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Kinderbuch mit Nachdenklichkeitsfaktor

Opa Ratte vergisst Sachen, verirrt sich in bekanntem Gelände, traut sich nicht mehr vom Fleck weg, ist langsam geworden. Und er merkt es. Und mag nicht mehr. Oma Ratte verzweifelt fast daran. Mama Ratte, trächtig mit neuen Rattenbabys, kann nur mühsam helfen.

Papa Ratte beruft den Familien- und Nachbarschaftsrat ein, und Rattenkind probiert eine Idee nach der anderen aus, um dem alt gewordenen Opa zu helfen: Es findet einen alten Rollschuh, „ein Schiebebett“, wie Mama Ratte sagt, um Opa einen Ausflug zu ermöglichen, es schleppt ein noch funktionsfähiges Radio heran, um Opa mit Musik wach zu bekommen. Mama Ratte besorgt eine Trillerpfeife, mit der Opa Ratte sich bemerkbar machen kann, falls er sich verläuft. Aber nichts hilft.

Opa Ratte mag kein Leder fressen, was der Sinn des Ausflugs mit dem Rollschuh-Schiebebett war. Während Oma Ratte zur Radiomusik tanzt, erkennt Opa Ratte plötzlich nicht mehr, was ein Schiebebett ist und fragt, warum da Musik spielt. Und er vergisst, dass er die Trillerpfeife benutzen sollte, als er sich verläuft.

Als aber Mama Ratte ihre Rattenbabys zur Welt bringt, bemüht sich Opa Ratte darum, seine zu lang gewachsenen Zähne kurz zu wetzen, damit er die Kleinen gefahrlos küssen kann, denn die Babys schmiegen sich vertrauensvoll an seinen wabbelig gewordenen Bauch und bringen, genau wie das größere Rattenkind, ein wenig Freude in Opas Leben.

Andrea Behnke schildert in diesem schon für Kindergartenkinder verständlich geschriebenen und von Dorothea Kraft ansprechend bebilderten Kinderbuch den Zusammenhalt in einer Familie, in der alle sich umeinander kümmern, ohne verniedlichendes Ausblenden der Traurigkeiten. Es ist ein Buch, das Omas und Opas, Mamas und Papas nicht nur vorlesen können, ein Buch, über das sie mit ihren Vier- und Fünfjährigen auch diskutieren können, selbst wenn der vergesslich werdende Großelternteil für sie vielleicht die Oma ist oder ein Urgroßelternteil.

Ähnlich wie in ihrem Buch „Oma war eine Seeräuberin“ bearbeitet die Autorin die Beziehung zwischen Kindern und alten Menschen und bietet so Gesprächsanlässe über familiäre Probleme, die viele Kinder spüren, obwohl es für Erwachsene nicht immer erkennbar ist, und die sie erklärt bekommen wollen, auch wenn viele Erwachsene das Erklären schwierig finden.

Das Ergebnis ist als Gute-Nacht-Geschichte möglicherweise nur bedingt geeignet, besonders wenn Kinder persönlich von der Thematik betroffen sind, aber zu anderen Tageszeiten können gerade Groß- und Urgroßeltern es gemeinsam mit den Kleinen ansehen, lesen und nutzen, um einander Nähe und Verständnis zu bieten und voneinander Kraft zu tanken.

Seine Daten: Andrea Behnke, Dorothea Kraft: Was ist nur mit Opa los, Südpol Verlag Greventroich, 2019, 26 (nicht nummerierte) Seiten, ISBN-978-3-96594-009-3.

 

Anmerkung: Wie jede Rezension könnte der obige Text als Werbung ausgelegt werden, obwohl ich sie nicht bezahlt bekomme.

Ein Schloss für den Affenkasten

Mit Affen hatte der Affenkasten, den Christl mit einem wütenden Stoß verschloss, absolut nichts zu tun. Höchstens mit Maulaffen, einem Begriff, der mit Mauloffen besser umschrieben wäre.

