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Nie wieder

„So ein Beichtstuhl, puh!“, sagte Marin und schüttelte sich, „das wäre die Hölle für mich. Jeden Tag erzählen müssen, was du in der Schule erlebt hast? In echt jetzt?“

Johanna saß auf der Holztreppe ihres elterlichen Reihenhauses, derselben Treppe, in der sie seit Jahren zu sitzen pflegte, wenn sie aus der Schule nach Hause kam, um ihrem Papa von ihrem Tag zu erzählen, während der gemütlich die Eier in die Pfanne schlug oder die Kartoffeln zu Brei stampfte, und sah Marin mit großen Augen an, denn sie wusste nicht recht, was er meinte.

„Wieso Beichtstuhl – ich habe doch Erzähltreppe gesagt?“

„Ist dasselbe, wenn du immer alles beichten musst, was du angestellt hast“, behauptete Marin und stopfte sich eine der Schoko-Rum-Bomben in den Mund, die er Knutschkugeln nannte, weil er sie so „fett“ fand, was, wie Johanna inzwischen gelernt hatte, „gut“ oder in diesem Fall „wohlschmeckend“ bedeutete.

Warum nur wirkte Marin hier, in ihrem Elternhaus, so anders als auf dem Campus, so – unpassend – so … Wann hatte diese Verwandlung vom coolen Typen (ob das in seiner Sprache wohl „geiler Bock“ hieße, fragte sich Johanna) zum überheblichen Proleten genau stattgefunden? Wie auch immer, sie mochte es nicht, dass Marin sie jetzt anfasste, hochhob, die Erzähltreppe hinaufzuschleppen drohte und dieses blödsinnige „du willst es doch auch“ in ihr Ohr zischte.

Aber sie mochte es, dass plötzlich Papa mit dem Kräuterbund da war, das er aus dem Garten geholt hatte, ihr starker, geliebter Papa, der sie Marin aus den Armen riss und ihm mit so unmissverständlicher Geste und noch viel unmissverständlicherem Drohen in Augen und Mundwinkeln klar machte, dass er sich hier NIE – NIE – NIE wieder blicken lassen sollte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal mit den Wörtern „Beichtstuhl“, „Knutschkugel“ und „Verwandlung“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Schwere Entscheidung

Eine Flaschenpost! Das war DIE Idee!

Eine Idee gegen die Trübsal.

Die Ölflasche war leer, ausgewischt mit Marie-Luises letzter Brotkruste. Die Lebensmittelvorräte, die sie für ihre Schreibwoche in der Höhle gelagert hatte, waren aufgebraucht. Selbst die Kerne ihrer Sonnenblume hatte sie aufgegessen.

Dass es keinen Handyempfang gab, war beabsichtigt gewesen, aber zur Falle geworden, als nach dem Gewitter die Erde vor dem Höhleneingang einbrach.

Eine Quelle sprang als Wasserfall in die Klamm. „Hilfe! Sitze in der Bärenhöhle fest!“, schrieb Marie-Luise auf das abgelöste Etikett und schickte die Flasche los. Sie schleuderte sofort gegen einen Felsen und zerbarst in tausend Stücke.

***

In dieser Nacht träumte Marie-Luise von einem Schokokeks, von einem einzigen, angenagten Schokokeks, einem von diesen widerlichen Dingern, die sie als Kind schon nicht gemocht hatte. Einem Keks voller brauner, schmieriger Schokolade, die sich als süßlicher Belag auf der Zunge festsetzte und sie zum Würgen brachte.

„Wenn ich hier einen Schokokeks finde“, schwor sie sich im Traum, „werde ich ihn aufessen. Es sind Kalorien. Kalorien braucht man zum Überleben. Ich werde ihn mir gut einteilen, jeden Tag nur einen kleinen Bissen nehmen. Damit er lange reicht.“

Aber als sie aufwachte, wusste sie wieder, dass sie keinen Keks finden würde, nirgendwo.

***

Das einzige Schächtelchen, das noch nicht völlig leer war, enthielt Pflaster. Blasenpflaster. Es kam Marie-Luise vor wie ein Witz. Wenn sie hier nicht verhungern wollte, musste sie irgendwie in die Klamm hinunter gelangen, ohne Seil, ohne Haken, mit Stadthalbschuhen an den Füßen. Blasen wären da das geringste Problem.

