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Und wenn schon!

Es war nicht die Sonne, die Codrutas Haar letztlich doch gebleicht hatte. Und nein, blond geworden war es davon nicht, und silbrig schimmernde Locken würden auch nie daraus werden. Eher sahen die Strähnen aus wie schmutziger Schnee auf einem Feldweg im Frühling, fahles Grau in glanzlosem Schwarz.

Die alt werdende Frau betrachtete sich nachdenklich im spiegelnden Schaufenster des Ladens, der irgendwann in den letzten drei Wochen eröffnet worden sein musste, als sie in der Sommerküche von Erzsébet gegen ihre Grippe ankämpfte. Erzsébet war alt, mindestens neunzig, und nein, sooo alt war Codruta noch nicht. Sah man ihr das an? Dass sie dreißig Jahre jünger war als Erzsébet?

Die Grippe hatte weitere Falten in Codrutas hageres Gesicht gegraben. Neue Altersflecken schienen sich auf ihren Handflächen auszubreiten. Codruta wollte nicht überlegen, ob das auf Hautkrebs hinwies. Grübeln hatte noch nie jemandem geholfen.

Sie war eine harte Frau, hart im Nehmen, „stark“, sagten manche, „eiskalt“ fanden andere ihre Art. Vielleicht, weil es ihr nicht lag, „süße“ Tierlein auf den Schoß zu holen oder fremder Leute Babys zu knuddeln. Ihre eigene Tochter hatte sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Ob sie Kinder hatte?

***

„Knuddeln“. Was für ein idiotisches Wort. So doof wie „Frauchen“ oder „Gassi gehen“. Codruta hasste Verniedlichungen. Sie hasste Erzsébets Zwergspitz und sein widerliches Gebell, sein weißes „Fellchen“, die „Leckerlis“, die Erzsébet ihm immer zusteckte. Sie hasste auch Erzsébets „Miezekatze“ (– miez-miez! – Jere ide (komm her)!).

Seit ihre Mutter – Mamica – gestorben war, verabscheute Codruta die Viecher, diese ekligen Wesen, die mit ihren Knopfaugen alle Menschen verrückt machten.

Viecher wie den Zwergspitz Fifirica und die Siamkatze Miuta, die ihr Vater und ihre Stiefmutter mitnahmen, als sie Codruta bei der Nachbarin zurückließen.

Weil Codrutas Haar nicht so blond war wie das ihrer Stiefmutter? ihre Augen nicht so katzengrün?

***

Pfff. Und wenn schon.

(Danke an Christiane, die diese abc-Etüden betreut, und an Alice, die diesmal die Reizwörter – Grippe, gebleicht, knuddeln– gespendet hat. Wie immer waren die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu einem sinnvollen Text zu verbinden.)

Der Lauf der Dinge

Nein, ein Papiertiger war Marinescu nie gewesen. Die Informationsschnipsel, die er von seinen informell Mitarbeitenden erhielt (der alte Mann lächelte, als er dieses moderne Wort dachte), mochten ihre Meldungen für belanglos halten. Sie mochten sich einbilden, „niemandem damit geschadet“ zu haben.

„Ein ausländisches Fahrzeug steht im Hof von Frau Schuster. Seit gestern. Das Kennzeichen …“

„Herr Popescu hat einen Brief nach Washington geschrieben. Die Adresse …“

„Cordelia geht jeden Nachmittag zu dieser Klavierlehrerin, von der wir vermuten, …“

„Die Klavierlehrerin hat ein Verhältnis mit einem Italiener. Er heißt …“

Klatsch, jede Mini-Information. Aber Marinescu wusste danach, dass Antonio de Luca sein Fahrzeug, einen Alfa Romeo, Kennzeichen ROMA X17538, im Hof der Klavierlehrerin Schuster parkte, die wöchentlich die kleine Cordelia Popescu mit Czerny-Etüden plagte, und dass Popescu, de Luca und Schuster miteinander von dem Bohnenkaffee tranken, den de Luca aus Rom mitgebracht hatte. Danach war es leicht, Schuster zu überreden, ihm, Marinescu, alles mitzuteilen, was sie in den Klavierstunden von den Kindern erfuhr.