Benhards Affenkasten war eine offene Truhe, oder besser, eine Truhe, die nach Meinung von Bernhard offen zu sein und offen zu bleiben hatte. Eine hässliche Truhe in einem Blauton, den Christl verächtlich „elektrischblau“ nannte, nicht ohne Grund, denn Bernhard bewahrte darin seine ganzen verdammten Kabel, Batterien, Glühbirnen, Mehrfachsteckdosen, Akkus, Energiesparlampen, Unterputz-Steckdosen, Schalterabdeckungen und weiß-der-liebe-Himmel-was-noch-für-bescheuerte-Dinge auf.

Wie Christl diesen widerlichen Baumarktkram hasste, samt dem elektrischblauen Offenkasten und dem Mauloffen, der Bernhard hieß und der bald janken und jaulen würde wie ein kleiner Hund, wenn er feststellen musste, dass sie seine gesamte doofe Sammlung in den Sammelbehälter für Elektroschrott gekippt hatte! Leer war er jetzt, der Offenkasten, und geschlossen war er außerdem, und genüsslich schraubte Christl das neue Schloss an den Deckel, das sie bei ihrem letzten Besuch im Baumarkt erworben hatte.

Bei ihrem allerletzten Besuch im Baumarkt.

Nie wieder würde sie diesen ekligen Laden betreten, in dem sie Bernhard mit Jonathan erwischt hatte, hinter der Regalwand mit den Wandfarben, in enger Umarmung, die vier Männerlippen saugend aufeinander gepresst, die vier behaarten Pranken über unausprechliche Körperpartien streifend.

Deshalb also war ihr Mann immer wieder in den Baumarkt gerannt!

Sie drehte den Schlüssel in dem neuen Schloss herum, steckte ihn in die Hosentasche, schnappte sich den Doppelbuggy mit ihren Zwillingen und verließ die Ehewohnung.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für die Einladung zu den abc-Etüden der 3 Wörter in 10 Sätzen und an dergl, die Wortspenderin der 22. Woche. Die Wörter waren diesmal „Affenkasten, elektrischblau, janken“. Ja, ich weiß, ich bin zu spät dran, aber es hat trotzdem Spaß gemacht.)

Hochhausgedanken

Die Feuerzangenbowle hatte Hernán nicht wirklich geholfen. Er hatte nur für ein paar Stunden die Einsamkeit vergessen, die Finsternis, die Kälte. Mehr nicht.

Die Freunde, die er für die Bowle eingeladen hatte, waren längst wieder gegangen, sie hatten gescherzt und gelacht und ihre Witze gerissen über Frauen, die leicht zu haben waren und Männer, die das nicht auszunutzen wussten, hatten gelästert über Quotenfrauen an der Universität, die eine Gefahr für die Wissenschaft darstellten, obwohl sie doch in Wahrheit nur heiraten und Kinder kriegen wollten, waren dann zu spannenderen Themen übergegangen, zu Fußballergebnissen und dem nächsten Tennistournier und den fragwürdigen Erhebungsmethoden eines Kollegen bei seiner letzten quantitativen Studie. Nichts davon hatte Hernán – Dr. habil. Hernán Garcia Romero – interessiert.

Er betrachtete wieder das Papier, das vor ihm lag, und das ihm bestätigte, dass seine akademische Karriere zu Ende war, er betrachtete es und knüllte es zusammen und sah ihm nach, wie es auf die Straße hinunter segelte, Stockwerk um Stockwerk, bis es unten in einer kaum wahrnehmbaren Winterpfütze landete.

Keine Universität hatte ihn zum Professor berufen, trotz ungezählter Probevorlesungen, trotz bester Beurteilungen, trotz all der mühsam erarbeiteten Veröffentlichungen in anerkannten wissenschaftlichen Publikationen. Nichts hatte gepasst, und nun war die letzte befristete Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter ausgelaufen, und keine neue war in Sicht, auch nicht außerhalb der Universität, denn nicht einmal Museen brauchten Spezialisten für die ernährungsbedingten Fortpflanzungsprobleme der Flugsaurier.

