Archiv für den Monat November 2018

Konservierte Streicheleinheit

Streicheleinheiten waren das, was Codruţa am meisten vermisste, seit alle fort waren. Kleine Zärtlichkeiten, Gesten, Worte …

Manchmal, an Tage wie heute, spürte sie körperlich, wie ihre Haut sich danach sehnte. Dann griff sie in ihre Riesenhandtasche und strich mit dem Zeigefinger über den glatten Stoff des alten Knirpses. Und wenn der Schirm nicht da war, wenn sie ihn nach dem Aufräumen der Tasche versehentlich draußen hatte liegen lassen, wurde sie kribbelig und nervös.

So kehrte sie um, im Eiltempo humpelnd, obwohl der Abendbus aus Hermannstadt gleich eintreffen musste.

Mihaela lugte fragend aus ihrer Tischlerwerkstatt.

„Ich habe meinen Knirps vergessen. Ohne meinen Knirps gehe ich nicht aus dem Haus.“

Wurden alle Menschen wunderlich, wenn sie alt wurden? Dass Frau Schneider nicht ohne ihren Mini-Regenschirm aus dem Haus gehen wollte, war geradezu grotesk. Die Sommersonne knallte aus dem weißblauen Himmel auf die festgebackenen, wie Glas zersprungenen Schollen des Erdwegs. An das Wasser, das Mihaela heute Morgen in die Holztränke gepumpt hatte, erinnerte nichts mehr.

 „Wäre es nicht wichtiger, einen Stift einzustecken, um das Interview zu notieren?“

„Den Stift? Ja. Und das Handy.“ Codruţa strich sich die Schweißperlen aus dem Gesicht und verschwand wieder.

Der Knirps war wichtig, so wichtig wie Stift und Handy.

Codruţa erinnerte sich an Bernds Hand auf ihrem Haar, als er ihr den Schirm geschenkt hatte. Und an seine Worte. Sie spürte seine Lippen auf ihrer Stirn, ihre Nase an seinem Kinn.

„Der Schirm wird dich schützen, immer.“

„Aber brauchst du ihn nicht selbst?“

„In Bukarest gibt es öfter Schirme als hier, mein Vater könnte mir einen neuen kaufen. Oder ich bitte meine Großmutter in Hannover, dass sie mir einen schicken soll, im Frühjahr, wenn wieder Überschwemmungen sind und sie die Zölle aufheben.“

Für Codruţa war der Knirps eine konservierte Streicheleinheit.

Und Streicheleinheiten brauchte sie.

Manchmal.

Heute.

Jetzt.

(Dritte Geschichte nach den neuen Regeln für die abc-Etüden von Christiane:  3 Wörter sind zu einer Geschichte zu verbinden, die Geschichte muss maximal 300 Wörter lang sein. Die Impulswörter sind zwei Wochen lang gültig. Sie lauten diesmal Knirps, grotesk und notieren und wurden gespendet von Bettina. Danke euch beiden für die Anregung!)

Namen-Los

Nicht weinen, Schneider, nicht schreien. Es hat keinen Sinn. Es ändert nichts.

Wann und wo hatte Codruţa damit begonnen, sich selbst in Gedanken mit dem Familiennamen ihres Mannes zu bezeichnen? Vermutlich in Kronstadt, kurz nachdem sie mit „Mutti“, Uwes Mutter, aus dem Haus in Mehrburg in die Zwei-Zimmer-Wohnung im siebten Stock gezogen war. Es gefiel Codruţa, wenn Mutti sie „Frau Schneider“ nannte: „Kopf hoch, Frau Schneider, du schaffst das!“

Der Name rief der Jüngeren in Erinnerung, dass sie verheiratet war, dass es jemanden gab, zu dem sie gehörte. Dass Uwe kein Phantom war. Dass sie Marcela wirklich geboren hatte. Dass es eine ältere Frau namens Schneider gab, zu der sie „Mutti“ sagen durfte. Die Genossinnen Schneider aus dem siebten Stock, die niemals Post bekamen.

Wer hätte ihnen auch schreiben sollen?

Uwe? Sie hatten von ihm keine Adresse, sie hätten nicht gewusst, wohin sie ihm ihre hätten schreiben sollen.

Harald, Uwes Vater? Er war ertrunken, dreizehn Monate, nachdem Uwe und Marcela von ihrer Deutschlandreise nicht zurückgekommen waren, mit mehr Alkohol als Blut in den Adern, im Mehrbach, in dem niemand ertrinken konnte, weil er nichts anderes war als ein Rinnsal.

Martin, Uwes Onkel? Hoffentlich nicht! Wenn Codruţa an den dachte, überlief sie ein kalter Schauer. Selbst jetzt, hier, zurück in Mehrburg, an ihrem 65. Geburtstag in dem kleinen Zimmer, das sie bei der deutschen Tischlerin Mihaela bewohnen durfte, stand sie instinktiv auf und schloss das Fenster, als könne Martin Schneider ihre Gedanken lesen. Wenn er denn da wäre.

Er war nicht da.

