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Und wenn schon!

Es war nicht die Sonne, die Codrutas Haar letztlich doch gebleicht hatte. Und nein, blond geworden war es davon nicht, und silbrig schimmernde Locken würden auch nie daraus werden. Eher sahen die Strähnen aus wie schmutziger Schnee auf einem Feldweg im Frühling, fahles Grau in glanzlosem Schwarz.

Die alt werdende Frau betrachtete sich nachdenklich im spiegelnden Schaufenster des Ladens, der irgendwann in den letzten drei Wochen eröffnet worden sein musste, als sie in der Sommerküche von Erzsébet gegen ihre Grippe ankämpfte. Erzsébet war alt, mindestens neunzig, und nein, sooo alt war Codruta noch nicht. Sah man ihr das an? Dass sie dreißig Jahre jünger war als Erzsébet?

Die Grippe hatte weitere Falten in Codrutas hageres Gesicht gegraben. Neue Altersflecken schienen sich auf ihren Handflächen auszubreiten. Codruta wollte nicht überlegen, ob das auf Hautkrebs hinwies. Grübeln hatte noch nie jemandem geholfen.

Sie war eine harte Frau, hart im Nehmen, „stark“, sagten manche, „eiskalt“ fanden andere ihre Art. Vielleicht, weil es ihr nicht lag, „süße“ Tierlein auf den Schoß zu holen oder fremder Leute Babys zu knuddeln. Ihre eigene Tochter hatte sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Ob sie Kinder hatte?

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„Knuddeln“. Was für ein idiotisches Wort. So doof wie „Frauchen“ oder „Gassi gehen“. Codruta hasste Verniedlichungen. Sie hasste Erzsébets Zwergspitz und sein widerliches Gebell, sein weißes „Fellchen“, die „Leckerlis“, die Erzsébet ihm immer zusteckte. Sie hasste auch Erzsébets „Miezekatze“ (– miez-miez! – Jere ide (komm her)!).

Seit ihre Mutter – Mamica – gestorben war, verabscheute Codruta die Viecher, diese ekligen Wesen, die mit ihren Knopfaugen alle Menschen verrückt machten.

Viecher wie den Zwergspitz Fifirica und die Siamkatze Miuta, die ihr Vater und ihre Stiefmutter mitnahmen, als sie Codruta bei der Nachbarin zurückließen.

Weil Codrutas Haar nicht so blond war wie das ihrer Stiefmutter? ihre Augen nicht so katzengrün?

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Pfff. Und wenn schon.

(Danke an Christiane, die diese abc-Etüden betreut, und an Alice, die diesmal die Reizwörter – Grippe, gebleicht, knuddeln– gespendet hat. Wie immer waren die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu einem sinnvollen Text zu verbinden.)

Nachhaltigkeitsmarkt

Die Leute vom Letzte-Wünsche-Mobil des Arbeiter-Samariter-Bundes hatten seinen Wunsch abgelehnt, aber Herr Weniger wollte nicht aufgeben.

Er sortierte seine Sachen für den veganen Nachhaltigkeitsflohmarkt, der nach den Feiertagen am Rathausplatz stattfinden sollte. Da waren die veganen Vanillekugeln, die eine Bäckereiverkäuferin ihm in den Hut geworfen hatte. Ihr Verfallsdatum war nicht abgelaufen. War Zellophan nachhaltig? Und was, wenn jemand eine Nussallergie hatte? Egal. „Nüsse“ stand auf der Ingredienzienliste des Etiketts. Man musste nur lesen können. Nur.

Herr Weniger verdrängte seinen Hunger. Vanillekugeln waren nicht gut für …

Er teilte sich lieber den Brotrest mit der Jungratte, die ihn nachts im verfallenen Schuppen neugierig beäugte. Das war besser, als sie an seinem Bärenfell nagen zu lassen, obwohl die das für einen Leckerbissen zu halten schien. Er hatte das Tier entdeckt, als der erste Herbststurm tobte, und war ihm dankbar, weil es ihn von seiner Herbstdepression ablenkte.