Auch Maria mit den Kindern war nicht mehr da, sie hatte ihre Professur für Allgemeine Didaktik (mit Schwerpunkt Inklusion hochbegabter Kinder aus ökosozial benachteiligten Familien) in Madrid angetreten, und sie hatte ihn angefleht, mitzukommen, sie verdiene genug für die Familie, der Rest würde sich finden, und die Kinder bräuchten ihren Vater.

Aber die Kinder, fand Hernán, verdienten einen Vater, der ihnen zum Vorbild gereichen konnte, keinen Versager wie ihn, da waren sie besser dran, wenn sie nur bei Maria aufwuchsen, wenn sie glaubten, dass er in Deutschland ein wichtiger Mann war, auch wenn ihn das all dessen beraubte, was er brauchte und liebte, deshalb war er nicht mitgefahren, deshalb stand er jetzt hier am Rand des fünfzehnstöckigen Hochhauses und überlegte, ob er springen sollte, und deshalb hasste er sich dafür, dass er es nicht tat, weil er zu feige war, dass er stattdessen Michael anrief und ihm vorschlug, wie früher um die Häuser zu ziehen, und dass er sich einfach ins Bett legte und die Decke über den Kopf zog, als Michael dankend ablehnte.

(Eigentlich hatte Christiane die Etüdenwörter, aus denen ich mich für diese Zehn-Satz-Etüde bedient habe, für die Vorweihnachtszeit bestimmt, in der ich aber leider zu krank war, um mich neben den Weihnachtsvorbereitungen ums Bloggen zu kümmern – abends und morgens war ich einfach so müde, dass ich nur noch schlafen konnte und wollte. Daher versuche ich jetzt, aus der Wortreihe Reizwörter für nachweihnachtliche Geschichten zu fischen und bitte um Nachsicht dafür. Hier ist die Geschichte Nummer 3.)

Zwischen den Jahren

Weg damit.

Roselies entfernte die schlanken weißen Kerzenstummel aus den goldglitzernden, sternförmigen Kerzenhaltern, die sie am Adventskranz angeclipt hatte, löste die Halter von dem nadelnden Graugrün, packte mit spitzen Fingern die lilafarbene Schleife und beförderte den Kranz samt versilberter Nuss und ebensolcher Mini-Glaskugel in den grünen Müllsack, in dem sich schon die Windeln ihres Urenkels und die verdorbenen Reste des großfamiliären Weihnachtsessens befanden.

Weg damit, weg, wie die ganze Familie wieder weg war, verstreut in alle Windrichtungen, der älteste Enkel mit seiner jungen Frau in Atlanta, der zweitälteste auf Tournee in Kitchener, der jüngste bei der Verlobten in Manila, die älteste Enkelin samt Familie auf den Kanarischen Inseln, die jüngste bei ihrem Freund in Sydney, der verwitwete Sohn in der psychiatrischen Klinik, mit schwerem depressivem Schub, die frisch geschiedene Tochter am anderen Ende Deutschlands in ihrer winzigen neuen Sozialwohnung, der eigene Ehemann im Pflegeheim …

Roselies war müde, und sie hatte Angst.

Sie wusste, dass sie vergesslich wurde, dass ihr Rücken sie nach und nach im Stich ließ, dass ihre Arme schon längst zu kurz waren, um ihre Fußnägel zu erreichen (gut, dass dieser Fußpfleger ins Haus kam) und bald zu kurz sein würden, ihr beim Anziehen der Stützstrümpfe behilflich zu sein. Sie konnte ihren Wilhelm wirklich nicht mehr pflegen, sie war zu schwach, ihn im Bett umzudrehen, ihn in die Badewanne zu befördern, ihn auch nur aufzusetzen, um ihn zu füttern.

Sie knüllte das Backpapier auf dem leergegessenen Backblech zusammen und beförderte es zum Adventskranz; einen Kuchen würde sie vor Ostern bestimmt nicht mehr backen, vielleicht auch nie mehr.

