Archiv für den Monat Januar 2021

Distanzunterricht

„Warum nicht orange?“, fragte meine achtjährige Enkelin Jolanda, während sie eigenhändig mit Buntstiften den dritten Aufsatz ihres Lebens illustrierte. Es war eine Geschichte von „Einhorni“, das seine Mama sehr lieb hatte und ihr das, einen „Zauberschtift“ benutzend, brieflich mitteilte, was für das kleine Tier ein Abenteuer darstellte. So waren die Wörter „Stift“ und „Brief“ und „Abenteuer“ sinnvoll untergebracht, und das musste sein, denn diese Wörter hatte sie in der Videokonferenz mit ihrer Deutschlehrerin mühsam erarbeitet. (Das war, als ihre Klassenkameradin Mira die Konferenz verlassen hatte, weil sie von Sydney aus teilnahm und in Sydney Nacht war und Mira schlafengehen musste.)

Die Illustration stellte ein Baby-Einhorn dar, das aussah, als wäre es aus Honigkuchen gebacken und mit kunterbuntem Zuckerguss verziert worden. Die Vorlage hatte Jolanda mit ihrem Tablet im Internet gefunden, selbst an meinen Drucker geschickt und etwas krakelig in ihr liniertes Heft abgepaust, während der Lautsprecher ihres Tablets internationale Kinderlieder plärrte, die ihr fünfjähriger Bruder Jonathan lauthals und falsch mitsang.

„Das Einhorn ist doch fertig“, wandte ich ein.

„Ja,“ sagte Jolanda, „aber der Hintergrund nicht. Und der soll orange aussehen, weil Abend ist.“

Ich mag die Farbe Orange nicht, aber es war nicht mein Bild, und Jolanda ließ sich von meiner Meinung kein bisschen erschüttern, also malte sie weiter, statt sich endlich um die zehnerübergreifenden Subtraktionen zu kümmern, die als nächste dran waren.

Jonathan hörte auf zu singen, als der Kinderlieder-Clip zu Ende war, und begann stattdessen, Zetermordio zu brüllen.

„Nie kümmerst du dich um mich,“ warf er mir vor. „Immer geht es um Jolanda!“

„Du darfst dein Vorschulblatt ausfüllen“, sagte ich, „aber Jolanda hat gerade Unterricht.“

„Ich habe mein Arbeitsblatt schon ausgefüllt“, maulte er. „Zu Hause bei Papa, als die Mama im Hommofiss war. Jetzt will ich mit Baggerli spielen!“

Weichherzig, wie ich bin, quälte ich meine arthritischen Knochen auf den Boden hinunter und baute einen Turm aus Holzbauklötzen, damit Jonathan ihn mit seinem Spielzeugbagger niederreißen konnte.

„Muss ich die Zwischenschritte wirklich aufschreiben?“, fragte Jolanda, die inzwischen ihr Rechenheft hervorgeholt hatte.

„Ja. Herr Müller will sehen, wie du es gerechnet hast.“

„Aber ich rechne es nicht so, wie Herr Müller will“, beschwerte sich Jolanda. „Darf ich aufschreiben, wie ich es rechne?“

In ihrem Arbeitsheft war das nicht vorgesehen, obwohl sie mit ihrer Strategie zum richtigen Ergebnis kam.

„Nein. Du sollst lernen, es so zu rechnen, wie es im Heft steht.“

„Ich will aber nicht!“

„Das ist egal. Ich will auch nicht immer, was ich muss.“

„Und ich habe Durst.“

„Baggerli und ich haben schon länger Durst,“ meldete sich Jonathan.

„Und überhaupt, wann kommt endlich die Mama?“ fragte Jolanda.

„Wenn ihr Video-Meeting zu Ende ist,“ wiederholte ich die Auskunft meiner Schwiegertochter.

„Können wir vorher noch spielen?“

Ich prüfte die Uhrzeit auf meinem Handy. Halb fünf.

„Ja“, sagte ich.

„Wann?“

„Jetzt.“

Jolanda räumte ihre Hefte in den Ranzen zurück und knuffte fröhlich ihren Bruder.

