Kein Frost für die Forsythien

Am Tag 1 nach der Aufhebung der Anti-Pandemie-Maßnahmen saß Annelie auf ihrem Balkon, in einem Sommerkleid, obwohl es erst Ende März war, und ließ das Grün der keimenden Bäume und Büsche auf sich wirken. Die Tulpen und Narzissen im Park nebenan ließen die Köpfe hängen, nur die Forsythien im Garten der Nachbarin blühten noch. Wie jedes Jahr. Sie würden nicht erfrieren. Nachtfröste waren für die nächsten vierzehn Tage keine zu erwarten. Timo hätte es lächerlich genannt, dass Annelie überhaupt auf ihrem Handy nach der Wettervorhersage guckte, aber Timo sagte schon seit anderthalb Jahren nichts mehr. Covid-19.

Timo, der Optimist, der nicht geglaubt hatte, eine Pandemie könne die Welt verändern. Der später überzeugt war, die Änderung habe ihr Gutes. Für das Klima zum Beispiel. Für das Miteinander der Menschen, die Solidarität, die Hilfsbereitschaft. Für die Entschleunigung des Lebens und die gerechtere Entlohnung der überlebensnotwendigen Tätigkeiten. Für die Lebensmittelverkäuferinnen, die Erzieherinnen, die Alten- und Krankenpfleger, die Ärztinnen und Polizistinnen, die Müllmänner und Putzfrauen, die Lehrkräfte und Lieferboten, die Feuerwehrleute und Reporterinnen. Nichts davon war eingetreten.

Stattdessen erlag Frau Müller aus der Penthouse-Wohnung einem Herzinfarkt, weil kein Intensivbett frei war, als sie eines brauchte. Herr Meier von gegenüber wurde nach seinem Schlaganfall zu spät gefunden. Kein Mensch wollte ihn in seiner freiwilligen Einzel-Quarantäne stören. Fatima Aytulun, Mutter von drei kleinen Kindern, erhängte sich, als sie Aufträge und Wohnung verlor. Die alte Frau Schwarz aus dem Nachbarhaus stürzte in ihrer Küche, als sie eine Packung Klopapier auf den Hochschrank stapeln wollte. Oberschenkelhalsbruch. Auch sie lebte in Quarantäne und verhungerte zwischen den neu gekauften Mehltüten und Brotbackmischungen. Und Rosi Wagner gab es nicht mehr, weil sie und ihre Zwillinge die unfreiwillige Hausgeburt nicht überlebten.

Zwar war der Himmel über China zeitweise wieder blau, aber nichtsdestotrotz galt der März 2022 als heißester seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

(Danke an Christiane, die diese abc-Etüden betreut. Die Reizwörter, diesmal Forsythien, lächerlich und erfrieren, stammen von mir selbst. Wie immer waren die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu einem sinnvollen Text zu verbinden.)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 22. März 2020, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 28 Kommentare.

  1. Holla – da hast du ja … ja, was eigentlich…. Ich hoffe einfach, dass das ganz schreckliche Utopie bleibt und wir es überleben. Stilistisch grandios – du hast mich mit der Stimmung mehr als runter gezogen……
    Liebe Grüße

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  2. Liebe Elke,

    wie immer hat es dein Text in sich – in wenigen Zeilen ein ganzes Leben; und hier sogar mehrere … Hoffen wir, dass es nicht so schlimm kommt.
    Ich hoffe auch, dass wir bald wieder real zusammen schreiben können; das wäre so schön.

    Liebe Grüße
    Maike

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  3. Ja, das ist die andere Seite der Pandemie, die wahrscheinlicher klingt als alle anderen Varianten, leider. Das menschliche Miteinander ist so vielfältig verflochten, wie es erst jetzt manchen bewußt wird. Wir sind keine Einzelwesen. Wir sind als Gemeinschaft gedacht.

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  4. Puh, das ist aber düster, Elke!

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  5. Kann nicht sagen, dass mir das Szenario gefällt, das du da zeichnest, aber auch so kann es geschehen, leider. Ich hoffe nur, dass der „Tag 1“ nicht erst in 2 Jahren kommt …
    Vielen Dank dafür.
    Liebe Grüße
    Christiane 🙂

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  6. Es gibt allerdings so viele positive Zeichen in dieser Zeit, die helfen, daß das Gute dann doch stärker werden kann, jedenfalls in jedem Einzelnen von uns. Und solche Beispiele ( gerade erlebt) stecken auch an, im positiven Sinne. Also weitersagen und selbst Zeichen setzen für eine Wende zum Guten!

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  7. Dass nicht Ende März 2020 gedacht war, dachte ich mir gleich.
    Sonst fühle ich mich Timo nah.

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    • Oje, heißt das, du bist positiv auf Covid-19 getestet worden? Dann wünsche ich dir von Herzen gute Besserung, auf dass es dir NICHT ergehen möge wie Timo!

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      • Nee, nee alles gut.
        Ich teile Timos Hoffnung, dass diese kollektive Erfahrung gesellschaftliche dringend notwendige Prozesse (Klimawandel!) anstoßen könnte.
        Dass jemand in der Quarantäne verloren gehen könnte, fürchte ich auch, ich telefoniere jeden Morgen die von uns versorgten „Isolationsfälle“ (inzwischen sieben Personen in fünf Haushalten…) ) ab, vorgeblich um die Einkaufsliste zu bekommen, in Wahrheizt hauptsächlich, um sicher zu sein, dass bei ihnen alles okay ist …

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      • Das freut mich. Ich werde hier auch von Leuten angerufen, die mich sonst nie kontaktieren.

