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Namen-Los

Nicht weinen, Schneider, nicht schreien. Es hat keinen Sinn. Es ändert nichts.

Wann und wo hatte Codruţa damit begonnen, sich selbst in Gedanken mit dem Familiennamen ihres Mannes zu bezeichnen? Vermutlich in Kronstadt, kurz nachdem sie mit „Mutti“, Uwes Mutter, aus dem Haus in Mehrburg in die Zwei-Zimmer-Wohnung im siebten Stock gezogen war. Es gefiel Codruţa, wenn Mutti sie „Frau Schneider“ nannte: „Kopf hoch, Frau Schneider, du schaffst das!“

Der Name rief der Jüngeren in Erinnerung, dass sie verheiratet war, dass es jemanden gab, zu dem sie gehörte. Dass Uwe kein Phantom war. Dass sie Marcela wirklich geboren hatte. Dass es eine ältere Frau namens Schneider gab, zu der sie „Mutti“ sagen durfte. Die Genossinnen Schneider aus dem siebten Stock, die niemals Post bekamen.

Wer hätte ihnen auch schreiben sollen?

Uwe? Sie hatten von ihm keine Adresse, sie hätten nicht gewusst, wohin sie ihm ihre hätten schreiben sollen.

Harald, Uwes Vater? Er war ertrunken, dreizehn Monate, nachdem Uwe und Marcela von ihrer Deutschlandreise nicht zurückgekommen waren, mit mehr Alkohol als Blut in den Adern, im Mehrbach, in dem niemand ertrinken konnte, weil er nichts anderes war als ein Rinnsal.

Martin, Uwes Onkel? Hoffentlich nicht! Wenn Codruţa an den dachte, überlief sie ein kalter Schauer. Selbst jetzt, hier, zurück in Mehrburg, an ihrem 65. Geburtstag in dem kleinen Zimmer, das sie bei der deutschen Tischlerin Mihaela bewohnen durfte, stand sie instinktiv auf und schloss das Fenster, als könne Martin Schneider ihre Gedanken lesen. Wenn er denn da wäre.

Er war nicht da.

So wenig wie die ältere Genossin Schneider, die nach dem Umsturz offiziell die ältere Frau Schneider geworden und vor sechs Monaten gestorben war. Auch Martin-Onkels Frau Johanna war tot, wusste Codruţa von einem Friedhofsbesuch.

Nicht weinen, Schneider. Nicht schreien. Nicht.

Wie Marcela jetzt wohl hieß, falls sie noch lebte?

 

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Kekstorte für Eine

65 Jahre.

Codruţa betrachtete die Hände auf der Tastatur ihres Laptops. Die Sonne hatte die oberen Hautteile gebräunt, und wenn sie die Fäuste ballte und die Haut dadurch straffte, liefen hellere Querstreifen über den Handballen. Waren die Pigmentpunkte in diesem Sommer zahlreicher geworden? Trotz der Lichtschutzcreme, die Codruţa auf Empfehlung ihrer Hausärztin skrupulös genutzt hatte?

Wann war Codruţa 60 geworden?

An einem Tag, der genauso verlaufen war wie alle anderen Tage. Ein Tag ohne Feier. Ohne Freunde und Freundinnen, ohne Verwandte und Bekannte, ein Tag, der sich aus Morgen, Mittag und Abend zusammensetzte und in der Nacht zerrann. Herbert-Mama war tot, die Todesanzeige kam einen Tag vor dem Geburtstag an, der Kontakt zur Pflegefamilie, den Herbert-Geschwistern und ihren Angehörigen, war seit ewig abgerissen. Deutschland war weit weg.

Vor fünf Jahren war das gewesen, Codruţas 60. Geburtstag. Heute vor fünf Jahren.

Warum hätte sie den 65. Geburtstag feiern sollen, wenn der 60., immerhin ein runder, niemandem etwas bedeutet hatte, nicht einmal ihr selbst?

Warum hatte sie sich heute eine Kekstorte zubereitet, aus gewässerten Butterkeksen und Nougatcreme, nicht wie damals, als Mămică noch lebte, aus rumgetränkten Bruchkeksen und mühsam gekochter Kakaocreme? Niemand außer ihr selbst würde in den Genuss der Torte kommen.

Ob Tăticu noch irgendwo lebte? Sie hatte keinen Kontakt zu ihm, seit er Tanti Rodica geheiratet hatte. Seit 60 Jahren.

Wenn es Bernd noch gäbe, den Jungen, der sie vor 50 Jahren geküsst hatte … Wenn Uwe da wäre, ihr Mann, der vor 43 Jahren nach Deutschland gefahren war, mit ihrem gemeinsamen Baby Marcela, ohne je zurückzukommen … Dann wäre sie für irgendwen noch Codruţa statt Frau Schneider. Und vielleicht „Oma“ für Marcelas Kinder.

Vorbei.

Codruţa seufzte, strich sich eine eisgraue Haarsträhne nach hinten, klappte den Laptop zu und holte ein Messer, um die Kekstorte in schiefe Scheiben zu schneiden.

(Es gibt neue Regeln für die abc-Etüden von Christiane: Nicht mehr 3 Wörter in 10 Sätzen sind zu einer Geschichte zu verbinden, die Drei-Impulswort-Geschichte muss jetzt maximal 300 Wörter lang sein. Außerdem sind die Impulswörter jetzt nicht mehr eine Woche lang gültig, sondern zwei Wochen lang. Sie lauten diesmal Genuss, skrupulös und schneiden und wurden gespendet von Gerda Kazakou. Danke euch beiden für die Anregung!)