Marinescu würde nie behaupten, diese Informationen hätten niemandem geschadet. Dafür war er zu ehrlich, zu anständig. Die Informationen hatten Menschen ihren Arbeitsplatz gekostet, ihren Beruf, ihre Freiheit, ihre Lebensfreude, ihr Vertrauen in ihre Verwandten und Bekannten. Das war gut so, denn diese Menschen hatten es nicht anders verdient, hatten versucht, sich dem großen Ziel entgegenzustellen.

Marinescu lauschte dem Plätschern des Springbrunnens, während er versuchte, den Kopfschmerzen zu entkommen, die ihn seit Monaten quälten. Hirntumor. Er würde bald sterben. Es war nicht wichtig, denn das große Ziel war ohnehin unerreichbar geworden: Arbeit für alle, Freiheit, Gleichheit, Vertrauen in eine sonnenhelle Zukunft.

Die Schwäne am Weiher zogen unbeirrt weiter ihre Kreise, registrierten es nicht, als der alte Mann auf der Bank sich nicht mehr regte. Ein Lebewesen weniger auf der Welt. Na und? Das war der Lauf der Dinge.

(Noch einmal: Danke an Christiane, die diese abc-Etüden betreut, und an Donka, die diesmal die Reizwörter – Papiertiger, belanglos, plätschern – gespendet hat. Wie immer waren die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu einem sinnvollen Text zu verbinden.)

Novemberschnee

Ihre Unbehaustheit hatte Codruta im Sommer nichts ausgemacht. Unbehaustheit – das Wort gefiel ihr besser als Obdachlosigkeit, und es passte auch besser auf ihre Situation, fand sie. Sie wohnte in Mihaelas Gästezimmer, das deren Mutter und Schwester vielleicht nie brauchen würden. Und im Winter hoffte sie, als Haushüterin unterzukommen, im Haus von Schuster-János, der mit seiner Frau, wie jeden Winter, in seiner Nürnberger Sozialwohnung leben würde. Das hatte im letzten Winter auch geklappt. Und im vorletzten.

Dann, Ende August, als es so heiß war, dass sie Mihaelas neue Klimaanlage zu schätzen wusste (Mihaela war wirklich reich!), hatte sie vom Verkauf des Schuster-Hauses erfahren. Die Schusters waren alt, 85 und 92, sagte der Kurator der Kirchengemeinde. Sie konnten nicht mehr herkommen, um sommers in ihrem Haus zu wohnen. Ein Ehepaar aus Bukarest habe 15.000 Euro dafür gezahlt, einen Spottpreis, meinte der Kurator.

Ein Vermögen. Codruta sagte es nicht. Kein Winterquartier mehr. Aber noch war Sommer. Kein Grund, schwermütig zu werden! Es gab viele Häuser, die leer standen, natürlich, wie in den meisten Dörfern, aus denen die ehemals hier ansässigen Familien ausgereist waren. Aber niemand benötigte eine Haushüterin. Auch nicht im Nachbardorf, das Codruta per Bus aufsuchte (ihre Arthritis machte ihr zu schaffen). Der Versuch, nach einer kostenlosen Winterbleibe zu haschen, war fehlgeschlagen.

Ende Oktober, die Sommerhitze war Nieselregen gewichen, erfuhr Codruta, dass Mihaelas Familie aus Berlin hierher ziehen würde, nicht nur für den Winter wie sonst. Eine Eigenbedarfskündigung. In Berlin gab es keine Wohnungen, die Mihaelas Mama von der Sozialhilfe bezahlen konnte. „Und ich habe auch nicht so viel Geld“, sagte Mihaela. Vielleicht war sie doch nicht wirklich reich.