Inzwischen war Herrn Wenigers Diagnose abgesichert. Die Prognose: schlecht. Und jetzt hatten Weihnachtszauber und Wintersonnenwende der Winterdepression Platz gemacht.

Schneeflocken wirbelten durch die Steinwüste der Großstadt, glitten über das Glatteis der Gehwege, glitzerten im reklamebunten Licht, dämpften das Rattern der S-Bahn, das Rauschen des Autoverkehrs, das Hundegebell und das Kinderlachen im nahen Park.

Was hatte Herr Weniger noch zu bieten? Das grüne Kuscheltier, das ein Kindergartenkind ihm auf seine Schlafbank gelegt hatte. Unberührt sah es aus, verpackt in plastikbeschichteten Karton mit Guckloch. Ob es zugelassen würde? Die Teekanne, verbeult, hässlich, würde es. Zum Markt kamen vor allem junge Frauen, die alles hatten und sich das Gefühl kaufen wollten, Menschen zu helfen, die in 500 Jahren am anderen Ende der Welt (vielleicht nie) leben würden. Ob sie für seine getragene Pudelmütze  etwas gäben? Für sein rattenbenagtes Bärenfell?

Herr Weniger fror und träumte stöhnend von dem letzten Glas mit richtig gutem Rotwein, das er vom Erlös kaufen wollte.

(Dies ist ein verspäteter Beitrag zu Christianes Adventüden, frei nach dem Spruch: „Und wenn das fünfte Lichtlein brennt …“. Verarbeitet sind die Schlüsselwörter „Armut, Bärenfell, Glatteis, Herbstdepression, Herbststurm, Hundegebell, Hunger, Jungratte, Kuscheltier, Nussallergie, Pudelmütze, Schneeflocken, Steinwüste, Teekanne, Weihnachtszauber, Wintersonnenwende“ in 300 Wörtern.)

 

 

Novemberschnee

Ihre Unbehaustheit hatte Codruta im Sommer nichts ausgemacht. Unbehaustheit – das Wort gefiel ihr besser als Obdachlosigkeit, und es passte auch besser auf ihre Situation, fand sie. Sie wohnte in Mihaelas Gästezimmer, das deren Mutter und Schwester vielleicht nie brauchen würden. Und im Winter hoffte sie, als Haushüterin unterzukommen, im Haus von Schuster-János, der mit seiner Frau, wie jeden Winter, in seiner Nürnberger Sozialwohnung leben würde. Das hatte im letzten Winter auch geklappt. Und im vorletzten.

Dann, Ende August, als es so heiß war, dass sie Mihaelas neue Klimaanlage zu schätzen wusste (Mihaela war wirklich reich!), hatte sie vom Verkauf des Schuster-Hauses erfahren. Die Schusters waren alt, 85 und 92, sagte der Kurator der Kirchengemeinde. Sie konnten nicht mehr herkommen, um sommers in ihrem Haus zu wohnen. Ein Ehepaar aus Bukarest habe 15.000 Euro dafür gezahlt, einen Spottpreis, meinte der Kurator.

Ein Vermögen. Codruta sagte es nicht. Kein Winterquartier mehr. Aber noch war Sommer. Kein Grund, schwermütig zu werden! Es gab viele Häuser, die leer standen, natürlich, wie in den meisten Dörfern, aus denen die ehemals hier ansässigen Familien ausgereist waren. Aber niemand benötigte eine Haushüterin. Auch nicht im Nachbardorf, das Codruta per Bus aufsuchte (ihre Arthritis machte ihr zu schaffen). Der Versuch, nach einer kostenlosen Winterbleibe zu haschen, war fehlgeschlagen.

