Archiv der Kategorie: Märchen

Konter im Beichtstuhl

Petrus blieb die Verwandlung von Marias stumpf gewordenem Heiligenschein zu einem sonnenhell leuchtenden Ring nicht verborgen. Da der Heiligenschein jetzt so strahlte, konnten auch alle sehen, dass Maria die ihr zugewiesene Schäfchenwolke immer wieder übermütig umarmte, als hielte sie das flauschige Gebilde für eine Knutschkugel.

Nun, das ging ja wohl gar nicht.

Petrus beorderte die arme Maria streng in den himmlischen Beichtstuhl. Er hatte einen konkreten Verdacht, warum der Heiligenschein mit der Mutter Gottes  um die Wette strahlte, denn er kannte die Frauen, schließlich war er mit Adam befreundet, und der wusste wirklich alles über das Thema.

„Glaub mir, Petrus“, pflegte Adam zu sagen, „so wie Eva sind sie alle: schwach und verführbar. Denk an die Schlange!“

Aber Petrus dachte, nicht ganz zu Unrecht, eher an die Unterweltlichen und ihre Gewitterblitze, die sogar stumpf gewordene Heiligenscheine wieder zum Strahlen bringen konnten.

„Oder hast du verbotene Putzmittel für deinen Leuchtring benutzt, meine Tochter?“, fragte er im Beichtstuhl die Mutter des Herrn mit dieser gönnerhaft-jovialen Güte in der Stimme, die (nicht nur) seine weiblichen Beichtkinder jedesmal von Neuem auf dieselbe paradiesische Palme trieb.

„Nein, ich habe lediglich die Macht des Bösen genutzt und umgelenkt, und die Allmacht Gottes hat mir dabei geholfen“, antwortete Maria freundlich-mild (oh, sie konnte durchaus rhetorisch geschickt kontern!) und machte Petrus mundtot mit ihrer auffordernden Geste, den Beichtstuhl zu verlassen und es sich neben ihr auf ihrer knuddeligen Wolke gutgehen zu lassen.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 2 mit den Wörtern „Beichtstuhl“, „Knutschkugel“ und „Verwandlung“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Es handelt sich um eine Fortsetzung meiner abc-Etüde „Potz Blitz“.)

Märchenbuch für starke Mädchen

Gibt es Statistiken dazu, wie viele Mädchen als Neunjährige davon träumen, Forscherinnen zu werden? Abenteuer zu erleben? Erfolgreich zu sein? Wie viele es für selbstverständlich halten, dass ihre Mama nach Kenia beordert wird, um eine Wasserpumpe zu reparieren, die sie dort vor Jahren installiert hat? Wie viele dieser Mamas das Glück haben, das mit dem Papa (und zwei ihrer Kinder) gemeinsam tun zu dürfen?

Lena, die Heldin des Kinderbuches „Burginternat Rosenstein – Lena und die Bande der Ritterinnen“ von Anette Huesmann, weiß nichts von der Unwahrscheinlichkeit ihrer Situation, auch wenn sie zunächst traurig ist, dass sie als einziges Kind nicht mit nach Kenia darf, weil ihre Schule sich nicht flexibel genug dafür zeigt (offiziell: weil ihre Noten zu schlecht sind). Sorgfältig haben ihre Eltern aber ein Internat ausgewählt, das den Vorlieben der jüngsten Tochter entsprechend auf einer alten Burg liegt. Denn Lena will eine Ritterinnenrüstung finden. Und das hilft dem Kind über den Trennungsschmerz hinweg.

Von Lernen ist auf der Burg freilich keine Rede (vermutlich hätte sie in Kenia mit ihren Ingenieurs-Eltern mehr gelernt), denn der elektrische Strom ist ausgefallen, weil die Leitungen marode waren und samt und sonders ausgetauscht werden müssen. Die meisten Kinder sind nach Hause geschickt worden, und nur diejenigen, die im Moment nicht nach Hause können, bleiben wie Lena im Internat.

Zwei der Mädchen werden als unsympathisch dargestellt, passen sozial wohl nicht ins gewünschte Schema. Das eine ist ein Diplomatenkind, das andere die Tochter des Hausmeisterehepaars. Beide Mädchen legen Wert auf eine Individualität, die im Internat nicht gefragt ist – hier gilt es, sich ein- und unterzuordnen. Besondere Bedürfnisse darf allenfalls eine Rollstuhlfahrerin haben. Trotzdem, und da zeigt Anette Huesmann die Realitäten, darf die Diplomatentochter Sonderrechte in Anspruch nehmen, weil ihre Eltern ein Doppelzimmer zur Einzelnutzung (doppelt) bezahlen. Das Hausmeisterskind dagegen darf nicht zu seinen Eltern gehen, auch nicht, wenn es die Situation nahelegen würde.