Morgen nun – morgen würde Dezember sein – sollten Mihaelas Verwandte ankommen. Codruta wärmte ihren wehen Rücken am Kachelofen. Ab morgen war Unbehaustheit ein Synonym für Obdachlosigkeit.

Draußen ging der Nieselregen in Schneegestöber über.

(Aktuelle Kürzestgeschichte der abc-Etüden, die dritte: Die Schlüsselwörter für den obigen Text kommen von Bernd. Seine drei Begriffe lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu verarbeiten. Danke, Bernd und Christiane, für den Anstoß!) 

Kinderbuch mit Nachdenklichkeitsfaktor

Opa Ratte vergisst Sachen, verirrt sich in bekanntem Gelände, traut sich nicht mehr vom Fleck weg, ist langsam geworden. Und er merkt es. Und mag nicht mehr. Oma Ratte verzweifelt fast daran. Mama Ratte, trächtig mit neuen Rattenbabys, kann nur mühsam helfen.

Papa Ratte beruft den Familien- und Nachbarschaftsrat ein, und Rattenkind probiert eine Idee nach der anderen aus, um dem alt gewordenen Opa zu helfen: Es findet einen alten Rollschuh, „ein Schiebebett“, wie Mama Ratte sagt, um Opa einen Ausflug zu ermöglichen, es schleppt ein noch funktionsfähiges Radio heran, um Opa mit Musik wach zu bekommen. Mama Ratte besorgt eine Trillerpfeife, mit der Opa Ratte sich bemerkbar machen kann, falls er sich verläuft. Aber nichts hilft.

Opa Ratte mag kein Leder fressen, was der Sinn des Ausflugs mit dem Rollschuh-Schiebebett war. Während Oma Ratte zur Radiomusik tanzt, erkennt Opa Ratte plötzlich nicht mehr, was ein Schiebebett ist und fragt, warum da Musik spielt. Und er vergisst, dass er die Trillerpfeife benutzen sollte, als er sich verläuft.

Als aber Mama Ratte ihre Rattenbabys zur Welt bringt, bemüht sich Opa Ratte darum, seine zu lang gewachsenen Zähne kurz zu wetzen, damit er die Kleinen gefahrlos küssen kann, denn die Babys schmiegen sich vertrauensvoll an seinen wabbelig gewordenen Bauch und bringen, genau wie das größere Rattenkind, ein wenig Freude in Opas Leben.

Andrea Behnke schildert in diesem schon für Kindergartenkinder verständlich geschriebenen und von Dorothea Kraft ansprechend bebilderten Kinderbuch den Zusammenhalt in einer Familie, in der alle sich umeinander kümmern, ohne verniedlichendes Ausblenden der Traurigkeiten. Es ist ein Buch, das Omas und Opas, Mamas und Papas nicht nur vorlesen können, ein Buch, über das sie mit ihren Vier- und Fünfjährigen auch diskutieren können, selbst wenn der vergesslich werdende Großelternteil für sie vielleicht die Oma ist oder ein Urgroßelternteil.

Ähnlich wie in ihrem Buch „Oma war eine Seeräuberin“ bearbeitet die Autorin die Beziehung zwischen Kindern und alten Menschen und bietet so Gesprächsanlässe über familiäre Probleme, die viele Kinder spüren, obwohl es für Erwachsene nicht immer erkennbar ist, und die sie erklärt bekommen wollen, auch wenn viele Erwachsene das Erklären schwierig finden.

Das Ergebnis ist als Gute-Nacht-Geschichte möglicherweise nur bedingt geeignet, besonders wenn Kinder persönlich von der Thematik betroffen sind, aber zu anderen Tageszeiten können gerade Groß- und Urgroßeltern es gemeinsam mit den Kleinen ansehen, lesen und nutzen, um einander Nähe und Verständnis zu bieten und voneinander Kraft zu tanken.