Ende Oktober, die Sommerhitze war Nieselregen gewichen, erfuhr Codruta, dass Mihaelas Familie aus Berlin hierher ziehen würde, nicht nur für den Winter wie sonst. Eine Eigenbedarfskündigung. In Berlin gab es keine Wohnungen, die Mihaelas Mama von der Sozialhilfe bezahlen konnte. „Und ich habe auch nicht so viel Geld“, sagte Mihaela. Vielleicht war sie doch nicht wirklich reich.

Morgen nun – morgen würde Dezember sein – sollten Mihaelas Verwandte ankommen. Codruta wärmte ihren wehen Rücken am Kachelofen. Ab morgen war Unbehaustheit ein Synonym für Obdachlosigkeit.

Draußen ging der Nieselregen in Schneegestöber über.

(Aktuelle Kürzestgeschichte der abc-Etüden, die dritte: Die Schlüsselwörter für den obigen Text kommen von Bernd. Seine drei Begriffe lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu verarbeiten. Danke, Bernd und Christiane, für den Anstoß!) 

Lebenslänglich

Aufwachen, den Traum vom Lieblingsmann vertreiben, der längst tot ist, weinen, frühstücken, aufstehen, duschen, Zähne putzen. Vormittagstraining mit Einkaufen.

Einkauf einräumen, Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffnen, lektorieren. Rechner hinunterfahren, Gemüse schnipseln, anbraten, ablöschen, aufessen.

15 Minuten schlafen, Nachmittagstraining (Nordic Walken statt Joggen), Kaffee trinken (ohne Koffein, ohne Kuchenbeilage), Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffen, lektorieren, Rechner hinunterfahren.

Abendessen vorbereiten (auch für Enkelsohn und Schwiegertochter), Abendessen mit Enkel und Schwiegerkind. Spaziergang zum Mehrfamilienhaus, in dem beide wohnen. Und zurück. Aufräumen, Spülen, Bett aufdecken. Schlafen gehen.

Jeden Tag. Ohne jede Abweichung, unabwendbar.

Anna-Maria hatte, als sie ethnologische Geriatrie studierte, die Wissenschaft vom alltäglichen Umgang der Menschen mit dem eigenen Altern, nie gedacht, dass sich ihre eigene Lebenswelt einmal so verengen könnte, wie sie es jetzt tat. Wie auch ihre Bronchien es taten, wenn sie nicht täglich ihr Bewegungstraining absolvierte, das sie so viel Arbeitszeit kostete.

Oft überlegte sie zwischen zwei zu kürzenden Absätzen ihres Lektoratstextes, heimlich von der Arbeit abschweifend und sie dadurch in die Länge ziehend, warum sie nicht einfach mit der Erwerbstätigkeit aufhören konnte. Manchmal öffnete sie dann hoffnungsvoll ihre Finanzdatei und prüfte die Daten. Und dann wusste sie es wieder: Weil es nicht reichte. Weil die Miete zu hoch war. Und die Rente zu niedrig würde.

Noch zwei Jahre aushalten. Nein, noch zwei Jahre und neun Monate, die 65-Jahres-Frist war ja verlängert worden, und wenn Anna-Maria auch noch nicht zu den Unglücklichen gehörte, die bis zum 67. Lebensjahr arbeiten mussten, bekäme sie doch ihre Rente auch noch nicht mit 65.

Nie hatte sie gedacht, dass sie danach nicht weiterarbeiten wollen würde. Aber dann, jetzt, war sie alt geworden, und krank, und müde, und einsam.

Sie hatte immer bis zum Lebensende arbeiten wollen, auch im Ruhestand, aus Spaß an der Freude. Vielleicht, fürchtete sie, würde ihr das gelingen. Dann gäbe es keinen Ruhestand mehr.

(3 Begriffe – hier: Abweichung, unabwendbar und verengen – in maximal 300 Wörter zu einer kleinen Geschichte verquicken – das war wie immer die Herausforderung von Christiane , diesmal mit der Wortspende von Werner Kastens. Danke euch beiden! Und allen Lesenden zur Information: Ich bin NICHT Anna-Maria.)

