Archiv des Autors: Elke H. Speidel

Letzter Wille

„Du musst mehr haschen, dann geht es dir besser,“, sagte Caroline, aber sie hatte unrecht. Haschen half nicht gegen die Unbehaustheit. Haschen löste keine Probleme, es dämpfte allenfalls die Schmerzen, aber wenn Johannes ehrlich war, dann musste er zugeben, dass die Betäubung die Schmerzen immer weniger in Schach hielt. Dass die Schmerzen dumpf durch die Wolkigkeit drangen, die ihnen die Droge vorzugaukeln versuchte. Dass die Droge die Probleme ansonsten eher verschlimmerte als löste, denn wenn die Apothekendosis aufgebraucht war, wenn die heimlichen Treffen mit dem schmuddligen Dealer im Stadtwald anstanden, wenn das Geld dafür akribisch eingeteilt werden musste, das Johannes in besseren Zeiten angespart hatte …

Caroline wusste nichts von diesem Geld, und er würde ihr nichts davon sagen. Er mochte sie gern, aber er traute ihr nicht. Nicht, wenn es um Geld ging. Nicht, wenn es um Drogen ging. Und sonst … nun, sonst auch nicht. Aber er würde nicht derjenige sein, der ihr sagte, dass Haschen der Anfang einer Rutschbahn sein konnte, einer Rutschbahn ins Nichts, wo einen nicht einmal die Dunkelheit mehr auffing. Er war nicht ihr Vater und nicht ihr Großvater. Sie würde ihm keine Silbe glauben.

Schade um das Mädchen, dachte der alte Mann schwermütig und horchte dem Müllfahrzeug nach, das an der Eisenbahnbrücke vorbeifuhr, unter der er saß. Vorüberwehender Verwesungsgeruch ließ ihn würgen. Johannes fror und dachte daran, dass Caroline keine Chance hatte, niemals eine gehabt hatte, niemals eine haben würde.

Warum machte ihm das ein schlechtes Gewissen? Weil er seine Chance gehabt und genutzt, weil er sein Leben gelebt und bis zur Neige ausgekostet hatte?

Vielleicht sollte er Caroline den jämmerlichen Rest seines Geldes vererben. Sollte sie doch damit machen, was sie wollte! Er zückte den Kugelschreiber und schrieb sein Testament auf einen Papierrest, den der Herbstwind unter die Brücke geweht hatte.

(Aktuelle Kürzestgeschichte der abc-Etüden, die zweite: Die Schlüsselwörter für den obigen Text kommen von Bernd. Seine drei Begriffe lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu verarbeiten. Danke, Bernd und Christiane, für den Anstoß!) 

Blätter im Wind

Sie wollte nach den Blättern haschen, 

Sie pflücken aus dem Sturm, dem raschen,

Der durch das Himmelsleuchten strich,

Bis es den schwarzen Wolken wich.

 

Sie wollte gern den Blättern gleichen,

Um Nacht und Dunkel auszuweichen,

Und auszureisen, fort, ins Nicht,

Nach Nirgendwo, ganz außer Sicht.

 

Schwermütig saß sie da, wie Blei,

Sie hob nicht ab, sie war nicht frei.

Der Frohsinn ist kein Kunststoffrest,

Der sich bequem recyceln lässt.

 

Ihr blieben nur Gedankenspiele.

Ob Unbehaustheit ihr gefiele?

Ganz ohne Gitter? Ohne Ketten?

Würde sie das vor allem retten?

 

Sie wollte nach den Blättern greifen,

Und nach den Wolken, die in Streifen

Der Winternacht entgegen flogen.

Es gab kein Nicht. Licht war gelogen.

 

(Die aktuellen Schlüsselwörter für die obigen Reime kommen von Bernd. Seine drei Begriffe lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einem Text zu verarbeiten, der sich diesmal reimt. Verarbeitet sind, leicht abgewandelt, auch die drei Begriffe Himmelsleuchten, recycelbar und ausreisen, die Anna-Lena gestiftet hatte. Danke, Anna-Lena, Bernd und Christiane, für den Anstoß!) 

Raureif

Noch hatte es nicht geschneit.

Neben dem Gewächshaus blühte eine einzelne Rose, weiß mit leichtem Rosaschimmer, zwischen vergilbenden Blättern versteckt. Die Hagebutten um sie herum hatte irgendwer geerntet, vor langer Zeit, als gerade die Astern zu blühen begannen.

