Archiv der Kategorie: Gedichte und Liedtexte

Herbstgefühle

Rosenblatt am Weg

An die Scheiben klopft der Regen,
und in Kürze wird es schnein,
und frau geht dem Sturm entgegen
und spürt nicht den Sonnenschein.

Gelbbraunes Blatt auf Kiesweg

Und frau fragt sich, wie die Welt es
schafft, sich weiterhin zu drehn,
fehlt doch einer jeder Mut und
jede Kraft, es zu verstehn.

Welkes Birkenblatt auf weißem Kies

Und frau summt sich leise Lieder
über Durchhalten und Pflicht,
und frau weiß, mensch sieht sich wieder.
Irgendwann. Oder auch nicht.

Totes, zerfleddertes Blatt auf buntem Kies

Und frau lächelt, und frau plaudert,
und frau schreibt und funktioniert.
Bis frau stehnbleibt und erschaudert
und von innen her erfriert.

Toter Tannenzweig auf Kies

Und frau weint und schreit und wütet.
Niemand merkt es einer an,
während frau die Enkel hütet,
was man leider nicht mehr kann.

Wandern im Oktoberregen

Aus den Pfützen spritzt der Regen
und prallt ab an einem Stein.
Und frau rennt dem Frost entgegen.
Niemals mehr wird Sommer sein.

(Copyright Text und Bilder: Elke Speidel)

Happy End

Sie sagen mir, das wird nicht mehr.
Ich fühl mich ausgebrannt und leer.
Nur die Maschine hinter mir
bewegt jetzt noch das Blut in dir.

Obwohl du jede Regung sparst,
ich lieb den Menschen, der du warst,
und selbst den Rest, der von dir blieb,
hab ich noch immer schrecklich lieb.

Ich spür, du willst nichts als nach Haus.
Sie schalten die Maschine aus.
Ich halt den Ring in meiner Hand,
der uns bis eben noch verband.

Jetzt bist du fort, und ich bin hier,
und alle Tage fehlst du mir.
Nur nachts im Traum kommst du mir nah,
doch morgens bist du nicht mehr da.

Ich lege Rosen auf das Beet,
an dessen Kopf dein Name steht.
Und das, was unsre Ehe trennt,
nennen Geschiedne „Happy End“.

Regenlied

Platze, pletze, plotze, plutze, plitze,
es regnet auf den Spielplatz eine Pfütze,
der Baum beguckt am Gehweg sich sein Spiegelbild,
mein Sandeleimer ist mit Wasser halb gefüllt …
Und ICH darf nicht raus
aus dem Haus!
Das find ich fies.
Wo ich den Regen doch so genieß!

Platze, pletze, plitze, plotze, plutze,
mein Regenmantel hat eine Kapuze,
und meine Gummistiefel mit dem grünen Stern
hab ich vom Papa, und ich mag sie schrecklich gern.
Doch ich darf nicht raus
aus dem Haus.
Das find ich fies.
Wo ich den Regen doch so genieß!

Pletze, plitze, plotze, plutze, platze,
ich schneide meiner Puppe eine Glatze,
den Spielzeugbagger schmeiß ich an der Wand kaputt,
ich hab ganz einfach eine riesengroße Wut.
Denn ich darf nicht raus
aus dem Haus.
Das find ich fies.
Wo ich den Regen doch so genieß!

Platze, pletze, plitze, plutze, plotze,
jetzt ist der Papa sauer, weil ich trotze,
die Mama macht ihr „Du-bist-aber-bös“-Gesicht,
WARUM ich bös bin, das verstehn die beiden nicht.
Ich darf doch nicht raus
aus dem Haus!
Das find ich fies.
Wo ich den Regen doch so genieß!

Platze, plitze, plotze, plutze, pletze,
wie Perlenschleier sind die Spinnennetze,
und wie ein Bär patscht Papa durch das hohe Gras,
die Mama hält den Schirm schief, und ihr Haar wird nass,
und ich renn voraus
und ums Haus.
Das find ich fein.
So sollt ein Regentag immer sein!

 

Traumlos

Immer war da irgendwas,

das mich daran hinderte, meine Träume zu leben.

Immer war da irgendwas,

das wichtiger war als ich.

Immer war da irgendwas,

das sich in den Vordergrund schob, wenn ich ich sein wollte.

Immer war da irgendwas,

hinter dem ich mich vor mir verstecken konnte.

Und jetzt ist da nichts mehr als Angst.

 

 

Verspätet ausgepacktes Weihnachtsgeschenk

Hey, es schneit gerade wieder! Da passt es ja fast. Jedes Jahr beschenken sich nämlich viele Bloggerinnen im Texttreff, dem Netzwerk wortstarker Frauen, gegenseitig mit einem Gastbeitrag. Zu Weihnachten. „Blogwichteln“ nennen wir das, weil die jeweiligen Gastblogs den Gastschreiberinnen per Los zufallen. Im letzten Jahr fiel das Los auf meine Kollegin Nessa Altura. Sie hat das Päckchen auch pünktlich geliefert, und da lag es nun auf meiner Festplatte und wartete wohl auf winterlicheres Wetter. Es geht Nessa in ihrem Beitrag um das Pflegen alter Freundschaften und darum, wie wenig neue Freunde man gewinnt, wenn man älter – oder anders herum gesagt – nicht mehr jung und flexibel ist. Sie hat sich vorgenommen, alte Beziehungen wieder anzuwärmen und dann aber auch dauerhaft zu pflegen. Nessa Altura betreibt in Böblingen eine „Manufaktur für außergewöhnliche Literaturprodukte„. Ihr Wichtelgeschenk ist ein Gedicht:

Der Taschenbrief

In meiner blauen Hose ist eine Tasche tief
So für einen Taschenbrief.
Drin les ich jederzeit
Denn die Hosentasche ist stets griffbereit.
Ein Brief sei wie ein kleiner Garten,
So sagt ein Sprichwort weise,
Der sich nie verschleiße. Das stimmt.
In diesen Garten geh ich viel
Lang in die Tasche, wann und wo ich will.
In manchen langen, alten Brief
ich mich jederzeit vertief.
***

Wie geht es dir?
Wann schreibst du mir?
Ich will nicht länger warten
Drum pflanz ich jetzt in unsern Garten
Vergissmeinnicht
in unsrer beider Namen.
Und schick dir dies Gedicht – mit Samen!
Natürlich sind Brief und Karten nur Papier
Und Druckerschwärzen …
Und doch: ein Gruß von dir zu mir, von mir zu dir
Der wächst ganz nah an meinem Herzen!

***

Bei Nessa kann, wer will, übrigens eine E-Mail-Reihe abonnieren, die dazu ermutigt, alte Beziehungen wieder aufzunehmen. „Im Verlaufe des Verfassens habe ich das selbst getan und viele wohltuende Erlebnisse gehabt, berichtet sie. „Man bekommt jede Woche einen Tipp zugesandt, es kostet nichts.“

Danke, liebe Nessa, für dein Wichtelgeschenk – und sorry, dass ich es so lange unausgepackt ließ!

Zwischenzeit

Der Himmel klirrt, verbrannt zu blauen Scherben,
auf die Wegewartensterne vor der Stadt,
und durch die Birken geht ein gelbes Sterben,
weil der Regen sie vergessen hat..

Grellweiße Häuser schaun durch stumme Fenster
auf Asphaltwege, die verglutend weichen.
Die Luft fließt säulenhohe Flirrgespenster
in die Fabrik, die sie zermorst zu wirren Zeichen.

Die Welt verflimmert qualvoll in den Krallen
aus gleißendgelbem, hartem Sonnenlicht,
das sich in tödlichheißen Platinstrahlen
durch Parks und Wohnblocks in die Erde bricht.

Die Wälder brennen dem Gestirn entgegen,
die Städte lohen rot zu ihm empor.
Doch hinten löscht schon schwarzer, schwerer Regen
die Sommerfarben heimlich aus dem Moor.

Bald wolken Nebel grau durch graue Gassen,
in denen graue, müde Häuser stehen,
und graue Pfützen sprühn den grauen, blassen,
versengten Blättern nach, die erdwärts wehn.

Oktoberdämmern

Hast du,

die du den Morgen liebst,

die Abenddämmersehnsucht nie gekannt?

Bist du,

die du den Frühling preist,

auf regennassen, blätterbunten Straßen nie gegangen,

wenn kahler Bäume kalte Silbertropfen

in Ringen singend Pfützen schwellen ließen

und schwarze filigrane tote Zweige

den weißen Himmelhintergrund zerstachen

als scharfes Drahtgeflecht vor grauem Tag?

Hast du,

von ersten Buchseiten zu fasziniert,

den Dank der letzten wirklich nie begriffen?

Warst du,

gefesselt starr vom Blick der ersten Liebe,

denn nicht imstand, die letzte zu erfassen,

die große, herb gereifte, viel zu späte,

die erst im letzten Augenblick sich füllt?

Hast du

vielleicht

Septembersommerwärme

mit frühem Junisonnenschein verwechselt

und bist verreist, eh der Oktober kam,

eh deiner Mutter alte Küchenwaage

als wertvolles antikes Schmuckstück galt?

Ach, sieh doch hin,

wir haben jetzt Oktober, Ende Oktober,

und der gelbliche Abend verbrennt die treibenden Wolken zu aschenem Staub.

Ach so –

hast du gedacht, die Welt sei rund?

Badelied für Babys

(zu singen nach eigenen Melodie-Ideen

von Eltern oder Großeltern, die ein Baby baden)

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Wenn ich am Sonntagmorgen ins Badewasser fall,

macht es Plitsch-platsch-plum,

und ich spür das Wasser am Bauch und überall,

denn ich schwimm drin rum.

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Refrain:

Ich bin die Hanna, die Puppe Hanna, und ich hab nie was an!

Ich bin die Hanna, die Puppe Hanna, mit der man baden kann!

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Schmeißt man den Schwamm ins Wasser und wäscht mir das Gesicht.

schrei ich Mauz-bauz-brüll,

denn das Rubbeln an meiner Nase mag ich nicht,

drum halt ich nie still!

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Refrain…

.

Auf den gefliesten Boden rutsch ich aus deiner Hand

und schrei Au-wei-au!

Denn so schrecklich hoch ist der Badewannenrand,

dass ich ihn kaum schau.

.

Refrain…

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Manchmal, da schlaf ich beinah im Badewasser ein,

singst du Hei-ja-hei –

und dann weiß ich, mein ganzer Körper ist jetzt rein.

Baden ist vorbei!

.

Refrain…