Und sie fühlte sich oft zu müde, mit dem Bus den weiten Weg zum Pflegeheim zurückzulegen. Zweimal umsteigen, riskieren, dass ein Bus ausfiel, gerade jetzt im Winter, und dann … sie ertappte sich dabei, wie sie überlegte, dass der Friedhof näher wäre, zu Fuß zu erreichen von ihrer Wohnanlage im Betreuten Wohnen aus, gut eine Viertelstunde höchstens, wenn sie den Rollator nutzte, den die Kinder und Enkel ihr zu Weihnachten geschenkt hatten.

Dann verbot sie sich diese bösen Gedanken, seufzte, zog sich den schweren Wintermantel an, quälte sich in die gefütterten Stiefel, holte ächzend die alte Wollmütze von der Hutablage der Garderobe, legte den grünen Müllsack ins Körbchen des Rollators, um ihn unterwegs in die Mülltonne zu befördern, zählte in Gedanken auf, was sie alles brauchte: Kleingeld, Papiergeld, Ausweis, Schlüssel, und worauf alles sie achten musste: Herd – aus, Fenster – zu, Wasserhähne – abgestellt; dann schloss sie die Wohnungstür hinter sich und schob sich Schritt für Schritt Richtung Bushaltestelle, um ihren Wilhelm zu besuchen, der sie, wie immer, nicht erkennen würde, und der doch der einzige Mensch war, der noch zu ihr gehörte.

(Eigentlich hatte Christiane die Etüdenwörter, aus denen ich mich für diese Zehn-Satz-Etüde bedient habe, für die Vorweihnachtszeit bestimmt, in der ich aber leider zu krank war, um mich neben den Weihnachtsvorbereitungen ums Bloggen zu kümmern – abends und morgens war ich einfach so müde, dass ich nur noch schlafen konnte und wollte. Daher versuche ich jetzt, aus der Wortreihe Reizwörter für nachweihnachtliche Geschichten zu fischen und bitte um Nachsicht dafür.)

Löwenzahnblüten

So ein Umzug konnte alles verdrehen und verderben, das hatte Natalie in ihrem Leben schon fünfmal erfahren müssen, alle zwei Jahre einmal, immer, wenn die Bundeswehr ihre Mama wieder anderswohin versetzte; zwei Jahre – das war der Normalfall beim Generalstab. Nicht einmal die Sprache stimmte dann mehr, und das nicht nur, wenn der Umzug mal wieder ins Ausland führte, nach Amsterdam, nach Paris oder  Washington, das galt auch für Stuttgart oder Köln.

Pissnelken sagten sie hier im Rheinischen zu den Milchlingen, die sie von Stuttgart her kannte, es schüttelte Natalie, wenn sie es hörte. Pissebloem, sagten sie in Amsterdam, und auch das fand das Mädchen abstoßend. In Paris waren es die Pissenlits gewesen, manger les pissenlits par la racine,  die Veilchen von unten riechen, auf der anderen Seite des Seins.

Natalie spürte wieder, wie das Weinen in ihr hochkroch, aus dem Brustkorb in den Hals, in den Hinterkopf, in die Ohren, hinter die Stirn, bis es vor den Augen haltmachte, die Tränen stauend wie einen Wasserfall an einem Wehr, manger les pissenlits par la racine, wie der Papa es seit zweieinhalb Jahren tat, der Papa, der immer mitgekommen war, von Ort zu Ort, der seine Musik von überallher hatte komponieren können, der jeden Tag eine andere Melodie auf den Lippen führte, der Natalie über alles Unverständliche und Fremdartige hinwegtröstete, der den Kuchen mit Pudding mischte, wenn er Mama zu krümelig geriet, der jedes Mittagessen essbar machte, das Natalie und Mama versalzten oder verkochten, der Papa, der jetzt in Paris in einem Urnengrab wohnte, per manger les pissenlits par la racine, wie Madame Bertrand und Monsieur Lefebvre es abfällig nannten, weil sie nicht wussten, dass Natalie zuhörte und sie verstand, und weil sie Papa und sein Trompetenspiel nie hatten leiden können.