Im Gewächshaus selbst, in dem  frühere Eigentümer jodhaltiges Gemüse gezüchtet hatten, Karotten, Broccoli, Spinat, Grünkohl, war es nicht wärmer als draußen, denn das Glas war an mehreren Stellen gebrochen, und in den Beeten wuchsen nur noch Brennnesseln, die niemand erntete und nutzte, und abgeblühte Rosen voller Dornen, unter die sich ängstlich ein Hase duckte.

Auch die Menschen, denen das Gewächshaus gehört hatte, als es ein Wintergarten mit einer farbigen Glaskuppel gewesen war, einer Kuppel, die an trüben Tagen ein trügerisches Blau in den Himmel fälschte, waren fort. Kein verträumtes Kind beobachtete mehr, am Rücken auf der altersgrauen Bank liegend, den Vogelflug und folgte mit den Augen den pfeilförmigen Formationen, die im Frühherbst zwischen den Kondensstreifen der Flugzeuge sonnenwärts zogen, über den Tannenwald hinter dem Gewächshaus, bis sie in den Nebelschwaden verschwanden, die der Wald den Wolken entgegenschickte.

Jetzt war nicht mehr Frühherbst. Die Schwalben und Störche und Graugänse waren weit weg, nur die Kondensstreifen kreuzten sich im klaren Blau des Novemberhimmels. Der Tannenwald am Horizont leuchtete golden im Morgenlicht, zerschnitten vom Band der Autobahn. Wenn der Wind auffrischte, mochte die Tür, die lose in den Angeln hing, hin und her schwingen und den Hasen erschrecken, aber nicht jetzt, nicht, wenn der Morgen den Atem anhielt, um für einen Augenblick ein Bild der Ewigkeit vorzutäuschen. Nichts war vergänglicher als so ein atemloser Augenblick.

Der Raureif, der die verkrümmten Blattreste des einsamen Rosenstocks mit schimmernden Kristallen überzog, war auf der Blüte kaum zu sehen. Sie würde ihn nicht länger überleben, als der Sonnenschein brauchte, um den Reif zu tauen.

Noch hatte es nicht geschneit.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Ulli Gau. Die drei Begriffe lauten: Vogelflug, ängstlich, schwingen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, Ulli Gau und Christiane, für den Anstoß!) 

Kinderbuch mit Nachdenklichkeitsfaktor

Opa Ratte vergisst Sachen, verirrt sich in bekanntem Gelände, traut sich nicht mehr vom Fleck weg, ist langsam geworden. Und er merkt es. Und mag nicht mehr. Oma Ratte verzweifelt fast daran. Mama Ratte, trächtig mit neuen Rattenbabys, kann nur mühsam helfen.

Papa Ratte beruft den Familien- und Nachbarschaftsrat ein, und Rattenkind probiert eine Idee nach der anderen aus, um dem alt gewordenen Opa zu helfen: Es findet einen alten Rollschuh, „ein Schiebebett“, wie Mama Ratte sagt, um Opa einen Ausflug zu ermöglichen, es schleppt ein noch funktionsfähiges Radio heran, um Opa mit Musik wach zu bekommen. Mama Ratte besorgt eine Trillerpfeife, mit der Opa Ratte sich bemerkbar machen kann, falls er sich verläuft. Aber nichts hilft.

Opa Ratte mag kein Leder fressen, was der Sinn des Ausflugs mit dem Rollschuh-Schiebebett war. Während Oma Ratte zur Radiomusik tanzt, erkennt Opa Ratte plötzlich nicht mehr, was ein Schiebebett ist und fragt, warum da Musik spielt. Und er vergisst, dass er die Trillerpfeife benutzen sollte, als er sich verläuft.

Als aber Mama Ratte ihre Rattenbabys zur Welt bringt, bemüht sich Opa Ratte darum, seine zu lang gewachsenen Zähne kurz zu wetzen, damit er die Kleinen gefahrlos küssen kann, denn die Babys schmiegen sich vertrauensvoll an seinen wabbelig gewordenen Bauch und bringen, genau wie das größere Rattenkind, ein wenig Freude in Opas Leben.

Andrea Behnke schildert in diesem schon für Kindergartenkinder verständlich geschriebenen und von Dorothea Kraft ansprechend bebilderten Kinderbuch den Zusammenhalt in einer Familie, in der alle sich umeinander kümmern, ohne verniedlichendes Ausblenden der Traurigkeiten. Es ist ein Buch, das Omas und Opas, Mamas und Papas nicht nur vorlesen können, ein Buch, über das sie mit ihren Vier- und Fünfjährigen auch diskutieren können, selbst wenn der vergesslich werdende Großelternteil für sie vielleicht die Oma ist oder ein Urgroßelternteil.