Überleben

Das Frühstücksbrot schmeckte heute altbacken, der Pfannkuchenteig sah aus, als sei er aus einem Drachenei notdürftig zusammengepanscht.

„Ist das ein Dinosaurierei, Oma?“ Der kleine Thierry verzog das Gesichtchen.

„Es ist ein Pferdeei“, stellte seine Schwester Nina naserümpfend mit einem Blick auf die zweifelhafte Pfannkuchenzutat fest und meinte einen Pferdeapfel.

Ein paar Sekunden später hörte ich den Deckel auf die Kloschüssel knallen. Schneller, als ich bis drei zählen konnte, hatte Nina den Pfannkuchenteig in die Toilette gekippt.

Jetzt war nur noch das Brot da.

„Es ist verschimmelt“, behauptete das Mädchen, und nachdem ich skeptisch die weißen Punkte auf seiner Rückseite geprüft hatte, musste ich zustimmen.

Wir würden nachher losziehen und Kiefernnadeln sammeln, ich wusste schon wo, die schmeckten besser, waren nahrhafter und enthielten mehr Vitamin C, und dazu würde ich einen würzigen Brennnesselspinat zubereiten. Zum Kuckuck mit den abgelaufenen Nahrungsmitteln aus der Mülltonne des Supermarktes nebenan!

(Für die Textwoche 26.18 hat Frau Flumsel die drei Wörter Drachenei, altbacken und knallen gespendet, die wie immer auf Einladung von Christiane in maximal 10 Sätze zu packen waren.)

Dörfliche Idylle

Die Schräge des Krüppelwalmdaches war unter dessen Krümmung kaum mehr wahrnehmbar. Eingedrückt wie ein benutzter Karton duckte es sich in die verdorrten Wildpflanzen, die einmal ein Garten gewesen sein mochten. Oder auch nicht – keine Pflanzenart deutete darauf hin, dass irgendwer sie irgendwann bewusst kultiviert hätte, und jetzt, nach den Dürresommern, die sich in den letzten Jahren gehäuft hatten, ohne von Frühjahrsregen eingeleitet oder von Herbstfeuchte abgelöst zu werden, jetzt gab es außer ein paar Disteln praktisch gar nichts mehr in der rissigen Erde.

Brennend stachen die Sonnenstrahlen in das Glas der zerbrochenen Fensterscheiben, das in tausend Splittern vor der bröckelnden Fassade lag, ohne irgendwen zu interessieren. Ab und zu hatten noch Nicu und Aurica hier gespielt, früher, weil sich die Disteln so schön köpfen ließen, aber jetzt waren die Disteln vertrocknet, kopflos und ohne jeden Restnutzen.

Nicu, der vierte Sohn der Nachbarin zur Linken, die seit Jahren am Friedhof ruhte, hatte in der benachbarten Kleinstadt als Gelegenheitsarbeiter einen Job gefunden, lebte seit ein paar Monaten mit Zamora zusammen und konnte mit ihrer Hilfe tatsächlich meistens die Miete für die Zweizimmerwohnung im Souterrain des Hochhauses bezahlen, weil sie abends, wenn ihre drei Kinder schliefen, Bürogebäude putzte.

Aurica, die letzte überlebende Enkelin des Nachbars zur Rechten, der ebenfalls schon längst das Zeitliche gesegnet hatte, vegetierte irgendwo in einer Großstadt in Westeuropa und vermietete ihren Körper an interessierte Freier. Sie tat es nicht gern, aber wusste nicht, wie sie sonst hätte überleben sollen, zumal der Schlepper, der ihr eine Stelle aus Haushalts- und Familienhilfe versprochen hatte, ihr den Pass gestohlen hatte und sich weigerte, ihn herauszugeben. Schließlich hatte sie ihren kleinen Sohn zu versorgen, dessen Erzeuger ein Freund des Schleppers war, der Aurica gleich nach ihrer Ankunft vergewaltigt hatte.