Pissnelken – wie konnte man die sonnengelben Milchlinge so nennen? Für Natalie kündigten sie den Frühling an, zackten mit ihren dunkelgrünen Blättern freche Inselchen aus dem langweiligen Rasen, trugen als Pusteblumen auf ihren weißen Fallschirmchen die Beschwingtheit der erwachenden Natur in himmelblaue Tage.

„Was stehst du hier im Weg herum, du Pissnelke, du ausländische“, bellte hinter ihr eine heisere Stimme, „verzieh dich, oder ich brat dir eine über!“

Natalie versuchte, den Strauß Löwenzahnblüten in ihrer rechten Hand mit der linken zu schützen, aber der Junge, der sie verfolgte, scherte sich nicht darum und schlug ihr die Blumen aus der Hand, sodass sie auf den staubigen Asphalt fielen, wo er mit seinen schweren Stiefeln darauf herumtrampelte, bis sie aussahen wie ein Häufchen gelbgrüner Matsch.

 

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die mit den Wörtern „Pissnelke“, „krümelig“, „verdrehen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Sie stammen diesmal übrigens von Bettina.)

Verhohnepiepelt

Bei ihrer Düsseldorf-Oma fühlte sich Sitora immer pudelwohl, denn hier gab es nicht nur einen Riesenspielplatz und Kekse bis zum Abwinken, alle mit rosa Zuckerguss, sondern auch jede Menge lustige Bilderbücher aus Mamas Kindergartenzeit, und dazu war die Düsseldorf-Oma schlau und geduldig und beantwortete Sitora fast alle Fragen, und Sitora hatte viele Fragen, denn im Kindergarten gab es so viele neue Dinge, die sie nicht durchschaute und so viele neue Wörter, die sie noch nie gehört hatte, Tyrannosaurus und Wasserpause und Versperzeit und …

„Oma, was ist eine Wanderdünne? Yusup sagt, es ist das Gegenteil von Laufdicke, aber Yusup ist immer so gemein und sagt Quatsch, und wenn ich dann im Kindergarten etwas davon erzähle, lachen mich Emilia und Jean-Luca aus, und die Erzieherin guckt mich an mit bösem Gesicht. Und außerdem – was ist eigentlich eine Laufdicke?“ Sitora wusste, dass ihre Düsseldorf-Oma, Mamas Mama, eine echte Deutsche war, in Deutschland geboren, nicht so wie die Kurgantobe-Oma und der Kurgantobe-Opa, Papas Eltern, die ganz weit weg in Tadschikistan wohnten, also würde die Düsseldorf-Oma auch Wörter wie Wanderdünne und Laufdicke kennen.

Früher, vor dem Hyperknall bei der Explosion der Lagerhalle für Feuerwerkskörper in Duschanbe, in der Sitoras und Yusups Mama für ihren Spaßladen einkaufen wollte, hätte auch sie solche Wörter erklären können, denn da konnte Mama ja noch hören und sprechen, aber an diese Zeit erinnerte sich Sitora nicht mehr, nur Yusup und Papa und die Düsseldorf-Oma erzählten manchmal davon.

„Laufdicke kenne ich nicht“, sagte die Düsseldorf-Oma, „höchstens Laufmaschendicke, aber doch eher Laufmaschenbreite, das ist, wenn du eine Laufmasche in der Strumpfhose hast, und es zeigt an, wie viele Maschen kaputt sind, aber das ist nicht das Gegenteil von Wanderdüne, weil eine Wanderdüne nichts mit dünn zu tun hat. Die ist nämlich aus Sand, und sie ist ein Berg, und wenn der Wind von der einen Seite den Sand wegbläst und ihn auf der anderen wieder niederschneit, dann kriecht der Berg ganz langsam weiter, kriech, kriech, weißt du? Das kannst du mal im Sandkasten ausprobieren, wenn du magst, ich helfe dir dabei, nimm am besten gleich die Sandelsachen, und wir gehen los.“