Seine Daten: Andrea Behnke, Dorothea Kraft: Was ist nur mit Opa los, Südpol Verlag Greventroich, 2019, 26 (nicht nummerierte) Seiten, ISBN-978-3-96594-009-3.

 

Anmerkung: Wie jede Rezension könnte der obige Text als Werbung ausgelegt werden, obwohl ich sie nicht bezahlt bekomme.

Unterwegs zum Opahaus

„Variabel“, erklärte Célestine ihrem Brüderchen Roman, „das heißt, es kann auch anders sein. Also, es ist nicht immer gleich, weißt du? Manchmal ist es so, und manchmal so.“

Der Zweijährige nickte: „Manmal so“, versuchte er nachzuplappern.

„Nein“, sagte die Vierjährige, „eben nicht. Das habe ich falsch gesagt, entschuldige. Manchmal ist es so, manchmal anders, wollte ich sagen. Das ist variabel.“

„Waja-el“, echote Roman.

“Genau. Und jetzt erkläre ich dir, was harmlos ist.“

„Hamloo“, wiederholte der Kleine und sah seine Schwester interessiert an. Wie schlau sie war! So schlau wollte er auch werden, wenn er groß war.

„Eine Blume ist harmlos”, sagte Célestine, „siehst du dieses Gänseblümchen? Das ist harmlos. Denn es tut niemandem weh. Wenn du niemandem wehtust, bist du harmlos. Verstehst du das?”

„Ja. Oman hamloo.”

Célestine lachte nachsichtig und sah ihren Opa an: „Wie niedlich er ist, nicht wahr, Opa?“

Der alte Mann verkniff sich ein Schmunzeln und stimmte der Enkelin zu. Roman war tatsächlich niedlich in seinem Bestreben, endlich sprechen zu lernen – aber Célestine war ebenso niedlich als seine Sprachlehrerin.

Die drei waren auf dem Weg von Célestines Kindergarten zum Opahaus, in dem die Kinder heute zum ersten Mal wieder spielen durften, seit der Opa aus dem Krankenhaus entlassen worden war.

„Bist du jetzt wieder ganz gesund, Opa?“, fragte Célestine.

„Gesund genug, um auf euch aufzupassen, wenn ihr mich nicht allzu sehr ärgert und provoziert“, antwortete der alte Mann. Er würde nie wieder ganz gesund werden, aber Célestine hatte erleben müssen, dass ihre Oma gestorben war, sie musste nicht alles wissen.

„Ich mag es auch nicht, wenn Roman mich provoziert“, sagte das kleine Mädchen. „Weißt du, was das heißt, Roman? Das ist, wenn du mich so ärgerst, dass ich mit dir schreien muss, obwohl ich nicht will. Das stimmt doch, Opa, oder?“

„Ja“, sagte der alte Mann.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Alice und ihrem Blog Make a choice Alice. Die drei Begriffe lauten: Roman, variabel, entlassen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, liebe Alice und liebe Christiane, für den Anstoß!) 

Lebenslänglich

Aufwachen, den Traum vom Lieblingsmann vertreiben, der längst tot ist, weinen, frühstücken, aufstehen, duschen, Zähne putzen. Vormittagstraining mit Einkaufen.

Einkauf einräumen, Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffnen, lektorieren. Rechner hinunterfahren, Gemüse schnipseln, anbraten, ablöschen, aufessen.

15 Minuten schlafen, Nachmittagstraining (Nordic Walken statt Joggen), Kaffee trinken (ohne Koffein, ohne Kuchenbeilage), Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffen, lektorieren, Rechner hinunterfahren.

Abendessen vorbereiten (auch für Enkelsohn und Schwiegertochter), Abendessen mit Enkel und Schwiegerkind. Spaziergang zum Mehrfamilienhaus, in dem beide wohnen. Und zurück. Aufräumen, Spülen, Bett aufdecken. Schlafen gehen.

Jeden Tag. Ohne jede Abweichung, unabwendbar.

