Konservierte Streicheleinheit

Streicheleinheiten waren das, was Codruţa am meisten vermisste, seit alle fort waren. Kleine Zärtlichkeiten, Gesten, Worte …

Manchmal, an Tage wie heute, spürte sie körperlich, wie ihre Haut sich danach sehnte. Dann griff sie in ihre Riesenhandtasche und strich mit dem Zeigefinger über den glatten Stoff des alten Knirpses. Und wenn der Schirm nicht da war, wenn sie ihn nach dem Aufräumen der Tasche versehentlich draußen hatte liegen lassen, wurde sie kribbelig und nervös.

So kehrte sie um, im Eiltempo humpelnd, obwohl der Abendbus aus Hermannstadt gleich eintreffen musste.

Mihaela lugte fragend aus ihrer Tischlerwerkstatt.

„Ich habe meinen Knirps vergessen. Ohne meinen Knirps gehe ich nicht aus dem Haus.“

Wurden alle Menschen wunderlich, wenn sie alt wurden? Dass Frau Schneider nicht ohne ihren Mini-Regenschirm aus dem Haus gehen wollte, war geradezu grotesk. Die Sommersonne knallte aus dem weißblauen Himmel auf die festgebackenen, wie Glas zersprungenen Schollen des Erdwegs. An das Wasser, das Mihaela heute Morgen in die Holztränke gepumpt hatte, erinnerte nichts mehr.

 „Wäre es nicht wichtiger, einen Stift einzustecken, um das Interview zu notieren?“

„Den Stift? Ja. Und das Handy.“ Codruţa strich sich die Schweißperlen aus dem Gesicht und verschwand wieder.

Der Knirps war wichtig, so wichtig wie Stift und Handy.

Codruţa erinnerte sich an Bernds Hand auf ihrem Haar, als er ihr den Schirm geschenkt hatte. Und an seine Worte. Sie spürte seine Lippen auf ihrer Stirn, ihre Nase an seinem Kinn.

„Der Schirm wird dich schützen, immer.“

„Aber brauchst du ihn nicht selbst?“

„In Bukarest gibt es öfter Schirme als hier, mein Vater könnte mir einen neuen kaufen. Oder ich bitte meine Großmutter in Hannover, dass sie mir einen schicken soll, im Frühjahr, wenn wieder Überschwemmungen sind und sie die Zölle aufheben.“

Für Codruţa war der Knirps eine konservierte Streicheleinheit.

Und Streicheleinheiten brauchte sie.

Manchmal.

Heute.

Jetzt.

(Dritte Geschichte nach den neuen Regeln für die abc-Etüden von Christiane:  3 Wörter sind zu einer Geschichte zu verbinden, die Geschichte muss maximal 300 Wörter lang sein. Die Impulswörter sind zwei Wochen lang gültig. Sie lauten diesmal Knirps, grotesk und notieren und wurden gespendet von Bettina. Danke euch beiden für die Anregung!)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 7. November 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus, Romanfragmente und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Ach, ich verstehe sie so gut. Ich schleppe auch immer wieder irgendwelche Glücksbringer mit mir herum, von Kastanien über Halbedelsteine bis …
    Ach ja.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Liken

  2. Ja Streicheleinheiten sollte man immer mal wieder vorsorglich konservieren, niemand ahnt wann sie knapp werden. Manchmal gibt es so Momente, da denke ich, das bitte aufheben für die Ewigkeit , aber es gelingt nicht recht.
    Sehr fasziniert mich diese hin und her springende Geschichte, mal als Etüde, mal nicht, wobei der Roman im Etüdenformat wohl eine literarische Weltneuheit wäre … Häppchenweise ergibt sich ein Bild, das noch lange nicht vollständig ist, neue Fragen. Weißt du schon alles?
    Liebe Grüße
    Natalie

    Gefällt 1 Person

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.18 | Wortspende von umgeBUCHt | Irgendwas ist immer

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