„Au ja“, rief Sitora, zog freiwillig Gummistiefelchen und Draußenhose an und schnappte sich Eimerchen, Förmchen und Schaufel, „ich WUSSTE doch, dass Yusup mich nur verhohnepiepelt,“ und sie fragte sich verwundert, warum die Düsseldorf-Oma plötzlich so lachen musste – stimmte vielleicht etwas nicht mit dem Verhohnepiepeln, das doch der große Jean-Luca immer zu ihrem Bruder Yusup sagte?!

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 2 mit den Wörtern „Hyperknall“, „Wanderdüne“, „pudelwohl“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Unter Frühstücksdirektorinnen

„Das ist ein Fall für Interpol“, sagte Polizeidirektorin Mühlenwasser beim monatlichen Behördenfrühstück, das diesmal die Leipziger Kriminalpolizei ausrichtete, zu ihrer Kollegin vom Zoll, der Regierungsdirektorin Hainendorff, als sie über die neuesten Zugänge in der Asservatenkammer plauderten. Interpol-Verdachtsfälle kamen in Grünau, Leipzigs trister Trabantenstadt  (okay, viele der hier wohnenden Menschen sahen das anders, wie Mühlenwasser wusste) öfter vor, als es den Beamtinnen lieb war, sie mussten sich nur an die Teppichlieferung mit eingewebtem Heroin aus den Vereinigten Emiraten erinnern oder an die Kondome voller Kokain, die an die Poststelle des Vatikans adressiert waren.

Die Menschen, sofern Mühlenwasser und Hainendorff den Drogendealerinnen, die seit fünf Jahren als reine Frauenbande aktiv waren, diesen Ehrentitel verpassen wollten (die Beamtinnen waren sich da uneinig) kamen auf die abwegigsten Ideen, um ihren Stoff von einem Land ins andere zu schmuggeln. Diesmal hatten sie ihn in den Schläuchen einer Honigpumpenlieferung versteckt, also nicht im Hohlraum der Schläuche, sondern in deren Material, das teilweise aus dem Pulver einer neuartigen Designerdroge hergestellt war.

„Wie nennen Sie das Zeug?“, fragte Hainendorff, die während der betreffenden Schulung, ausgerechnet während des großen Kita-Streiks!, ihre masernkranke Tochter hüten musste.

„Honigschleim“, sagte Mühlenwasser und nahm einen Schluck von ihrem Latte macchiato, leider aus einem Pappbecher, weil die zuständige Beschaffungsstelle den Antrag auf gläserne Becher abgelehnt hatte.

„Dann verstehe ich nicht, dass Rodica, diese rumänische Mafia-Mama, das Pulver im Schlauchmaterial einer Honigpumpe transportieren lässt. Als wollte sie uns geradezu unter die Nase reiben, dass es um Honigschleim geht, finden Sie nicht?“, äußerte Hainendorff ihr Unverständnis.

„Wie auch immer, das gibt eine Purple Notice an Interpol,  eine Info über geheime Verstecke und Methoden, und kein Wort an die Presse“, fasste die Polizeidirektorin zusammen, lehnte sich gemütlich zurück und biss in ihr Blätterteighörnchen. „Anderes Thema: wie geht es Ihrer Tochter inzwischen?“

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 2 mit den Wörtern „Interpol“, „Trabantenstadt“ und „Honigpumpe“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Mius-ärgere-mich

Rosa-grün, grün-rosa, rosa-grün – verdammt, Bens schrecklicher Kater Mius hatte wieder die ganze Wolle verwurschtelt.

Martin versuchte mühsam, die Fäden zu entwirren, die Mius beim Spiel mit den Knäueln so heillos ineinander gewirkt hatte.