Das Leben war nicht einfach, nicht nur in dem Dorf, in dem die beiden Nachbarskinder aufgewachsen waren, und in dem jetzt drei Häuser nebeneinander verfielen, von allen anderen in der Hausreihe ganz abgesehen.

(Die drei zu verarbeitenden Wörter „Schräge, brennend, köpfen“ hat diesmal Gerda für die Zehn-Satz-abc-Etüden gespendet, zu denen wie immer Christiane eingeladen  hat.)

Frühlingsanfang

Pedro lauschte den Geräuschen, die vom Hühnerstall herüberdrangen. Das Braunborsten-Gürteltier, das sich neben dem Stall seinen Bau gegraben hatte, um rasch an die Gelege zu kommen, grunzte wie jeden Abend, und Pedro wusste, dass mindestens ein Jungtier bei ihm sein musste, wahrscheinlich zwei, denn er hörte sie schnurren wie zufriedene Katzen, was sie nur taten, wenn sie gesäugt wurden.

Gerade noch hatte Amei ekstatisch gestöhnt, als sie (nach sechsmonatiger Trennung) wieder das Bett geteilt hatten, wie sie es nannte, wenn sie sich nicht aktuell den akrobatischen Übungen des Beischlafs hingab, jetzt aber lag sie zusammengerollt wie eine satte Schlange auf dem Flechtteppich vor dem alten Küchenherd, hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig und gleichmäßig. Es war September, das Frühjahr hatte eben begonnen, und wie jedes Jahr litt Amei unter ihrer verdammten Frühjahrsmüdigkeit.

Pedro war es so leid!

Er hasste die langen Trennungen von Amei, die er auf sich nehmen musste, um das Nötigste zu beschaffen, das sie zum Überleben brauchten, das bisschen Geld für die Miete, für das Saatgut, für das Hühnerfutter, für den Strom und das Feuerholz. Er hasste Ameis Vorwürfe, die mit unschöner Regelmäßigkeit auf ihn einprasselten, wenn er endlich müde und ausgelaugt vor ihrer Hütte stand und sich nur noch Ruhe und Geborgenheit wünschte.

Er hasste es, nicht zu wissen, ob die Kinder, die sie während seiner Abwesenheit zur Welt brachte und die im Moment bei Ameis Mutter am anderen Ende des Dorfes übernachteten, wirklich seine Kinder waren, entstanden in den kurzen Stunden zwischen seinen Reisen, oder doch diejenigen eines Nachbarn, der seine Tage nicht mit Arbeit, sondern mit Schnapstrinken verbrachte und folglich immer in Ameis Nähe blieb. Er hasste dieses verfluchte Gürteltier, das nichts Besseres zu tun hatte, als sich von Ameis Hühnereiern zu ernähren, und er hasste die Vorstellung, dass jetzt zwei Jungtiere da waren, vermutlich ein Männchen und ein Weibchen, die schon im nächsten Jahr neue Gürteltiere produzieren würden, wenn ihn nicht alles täuschte, sodass bald eine ganze Herde da wäre, um auch nicht ein einziges Ei übrig zu lassen.

Ohne Amei zu wecken, schulterte Pedro seinen Reisesack, schloss die schief hängende Tür des Häuschens hinter sich und stapfte durch den Morast, den die septemberliche Frühlingssonne noch nicht hatte trocknen können, in Richtung Bushaltestelle, der nächsten Arbeitssaison entgegen – es nutzte ja alles nichts.

(„Frühjahrsmüdigkeit, ekstatisch, schnurren“ spendete diesmal Frau Vro für die abc-Etüden, zu denen Christiane eingeladen hat. Drei Wörter, aus denen wie immer in zehn Sätzen eine Geschichte zu basteln war. Lieben Dank an beide, und gute Besserung an Frau Vro, die an einer (selbstdiagnostizierten) Sehnenscheidenentzündung leidet!)

Hochzeitsflug

Zeitig aufgestanden war Florina auch heute, genauso zeitig wie immer, obwohl sie niemals wieder die Kühe würde hüten müssen.

