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Der Stalker

Was hat nur dieser Pfiffikus
in meinem Traum verloren?
Auch ohne Pfiff und ohne Kuss
hab ich viel um die Ohren!

Soll ich ihn tätscheln?
Meint er das?
Ihn noch verhätscheln?
Oder was?

So traumverloren steht er da,
in seiner Hand zwei Nelken.
Denkt er, ich riefe gleich Hurra
und ließe mich dann melken?

Ah, nein, der Handywecker singt
die Morgenmelodei,
die Pfiff und Kuss ins Abseits zwingt.
Ich bin und bleibe frei.

(Mit bestem Dank an Christiane für die Einladung zu dieser abc-Etüde mit den drei Wörtern Pfiffikus, traumverloren und tätscheln, gestiftet diesmal von Bernd – auch dir vielen Dank! Wie immer waren sie in maximal zehn Sätzen zu verarbeiten.)

Fremdes Jetzt

Als Harald den Garten wiedersah, nach über 60 Jahren, war es kein Garten mehr, und statt Beeten voller Bartnelken und Pfingstrosen, Gartenmargeriten und Sonnenhut, Schneeball-Hortensien und Phlox gab es nur noch eine spärlich begraste Wiese mit einzelnen Pimpinellen, weißem Klee, Löwenzahn, Spitzwegerich, Huflattich und Gänseblümchen. Auch der Himmel war nicht so tiefblau, wie er ihn die ganzen Jahrzehnte über in seiner Erinnerung gespeichert hatte, kein Grillenzirpen stand in der windstillen Sommerluft, keine Sperlinge zankten sich unter der rissigen Holzbank, deren grüne Farbe irgendwann mit rot übermalt worden, jetzt aber nur noch als abblätternde Kleckse auf grauem Naturgrund erkennbar war. Der Augusttag war im Gegenteil so kalt und stürmisch, so wolkengrau und nass, wie Harald nie gedacht hatte, dass ein Sommernachmittag in dem Dorf sein könnte, das er vor so langer Zeit verlassen hatte.

Der gebeugt dastehende, magere Mann mit dem zerfurchten Gesicht zog die Kapuze seiner Windjacke etwas fester zu, versuchte den Knirps-Regenschirm so in den Sturm zu halten, dass er nicht durch dessen Kraft umgedreht wurde, schaffte es nicht, schloss das nutzlose Ding und stopfte es in seine Jackentasche. Er hörte den Regen aus der halb herabhängenden Dachrinne auf die bröckelnde Zementtreppe glucksen, sah dem Rinnsal zu, dass sich zwischen den Grasbüscheln durchschlängelte, von denen die Treppe durchsetzt war, zog die Schultern fröstelnd zusammen und bemerkte mit einem Anflug von Melancholie ein einsames Moosröschen dazwischen, eines von der Sorte, die seine Großmutter so geliebt und in ihrem Steingarten gehegt und gepflegt hatte.

Das Haus seiner Kindheit, das die Eltern damals an irgendeinen reichen Unbekannten verkauft hatten, der sein Geld mit Gott-weiß-was-für Geschäften auf kaum legale Art erworben hatte, lag leer und verfallen hinter dem zusammengebrochenen Gartenzaun, der die verwilderte Wiese noch teilweise umgab und so das Grundstück markierte, das derzeit keinem Menschen zu gehören schien.

Die alte Birke stand nicht mehr an ihrem Platz, auch der Nussbaum war verschwunden, nur einige der Apfelbäume kämpften gegen die Witterung, die meisten grau, vertrocknet und unbelaubt. Ein Fliederbusch war noch da, ein einzelner, übrig geblieben aus der dichten Fliederhecke von einst, und seine Äste peitschten nass gegen die Mauerreste, die das Grundstück von der Brache trennten, auf der damals das Haus der Nachbarin gestanden hatte, in die er als Junge – er lächelte, ohne es zu merken – heimlich verliebt gewesen war.