Anna-Maria hatte, als sie ethnologische Geriatrie studierte, die Wissenschaft vom alltäglichen Umgang der Menschen mit dem eigenen Altern, nie gedacht, dass sich ihre eigene Lebenswelt einmal so verengen könnte, wie sie es jetzt tat. Wie auch ihre Bronchien es taten, wenn sie nicht täglich ihr Bewegungstraining absolvierte, das sie so viel Arbeitszeit kostete.

Oft überlegte sie zwischen zwei zu kürzenden Absätzen ihres Lektoratstextes, heimlich von der Arbeit abschweifend und sie dadurch in die Länge ziehend, warum sie nicht einfach mit der Erwerbstätigkeit aufhören konnte. Manchmal öffnete sie dann hoffnungsvoll ihre Finanzdatei und prüfte die Daten. Und dann wusste sie es wieder: Weil es nicht reichte. Weil die Miete zu hoch war. Und die Rente zu niedrig würde.

Noch zwei Jahre aushalten. Nein, noch zwei Jahre und neun Monate, die 65-Jahres-Frist war ja verlängert worden, und wenn Anna-Maria auch noch nicht zu den Unglücklichen gehörte, die bis zum 67. Lebensjahr arbeiten mussten, bekäme sie doch ihre Rente auch noch nicht mit 65.

Nie hatte sie gedacht, dass sie danach nicht weiterarbeiten wollen würde. Aber dann, jetzt, war sie alt geworden, und krank, und müde, und einsam.

Sie hatte immer bis zum Lebensende arbeiten wollen, auch im Ruhestand, aus Spaß an der Freude. Vielleicht, fürchtete sie, würde ihr das gelingen. Dann gäbe es keinen Ruhestand mehr.

(3 Begriffe – hier: Abweichung, unabwendbar und verengen – in maximal 300 Wörter zu einer kleinen Geschichte verquicken – das war wie immer die Herausforderung von Christiane , diesmal mit der Wortspende von Werner Kastens. Danke euch beiden! Und allen Lesenden zur Information: Ich bin NICHT Anna-Maria.)

Konservierte Streicheleinheit

Streicheleinheiten waren das, was Codruţa am meisten vermisste, seit alle fort waren. Kleine Zärtlichkeiten, Gesten, Worte …

Manchmal, an Tage wie heute, spürte sie körperlich, wie ihre Haut sich danach sehnte. Dann griff sie in ihre Riesenhandtasche und strich mit dem Zeigefinger über den glatten Stoff des alten Knirpses. Und wenn der Schirm nicht da war, wenn sie ihn nach dem Aufräumen der Tasche versehentlich draußen hatte liegen lassen, wurde sie kribbelig und nervös.

So kehrte sie um, im Eiltempo humpelnd, obwohl der Abendbus aus Hermannstadt gleich eintreffen musste.

Mihaela lugte fragend aus ihrer Tischlerwerkstatt.

„Ich habe meinen Knirps vergessen. Ohne meinen Knirps gehe ich nicht aus dem Haus.“

Wurden alle Menschen wunderlich, wenn sie alt wurden? Dass Frau Schneider nicht ohne ihren Mini-Regenschirm aus dem Haus gehen wollte, war geradezu grotesk. Die Sommersonne knallte aus dem weißblauen Himmel auf die festgebackenen, wie Glas zersprungenen Schollen des Erdwegs. An das Wasser, das Mihaela heute Morgen in die Holztränke gepumpt hatte, erinnerte nichts mehr.

 „Wäre es nicht wichtiger, einen Stift einzustecken, um das Interview zu notieren?“

„Den Stift? Ja. Und das Handy.“ Codruţa strich sich die Schweißperlen aus dem Gesicht und verschwand wieder.

Der Knirps war wichtig, so wichtig wie Stift und Handy.

Codruţa erinnerte sich an Bernds Hand auf ihrem Haar, als er ihr den Schirm geschenkt hatte. Und an seine Worte. Sie spürte seine Lippen auf ihrer Stirn, ihre Nase an seinem Kinn.