Es war eigenartig, sich das vorzustellen: Nie wieder von Haus zu Haus gehen, dem Vieh – neben Kühen waren es auch Büffel und Ziegen – zusehen, wie es aus den rundbogigen Toren neben den walmbedachten Häuschen schritt, nie wieder die Gerte schwingen, um die Tiere zur Mitte der Dorfstraße zu lenken, nie wieder das dumpfe Muhen, das helle Meckern und das vereinzelte Glockengebimmel hören, nie wieder der sengenden Sonne, dem gelegentlichen Platzregen, den oft heftigen Gewittern, dem Grau-in-Grau des Landregens, dem Zerren des Sturms ausgesetzt sein, nie wieder die Herde heimbegleiten und in der Abenddämmerung darauf hoffen, dass kein versprengtes Auto mit überhöhter Geschwindigkeit in die Tiere hineinraste, nie wieder den Sommer riechen und dem Zirpen der Grillen lauschen, nie wieder in der winzigen Hütte frieren, trotz der vielen Menschen, die sich den Raum zum Schlafen teilten, nie wieder Angst haben, dass der Wind das Dach mit sich davontrug.

Florina knöpfte sich den letzten Knopf der neuen Bluse zu, die zu Sebastians Geschenken gehörte wie die Jeans, die sie statt des bunten, weiten Rockes heute trug, wie der teure Ring, der an ihrer rechten Hand blitzte, wie das kostbare Badesalz und das Shampoo und der Blazer, der sie vor der Morgenkälte dieses Septembertages schützte. Das Hotelzimmer, das sie nur mit Sebastian teilte, war größer als das ganze Haus, in dem sie ihr bisheriges Leben verbracht hatte, und roch ganz leicht nach Seife oder Waschmittel oder Parfüm. Oder einfach nach Reichtum. Florina wusste es nicht.

Sie wusste nur, dass sie nun verheiratet war, seit gestern, mit diesem fremden Mann, der Sebastian hieß, verheiratet, weil Sebastian sich in ihr schwarzes, struwweliges Haar und ihre Kohleaugen verliebt zu haben meinte, trotz der Kühe, Büffel und Ziegen, trotz der schmutzigen Hütte mit ihrem Geruch nach gekochtem Kohl und rohem Knoblauch, nach Schweiß und ungewaschener Wäsche, verheiratet mit einem Mann, den sie nicht kannte und von dem sie nicht wusste, ob sie ihn je würde lieben können, mit einem Mann, der wusste, dass sie das nicht wusste, und der sie trotzdem zur Ehefrau wollte, warum auch immer.

Ihr Brautkleid, einen Traum in Weiß, hatte sie ihrer Schwester Marioara schenken dürfen, Sebastian hatte es ihr erlaubt, weil Marioara so gebettelt hatte, und Sebastian hatte Marioara sogar versprochen, die Kosten für ihre Hochzeitsfeier mit Ionel zu übernehmen, und die Kosten für die Tauffeierlichkeiten ihrer drei Kinder gleich mit.

Florina lächelte, als sie an die ungläubig-glücklichen Gesichter ihrer Verwandten dachte, und packte ihre Sachen, nur die neuen natürlich, die Sebastian ihr gekauft hatte, aus dem Hotelschrank in ihr Handgepäck, betrachtete ihre sorgfältig manikürten Hände, spürte Sebastians Kuss in ihrem Nacken und ging entschlossen mit ihm zum Taxi, das sie zum Flughafen bringen sollte, für ihren Flug in ein neues Land und ein neues Leben, vor dem sie sich trotz allem ein wenig fürchtete.

(„Knopf, zeitig, hüten“ spendete diesmal Frau M.Mama für die abc-Etüden, zu denen Christiane eingeladen hat. Drei Wörter, aus denen wie immer in zehn Sätzen eine Geschichte zu basteln war. Lieben Dank an beide!)