Onkels Neffe

„Wer ist denn der Nachfolger vom alten Schullerus?“

„Psssst!“

„Wer?“

Flüstern: „Hi …aber … Gra …“

„Nein!“

„Doch. Das Monster.“

„Wenn ich den sehe, packt mich das Grausen. Wie Frankenstein zu Halloween.“

Und unverständlich: „Vam … und Bri … Dra… ja, Bra…bo …“

„Psssst!“

Zwei Lehrlinge. Ein Mädchen und ein Junge. Wolfgang schloss das Fenster und humpelte zum Schreibtisch zurück. Er wusste gut, wie er aussah, er kannte seinen Spitznamen, und er hatte nicht den Ehrgeiz, die AS Messgeräte GmbH & Co. KG länger zu leiten, als es für den Übergang unabdingbar war.

Erst gestern hatte er die Unterschrift unter einen neuen Vertrag verweigert. Zwei libysche Scheiche, bestes Englisch, kein Feilschen um den Wahnsinns-Preis, den Andreas Schullerus in sein Angebot geschrieben hatte. Aber Feilschen um Wolfgangs Unterschrift, ein Zehntel der Summe wollten sie ihm auf sein Privatkonto zahlen.

„So viel haben wir nicht mal Andreas angeboten“, behauptete der Ältere.

„Und der hat immer mit sich reden lassen“, sagte der Jüngere.

„Ich nicht.“

Die Scheiche flogen unverrichteter Dinge nach Tripolis zurück. Keine illegalen Exporte mit Wolfgangs Unterschrift. Selbstanzeige des Schwarzgeldes in der Schweiz im Namen der Firma. Eine saubere Übergabe, danach war Schluss. Wolfgang war 68 Jahre alt, er hatte ein Haus, er hatte Rücklagen, er war nicht auf Bestechungsgelder angewiesen.

Keine neuen Aufträge, keine weiteren Kunden, keine tuschelnden Lehrlinge auf den Fluren, keine arroganten Sekretärinnen im maßgeschneiderten grauen Kostüm, die meinten, in seiner Anwesenheit parfümierte Zigaretten rauchen und Schoßhündchen kraulen zu dürfen, statt zu arbeiten.

Wolfgang starrte in den Ordner auf dem Mahagonischreibtisch, tippte ungläubig auf das Foto in dem Familienalbum, das er heute Morgen in der Wohnung des alten Firmenchefs gefunden hatte.

Der Erbe war Uwe Schneider. Aber nicht irgendein Uwe Schneider.

Schneider war „Nepotu“ gewesen, Schullerus „Unchiu“. „Neffe“ und „Onkel“.

Zwei Securitate-Spitzel.

Spitzel, die Wolfgang kannte.

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 3. November 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus, Romanfragmente und mit , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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