitiv etwas für geistig zurückgebliebene Mädchen, die sich einbilden, damit ließe sich das eigene Selbstbewusstsein aufmöbeln. Ich jedenfalls wüsste mir bessere Nachmittagsbeschäftigungen, als dieser aufgeblasenen Mutti zu folgen, während ich mich abmühe, auf dem stinkenden Vieh einen Handstand hinzukriegen.

Ich habe doch keinen Ödipuskomplex, oder wie das heißt, wenn man es mit der eigenen Mutter treibt. Die würde mir im Übrigen auch etwas husten, meine Mutter, wenn ich das je versuchen sollte. Die ist nämlich nicht so eine, die ist eine ganz feine Frau, aber oho!

Nur mein Erzeuger, der hat sie nicht mehr alle. Mich zu diesem idiotischen Kurs anzumelden, nur damit er am Vater-Sohn-Wochenende nicht schon wieder mit mir in den Zoo muss, aber na warte! Das, mein Lieber, erzähle ich heute Abend der Mama, dann kannst du was erleben beim nächsten Abholen, jawoll!

(Die Wortspende der Textwoche 25.18 kam von Frau Myriade, danke dafür. Sie bestand diesmal aus den Wörtern Ödipuskomplex, giftgrün und voltigieren, die wie immer auf Einladung von Christiane in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

 

Der Stalker

Was hat nur dieser Pfiffikus
in meinem Traum verloren?
Auch ohne Pfiff und ohne Kuss
hab ich viel um die Ohren!

Soll ich ihn tätscheln?
Meint er das?
Ihn noch verhätscheln?
Oder was?

So traumverloren steht er da,
in seiner Hand zwei Nelken.
Denkt er, ich riefe gleich Hurra
und ließe mich dann melken?

Ah, nein, der Handywecker singt
die Morgenmelodei,
die Pfiff und Kuss ins Abseits zwingt.
Ich bin und bleibe frei.

(Mit bestem Dank an Christiane für die Einladung zu dieser abc-Etüde mit den drei Wörtern Pfiffikus, traumverloren und tätscheln, gestiftet diesmal von Bernd – auch dir vielen Dank! Wie immer waren sie in maximal zehn Sätzen zu verarbeiten.)

Dörfliche Idylle

Die Schräge des Krüppelwalmdaches war unter dessen Krümmung kaum mehr wahrnehmbar. Eingedrückt wie ein benutzter Karton duckte es sich in die verdorrten Wildpflanzen, die einmal ein Garten gewesen sein mochten. Oder auch nicht – keine Pflanzenart deutete darauf hin, dass irgendwer sie irgendwann bewusst kultiviert hätte, und jetzt, nach den Dürresommern, die sich in den letzten Jahren gehäuft hatten, ohne von Frühjahrsregen eingeleitet oder von Herbstfeuchte abgelöst zu werden, jetzt gab es außer ein paar Disteln praktisch gar nichts mehr in der rissigen Erde.

Brennend stachen die Sonnenstrahlen in das Glas der zerbrochenen Fensterscheiben, das in tausend Splittern vor der bröckelnden Fassade lag, ohne irgendwen zu interessieren. Ab und zu hatten noch Nicu und Aurica hier gespielt, früher, weil sich die Disteln so schön köpfen ließen, aber jetzt waren die Disteln vertrocknet, kopflos und ohne jeden Restnutzen.

Nicu, der vierte Sohn der Nachbarin zur Linken, die seit Jahren am Friedhof ruhte, hatte in der benachbarten Kleinstadt als Gelegenheitsarbeiter einen Job gefunden, lebte seit ein paar Monaten mit Zamora zusammen und konnte mit ihrer Hilfe tatsächlich meistens die Miete für die Zweizimmerwohnung im Souterrain des Hochhauses bezahlen, weil sie abends, wenn ihre drei Kinder schliefen, Bürogebäude putzte.

Aurica, die letzte überlebende Enkelin des Nachbars zur Rechten, der ebenfalls schon längst das Zeitliche gesegnet hatte, vegetierte irgendwo in einer Großstadt in Westeuropa und vermietete ihren Körper an interessierte Freier. Sie tat es nicht gern, aber wusste nicht, wie sie sonst hätte überleben sollen, zumal der Schlepper, der ihr eine Stelle aus Haushalts- und Familienhilfe versprochen hatte, ihr den Pass gestohlen hatte und sich weigerte, ihn herauszugeben. Schließlich hatte sie ihren kleinen Sohn zu versorgen, dessen Erzeuger ein Freund des Schleppers war, der Aurica gleich nach ihrer Ankunft vergewaltigt hatte.

Das Leben war nicht einfach, nicht nur in dem Dorf, in dem die beiden Nachbarskinder aufgewachsen waren, und in dem jetzt drei Häuser nebeneinander verfielen, von allen anderen in der Hausreihe ganz abgesehen.

(Die drei zu verarbeitenden Wörter „Schräge, brennend, köpfen“ hat diesmal Gerda für die Zehn-Satz-abc-Etüden gespendet, zu denen wie immer Christiane eingeladen  hat.)

Ein Schloss für den Affenkasten

Mit Affen hatte der Affenkasten, den Christl mit einem wütenden Stoß verschloss, absolut nichts zu tun. Höchstens mit Maulaffen, einem Begriff, der mit Mauloffen besser umschrieben wäre.

Benhards Affenkasten war eine offene Truhe, oder besser, eine Truhe, die nach Meinung von Bernhard offen zu sein und offen zu bleiben hatte. Eine hässliche Truhe in einem Blauton, den Christl verächtlich „elektrischblau“ nannte, nicht ohne Grund, denn Bernhard bewahrte darin seine ganzen verdammten Kabel, Batterien, Glühbirnen, Mehrfachsteckdosen, Akkus, Energiesparlampen, Unterputz-Steckdosen, Schalterabdeckungen und weiß-der-liebe-Himmel-was-noch-für-bescheuerte-Dinge auf.

Wie Christl diesen widerlichen Baumarktkram hasste, samt dem elektrischblauen Offenkasten und dem Mauloffen, der Bernhard hieß und der bald janken und jaulen würde wie ein kleiner Hund, wenn er feststellen musste, dass sie seine gesamte doofe Sammlung in den Sammelbehälter für Elektroschrott gekippt hatte! Leer war er jetzt, der Offenkasten, und geschlossen war er außerdem, und genüsslich schraubte Christl das neue Schloss an den Deckel, das sie bei ihrem letzten Besuch im Baumarkt erworben hatte.

Bei ihrem allerletzten Besuch im Baumarkt.

Nie wieder würde sie diesen ekligen Laden betreten, in dem sie Bernhard mit Jonathan erwischt hatte, hinter der Regalwand mit den Wandfarben, in enger Umarmung, die vier Männerlippen saugend aufeinander gepresst, die vier behaarten Pranken über unausprechliche Körperpartien streifend.

Deshalb also war ihr Mann immer wieder in den Baumarkt gerannt!

Sie drehte den Schlüssel in dem neuen Schloss herum, steckte ihn in die Hosentasche, schnappte sich den Doppelbuggy mit ihren Zwillingen und verließ die Ehewohnung.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für die Einladung zu den abc-Etüden der 3 Wörter in 10 Sätzen und an dergl, die Wortspenderin der 22. Woche. Die Wörter waren diesmal „Affenkasten, elektrischblau, janken“. Ja, ich weiß, ich bin zu spät dran, aber es hat trotzdem Spaß gemacht.)