Genug war genug, befand ich und stand erleichtert auf.

(Zu verarbeiten waren im Rahmen von Christianes Schreibeinladung fünf der sechs Wörter Zetermordio, weichmütig, backen, Lautsprecher, orange und erschüttern, gestiftet von Ludwig Zeidler und Ulrike von Blaupause7, und zwar in nicht mehr als 500 Wörtern. Danke für die Wortspenden und die Einladung!)

Verbotener Abschied

Für Mama war die Impfung zu spät gekommen.

Die Tochter, selbst schon alt, hastete über das Kopfsteinpflaster, beide Hände schützend an ihren Ohren. Dass die Lautsprecher noch funktionierten!?

Die Rundfunkgeräte – Radio, Fernseher – waren außer Funktion.

Systemausfall.

Die Handys kamen nicht mehr ins Netz. Die Computer zeigten nur noch blaue Schrift vor orangem Hintergrund. Unlesbare Schrift in einer Sprache, die der Frau nicht bekannt war. Warum orange? Warum blau? Sie wusste es nicht. Früher, erinnerte sie sich, in einem anderen Leben, war die Schrift orange gewesen, oder grün, oder weiß, auf schwarzem Grund.

Kaum jemand wusste das noch.

Sie hastete weiter, blieb fast an einem losen Stein hängen, versuchte vergeblich, das Geplärre der Lautsprecher auszublenden.

„Bleiben Sie daheim! Bleiben Sie daheim!“

Gleich würde einer dieser Schutzanzugleute sie nach ihrem Passierschein fragen.

„Gehen Sie zur Arbeit? Lässt die sich nicht im Homeoffice erledigen? Müssen Sie zum Arzt? Pflegen Sie eine Angehörige? Ist Ihr Gang systemrelevant?“

Sie stolperte weiter, würde sich nicht erschüttern lassen. Wie, fragte sie sich, sollte irgendwer im Homeoffice arbeiten? Ohne Internet? Ohne Handy? Ja, früher, in dem anderen Leben (dem mit der orangen Schrift vor schwarzem Grund), da war es möglich gewesen. Da hatte sie das Telefon ausgestöpselt, verbotenerweise, versteht sich, um beim Schreiben nicht gestört zu werden. Ihre Texte speicherte sie auf Disketten, auf Floppy Disks, wie viereckige Schallplatten sahen die aus, und schickte sie per Schneckenpost zum Verlag.

Nur dass die Schneckenpost damals „Post“ genannt wurde. Damals, als man Nachrichten noch nicht postete. Wäre ihre Arbeit heute systemrelevant? Wenn sie denn noch arbeiten würde? Wohl kaum. Wer brauchte schon technische Fachtexte?!

Es war nicht einmal wichtig, dass sie ihrer toten Mutter ein letztes Mal die faltige Wange berühren, ihr das schüttere Haar aus der Stirn streichen wollte, erklärte ihr das Wesen im Schutzanzug.

Tränen durchnässten ihre Maske.

(Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Jahres 2021 stiftete Blaupause7. Sie lauten: Lautsprecher, orange, erschüttern. Zu verarbeiten waren diese 3 Begriffe auf Einladung von Christiane in maximal 300 Wörtern. Danke für die Einladung und die Wortspende!)

Das Apartmenthaus

Im letzten Jahr hatte die Nachbarin Zetermordio geschrien, ehe die Polizei kam. Und der Krankenwagen. Und schließlich das Fahrzeug des Bestattungsunternehmens. Ihr Geschrei hatte die Böller übertönt, das Grölen der Jugendlichen vor dem Apartmenthaus, den Gesang der Betrunkenen von den Balkonen. Herr Hamsterbacke hatte, weichmütig, wie er war, den Notruf selbst abgesetzt. Mit dem brutalen Lebenspartner der Nachbarin mochte er sich nicht anlegen. Herr Hamsterbacke war nicht lebensmüde, trotz seiner Schmerzen und des Rollstuhls. 

