Widersprüchlich

„Biodiesel“ hört sich für Marina an wie ein Widerspruch. Pompös kommt ihr die Bezeichnung vor, wie das meiste, das mit dem Begriff „bio“ vermarktet wird. Oder mit dem Begriff „nachhaltig“. Oder „fair gehandelt“.

Biodiesel hat den smarten José reich gemacht, so viel Geld für Mais, aber Juanita, Marinas Schwester, und ihre fünf Kinder, Marinas drei Nichten und zwei Neffen, müssen jetzt hungern, denn Juanita kann den Mais nicht mehr bezahlen, und Marina verdient nicht genug, um ihrer Schwester zu helfen. Und wenn Marina die vielen rosafarbenen Menschen sonnenbaden sieht, die neuerdings in klimatisierten Bussen vom nahe gelegenen Flughafen ins Dorf gekarrt werden, fragt sie sich, was die daran so gut finden, dass sie ein Jahr lang sparen, um sich die tausende Flugkilometer dafür zu leisten.

Ja, sie weiß, dass ihr klappriger Ford Granada, Jahrgang 1982, ein Dieselsäufer ist, sie weiß, dass Erdöl endlich ist, aber Josés Diesel kann sie nicht bezahlen, ein anderes Auto auch nicht, und ohne Auto kommt sie nicht zur Arbeit. Niemals würde sie ihr Gefährt nutzen, um in den Urlaub zu fahren, zumal sie weder Zeit noch Geld für einen solchen Unfug hat.

Und fairer Handel – nun ja, ihre Tochter hatte es natürlich nicht sehr schön in der Fabrik von Juan, Josés Zwillingsbruder im Geiste, aber seit diese sonnenbadenden Geschäftsleute Juan keine Kleidung mehr abkaufen wollen, hat Mariella keine Arbeit mehr und hängt nur noch ab mit den Jungs, die nichts weiter tun als Selbstgebrannten zu trinken und Joints zu rauchen.

Faire Bio-Nachhaltigkeit, findet Marina, ist eben ein Luxus, den nur rosafarbene Menschen sich leisten können, die tagsüber am Strand liegen und sonnenbaden und abends exquisite Speiselokale aufsuchen und nach teurer Seife duften und sich wegdrehen, wenn normale Leute an ihnen vorüberlaufen.

(Die Wörter der Textwoche 30.18 (ja, ja, ich weiß, dass ich immer noch zu spät dran bin!) wurden uns dankenswerterweise von Yvonne zur Verfügung gestellt. Wie immer waren sie auf Einladung von Christiane in maximal 10 Sätze zu packen. Diesmal lauteten sie: Biodiesel, pompös, sonnenbaden.)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 7. August 2018, in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Aus dieser Perspektive beschreibst du ein Luxusproblem, das wir „Rosafarbenen“ (gute Bezeichnung!) haben. Aber sollten wir deshalb das Bemühen darum (fair, bio, nachhaltig) aufgeben? Das Bemühen, uns (Rosafarbene) besser zu ernähren, das Bemühen, nicht alles kaputt zu konsumieren, das Bemühen, alle Seiten der Kette genug verdienen zu lassen?
    Sind „wir“ (die wir längst nicht mehr homogen sind) das Problem, oder wird es uns eingeredet? Kann man das überhaupt voneinander trennen?
    Große Fragen, ich weiß, und nicht in einem Satz zu lösen. Ich bin selbst sehr skeptisch und habe kaum befriedigende Antworten …
    Liebe Grüße und danke
    Christiane

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  2. … und auf der Speisekarte nach veganer Bio-Nahrung suchen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nach frischem Fisch, direkt vor der Küste gefangen, oder Beefsteak aus frei grasenden Rindern. Und die ein Erinnerungsfoto schießen von sich und Juanita, die ihre paar Maiskolben mangels Butter zu einer veganen Polenta verarbeitet.
    NB: dies ist KEINE Kritik an Veganern, wohl aber an weitreisenden Veganern!

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  3. Ja, es ist widersprüchlich. Und komplex. Denn auch vom Tourismus leben Menschen, vom Fischfang, von der Rinderzucht … Meine Tochter hat seinerzeit ihre Dissertation zu einem Thema der Nachhaltigkeit geschrieben und ist zu keinem stimmigen Ergebnis gekommen. Was immer wer immer tut, scheint unabsehbare Folgen zu haben – und was immer wer immer nicht tut ebenso. Ich weiß keine Lösung, denn Kopf-in-den-Sand kann wohl erstrecht nicht das Passende sein.

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    • Ich weiß auch keine Antwort. Denn wie du sagst: jede meiner kleinen Entscheidungen trägt einen Impuls, dessen Wirkungen ich nicht kalkulieren kann. Die Gesamtsumme aller Impulse aller Menschen bringt dann das hervor, was wir, je nachdem, Reproduktion der bestehenden Verhältnisse, Entwicklung oder Katastrophe nennen. Bleibt nur: nach bestem Wissen und Gewissen handeln“.

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