„Warum kannst du nie aufpassen auf dein blödes Katzenvieh“, zischte er durch die Zähne, was sein Bruder natürlich nicht hören konnte, weil er gar nicht zuhause war, sondern sich irgendwo bei den Mädchen der Oberklasse herumtrieb, die heute Spinn-Abend hatten.

Wenn Martin seinem Bruder Ben nicht endlich mehr Achtsamkeit einbläuen konnte, würde das nie etwas werden mit der gemeinsamen Geschäftsidee, denn ein Woll- und Strickladen war schließlich etwas Ernsthafteres als das idiotische Gekicke am Hinterhof, dem Ben sich jeden Nachmittag mit Feuereifer widmete, wenn er nicht gerade, wie heute, eine attraktivere Einladung hatte.

Fußball und Mädels, etwas anderes hatte Ben nicht im Sinn, nicht mal Schule!

In Mathematik schrieb er von Fatima ab, in Physik von Heidelinde, in Chemie von Veronika, und die Aufsätze ließ er sich daheim von seinem Bruder und Geschäftspartner anfertigen.

Ein Schmarotzer war er, nichts weiter!

Aber ein Schmarotzer, der begnadet stricken konnte, das musste der brüderliche Neid ihm lassen.

Mützen und Handschuhe und Socken und Pullover und Mäntel und Kostüme und Hosen, und – trotzdem würde Martin ihm heute die Geschäftspartnerschaft kündigen, das mit Mius ging definitiv zu weit.

Aber dann kam Ben vom Spinn-Abend mit einer Bollerwagenladung voll handgesponnener Schafwolle wieder, und so verschob Martin die Kündigung auf die nächste Mius-ärgere-mich-Aktion.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 3 mit den Wörtern „Achtsamkeit“, „rosa-grün“ und „verwurschteln“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Nie wieder

„So ein Beichtstuhl, puh!“, sagte Marin und schüttelte sich, „das wäre die Hölle für mich. Jeden Tag erzählen müssen, was du in der Schule erlebt hast? In echt jetzt?“

Johanna saß auf der Holztreppe ihres elterlichen Reihenhauses, derselben Treppe, in der sie seit Jahren zu sitzen pflegte, wenn sie aus der Schule nach Hause kam, um ihrem Papa von ihrem Tag zu erzählen, während der gemütlich die Eier in die Pfanne schlug oder die Kartoffeln zu Brei stampfte, und sah Marin mit großen Augen an, denn sie wusste nicht recht, was er meinte.

„Wieso Beichtstuhl – ich habe doch Erzähltreppe gesagt?“

„Ist dasselbe, wenn du immer alles beichten musst, was du angestellt hast“, behauptete Marin und stopfte sich eine der Schoko-Rum-Bomben in den Mund, die er Knutschkugeln nannte, weil er sie so „fett“ fand, was, wie Johanna inzwischen gelernt hatte, „gut“ oder in diesem Fall „wohlschmeckend“ bedeutete.

Warum nur wirkte Marin hier, in ihrem Elternhaus, so anders als auf dem Campus, so – unpassend – so … Wann hatte diese Verwandlung vom coolen Typen (ob das in seiner Sprache wohl „geiler Bock“ hieße, fragte sich Johanna) zum überheblichen Proleten genau stattgefunden? Wie auch immer, sie mochte es nicht, dass Marin sie jetzt anfasste, hochhob, die Erzähltreppe hinaufzuschleppen drohte und dieses blödsinnige „du willst es doch auch“ in ihr Ohr zischte.

Aber sie mochte es, dass plötzlich Papa mit dem Kräuterbund da war, das er aus dem Garten geholt hatte, ihr starker, geliebter Papa, der sie Marin aus den Armen riss und ihm mit so unmissverständlicher Geste und noch viel unmissverständlicherem Drohen in Augen und Mundwinkeln klar machte, dass er sich hier NIE – NIE – NIE wieder blicken lassen sollte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal mit den Wörtern „Beichtstuhl“, „Knutschkugel“ und „Verwandlung“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)