Ähnlich wie in ihrem Buch „Oma war eine Seeräuberin“ bearbeitet die Autorin die Beziehung zwischen Kindern und alten Menschen und bietet so Gesprächsanlässe über familiäre Probleme, die viele Kinder spüren, obwohl es für Erwachsene nicht immer erkennbar ist, und die sie erklärt bekommen wollen, auch wenn viele Erwachsene das Erklären schwierig finden.

Das Ergebnis ist als Gute-Nacht-Geschichte möglicherweise nur bedingt geeignet, besonders wenn Kinder persönlich von der Thematik betroffen sind, aber zu anderen Tageszeiten können gerade Groß- und Urgroßeltern es gemeinsam mit den Kleinen ansehen, lesen und nutzen, um einander Nähe und Verständnis zu bieten und voneinander Kraft zu tanken.

Seine Daten: Andrea Behnke, Dorothea Kraft: Was ist nur mit Opa los, Südpol Verlag Greventroich, 2019, 26 (nicht nummerierte) Seiten, ISBN-978-3-96594-009-3.

 

Anmerkung: Wie jede Rezension könnte der obige Text als Werbung ausgelegt werden, obwohl ich sie nicht bezahlt bekomme.

Kummer-Los

Weglaufen, irgendwohin ins Nichts, weit weg.

Oder sich klein machen, winzig, in einem Mauseloch verschwinden.

Abtauchen, im Meer, auch auf die Gefahr hin, sich vom Geruch des ekelhaft jodhaltigen Seetangs übergeben zu müssen.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Nichts denken. Nichts fühlen.

Vor allem nichts fühlen.

Vor der kleinen Kapelle brannte die Oktobersonne auf die kahler werdenden bunten Bäume, und nach dem Regen dampfte der Friedhof wie ein schlecht belüftetes Gewächshaus. In der Kapelle war es kühl und dämmrig gewesen.

Joanna wurde sich bewusst, dass ihr Schwager Alfred an der Wahrheit kein Jota hatte fälschen wollen, damals, vor fünf Jahren, als er ihr versicherte, dass es niemals vorüber sein würde. Niemals?

Nein, er hatte sich geirrt, denn für ihn war es vorbei, seit einer Woche, zumindest nach menschlichem Ermessen. Kein Erinnern mehr an seinen Sohn Bernd, der sich als Fünfzehnjähriger das Leben genommen hatte. Keine Fehlschaltung mehr, dass seine Frau Beate am Wochenende wiederkäme, obwohl sie doch bei der Wanderung damals umgefallen und nicht mehr aufgestanden war.

Alfreds Kränze würden nicht so schnell welken wie vor fünf Jahren die seines Bruders Frieder. Der diesjährige Juli war wie damals heiß gewesen, selten unter 30 Grad im Schatten, fast unerträglich, aber der Juli war vorbei. Und der August. Und der September. Und vieles andere.

Joanna spürte den neu erwachten Seelenschmerz als Mantel um ihren Körper. Saß er links, wo das Herz schlug? Natürlich nicht. Er ergoss sich vom Kopf her in alle Organe, von innen nach außen, erstarrte dort wie die Schale einer Auster.

Rechts saß der körperliche Schmerz. Dort, wo Joannas Lunge nicht mehr komplett war, wo sich unter ihrer Brust eine Narbe bis zum Rücken zog. Wenn sie tief einatmete, spürte sie das Ziehen an den Rippen.

Ja, irgendwann war es wohl vorbei.

Vielleicht heute. Vielleicht morgen. Jedenfalls bald.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Frank. Die drei Begriffe lauten: Gewächshaus, jodhaltig, fälschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, lieber Frank und liebe Christiane, für den Anstoß!) 

Unterwegs zum Opahaus

„Variabel“, erklärte Célestine ihrem Brüderchen Roman, „das heißt, es kann auch anders sein. Also, es ist nicht immer gleich, weißt du? Manchmal ist es so, und manchmal so.“

Der Zweijährige nickte: „Manmal so“, versuchte er nachzuplappern.

„Nein“, sagte die Vierjährige, „eben nicht. Das habe ich falsch gesagt, entschuldige. Manchmal ist es so, manchmal anders, wollte ich sagen. Das ist variabel.“

„Waja-el“, echote Roman.

