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Dörfliche Idylle

Die Schräge des Krüppelwalmdaches war unter dessen Krümmung kaum mehr wahrnehmbar. Eingedrückt wie ein benutzter Karton duckte es sich in die verdorrten Wildpflanzen, die einmal ein Garten gewesen sein mochten. Oder auch nicht – keine Pflanzenart deutete darauf hin, dass irgendwer sie irgendwann bewusst kultiviert hätte, und jetzt, nach den Dürresommern, die sich in den letzten Jahren gehäuft hatten, ohne von Frühjahrsregen eingeleitet oder von Herbstfeuchte abgelöst zu werden, jetzt gab es außer ein paar Disteln praktisch gar nichts mehr in der rissigen Erde.

Brennend stachen die Sonnenstrahlen in das Glas der zerbrochenen Fensterscheiben, das in tausend Splittern vor der bröckelnden Fassade lag, ohne irgendwen zu interessieren. Ab und zu hatten noch Nicu und Aurica hier gespielt, früher, weil sich die Disteln so schön köpfen ließen, aber jetzt waren die Disteln vertrocknet, kopflos und ohne jeden Restnutzen.

Nicu, der vierte Sohn der Nachbarin zur Linken, die seit Jahren am Friedhof ruhte, hatte in der benachbarten Kleinstadt als Gelegenheitsarbeiter einen Job gefunden, lebte seit ein paar Monaten mit Zamora zusammen und konnte mit ihrer Hilfe tatsächlich meistens die Miete für die Zweizimmerwohnung im Souterrain des Hochhauses bezahlen, weil sie abends, wenn ihre drei Kinder schliefen, Bürogebäude putzte.

Aurica, die letzte überlebende Enkelin des Nachbars zur Rechten, der ebenfalls schon längst das Zeitliche gesegnet hatte, vegetierte irgendwo in einer Großstadt in Westeuropa und vermietete ihren Körper an interessierte Freier. Sie tat es nicht gern, aber wusste nicht, wie sie sonst hätte überleben sollen, zumal der Schlepper, der ihr eine Stelle aus Haushalts- und Familienhilfe versprochen hatte, ihr den Pass gestohlen hatte und sich weigerte, ihn herauszugeben. Schließlich hatte sie ihren kleinen Sohn zu versorgen, dessen Erzeuger ein Freund des Schleppers war, der Aurica gleich nach ihrer Ankunft vergewaltigt hatte.

Das Leben war nicht einfach, nicht nur in dem Dorf, in dem die beiden Nachbarskinder aufgewachsen waren, und in dem jetzt drei Häuser nebeneinander verfielen, von allen anderen in der Hausreihe ganz abgesehen.

(Die drei zu verarbeitenden Wörter „Schräge, brennend, köpfen“ hat diesmal Gerda für die Zehn-Satz-abc-Etüden gespendet, zu denen wie immer Christiane eingeladen  hat.)