Harald strich sich das Wasser aus dem Gesicht, stützte sich schwer auf seinen Gehstock und mühte sich durch den Matsch zurück zur gepflasterten Straße, auf der er sein luxuriöses Wohnmobil abgestellt hatte,  mit dem er seit Hermines Tod allein durch die Weiten Europas fuhr, weil er nicht irgendwo daheim im Bett nicht mehr aufwachen wollte, wo es noch unwahrscheinlicher war, dass ihn jemand fand, als auf irgendeinem Parkplatz an der Straße eines einsamen Weilers. Er wusste nicht, ob es damals richtig gewesen war, den Ort zu verlassen, an dem er groß geworden war, aber er wusste, dass er nie wieder zurückkommen konnte (oder wollte), dass es niemals ein Zurück gab, weil nichts so blieb, wie es gewesen war, und weil das, woran er sich erinnerte, dieser Mix aus Zeit und Ort und Menschen, nur in seinem Kopf existierte, schöner und klarer und blauer und wärmer und lebendiger und jünger, und dort, in seinen Gedanken, genauso bleiben würde, wie es war, solange er lebte.

(Mit einem Dankeschön für ihre Schreibeinladung an Christiane und für die aktuelle Wortspende an Petra Schuseil. Die drei Wörter, die zu zehn Sätzen zu verbinden waren, lauteten diesmal „Pimpinelle, stürmisch und glucksen“.)

nichts

eine blume ohne wurzeln ohne licht

eine blume ohne wasser und allein

irgendwo ein brunnen wasservoll

irgendwo ein rundbeet ohne blume

und der dunkelkristallblaue himmel

die schneeigen wolken über schwarzem sand

das nichts

Löwenzahnblüten

So ein Umzug konnte alles verdrehen und verderben, das hatte Natalie in ihrem Leben schon fünfmal erfahren müssen, alle zwei Jahre einmal, immer, wenn die Bundeswehr ihre Mama wieder anderswohin versetzte; zwei Jahre – das war der Normalfall beim Generalstab. Nicht einmal die Sprache stimmte dann mehr, und das nicht nur, wenn der Umzug mal wieder ins Ausland führte, nach Amsterdam, nach Paris oder  Washington, das galt auch für Stuttgart oder Köln.

Pissnelken sagten sie hier im Rheinischen zu den Milchlingen, die sie von Stuttgart her kannte, es schüttelte Natalie, wenn sie es hörte. Pissebloem, sagten sie in Amsterdam, und auch das fand das Mädchen abstoßend. In Paris waren es die Pissenlits gewesen, manger les pissenlits par la racine,  die Veilchen von unten riechen, auf der anderen Seite des Seins.

Natalie spürte wieder, wie das Weinen in ihr hochkroch, aus dem Brustkorb in den Hals, in den Hinterkopf, in die Ohren, hinter die Stirn, bis es vor den Augen haltmachte, die Tränen stauend wie einen Wasserfall an einem Wehr, manger les pissenlits par la racine, wie der Papa es seit zweieinhalb Jahren tat, der Papa, der immer mitgekommen war, von Ort zu Ort, der seine Musik von überallher hatte komponieren können, der jeden Tag eine andere Melodie auf den Lippen führte, der Natalie über alles Unverständliche und Fremdartige hinwegtröstete, der den Kuchen mit Pudding mischte, wenn er Mama zu krümelig geriet, der jedes Mittagessen essbar machte, das Natalie und Mama versalzten oder verkochten, der Papa, der jetzt in Paris in einem Urnengrab wohnte, per manger les pissenlits par la racine, wie Madame Bertrand und Monsieur Lefebvre es abfällig nannten, weil sie nicht wussten, dass Natalie zuhörte und sie verstand, und weil sie Papa und sein Trompetenspiel nie hatten leiden können.

Pissnelken – wie konnte man die sonnengelben Milchlinge so nennen? Für Natalie kündigten sie den Frühling an, zackten mit ihren dunkelgrünen Blättern freche Inselchen aus dem langweiligen Rasen, trugen als Pusteblumen auf ihren weißen Fallschirmchen die Beschwingtheit der erwachenden Natur in himmelblaue Tage.