“Genau. Und jetzt erkläre ich dir, was harmlos ist.“

„Hamloo“, wiederholte der Kleine und sah seine Schwester interessiert an. Wie schlau sie war! So schlau wollte er auch werden, wenn er groß war.

„Eine Blume ist harmlos”, sagte Célestine, „siehst du dieses Gänseblümchen? Das ist harmlos. Denn es tut niemandem weh. Wenn du niemandem wehtust, bist du harmlos. Verstehst du das?”

„Ja. Oman hamloo.”

Célestine lachte nachsichtig und sah ihren Opa an: „Wie niedlich er ist, nicht wahr, Opa?“

Der alte Mann verkniff sich ein Schmunzeln und stimmte der Enkelin zu. Roman war tatsächlich niedlich in seinem Bestreben, endlich sprechen zu lernen – aber Célestine war ebenso niedlich als seine Sprachlehrerin.

Die drei waren auf dem Weg von Célestines Kindergarten zum Opahaus, in dem die Kinder heute zum ersten Mal wieder spielen durften, seit der Opa aus dem Krankenhaus entlassen worden war.

„Bist du jetzt wieder ganz gesund, Opa?“, fragte Célestine.

„Gesund genug, um auf euch aufzupassen, wenn ihr mich nicht allzu sehr ärgert und provoziert“, antwortete der alte Mann. Er würde nie wieder ganz gesund werden, aber Célestine hatte erleben müssen, dass ihre Oma gestorben war, sie musste nicht alles wissen.

„Ich mag es auch nicht, wenn Roman mich provoziert“, sagte das kleine Mädchen. „Weißt du, was das heißt, Roman? Das ist, wenn du mich so ärgerst, dass ich mit dir schreien muss, obwohl ich nicht will. Das stimmt doch, Opa, oder?“

„Ja“, sagte der alte Mann.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Alice und ihrem Blog Make a choice Alice. Die drei Begriffe lauten: Roman, variabel, entlassen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, liebe Alice und liebe Christiane, für den Anstoß!) 

Traumjob trotz Hindernissen

Der Juniorchef erinnerte Beate an einen Froschkönig: schleimig, kalt, hochmütig, anspruchsvoll. Nur die Krone fehlte auf seinem pomadigen Haar.

„Ich kann dir helfen“, tönte Achim. „Ich hole dir den Ball aus dem Brunnen und verschaffe dir diesen Job, den du so willst. Du musst nur mit mir ausgehen. Mit mir essen. Nur einmal. Du musst …“

Beate WOLLTE diesen Job. Sie hatte zehn Jahre lang dafür gearbeitet, und sie wusste, dass sie ihn meistern konnte. Aber da waren noch die anderen, die ihn auch haben wollten, 122 Menschen, lauter Männer. Beate fragte sich, ob sie sich zu viel auf ihre eigenen Fähigkeiten einbildete, wenn sie nach der Präsentation der anderen Arbeiten überzeugt war, dass keiner von ihnen für die ausgeschriebene Stelle so gut qualifiziert war wie sie. In jeder Präsentation erkannte sie auf Anhieb fatale Fehler, die das entsprechende Projekt zum Scheitern verurteilten. Fehler, die sie im ersten Entwurf in ihrer Präsentation auch gemacht und später mühsam ausgebügelt hatte.

Aber Beate hatte einen Fehler, den alle anderen nicht hatten: Sie war eine Frau. Und sie wusste, in diesem Unternehmen arbeiteten KEINE Frauen, obwohl in jeder Stellenanzeige darauf hingewiesen wurde, dass bei gleicher Qualifikation Frauen – oder neuerdings Menschen eines anderen, nichtmännlichen Geschlechts – bevorzugt würden. Aus irgendeinem Grund fand die Jury die Qualifikation von Nicht-Männern niemals gleichwertig. Sie wusste, ihre Aussichten waren und blieben trüb.

Und dann kam dieser schleimige, kalte … Sie rammte ihm ihr Knie gegen den Körperteil, der bei Männern besonders empfindlich ist, und stieß ihn gegen die Wand, bevor sie davonrannte.

Doch sie bekam den Job! „Frauen wie Sie brauchen wir in unserem Unternehmen“, sagte der Juniorchef am nächsten Tag, „Frauen, die sich durchsetzen können und wissen, was sie wollen.“

Hatte Beate Achim für kalt und schleimig gehalten? Er war nur cool. Und professionell. Und eigentlich sogar nett.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Viola und ihrem Blog viola-et-cetera. Die drei Begriffe lauten: Froschkönig, trüb, helfen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, liebe Viola und liebe Christiane, für den Anstoß!)