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  8. Liebe Elke, das ist ein sehr mutiger Text. ich mag ihn sehr. Denn was du da beschreibst, ist ja nicht dystopisch, sondern real. Ich bin sehr beunruhigt, wie es zB Fatima Aytulun ergehen mag, gerade jetzt, mit ihren Kindern und den fehlenden Aufträgen. Man hört und sieht ja nichts mehr von ihnen. Auch nicht von meinem kleinen Freund aus Bangladesh, der scheu lächelte, wenn er mich an der Ampel halten sah, und mir immer die Autoscheiben putzte. Oder meine Zigeuner (pardon, Roma), die nun überhaupt keine Einkommensquelle mehr haben, die ich aber auch nicht treffen kann, um zu sehen, wie sie zurande kommen. Die vereinsamten Menschen sehe ich ebenfalls nicht, höchstens mal mit Maske vorm Gemüseladen wartend, und es bleibt bei einem Kopfnicken und einem „schwierige Zeiten“ oder einem versuchten Witzchen. Und wer jetzt krank wird, einen Schlaganfall bekommt…. eben all das, was es „vor C“ schon gab – der ist verloren. Wieviele Menschen in den überfüllten Krankenhäusern an hartnäckigen Bakterien und nicht am Virus sterben, oder an dem Gefühl, dass es sich einfach nicht mehr lohnt…., weiß ich auch nicht, Jetzt. Heute. Alle zählen die an C gestorbenen, dabei wird ganz normal weiter gelitten und gestorben, nur unbeachteter, vereinsamter. Und für viele sind die Maßnahmen das wirtschaftliche AUS. Jetzt lass nur noch das Bankensystem zusammenbrechen, dann haben wir die schönste Hungersnot aller Zeiten.

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    • Das sind, unter anderem, die Folgen, vor denen ich mich fürchte. Und ich habe in meinem Text nicht einmal auf die Menschen hingewiesen, die an häuslicher Gewalt leiden und wegen der Ausgangseinschränkungen noch weniger fliehen können als sonst. Auf die Kinder aus ganz normalen Familien, die wegen der wochenlangen Online-Notbildung in kaum aufholbaren Rückstand geraten, noch verstärkt durch den relativen Bildungsvorsprung, mit dem die Kinder aus bildungsprivilegierten Familien in den Schulalltag zurückkehren werden. Vieles davon lässt sich durch noch so großzügige Rettungsprogramme noch so wohlwollender und -habender Regierungen nicht vermeiden. Trotzdem bin ich nicht blind, sondern dankbar für die staatlichen und privaten Hilfsangebote. Und auch bereit zu helfen. Ich meine nur: Wir haben nicht alles in der Hand, so gern wir das auch glauben wollen.
      Danke dir für den ausführlichen Kommentar!

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  9. Dein Kommentar ist vernünftig und ausgewogen, liebe Elke. Ich leide unter allzu großen Gemütsschwankungen, sehe zu schwarz oder zu rosig, je nachdem. Dabei bleibt mir nichts anderes übrig, als die Regierungsmaßnahmen zu begrüßen und zu befolgen – und die möglichen positiven Aspekte der Krise in mir zu verstärken. Es gibt ja momentan keinen anderen Weg. Liebe Grüße! Gerda

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    • Liebe Gerda, ich glaube, das geht sehr vielen (fast allen?) so ähnlich. Es ist eine Situation großer gefühlter Unsicherheit, die zudem bewusst macht, dass die Unsicherheit im Grunde ein Dauerzustand ist, denn unbekannte Risiken gibt es immer, und sie können jederzeit aktiviert werden. Alles Gute für dich! Elke

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  10. Liebe Elke,
    toll geschrieben.
    Kein worst-case Szenario.
    Bei uns wird die Schlaganfall-Rehaklinik bald schließen. Die Ergos und Physios dürfen nicht mehr rein. Also, bitte kein Schlaganfall jetzt, bitte.

    Frage: Darf ich das auf meiner Seite rebloggen?

    LG, Hille

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    • Das darfst du gern tun. Ich bin ungemein froh, dass meine Lungen-OP (natürlich mit Bedarf an Beatmung) 2019 stattgefunden hat und nicht JETZT. Die Leute, die jetzt darauf angewiesen sind, haben mein volles Mitgefühl.

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      • Das war bei meiner 3 1 /2 stündigen OP letzten Oktober auch erforderlich, als ich 2 neue Hüftgelenke gleichzeitig bekam.
        Zum Glück habe ich noch ein bisschen Physio, bis die dann wohl bald auch noch schließen müssen.
        Die aktuellen Hexenschüsse und Bandscheiben wird es auch hart treffen.

        Wie heiß das im Krieg? Kollateralschäden.
        Im Corona-Krieg gibt es sie auch massenhaft.

        Umarme Dich virtuell sehr herzlich.
        Bleib behütet!
        Hille

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      • Ja, die Kollateralschäden gibt es zweifellos. Ich bin auch froh, dass ich meine Physiotherapien hinter mir habe. Dir alles Gute dafür, mögen die Behandlungen alle noch durchführbar sein!

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