Archiv für den Monat März 2020

Kein Frost für die Forsythien

Am Tag 1 nach der Aufhebung der Anti-Pandemie-Maßnahmen saß Annelie auf ihrem Balkon, in einem Sommerkleid, obwohl es erst Ende März war, und ließ das Grün der keimenden Bäume und Büsche auf sich wirken. Die Tulpen und Narzissen im Park nebenan ließen die Köpfe hängen, nur die Forsythien im Garten der Nachbarin blühten noch. Wie jedes Jahr. Sie würden nicht erfrieren. Nachtfröste waren für die nächsten vierzehn Tage keine zu erwarten. Timo hätte es lächerlich genannt, dass Annelie überhaupt auf ihrem Handy nach der Wettervorhersage guckte, aber Timo sagte schon seit anderthalb Jahren nichts mehr. Covid-19.

Timo, der Optimist, der nicht geglaubt hatte, eine Pandemie könne die Welt verändern. Der später überzeugt war, die Änderung habe ihr Gutes. Für das Klima zum Beispiel. Für das Miteinander der Menschen, die Solidarität, die Hilfsbereitschaft. Für die Entschleunigung des Lebens und die gerechtere Entlohnung der überlebensnotwendigen Tätigkeiten. Für die Lebensmittelverkäuferinnen, die Erzieherinnen, die Alten- und Krankenpfleger, die Ärztinnen und Polizistinnen, die Müllmänner und Putzfrauen, die Lehrkräfte und Lieferboten, die Feuerwehrleute und Reporterinnen. Nichts davon war eingetreten.

Stattdessen erlag Frau Müller aus der Penthouse-Wohnung einem Herzinfarkt, weil kein Intensivbett frei war, als sie eines brauchte. Herr Meier von gegenüber wurde nach seinem Schlaganfall zu spät gefunden. Kein Mensch wollte ihn in seiner freiwilligen Einzel-Quarantäne stören. Fatima Aytulun, Mutter von drei kleinen Kindern, erhängte sich, als sie Aufträge und Wohnung verlor. Die alte Frau Schwarz aus dem Nachbarhaus stürzte in ihrer Küche, als sie eine Packung Klopapier auf den Hochschrank stapeln wollte. Oberschenkelhalsbruch. Auch sie lebte in Quarantäne und verhungerte zwischen den neu gekauften Mehltüten und Brotbackmischungen. Und Rosi Wagner gab es nicht mehr, weil sie und ihre Zwillinge die unfreiwillige Hausgeburt nicht überlebten.

Zwar war der Himmel über China zeitweise wieder blau, aber nichtsdestotrotz galt der März 2022 als heißester seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

(Danke an Christiane, die diese abc-Etüden betreut. Die Reizwörter, diesmal Forsythien, lächerlich und erfrieren, stammen von mir selbst. Wie immer waren die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu einem sinnvollen Text zu verbinden.)