Der Lauf der Dinge

Nein, ein Papiertiger war Marinescu nie gewesen. Die Informationsschnipsel, die er von seinen informell Mitarbeitenden erhielt (der alte Mann lächelte, als er dieses moderne Wort dachte), mochten ihre Meldungen für belanglos halten. Sie mochten sich einbilden, „niemandem damit geschadet“ zu haben.

„Ein ausländisches Fahrzeug steht im Hof von Frau Schuster. Seit gestern. Das Kennzeichen …“

„Herr Popescu hat einen Brief nach Washington geschrieben. Die Adresse …“

„Cordelia geht jeden Nachmittag zu dieser Klavierlehrerin, von der wir vermuten, …“

„Die Klavierlehrerin hat ein Verhältnis mit einem Italiener. Er heißt …“

Klatsch, jede Mini-Information. Aber Marinescu wusste danach, dass Antonio de Luca sein Fahrzeug, einen Alfa Romeo, Kennzeichen ROMA X17538, im Hof der Klavierlehrerin Schuster parkte, die wöchentlich die kleine Cordelia Popescu mit Czerny-Etüden plagte, und dass Popescu, de Luca und Schuster miteinander von dem Bohnenkaffee tranken, den de Luca aus Rom mitgebracht hatte. Danach war es leicht, Schuster zu überreden, ihm, Marinescu, alles mitzuteilen, was sie in den Klavierstunden von den Kindern erfuhr.

Marinescu würde nie behaupten, diese Informationen hätten niemandem geschadet. Dafür war er zu ehrlich, zu anständig. Die Informationen hatten Menschen ihren Arbeitsplatz gekostet, ihren Beruf, ihre Freiheit, ihre Lebensfreude, ihr Vertrauen in ihre Verwandten und Bekannten. Das war gut so, denn diese Menschen hatten es nicht anders verdient, hatten versucht, sich dem großen Ziel entgegenzustellen.

Marinescu lauschte dem Plätschern des Springbrunnens, während er versuchte, den Kopfschmerzen zu entkommen, die ihn seit Monaten quälten. Hirntumor. Er würde bald sterben. Es war nicht wichtig, denn das große Ziel war ohnehin unerreichbar geworden: Arbeit für alle, Freiheit, Gleichheit, Vertrauen in eine sonnenhelle Zukunft.

Die Schwäne am Weiher zogen unbeirrt weiter ihre Kreise, registrierten es nicht, als der alte Mann auf der Bank sich nicht mehr regte. Ein Lebewesen weniger auf der Welt. Na und? Das war der Lauf der Dinge.

(Noch einmal: Danke an Christiane, die diese abc-Etüden betreut, und an Donka, die diesmal die Reizwörter – Papiertiger, belanglos, plätschern – gespendet hat. Wie immer waren die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu einem sinnvollen Text zu verbinden.)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 22. Januar 2020 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 24 Kommentare.

  1. Alle Namen und Daten sind fiktiv. Jede Ähnlichkeit zu lebenden oder toten Personen wäre zufällig.

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  2. Das große Ziel und alles, was in seinem Namen begangen wird. Beklemmend real, liebe Elke, und es wird sich nie ändern. Wenn es Umstände gibt, wo man aus Informationen Vorteile ziehen kann, wird es Menschen geben, die das nutzen.
    Danke dir für deinen Blick.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🐱☕🍪👍

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    • Ja, liebe Christiane, das Sammeln von Informationen (und ihr Missbrauch für was für „große Ziele“ auch immer) ist nicht erst im Online-Zeitalter möglich geworden. Man denke beispielsweise an die Inquisition, die Französische Revolution und nicht zuletzt ans 20. Jahrhundert in Europa mit all seinen unerfreulichen Facetten.
      Liebe Grüße
      Elke

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  3. Düster aber leider allzu real. Ich frage mich grade, was schlimmer ist: Menschen aus Bosheit zu diffamieren oder in dem guten Glauben, es sei für das „große Ziel“. Am Ende macht das Ergebnis die Bewertung, und das ist ja in beiden Fällen dasselbe. Toll geschrieben – in wenigen Worten soviel erzählt. Danke!

