Traumjob trotz Hindernissen

Der Juniorchef erinnerte Beate an einen Froschkönig: schleimig, kalt, hochmütig, anspruchsvoll. Nur die Krone fehlte auf seinem pomadigen Haar.

„Ich kann dir helfen“, tönte Achim. „Ich hole dir den Ball aus dem Brunnen und verschaffe dir diesen Job, den du so willst. Du musst nur mit mir ausgehen. Mit mir essen. Nur einmal. Du musst …“

Beate WOLLTE diesen Job. Sie hatte zehn Jahre lang dafür gearbeitet, und sie wusste, dass sie ihn meistern konnte. Aber da waren noch die anderen, die ihn auch haben wollten, 122 Menschen, lauter Männer. Beate fragte sich, ob sie sich zu viel auf ihre eigenen Fähigkeiten einbildete, wenn sie nach der Präsentation der anderen Arbeiten überzeugt war, dass keiner von ihnen für die ausgeschriebene Stelle so gut qualifiziert war wie sie. In jeder Präsentation erkannte sie auf Anhieb fatale Fehler, die das entsprechende Projekt zum Scheitern verurteilten. Fehler, die sie im ersten Entwurf in ihrer Präsentation auch gemacht und später mühsam ausgebügelt hatte.

Aber Beate hatte einen Fehler, den alle anderen nicht hatten: Sie war eine Frau. Und sie wusste, in diesem Unternehmen arbeiteten KEINE Frauen, obwohl in jeder Stellenanzeige darauf hingewiesen wurde, dass bei gleicher Qualifikation Frauen – oder neuerdings Menschen eines anderen, nichtmännlichen Geschlechts – bevorzugt würden. Aus irgendeinem Grund fand die Jury die Qualifikation von Nicht-Männern niemals gleichwertig. Sie wusste, ihre Aussichten waren und blieben trüb.

Und dann kam dieser schleimige, kalte … Sie rammte ihm ihr Knie gegen den Körperteil, der bei Männern besonders empfindlich ist, und stieß ihn gegen die Wand, bevor sie davonrannte.

Doch sie bekam den Job! „Frauen wie Sie brauchen wir in unserem Unternehmen“, sagte der Juniorchef am nächsten Tag, „Frauen, die sich durchsetzen können und wissen, was sie wollen.“

Hatte Beate Achim für kalt und schleimig gehalten? Er war nur cool. Und professionell. Und eigentlich sogar nett.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Viola und ihrem Blog viola-et-cetera. Die drei Begriffe lauten: Froschkönig, trüb, helfen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, liebe Viola und liebe Christiane, für den Anstoß!)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 2. Juli 2019, in Allgemein, Kürzestgeschichten, Märchen, Realismus. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Es ist eine traurige Wahrheit, dass viele Männer Frauen erst respektieren, wenn sie überdeutlich geworden sind und ihnen, auch schmerzlich, gezeigt haben, wo der Hammer hängt. Ich bin von der Transformation deines Prinzen jedenfalls nicht überzeugt, ich glaube, der wird weitergraben … Möge sie glücklich damit werden, Mann und Job!
    Keine Ahnung, ob du Zeit und Lust hast, aber du könntest diese Geschichte diese Woche weiterspinnen, wir haben ja zurzeit die Extraetüden …
    Liebe Grüße
    Christiane

    Liken

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 27.19 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: