Lebenslänglich

Aufwachen, den Traum vom Lieblingsmann vertreiben, der längst tot ist, weinen, frühstücken, aufstehen, duschen, Zähne putzen. Vormittagstraining mit Einkaufen.

Einkauf einräumen, Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffnen, lektorieren. Rechner hinunterfahren, Gemüse schnipseln, anbraten, ablöschen, aufessen.

15 Minuten schlafen, Nachmittagstraining (Nordic Walken statt Joggen), Kaffee trinken (ohne Koffein, ohne Kuchenbeilage), Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffen, lektorieren, Rechner hinunterfahren.

Abendessen vorbereiten (auch für Enkelsohn und Schwiegertochter), Abendessen mit Enkel und Schwiegerkind. Spaziergang zum Mehrfamilienhaus, in dem beide wohnen. Und zurück. Aufräumen, Spülen, Bett aufdecken. Schlafen gehen.

Jeden Tag. Ohne jede Abweichung, unabwendbar.

Anna-Maria hatte, als sie ethnologische Geriatrie studierte, die Wissenschaft vom alltäglichen Umgang der Menschen mit dem eigenen Altern, nie gedacht, dass sich ihre eigene Lebenswelt einmal so verengen könnte, wie sie es jetzt tat. Wie auch ihre Bronchien es taten, wenn sie nicht täglich ihr Bewegungstraining absolvierte, das sie so viel Arbeitszeit kostete.

Oft überlegte sie zwischen zwei zu kürzenden Absätzen ihres Lektoratstextes, heimlich von der Arbeit abschweifend und sie dadurch in die Länge ziehend, warum sie nicht einfach mit der Erwerbstätigkeit aufhören konnte. Manchmal öffnete sie dann hoffnungsvoll ihre Finanzdatei und prüfte die Daten. Und dann wusste sie es wieder: Weil es nicht reichte. Weil die Miete zu hoch war. Und die Rente zu niedrig würde.

Noch zwei Jahre aushalten. Nein, noch zwei Jahre und neun Monate, die 65-Jahres-Frist war ja verlängert worden, und wenn Anna-Maria auch noch nicht zu den Unglücklichen gehörte, die bis zum 67. Lebensjahr arbeiten mussten, bekäme sie doch ihre Rente auch noch nicht mit 65.

Nie hatte sie gedacht, dass sie danach nicht weiterarbeiten wollen würde. Aber dann, jetzt, war sie alt geworden, und krank, und müde, und einsam.

Sie hatte immer bis zum Lebensende arbeiten wollen, auch im Ruhestand, aus Spaß an der Freude. Vielleicht, fürchtete sie, würde ihr das gelingen. Dann gäbe es keinen Ruhestand mehr.

(3 Begriffe – hier: Abweichung, unabwendbar und verengen – in maximal 300 Wörter zu einer kleinen Geschichte verquicken – das war wie immer die Herausforderung von Christiane , diesmal mit der Wortspende von Werner Kastens. Danke euch beiden! Und allen Lesenden zur Information: Ich bin NICHT Anna-Maria.)

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Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 4. Juni 2019 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Es gibt viele Zwänge, die, wenn sie zusammen und gleichzeitig auftreten, die Menschen zerstören können: geringe Rente (speziell bei den Frauen, die sich der Erziehung der Kinder gewidmet haben), Problemsituationen bei den eigenen oder angeheirateten Kindern (getrennte Partnerschaften, Aufpassen auf Enkelkinder), Nebenjob erfüllen (weil er das einzige ist, worauf man sich zurückziehen kann, oder weil er notwendig ist).

    Ball-Paradox des Fortschritts. Nicht jeder wird damit fertig.

    Sehr schön beschrieben, diese Zwickmühle, liebe Elke!

    Gefällt 3 Personen

  2. Ach, Elke, wie schön, wieder einmal von dir zu lesen! Auch gut die Klarstellung, dass du nicht deine Protagonistin bist.
    Ich kenne Leute, die so ein Leben haben oder so einem Leben entgegensehen. Deren Lebensabend kein beschaulicher Abend sein wird, sondern aus Arbeit bestehen wird, weil es so sein muss. Kein schöner Gedanke, alles in allem.
    Ganz liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

  3. Sehr deprimierend und realistisch geschrieben. Doof nur, dass Leute über die Zukunft anderer bestimmen, die nie vor diesen Problemen stehen.
    Grüße, Katharina

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  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 25.26.19 | Wortspende von viola-et-cetera | Irgendwas ist immer

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