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  4. Welch ein tiefer Einblick in eine grausige Realität! Das erschreckt und rüttelt zugleich wach! Das kann und darf so nicht weitergehen, jedenfalls nicht mit mir! Diesen „Tratsch im Treppenhaus“ oder mit „Freunden“, die uns „ins Vertrauen ziehen“, um selbst aus uns „Brisantes“ herauszulocken, um es sogleich als „gefundenen Fressen“ weiterzusagen…, das ist ja der „Nährboden“ für das, was diese „Etüde“ „aufdeckt“ und doch nur „die Spitze eines Eisberges“ist. Die Spitze? Oh nein, es schaudert einen, wenn man/Frau die bereits existierenden viel höheren Spitzen erkennt!

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    • Ich fürchte, wir alle sind anfällig für das, was du „Tratsch im Treppenhaus“ nennst. Leben heißt ja auch, Informationen auszutauschen. Ohne diese Nähe, dieses soziale Netz aus Wissen, das auch Helfenkönnen bedeutet, ist das Zusammenleben von Menschen schwierig. Die Alternative wäre in letzter Konsequenz, dass wir nicht mehr merken, wenn jemand seit Wochen tot in der Nachbarwohnung liegt, weil wir uns geweigert haben, irgendetwas von ihm zu wissen. Das ist eine ähnlich grausige Vorstellung wie der Missbrauch vertraulicher Informationen samt all seiner Folgen.

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  5. Ja,,das ist so wahr: Kein Ziel „heiligt“ solche Mittel der Diffamierung, des Rufmordes u. ä.!

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    • Das Perfide ist: Es geht bei solchen Informationsschnipseln oft nicht um Rufmord, und die Informationsgebenden (im Volksmund: Spitzel, IM oder wie auch immer) sind sich der Schädlichkeit ihrer Informationsweitergabe nicht bewusst, weil das Puzzlestück, das sie offenlegen, für sich genommen völlig harmlos scheint.

      Ein Fahrzeug steht in einem Hof. Ein Mädchen besucht die Klavierstunde. Ein Mann schreibt einen Brief. Das sind keine Diffamierungen, das ist kein Rufmord, es sind Alltagsinformationen, aus denen erst diejenigen eine Bedrohung für die Beobachteten konstruieren, die daraus ein Puzzle zusammenstellen und es aus ihrer Sicht interpretieren.

      Das Verwerfliche an der Informationsweitergabe ist die Kenntnis der Informationsgebenden darüber, dass die Informationsempfangenden über die Interpretations- und Sanktionsmacht verfügen und sie bekanntermaßen auch nutzen. Perfide ist außerdem deren erpresserische Möglichkeit, aus Beobachteten Beobachtende zu machen, wie es Marinescu in der Geschichte mit der Klavierlehrerin tut.

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  6. „Der Lauf der Dinge“ darf es nicht sein und bleiben. Da müssen wir uns dagegenstellen, bei uns selbst beginnend !

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    • Versuchen kann und sollte man viel. Aber Menschen bleiben Menschen, fürchte ich – und hoffe es zugleich. Das Unvollkommene und Unvollständige ist Gefahr und Chance zugleich, denn es minimiert zwar die Wirkung, mindert aber auch die Nebenwirkungen.

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  7. Und bis zuletzt glaubt er, der Sache gedient zu haben. Keine Sache ist Unmenschlichkeit wert. Aber in der Praxis scheint das zu verschwimmen und wir reden es uns zurecht.
    Danke für den Text!

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    • Ja, das Erschreckende ist, dass viele Menschen, die großen Schaden anrichten, sich selbst durchaus nicht als „böse“ ansehen, dass nicht alle aus selbstsüchtigen Motiven handeln. Aber gut gemeint ist nicht zwingend gut getan. Und wer glaubt, für eine gute Sache tätig zu sein, geht vielleicht sogar weiter als jemand, der annimmt, nur für sich selbst das Beste aus den gegebenen Möglichkeiten herauszufischen. KEIN Ziel, KEINES, ist groß und gut genug, um die Mittel zu heiligen, finde ich. Oder? Ist das zu absolut? Dürfte dann vielleicht auch kein Mensch operiert werden um der Chance Willen, sein Leben zu verlängern? Einfache Antworten gibt es leider keine.

