Archiv für den Monat Dezember 2019

Nachhaltigkeitsmarkt

Die Leute vom Letzte-Wünsche-Mobil des Arbeiter-Samariter-Bundes hatten seinen Wunsch abgelehnt, aber Herr Weniger wollte nicht aufgeben.

Er sortierte seine Sachen für den veganen Nachhaltigkeitsflohmarkt, der nach den Feiertagen am Rathausplatz stattfinden sollte. Da waren die veganen Vanillekugeln, die eine Bäckereiverkäuferin ihm in den Hut geworfen hatte. Ihr Verfallsdatum war nicht abgelaufen. War Zellophan nachhaltig? Und was, wenn jemand eine Nussallergie hatte? Egal. „Nüsse“ stand auf der Ingredienzienliste des Etiketts. Man musste nur lesen können. Nur.

Herr Weniger verdrängte seinen Hunger. Vanillekugeln waren nicht gut für …

Er teilte sich lieber den Brotrest mit der Jungratte, die ihn nachts im verfallenen Schuppen neugierig beäugte. Das war besser, als sie an seinem Bärenfell nagen zu lassen, obwohl die das für einen Leckerbissen zu halten schien. Er hatte das Tier entdeckt, als der erste Herbststurm tobte, und war ihm dankbar, weil es ihn von seiner Herbstdepression ablenkte.

Inzwischen war Herrn Wenigers Diagnose abgesichert. Die Prognose: schlecht. Und jetzt hatten Weihnachtszauber und Wintersonnenwende der Winterdepression Platz gemacht.

Schneeflocken wirbelten durch die Steinwüste der Großstadt, glitten über das Glatteis der Gehwege, glitzerten im reklamebunten Licht, dämpften das Rattern der S-Bahn, das Rauschen des Autoverkehrs, das Hundegebell und das Kinderlachen im nahen Park.

Was hatte Herr Weniger noch zu bieten? Das grüne Kuscheltier, das ein Kindergartenkind ihm auf seine Schlafbank gelegt hatte. Unberührt sah es aus, verpackt in plastikbeschichteten Karton mit Guckloch. Ob es zugelassen würde? Die Teekanne, verbeult, hässlich, würde es. Zum Markt kamen vor allem junge Frauen, die alles hatten und sich das Gefühl kaufen wollten, Menschen zu helfen, die in 500 Jahren am anderen Ende der Welt (vielleicht nie) leben würden. Ob sie für seine getragene Pudelmütze  etwas gäben? Für sein rattenbenagtes Bärenfell?

Herr Weniger fror und träumte stöhnend von dem letzten Glas mit richtig gutem Rotwein, das er vom Erlös kaufen wollte.

(Dies ist ein verspäteter Beitrag zu Christianes Adventüden, frei nach dem Spruch: „Und wenn das fünfte Lichtlein brennt …“. Verarbeitet sind die Schlüsselwörter „Armut, Bärenfell, Glatteis, Herbstdepression, Herbststurm, Hundegebell, Hunger, Jungratte, Kuscheltier, Nussallergie, Pudelmütze, Schneeflocken, Steinwüste, Teekanne, Weihnachtszauber, Wintersonnenwende“ in 300 Wörtern.)