„Der Schirm wird dich schützen, immer.“

„Aber brauchst du ihn nicht selbst?“

„In Bukarest gibt es öfter Schirme als hier, mein Vater könnte mir einen neuen kaufen. Oder ich bitte meine Großmutter in Hannover, dass sie mir einen schicken soll, im Frühjahr, wenn wieder Überschwemmungen sind und sie die Zölle aufheben.“

Für Codruţa war der Knirps eine konservierte Streicheleinheit.

Und Streicheleinheiten brauchte sie.

Manchmal.

Heute.

Jetzt.

(Dritte Geschichte nach den neuen Regeln für die abc-Etüden von Christiane:  3 Wörter sind zu einer Geschichte zu verbinden, die Geschichte muss maximal 300 Wörter lang sein. Die Impulswörter sind zwei Wochen lang gültig. Sie lauten diesmal Knirps, grotesk und notieren und wurden gespendet von Bettina. Danke euch beiden für die Anregung!)

Firmennachfolge

„Der hat sich seine Pfründe gesichert“, murmelte Wolfgang, Justiziar und Testamentsvollstrecker der AS Messgeräte GmbH & Co. KG München. Er speicherte die Dateien, die er zuletzt heruntergeladen hatte, auf seinem Stick, fuhr das Betriebssystem des Firmenrechners hinunter und schaltete den Computer aus.
„Sagten Sie etwas, Herr Doktor Sauer?“, fragte die alte Dame, die als Sekretärin für Andreas Schullerus, den verstorbenen Firmenchef, gearbeitet hatte, und fingerte nach einer Zigarette.
„Lassen Sie die Zigarette in der Schachtel“, zischte Wolfgang sie an.
„Als Herr Schullerus noch lebte“ … 92 Jahre alt war er gewesen, der alte Fuchs, als er starb.
„Zigarette in die Schachtel“, wiederholte Wolfgang. „Und bringen Sie den Hund weg. In diesem Büro brauche ich keine Kuscheltiere.“
Die Frau fasste den Zwergpudel am strassbesetzten Halsband und steckte ihr Zigarettenetui in eine teuer aussehende Lederhandtasche, ehe sie ging.
„In fünf Minuten sind Sie wieder hier, Frau Petrescu. Allein.“ Wolfgang erhob sich ohne die elektrische Aufstehhilfe des mondänen Bürosessels, den Schullerus sich gegönnt hatte, und humpelte zum bodentiefen Fenster.
Verdammte Beinprothese!
Der Blick auf die Münchner City war von hier aus unschlagbar, aber die Häuser und Parks blieben heute in den gleichen Nebel gehüllt wie die Geschäftsprozesse der AS Messgeräte GmbH & Co. KG. Woher das Geld kam, das Schullerus einnahm, wohin er es fließen ließ, hatte der Justiziar eben entdeckt. Großlieferungen nach Libyen, Somalia, Sudan … Überweisungen in die Schweiz. Den Erben musste Wolfgang noch finden: einen gewissen Uwe Schneider.
Es gab Tausende davon. Es war sicher nicht der Uwe.
An der Wand gegenüber dem Schreibtisch, hinter einer verspiegelten Mahagonitür, befanden sich jede Menge teure Alkoholika. Wolfgang würde sie wegschütten lassen. Flüchtig nahm er das eigene Gesicht im Schrankspiegel wahr, die Brandnarben auf Wangen und Stirn, die dunkle Brille. Er fasste mit der linken Hand an den rechten – künstlichen – Ellbogen.
Verdammter Phantomschmerz!