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  8. Das hat für mich packenden Wiedererkennunngswert. Die Wirksamkeit solcher „Schnippsel“ und die darauffolgenden Sanktionen hat letztendlich mehr zur Zerstörung der Verbindungen zwischen den Mitgliedern meiner Verwandtschaft im deutschen Ost-West-Verhältnis geführt, als Mauer und Todesstreifen es vermochten, und ich bin davon überzeugt, dass die Informanten, genau wie hier beschrieben, nicht angenommen hatten, dass ausgerechnet ihre Meldungen eine solche Gewalt hätten.

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    • Ich hoffe, der Text hatte keine Triggerwirkung auf dich.
      Und ja, auch ich kenne (harmlose, sympathische!) Menschen in meiner Verwandtschaft und Bekanntschaft, die scheinbar unbedeutende Schnipsel geliefert haben, ohne sich ihrer Tragweite bewusst zu sein. Darüber hinaus weiß ich, wie aus derartigen Schnipseln ein Bild entsteht (das auch falsch sein kann). Nicht nur Nachrichtendienste, auch Redaktionen und Gerichte basteln ihre Schlussfolgerungen, Berichte und Urteile aus solchen Einzelteilen.

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  9. sehr gut geschrieben, beängstigend real, wenngleich du meiner Ansicht nach die Spitzel allzu schnell von Verantwortung freisprichst. Sie wissen schon, was sie tun. Sie nehmen in Kauf, was aus ihren Informationen gemacht wird. Wenn sie unter Angst und Stress handeln, kann man es nachvolllziehen. Anders ist es, wenn sie einfach bösartig sind oder einen Vorteil wittern.
    Ich erinnere mich an eine Freundin, die versuchte, damit klarzukommen, dass der Haushalt ihrer Eltern plötzlich mit wunderbaren Dingen angefüllt wurde: silberne Messer, Gabeln, Serviettenringe, ein schweres Büffet …Das war zur Zeit, als die Denunzierung von Juden gang und gäbe war. Sie wuchs zwischen diesen Dingen auf,,,,

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    • Ja, liebe Gerda, es gibt solche … und solche Spitzel. Viele waren erpresst, viele andere nicht. Gekauft mögen auch manche gewesen sein, keine Frage. Manchen hat es wohl auch nur Spaß gemacht, andere Leute reinzureiten, Macht über ihre Mitmenschen zu haben. Aber in einer Diktatur ist es ungeheuer schwierig, nicht auf die eine oder andere Art schuldig zu werden, wenn auch bei den einen der Opfer-, bei den anderen der Täterstatus (mehr oder weniger stark) überwiegen mag. Das kann m.E. zwischen 0 und 100 schwanken. Nein, es ist nicht einfach.

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  10. Möglicher Widerspruch könnte doch von der Kirche kommen, aber leider haben wir ja oft genug erlebt, wie die Mächtigen sich mit der Kirche verbündet haben und diese willig mitgelaufen ist.
    Es bleibt ein sehr beängstigendes Thema und fein von Dir ausgesponnen.

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    • Und man denke an die Zeit der Inquisition. Ja, „die Kirche“ verbündet sich häufig mit den (anderen) Mächtigen. Nicht immer, nicht alle ihre Angehörigen. Und zum Teil kommt/kam tatsächlich Widerspruch von der Kirche. Ich kann mich an eine Weihnachtspredigt erinnern, in der es um den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten ging. Vor einer Gläubigenversammlung, die bis auf die frostige Straße reichte, weil nicht genug Platz da war. Einer Versammlung potenzieller Auswanderungswilliger, die sich während der gesamten Predigt besorgt umsahen, ob jemand Unbefugtes das so verstehen könnte, wie es sicher gemeint, aber nicht gesagt wurde. Es ist nichts passiert, zumindest nicht, solange ich anwesend war, aber die Angst war greifbar. Widerspruch in Diktaturen ist eine gefährliche Verhaltensweise.

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  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.20 | Wortspende von Make a choice Alice | Irgendwas ist immer

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