„Was stehst du hier im Weg herum, du Pissnelke, du ausländische“, bellte hinter ihr eine heisere Stimme, „verzieh dich, oder ich brat dir eine über!“

Natalie versuchte, den Strauß Löwenzahnblüten in ihrer rechten Hand mit der linken zu schützen, aber der Junge, der sie verfolgte, scherte sich nicht darum und schlug ihr die Blumen aus der Hand, sodass sie auf den staubigen Asphalt fielen, wo er mit seinen schweren Stiefeln darauf herumtrampelte, bis sie aussahen wie ein Häufchen gelbgrüner Matsch.

 

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die mit den Wörtern „Pissnelke“, „krümelig“, „verdrehen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Sie stammen diesmal übrigens von Bettina.)

Zu zweit allein

Die Sommerblüten in der trüben Glasvase auf dem Schreibtisch waren so trocken, dass der Luftzug, den Marianas Eintreten verursachte, einen Teil davon zu Staub zerfallen ließ, und in dem fensterlosen Raum war es so still, dass sie das Auftreffen der Blütenteilchen auf den Aktenblättern hören konnte. Das Knistern klang bedrohlich wie fernes Donnergrollen.

„Ich habe Kaffee organisieren können“, sagte der alte Mann und strich sich die zu langen Seitenhaare über die verschwitzte Glatze. „Ich habe sogar Zucker, extra für Sie.“

Es klang zynisch, aber Mariana hatte Durst, großen Durst, sie hätte jedes Getränk angenommen, und wenn es Gift gewesen wäre. Sie setzte die Tasse an die Lippen und trank einen langen Schluck.

Der Kaffee schmeckte bittersüß.

„Und jetzt zu uns“, flüsterte der Alte. Es klang in ihren Ohren wie das Zischen einer Schlange, aber Mariana biss die Zähne zusammen und ging um den Schreibtisch herum, wie sie es jedes Mal tat, wenn er sie rief.

Außerhalb dieses schalldicht abgeschlossenen Bunkers, das wusste sie, konnte niemand es hören, wenn sie schrie.

Bittersüß

Weißt du noch, die Margeriten am Bunker?
Der Mohn?
Der lila Klee und das Zittergras, die Glockenblumen und Königskerzen?
Wir lagen auf unserer Picknickdecke mitten in den Sommerblüten, zerknitterten sie, zerquetschten ihre Schönheit, atmeten ihren bittersüßen Duft.
Über uns der gläserne Himmel, dunkelblau, mit einem gleißenden Lichtfleck schräg oben.
Wattewolken, nur zwei oder drei, auf Wanderschaft vom Wald zum Dorf, bauschig, gemächlich treibend im Wind.
Unter uns Verfall, Schimmelpilze, baumdurchwachsene Schutzräume, unsprengbare Erinnerung an Bomben und Krieg.
In meinem Einkaufsnetz ein Schwarzbrot, ein Stück Speck und ein Bund Lauchzwiebeln.
In der Tasche deiner Jeans dein Westpass.
Und – datiert auf den folgenden Tag – die Rückflugkarte in deine heimische Freiheit.

Vasenblume

Ich sehe ihn vor mir, den dunkelblauen Himmel mit den weißen Wolken oder den grauen, regenschweren.

Ich spüre die Tautropfen auf meinen Blättern –

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Um mich ist Kristall.

Kristall, in Mustern geschliffen. Hart und sehr schwer, klar und rein und ein wenig bläulich.

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Die Rosenknospen: rot und gelb und rosa und weiß und orange.

Die Stiefmütterchen: lila und blau. Klein und bunt und lustig.

Ein Schmetterling –

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Die Muster im Kristallglas stellen Blumen dar. Stilisiert. Tulpen und Nelken.

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Der Himmel: Das ist eine dunkelblaue Glasglocke, rund und leuchtend und weit, weit, unendlich, und so klar, mit schneeigen Wolken darauf –

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Der Himmel. Eine flache Decke aus Beton.