Lebenslänglich

Aufwachen, den Traum vom Lieblingsmann vertreiben, der längst tot ist, weinen, frühstücken, aufstehen, duschen, Zähne putzen. Vormittagstraining mit Einkaufen.

Einkauf einräumen, Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffnen, lektorieren. Rechner hinunterfahren, Gemüse schnipseln, anbraten, ablöschen, aufessen.

15 Minuten schlafen, Nachmittagstraining (Nordic Walken statt Joggen), Kaffee trinken (ohne Koffein, ohne Kuchenbeilage), Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffen, lektorieren, Rechner hinunterfahren.

Abendessen vorbereiten (auch für Enkelsohn und Schwiegertochter), Abendessen mit Enkel und Schwiegerkind. Spaziergang zum Mehrfamilienhaus, in dem beide wohnen. Und zurück. Aufräumen, Spülen, Bett aufdecken. Schlafen gehen.

Jeden Tag. Ohne jede Abweichung, unabwendbar.

Anna-Maria hatte, als sie ethnologische Geriatrie studierte, die Wissenschaft vom alltäglichen Umgang der Menschen mit dem eigenen Altern, nie gedacht, dass sich ihre eigene Lebenswelt einmal so verengen könnte, wie sie es jetzt tat. Wie auch ihre Bronchien es taten, wenn sie nicht täglich ihr Bewegungstraining absolvierte, das sie so viel Arbeitszeit kostete.

Oft überlegte sie zwischen zwei zu kürzenden Absätzen ihres Lektoratstextes, heimlich von der Arbeit abschweifend und sie dadurch in die Länge ziehend, warum sie nicht einfach mit der Erwerbstätigkeit aufhören konnte. Manchmal öffnete sie dann hoffnungsvoll ihre Finanzdatei und prüfte die Daten. Und dann wusste sie es wieder: Weil es nicht reichte. Weil die Miete zu hoch war. Und die Rente zu niedrig würde.

Noch zwei Jahre aushalten. Nein, noch zwei Jahre und neun Monate, die 65-Jahres-Frist war ja verlängert worden, und wenn Anna-Maria auch noch nicht zu den Unglücklichen gehörte, die bis zum 67. Lebensjahr arbeiten mussten, bekäme sie doch ihre Rente auch noch nicht mit 65.

Nie hatte sie gedacht, dass sie danach nicht weiterarbeiten wollen würde. Aber dann, jetzt, war sie alt geworden, und krank, und müde, und einsam.

Sie hatte immer bis zum Lebensende arbeiten wollen, auch im Ruhestand, aus Spaß an der Freude. Vielleicht, fürchtete sie, würde ihr das gelingen. Dann gäbe es keinen Ruhestand mehr.

(3 Begriffe – hier: Abweichung, unabwendbar und verengen – in maximal 300 Wörter zu einer kleinen Geschichte verquicken – das war wie immer die Herausforderung von Christiane , diesmal mit der Wortspende von Werner Kastens. Danke euch beiden! Und allen Lesenden zur Information: Ich bin NICHT Anna-Maria.)

Diesmal nicht

Nie wieder.

Nie wieder wollte Dietmar in diese Falle tappen, in diese Falle des Nie-wieder-das und Nie-wieder-jenes. Zu nahe lag die Schlussfolgerung eines Alles-ist-aus.

Stattdessen wollte Dietmar das Leben genießen, verdammt noch mal! Er wollte den fiesen, märzlichen Nieselregen genießen, den Wind, der so schneidend um die Häuserecken pfiff, dass nur der Februar ihn geschickt haben konnte, er wollte den Cappuccino genießen, mit drei Päckchen Zucker, jawoll, und in die Doboschtorte beißen, für die das Café Nirgendwo berühmt war.

Er wollte die Osterglocken auf seinem Tischchen bewundern, und er wollte nicht an Herbert denken, der nie wieder mit ihm über die Regenschirme lachen würde, die der Wind gnadenlos zu Waschschüsseln umdrehte.

Dass er sich nie wieder zu einem Halbmarathon anmelden würde, nicht mit und jetzt auch nicht mehr ohne Herbert, nie wieder den Fünfzehn-Kilometer-Berglauf mitmachen – Schwamm drüber.

