Nichts Genaues weiß man nicht

„Kernschmelze“ klang für Brigitte wie „Tschernobyl“, und das Wort Tschernobyl kannte sie erst seit 1986, als ihr Mann Andreas dort auf Geschäftsreise gewesen war, während sie, knapp 1000 Kilometer und doch nicht weit genug davon entfernt, von ihrer Frauenärztin erfuhr, dass sie schwanger war. Niemand erzählte ihr und den anderen werdenden Müttern (oder sonst irgendwem), dass sie ab sofort alles wegwerfen sollten, was grün war.

Niemand sagte ihnen auch nur, dass in Tschernobyl etwas passiert war – und schon gar nicht was. Sie lebten ihr normales Dorfleben im Tal des Homorod-Baches in der Nähe von Kronstadt, irgendwo in Siebenbürgen. Abends stand Brigitte wie die anderen vor ihrem runden Hoftor und wartete auf ihre Büffelkuh, die von der Weide kam. Die Hände, mit denen sie gerade noch im Garten gebuddelt hatte, wusch sie sich am eigenen Brunnen, ehe sie die Kuh molk, um mit ihrer Milch den Maisbrei – Palukes oder Mamaliguta genannt – zu strecken. Die Lauchzwiebeln hackte sie klein und verteilte sie als Gewürz auf dem gelben Brei.

Als Andreas von seiner Geschäftsreise nicht zurückkam, erzählte ihr der Dorfpolizist, dass ihr Mann einen Unfall gehabt habe. Als sie ihr Kind verlor, sagte die Frauenärztin im benachbarten Städtchen Reps, das komme in den ersten drei Monaten oft vor. Erst lange nach der Aussiedlung nach Deutschland, jetzt, im Jahr 2018, hielt ihr Münchner Onkologie, der ihr ruhig und emotionsfrei die Krebsdiagnose erläuterte, es für möglich, dass die Erkrankung eine Spätfolge des Reaktorunfalls war, aber genau sagen konnte er es auch nicht.


(Für die Textwoche 29.18 hat Viola die drei Wörter Kernschmelze, grün und wegwerfen gespendet, die wie immer auf Einladung von Christiane in maximal 10 Sätze zu packen waren.)

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Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 6. August 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Ich möchte wenigstens mal SAGEN (nicht schweigen), dass mich das Lakonische (wie hier) in deinen Texten sprachlos macht.
    Liebe Grüße
    Christiane

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