So wenig wie die ältere Genossin Schneider, die nach dem Umsturz offiziell die ältere Frau Schneider geworden und vor sechs Monaten gestorben war. Auch Martin-Onkels Frau Johanna war tot, wusste Codruţa von einem Friedhofsbesuch.

Nicht weinen, Schneider. Nicht schreien. Nicht.

Wie Marcela jetzt wohl hieß, falls sie noch lebte?

 

Onkels Neffe

„Wer ist denn der Nachfolger vom alten Schullerus?“

„Psssst!“

„Wer?“

Flüstern: „Hi …aber … Gra …“

„Nein!“

„Doch. Das Monster.“

„Wenn ich den sehe, packt mich das Grausen. Wie Frankenstein zu Halloween.“

Und unverständlich: „Vam … und Bri … Dra… ja, Bra…bo …“

„Psssst!“

Zwei Lehrlinge. Ein Mädchen und ein Junge. Wolfgang schloss das Fenster und humpelte zum Schreibtisch zurück. Er wusste gut, wie er aussah, er kannte seinen Spitznamen, und er hatte nicht den Ehrgeiz, die AS Messgeräte GmbH & Co. KG länger zu leiten, als es für den Übergang unabdingbar war.

Erst gestern hatte er die Unterschrift unter einen neuen Vertrag verweigert. Zwei libysche Scheiche, bestes Englisch, kein Feilschen um den Wahnsinns-Preis, den Andreas Schullerus in sein Angebot geschrieben hatte. Aber Feilschen um Wolfgangs Unterschrift, ein Zehntel der Summe wollten sie ihm auf sein Privatkonto zahlen.

„So viel haben wir nicht mal Andreas angeboten“, behauptete der Ältere.

„Und der hat immer mit sich reden lassen“, sagte der Jüngere.

„Ich nicht.“

Die Scheiche flogen unverrichteter Dinge nach Tripolis zurück. Keine illegalen Exporte mit Wolfgangs Unterschrift. Selbstanzeige des Schwarzgeldes in der Schweiz im Namen der Firma. Eine saubere Übergabe, danach war Schluss. Wolfgang war 68 Jahre alt, er hatte ein Haus, er hatte Rücklagen, er war nicht auf Bestechungsgelder angewiesen.

Keine neuen Aufträge, keine weiteren Kunden, keine tuschelnden Lehrlinge auf den Fluren, keine arroganten Sekretärinnen im maßgeschneiderten grauen Kostüm, die meinten, in seiner Anwesenheit parfümierte Zigaretten rauchen und Schoßhündchen kraulen zu dürfen, statt zu arbeiten.

Wolfgang starrte in den Ordner auf dem Mahagonischreibtisch, tippte ungläubig auf das Foto in dem Familienalbum, das er heute Morgen in der Wohnung des alten Firmenchefs gefunden hatte.

Der Erbe war Uwe Schneider. Aber nicht irgendein Uwe Schneider.

Schneider war „Nepotu“ gewesen, Schullerus „Unchiu“. „Neffe“ und „Onkel“.

Zwei Securitate-Spitzel.

Spitzel, die Wolfgang kannte.

Studenten

(Für diesen Gastbeitrag danke ich Thomas Paridon. Ob der Inhalt autobiografischen Bezug hat, weiß ich nicht, aber jedenfalls liegt die Studentenzeit des Autors etliche Jahr…e zurück.)

Eines Nachmittags waren die Mitglieder unserer Wohngemeinschaft (vier junge Studenten) unterwegs durch die Innenstadt von Darmstadt, auf der Suche nach einer Verkaufsstation, die das zu jener Zeit von uns bevorzugte Kaltgetränk (vulgo: Bier) feilbot.

Als wir soeben eine Bäckerei passierten, drehte sich einer von uns, ich glaube er hieß Peter, um, und betrat den Laden. Wir folgten ihm zaudernd, wohl wissend, dass das ersehnte Getränk hier mit einiger Sicherheit nicht angeboten wurde. Im Laden angekommen, stellte er sich mittig im Verkaufsraum auf, rief „Was iss’n hier los?“, wartete ein paar Sekunden, und verließ das Lokal, ohne eine Antwort erhalten zu haben.

Unter den konsternierten Blicken der übrigen Kundschaft folgten wir ihm und setzten unsere ursprüngliche Suche schweigend fort, nicht wissend, ob das ein Witz gewesen sein sollte, oder ob der häufige Genuss des oben erwähnten Kaltgetränkes nicht schon negative Auswirkungen auf seine geistige Gesundheit gehabt hatte.

Ein paar hundert Meter weiter blieb er plötzlich stehen, wandte sich uns zu und bemerkte: „Ich weiß wirklich nicht, was da los war!“

Passanten, die um diese Zeit in der Nähe unterwegs waren, wunderten sich über drei junge Männer, die sich vor Lachen nicht mehr einkriegen konnten und einen, der mit offenem Mund daneben stand und offensichtlich keine Ahnung hatte, was vor sich ging.

(Was wirklich los war, weiß ich auch nicht. Ich glaube, es entzieht sich auch der Kenntnis meines Gastautors. Ob Studierende heute ähnlich ticken? Keine Ahnung.

Danke, Thomas, für diesen Beitrag, den ich so gut wie unverändert übernommen habe.)