Dietmar würde auch nie wieder arbeiten können, nicht als Gärtner (die einzige Arbeit, die in seinen Augen sinnvoll war), und er würde nie wieder Bodo hinterherlaufen, wenn der freier als erlaubt durch den Wald stromerte. Bodo war zu schnell, Bodo war zu unberechenbar, Bodo überforderte Dietmar. Er würde Bodo verschenken und sich nie wieder einen Hund anschaffen.

Nie wieder.

Verdammt.

Jetzt war sie doch zugeschnappt, die Falle, die ihm nach Herberts Tod die Lust am Weiterleben verdorben hatte.

Aber diesmal nicht, knurrte Dietmar, so laut, dass seine Tischnachbarn zu ihm hinübersahen.

Diesmal lasse ich mir den Rest Leben nicht vermiesen, den der Krebs mir gelassen hat.

Denn das Leben ist schön, verdammt, jawoll! Und wenn er die Operation letzte Woche nicht überlebt hätte, könnte er nicht zusehen, wie die Frühlingsfliege auf der Papierserviette die Beinchen aneinander rieb.

Nein, nie wieder in diese Falle tappen!

Nicht Dietmar!

Ein Cappuccinotropfen kitzelte seinen Bart. Dietmar fing ihn mit der Zunge auf.

Wieso schmeckte er nach Salz?

(Ich mache nach langen Wochen mal wieder mit beim Schreibprojekt von Christiane. Drei Schlüsselwörter sind mit 297 anderen Wörtern zu einer kleinen Geschichte zu kombinieren. Die Wörter dafür – Café, verdorben, beißen – spendete diesmal Rina. Danke euch beiden!)

Konservierte Streicheleinheit

Streicheleinheiten waren das, was Codruţa am meisten vermisste, seit alle fort waren. Kleine Zärtlichkeiten, Gesten, Worte …

Manchmal, an Tage wie heute, spürte sie körperlich, wie ihre Haut sich danach sehnte. Dann griff sie in ihre Riesenhandtasche und strich mit dem Zeigefinger über den glatten Stoff des alten Knirpses. Und wenn der Schirm nicht da war, wenn sie ihn nach dem Aufräumen der Tasche versehentlich draußen hatte liegen lassen, wurde sie kribbelig und nervös.

So kehrte sie um, im Eiltempo humpelnd, obwohl der Abendbus aus Hermannstadt gleich eintreffen musste.

Mihaela lugte fragend aus ihrer Tischlerwerkstatt.

„Ich habe meinen Knirps vergessen. Ohne meinen Knirps gehe ich nicht aus dem Haus.“

Wurden alle Menschen wunderlich, wenn sie alt wurden? Dass Frau Schneider nicht ohne ihren Mini-Regenschirm aus dem Haus gehen wollte, war geradezu grotesk. Die Sommersonne knallte aus dem weißblauen Himmel auf die festgebackenen, wie Glas zersprungenen Schollen des Erdwegs. An das Wasser, das Mihaela heute Morgen in die Holztränke gepumpt hatte, erinnerte nichts mehr.

 „Wäre es nicht wichtiger, einen Stift einzustecken, um das Interview zu notieren?“

„Den Stift? Ja. Und das Handy.“ Codruţa strich sich die Schweißperlen aus dem Gesicht und verschwand wieder.

Der Knirps war wichtig, so wichtig wie Stift und Handy.

Codruţa erinnerte sich an Bernds Hand auf ihrem Haar, als er ihr den Schirm geschenkt hatte. Und an seine Worte. Sie spürte seine Lippen auf ihrer Stirn, ihre Nase an seinem Kinn.

„Der Schirm wird dich schützen, immer.“

„Aber brauchst du ihn nicht selbst?“

„In Bukarest gibt es öfter Schirme als hier, mein Vater könnte mir einen neuen kaufen. Oder ich bitte meine Großmutter in Hannover, dass sie mir einen schicken soll, im Frühjahr, wenn wieder Überschwemmungen sind und sie die Zölle aufheben.“

Für Codruţa war der Knirps eine konservierte Streicheleinheit.

Und Streicheleinheiten brauchte sie.

Manchmal.

Heute.

Jetzt.

(Dritte Geschichte nach den neuen Regeln für die abc-Etüden von Christiane:  3 Wörter sind zu einer Geschichte zu verbinden, die Geschichte muss maximal 300 Wörter lang sein. Die Impulswörter sind zwei Wochen lang gültig. Sie lauten diesmal Knirps, grotesk und notieren und wurden gespendet von Bettina. Danke euch beiden für die Anregung!)