Eher unrealistisch-positiv wird die Situation der Rollstuhlfahrerin geschildert, auf deren Bedürfnisse in jeder Hinsicht eingegangen wird, bis hin zu einem eingebauten mechanischen Treppenlift, der auch ohne elektrischen Strom funktioniert. Die Handlung an sich ist spannend und kindgerecht, mit gespenstischen Zutaten gewürzt und gut verständlich in Ich-Form aus Sicht von Lena geschrieben. Rosa Zauberstäbe und ähnlich „mädchenhafter“ Blödsinn kommen zum Glück nicht vor. Ein Märchenbuch ist die Geschichte trotzdem, zumindest für Lesende im westdeutschen Bereich. Zur Begründung verweise ich auf den Treppenlift und den ersten Absatz. Trotzdem: ein lesenswertes Buch, nicht nur für Neunjährige. Und ein Buch, das nach einer Fortsetzung verlangt.

Seine Daten: Anette Huesmann, Burginternat Rosenstein. Lena und die Bande der Ritterinnen, mit Illustrationen von Nadine Reitz, Burg Edition Schriesheim 2016, 128 Seiten, ISBN-10: 1530329132, ISBN-13: 978-1530329137.

Das Teufelchen

Es war einmal ein Teufelchen, das hatten sie aus der Hölle geworfen, weil es sich weigerte, so schlecht zu sein wie ein Satan.

„Geh doch in den Himmel, da gehörst du hin!“ sagten sie. Und das Teufelchen ging in den Himmel.

Aber Petrus stand dort vor dem Eingangstor und sagte: „Du bist doch ein Teufel! Was willst du hier? Geh doch zur Hölle!“

„Da komm ich her“, antwortete das Teufelchen, „die wollen mich nicht haben und haben mich zu dir geschickt.“

„Das geht mich nichts an“, sagte Petrus. „Davon steht nichts in meinen Vorschriften. Und überhaupt: Der Himmel ist sowieso schon übervölkert. Geh zur Hölle, Satansbraten!“

Da weinte das Teufelchen, denn es wusste nicht, wohin es sich wenden sollte, und bat um Überprüfung seiner Angelegenheiten durch eine höhere Instanz.

Aber Gott der Herr war ausgelastet mit wichtigeren Problemen, und so wurde das Verfahren zurückverwiesen an Petrus, und der entschied: „Du wirst ausgewiesen, Satansbraten, und abgeschoben, mit sofortiger Wirkung, ohne Recht auf Revision!“

Und das Teufelchen duckte sich und fügte sich und fuhr zur Erde. Dort ließ es sich nieder als mäusefressendes Dachgespenst in einem Fachwerkhaus, unsichtbar, harmlos, lautlos, einsam. Es wollte nur geduldet werden, nicht gefüttert, nur in Ruhe gelassen, nicht geliebt, nur übersehen, nicht geachtet.

Als die Bagger kamen, um das Haus abzureißen, machte es sich noch kleiner, als es war und flüchtete in die dunkelste Ecke zwischen den Fachwerkbalken. Aber die Bagger rissen die Balken weg und setzten ein dachloses Industriegebäude an die Stelle des Gespensterhauses. Das neue Gebäude bestand aus Fertigteilen und war im Handumdrehen aufgestellt.

Das Teufelchen aber geriet in die Baggerschaufel eines Minibaggers, und der Bagger sagte: „Geh doch zur Hölle, du winziges Teufelchen, wo du hingehörst, oder in den Himmel, meinetwegen, wenn sie dich in der Hölle nicht haben wollen! Du passt nicht unter moderne Menschen. In Industriegebäuden ist kein Platz für Dachgespenster.“

„Aber ich tue doch keinem was“, sagte das Teufelchen und weinte wieder.

„Du frisst unberechtigt unsere Mäuse!“ sagte der Minibagger.

„Habe ich nicht genug übrig gelassen?“ fragte das Teufelchen verwundert. „Und jetzt seid ihr hungrig danach?“

„Nein“, sagte der Minibagger, „die würden wir nicht selber fressen, aber sie gehören uns und gehen dich nichts an.“

Da weinte das Teufelchen, denn es wusste nicht, wohin es sich wenden sollte, und bat um eine Überprüfung durch eine höhere Instanz.

Aber der Gittermastkran war gerade ausgelastet mit wichtigeren Angelegenheiten, und so wurde das Verfahren zurückverwiesen an die Arbeitsgruppe der Kompakt- und Minibagger, und die entschieden: „Du wirst ausgewiesen, Satansbraten, ohne Recht auf Revision, und abgeschoben mit sofortiger Wirkung!“

Und das Teufelchen, das sie aus der Hölle geworfen, von der Himmelspforte gejagt und von der Erde vertrieben hatten, entschloss sich, zur Hölle zurückzufahren. Voll Reue versprach es dort, endlich schlecht zu werden wie ein Teufel. Obwohl es sich lieber das Leben genommen hätte, als das zu tun. Aber diese Möglichkeit stand ihm nicht offen, denn als Teufelchen war der arme kleine Satansbraten leider unsterblich. Und weil es nicht gestorben ist, lebt es dort noch heute.