(Zweite Geschichte nach den neuen Regeln für die abc-Etüden von Christiane: Nicht mehr 3 Wörter in 10 Sätzen sind zu einer Geschichte zu verbinden, die Drei-Impulswort-Geschichte muss jetzt maximal 300 Wörter lang sein. Außerdem sind die Impulswörter jetzt nicht mehr eine Woche lang gültig, sondern zwei Wochen lang. Sie lauten diesmal Pfründe, mondän und lassen und wurden gespendet von Bernd. Danke euch beiden für die Anregung!)

Kekstorte für Eine

65 Jahre.

Codruţa betrachtete die Hände auf der Tastatur ihres Laptops. Die Sonne hatte die oberen Hautteile gebräunt, und wenn sie die Fäuste ballte und die Haut dadurch straffte, liefen hellere Querstreifen über den Handballen. Waren die Pigmentpunkte in diesem Sommer zahlreicher geworden? Trotz der Lichtschutzcreme, die Codruţa auf Empfehlung ihrer Hausärztin skrupulös genutzt hatte?

Wann war Codruţa 60 geworden?

An einem Tag, der genauso verlaufen war wie alle anderen Tage. Ein Tag ohne Feier. Ohne Freunde und Freundinnen, ohne Verwandte und Bekannte, ein Tag, der sich aus Morgen, Mittag und Abend zusammensetzte und in der Nacht zerrann. Herbert-Mama war tot, die Todesanzeige kam einen Tag vor dem Geburtstag an, der Kontakt zur Pflegefamilie, den Herbert-Geschwistern und ihren Angehörigen, war seit ewig abgerissen. Deutschland war weit weg.

Vor fünf Jahren war das gewesen, Codruţas 60. Geburtstag. Heute vor fünf Jahren.

Warum hätte sie den 65. Geburtstag feiern sollen, wenn der 60., immerhin ein runder, niemandem etwas bedeutet hatte, nicht einmal ihr selbst?

Warum hatte sie sich heute eine Kekstorte zubereitet, aus gewässerten Butterkeksen und Nougatcreme, nicht wie damals, als Mămică noch lebte, aus rumgetränkten Bruchkeksen und mühsam gekochter Kakaocreme? Niemand außer ihr selbst würde in den Genuss der Torte kommen.

Ob Tăticu noch irgendwo lebte? Sie hatte keinen Kontakt zu ihm, seit er Tanti Rodica geheiratet hatte. Seit 60 Jahren.

Wenn es Bernd noch gäbe, den Jungen, der sie vor 50 Jahren geküsst hatte … Wenn Uwe da wäre, ihr Mann, der vor 43 Jahren nach Deutschland gefahren war, mit ihrem gemeinsamen Baby Marcela, ohne je zurückzukommen … Dann wäre sie für irgendwen noch Codruţa statt Frau Schneider. Und vielleicht „Oma“ für Marcelas Kinder.

Vorbei.

Codruţa seufzte, strich sich eine eisgraue Haarsträhne nach hinten, klappte den Laptop zu und holte ein Messer, um die Kekstorte in schiefe Scheiben zu schneiden.

(Es gibt neue Regeln für die abc-Etüden von Christiane: Nicht mehr 3 Wörter in 10 Sätzen sind zu einer Geschichte zu verbinden, die Drei-Impulswort-Geschichte muss jetzt maximal 300 Wörter lang sein. Außerdem sind die Impulswörter jetzt nicht mehr eine Woche lang gültig, sondern zwei Wochen lang. Sie lauten diesmal Genuss, skrupulös und schneiden und wurden gespendet von Gerda Kazakou. Danke euch beiden für die Anregung!)