In diesem Jahr war es still in der Nachbarwohnung. Sie stand seit zwölf Monaten leer. Niemand wollte sie haben, trotz der Wohnungsnot. Obwohl es Blödsinn war zu glauben, dass die Geister der Frau und ihrer Zwillinge darin herumspukten. Die Geräusche, die durch die Wand schnitten, waren anderen Ursprungs, sagte sich Herr Hamsterbacke jede Nacht. Er wollte nicht weg aus dem Apartmenthaus, das er seit über siebzig Jahren bewohnte. Nicht wie Frau Popescu aus dem Dachgeschoss, nicht wie Familie Popovic aus dem Souterrain, nicht wie die zwei Jungs, deren Namen er weder aussprechen noch sich merken konnte. Liebe Jungs, höflich, hilfsbereit. Manchmal hatten sie ihn besucht, um mit ihm einen Kuchen zu backen. Jetzt kamen sie nicht mehr, wohnten weiß-Gott-wo, am anderen Ende der Stadt oder der Welt.

Kein Mensch kam mehr außer dem Pfleger, der jetzt sein Gesicht hinter der Maske verstecken musste, was kein Verlust war. Nie hatte Herr Hamsterbacke den Mann lächeln sehen. Vermutlich hatte er nichts, das ihm ein Lächeln hätte entlocken können. Schon gar nicht jetzt, in der Pandemie.

Herr Hamsterbacke war dankbar, dass weder er noch sein Pfleger sich bisher angesteckt hatten. Und dass der Silvester diesmal ruhig sein würde. Schon um halb zehn hievte er sich aus dem Rollstuhl ins Bett und erwachte um Mitternacht nicht. 

Auch nicht danach. 

Nie mehr.

Endlich war das Apartmenthaus leer und ließ sich verkaufen.

(Die Wörter für die Textwochen 01/02 des Jahres 2021 stiftete Ludwig Zeidler. Sie lauten: Zetermordio, weichmütig, backen. Zu verarbeiten waren diese 3 Begriffe auf Einladung von Christiane in maximal 300 Wörtern. Danke für die Einladung und die Wortspende!)

Bühne frei

Die Bühne ist leer. Leer wie die Bäume des Freilichttheaters, die sie umgeben. Dürres Laub liegt auf den Stufen, die ehemals Sitzplätze waren, durchnässt und matschig fault es vor sich hin. Ein Geruch nach Moder liegt in der Luft, der Wind peitscht die Regenschnüre wie Nadeln in die Haut. Sturmwolken jagen einander über den Himmel, die Nacht sinkt zu früh auf die Landschaft. Kein Mond wird sie erhellen, keine Sterne funkeln durch die Wolkendecke.

Ein Fuchs streicht einsam zwischen den Büschen hindurch. Zweige biegen sich, ohne zu knacken. Nass sind sie, geschmeidig, unfähig zum kleinsten Geräusch. Eine Eule schreit ihr dumpfes Schuhu in die Dunkelheit. Schwarz liegt die Bühne am Boden des Theaterrunds, kein Lichtschimmer flirrt über die Wasserfläche, die sich darauf kräuselt. Als die Eule mit kaum hörbarem Flügelschlag die Szene verlässt, drängt sich das Rauschen der Autobahn in den entleerten Vordergrund, mischt sich mit dem Strömen des Herbstregens.

Es wird keinen Schnee geben. Die Temperaturen halten sich knapp, aber zuverlässig gerade so weit über dem Nullpunkt, dass die weißen Sterne graue Tropfen bleiben. Nichts wird das Bühnenbild verzaubern, nichts gnädig seine Öde verdecken. Kein Schauspieler kommt aus den Kulissen, keine Sängerin traut sich in die Kälte, niemand schaut dem ausbleibenden Schauspiel zu. Nur eine Schnecke versucht von der untersten Stufe aus nach oben zu gelangen. Und wieder heult die Eule.

Sonst geschieht nichts.

(Dieser Beitrag beruht auf einem Schreibimpuls, den ich dem Online-Workshop „Schreibrausch 2020“ von Dr. Eva-Maria Lerche verdanke, an dem ich sehr gern teilgenommen habe.)