Ich beginne zu vergessen, wann meine Blätter zuletzt vom Regen berührt wurden.

Regen: kühle, graue Tropfen, fröhlich singend und übereinanderkollernd –

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Regen. Leitungswasser mit viel Chlor.

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Ich kann mich noch an die Bäume erinnern, groß und dunkelgrün, blätterrauschend im Wind. Die vielen tausend kleinen Lichter am Himmel und die Silberscheibe, die sie Mond nennen! Der Tau komme und kühlt die Blätter –

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Am Betonhimmel hängt ein umgekehrter Blumentopf, der Lampe heißt.

Keine Sterne.

Kein Mond.

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Ich bewundere Kristallglas. Aber ich muss immer an die Rosen denken. An ihren Duft. Und an die stillen Sommernachmittage, warm, singende Luft, irgendwo eine summende Hummel –

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Hier ist es niemals still. Ich habe fast schon vergessen, dass Luft singen kann.

Manchmal singt die elektrische Leitung. es ist ein hässliches, störendes Singen.

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Wenn ich an die Rosen denke, sehe ich ihre Farben: dunkelrot, fastschwarz, feuerfarben, mildorange-rosa, rosahauchzart, weiß, ins Bläuliche spielend. Kristallweiß. Klar und durchsichtig.

Ich habe vergessen, wie es war, wenn ich die Sonne auf den Blättern fühlte. Ich weiß nur, dass es sehr schön war. Ich habe vergessen, wie sich Tautropfen anfühlen, die in der Nacht auf die Blätter fallen. Auch das war schön, erinnere ich mich; aber ich kann die Empfindung nicht zurückrufen, die ich dabei hatte –

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Ich bewundere Kristallglas. Auch wenn es zu hart ist für Wurzeln. Woher kommt nur dieser schwarze Sand?

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Man kann nur frei sein, wenn man –

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Schwarzer Sand, darüber ein dunkelkristallblauer Himmel, mit Blumenmustern und sehr hart. Schneeige Wolken darauf. Kein Wasser.

Wurzeln sind Fesseln.

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Die Luft… eine überblühte, entblätternde Rose oder viele… sie dreht sich, aber sie singt nicht. Die elektrische Leitung singt, aber hässlich.

Es ist zu warm.

Die graue Sonne verbrennt den Tau, der in regenbogenfarbenen Plastikkugeln niederfällt, trocken und hart und sehr schön, ein glitzerndes, grandioses Farbenspiel von finster, brennend, leuchtend, strahlend, kalt und hart.

Vor allem Rot ist viel.

Rot-rot-rot-rot in allen Schattierungen. Es wirbelt und schreit und steigt und fällt und dreht sich und schmerzt unsäglich.

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Wenn nur die geschliffenen Diamanten nicht wären!

Sie betauen klirrend die Kristallvase. Millionenfach brechen und spiegeln sie das Licht, das die sterbenden Rosen senden.

Und der Himmel mit dem Blumenmuster: die Wolken darauf und der Sand ringsum, lichtlos, irgendwo hinter dem Farbgeflirr, ein Punkt im Tanz.

Zwei Punkte.

Drei.

Und viele –

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Flecken und Flächen durchbrechen schwarz den Flammenwirbel, und durch die Rosenfarben scheint deutlich die Sandwüste. Die schwarze Sandwüste, der dunkelkristallblaue Himmel darüber und die schneeigen Wolken darauf.

Aber vielleicht sind die Weißen auch Rosen. Sie duften so.

Es ist eine schwarze Fläche mit roten Flecken. Der Himmel wird dunkler und dunkler und schwarz. Aber keine Sterne sind darauf und kein Mond, und die Wolken sind doch Rosen gewesen, denn jetzt sind sie weg, und die roten Flecken werden kleiner und die Punkte weniger und –

ich weiß: Wenn der letzte rote Punkt verschwunden ist, ist es vorbei.

Jetzt ist noch einer.