 

Fremdes Jetzt

Als Harald den Garten wiedersah, nach über 60 Jahren, war es kein Garten mehr, und statt Beeten voller Bartnelken und Pfingstrosen, Gartenmargeriten und Sonnenhut, Schneeball-Hortensien und Phlox gab es nur noch eine spärlich begraste Wiese mit einzelnen Pimpinellen, weißem Klee, Löwenzahn, Spitzwegerich, Huflattich und Gänseblümchen. Auch der Himmel war nicht so tiefblau, wie er ihn die ganzen Jahrzehnte über in seiner Erinnerung gespeichert hatte, kein Grillenzirpen stand in der windstillen Sommerluft, keine Sperlinge zankten sich unter der rissigen Holzbank, deren grüne Farbe irgendwann mit rot übermalt worden, jetzt aber nur noch als abblätternde Kleckse auf grauem Naturgrund erkennbar war. Der Augusttag war im Gegenteil so kalt und stürmisch, so wolkengrau und nass, wie Harald nie gedacht hatte, dass ein Sommernachmittag in dem Dorf sein könnte, das er vor so langer Zeit verlassen hatte.

Der gebeugt dastehende, magere Mann mit dem zerfurchten Gesicht zog die Kapuze seiner Windjacke etwas fester zu, versuchte den Knirps-Regenschirm so in den Sturm zu halten, dass er nicht durch dessen Kraft umgedreht wurde, schaffte es nicht, schloss das nutzlose Ding und stopfte es in seine Jackentasche. Er hörte den Regen aus der halb herabhängenden Dachrinne auf die bröckelnde Zementtreppe glucksen, sah dem Rinnsal zu, dass sich zwischen den Grasbüscheln durchschlängelte, von denen die Treppe durchsetzt war, zog die Schultern fröstelnd zusammen und bemerkte mit einem Anflug von Melancholie ein einsames Moosröschen dazwischen, eines von der Sorte, die seine Großmutter so geliebt und in ihrem Steingarten gehegt und gepflegt hatte.

Das Haus seiner Kindheit, das die Eltern damals an irgendeinen reichen Unbekannten verkauft hatten, der sein Geld mit Gott-weiß-was-für Geschäften auf kaum legale Art erworben hatte, lag leer und verfallen hinter dem zusammengebrochenen Gartenzaun, der die verwilderte Wiese noch teilweise umgab und so das Grundstück markierte, das derzeit keinem Menschen zu gehören schien.

Die alte Birke stand nicht mehr an ihrem Platz, auch der Nussbaum war verschwunden, nur einige der Apfelbäume kämpften gegen die Witterung, die meisten grau, vertrocknet und unbelaubt. Ein Fliederbusch war noch da, ein einzelner, übrig geblieben aus der dichten Fliederhecke von einst, und seine Äste peitschten nass gegen die Mauerreste, die das Grundstück von der Brache trennten, auf der damals das Haus der Nachbarin gestanden hatte, in die er als Junge – er lächelte, ohne es zu merken – heimlich verliebt gewesen war.

Harald strich sich das Wasser aus dem Gesicht, stützte sich schwer auf seinen Gehstock und mühte sich durch den Matsch zurück zur gepflasterten Straße, auf der er sein luxuriöses Wohnmobil abgestellt hatte,  mit dem er seit Hermines Tod allein durch die Weiten Europas fuhr, weil er nicht irgendwo daheim im Bett nicht mehr aufwachen wollte, wo es noch unwahrscheinlicher war, dass ihn jemand fand, als auf irgendeinem Parkplatz an der Straße eines einsamen Weilers. Er wusste nicht, ob es damals richtig gewesen war, den Ort zu verlassen, an dem er groß geworden war, aber er wusste, dass er nie wieder zurückkommen konnte (oder wollte), dass es niemals ein Zurück gab, weil nichts so blieb, wie es gewesen war, und weil das, woran er sich erinnerte, dieser Mix aus Zeit und Ort und Menschen, nur in seinem Kopf existierte, schöner und klarer und blauer und wärmer und lebendiger und jünger, und dort, in seinen Gedanken, genauso bleiben würde, wie es war, solange er lebte.

(Mit einem Dankeschön für ihre Schreibeinladung an Christiane und für die aktuelle Wortspende an Petra Schuseil. Die drei Wörter, die zu zehn Sätzen zu verbinden waren, lauteten diesmal „Pimpinelle, stürmisch und glucksen“.)