Sollte sie hier bleiben, auf ein Wunder warten? Darauf, dass ein Hubschrauber sie trotz des Nebels entdeckte? Sie hatte kein Holz mehr, um Feuer zu machen, und in der feuchten Luft hätte es nicht gebrannt. Und sie war geschwächt vom sparsamen Essen.

Verhungern oder abstürzen? Das war die Frage. Die letzte, entscheidende.

(Dies ist mein erster Versuch mit Drabbles. Angeregt wurde er von „Christiane“ und ihrem „Etüdensommerpausenintermezzo.“ Der erste Teil setzt sich aus 100 Wörtern zusammen, die als Schlüsselwörter „Trübsal“, „Sonnenblume“ und „Flaschenpost“ enthalten, die ersten beiden Teile ergeben ein Double-Drabble aus 200 Wörtern und dem Zusatzwort „Schokokeks“, und alle Teile zusammen bilden ein Triple-Drabble, in dem als weiteres Zusatzwort „Pflaster“ vorkommt. War nicht ganz einfach, das muss ich zugeben. Trotzdem (oder gerade deswegen): Danke für die Anregung!

Fortschritt

„Iiiih“, die Redaktionsvolontärin Marilena tat, als würde sie mit spitzen Fingern ein Blatt Papier aus ihrem Bildschirm fischen und es angewidert von sich halten.

„Ich sehe schon – etwas für unsere Buddelkiste!“ Der Jungredakteur Moh’d nahm pantomimisch das imaginäre Papier und legte es in eine ebenso imaginäre Kiste neben seinem Schreibtisch. Früher, lange vor Marilenas und Moh’ds Volontariatszeit beim Unterwiesener Anzeiger, hatte dort tatsächlich eine Kiste gestanden, eine Holzkiste, aus der die damalige Chefin der Lokalredaktion extra ihre letzte Rotweinflasche geräumt hatte, um für die gesammelten Iiiih-Texte Platz zu schaffen.

Iiiih-Texte waren Berichte im Bauchwehstil und kamen meistens aus den örtlichen Vereinen.

„Lass mich raten“, sagte Moh’d, „ist es Dietmar vom Kaninchenzüchterverein, die hatten am Wochenende Züchterversammlung, oder Hannelore von den Landfrauen, die auf einem Ausflug waren? Die beiden schwadronieren immer am schlimmsten, und ich bin sicher, sie haben auch diesmal kräftig das Tanzbein geschwungen!“

„Oh ja, und die Frauen der Vereinsmitglieder haben natürlich fürs leibliche Wohl gesorgt, und der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt“, bestätigte die angehende Kollegin, „aber du hast falsch geraten, es waren diesmal Ivankas Schneckenzüchter, die angegrillt haben.“

„Wenn wir diesen Schwachsinn wie früher in echte Buddelkisten stecken würden, hätten wir bald kein Geld mehr fürs Lagern,“ sagte Moh’d und gönnte sich einen Schluck Latte macchiato aus seiner angeschmuddelten Bürotasse, während Marilena seufzend in die Tasten griff, um aus dem Iiiih-Text einen Vereinsbeitrag zu destillieren, den Ivanka noch als ihren Artikel erkennen und der trotzdem einem modernen Journalismus ansatzweise entsprechen musste.

Wenigstens lieferten die Vereinsleute ihren Schreibschrott heutzutage digital, tröstete sie sich, und das, musste sie zugeben, war schon ein Fortschritt.

 

(Mit Dank an „Christiane“ von Irgendwas ist immer für ihre Schreibeinladung  und an „Ulli“ aus dem Café Weltenall für die Wortspende dazu, die diesmal „Buddelkiste, schwadronieren, Tanzbein“ lautete.)

Großstadtdämmern

Draußen, am Jahrmarkt, bei der Achterbahn hatte die Sonne Christine so geblendet, dass sie nach ihrer Sonnenbrille kramte und sich selbst verfluchte, weil sie keine dabei hatte. Jetzt, in der Straßenschlucht zwischen den nichtssagenden neunziggeschossigen Bürotürmen schien die Dämmerung bereits in Nacht überzugehen. Die sechsspurige Autostraße, flankiert von zwei fahrspurbreiten Gehwegen, war zwischen den Hochhausriesen so eingeklemmt, dass sie selbst zum Atmen fast zu eng wirkte.

Christine war ein Großstadtmensch, aber diese Schlucht erinnerte sie an einen Urlaub in den Bergen, als sie aus einer Klamm nur mit Mühe und Not wieder herausgefunden hatte, ehe der Schneesturm die Klamm unpassierbar machte. Die Autos rauschten vorbei wie damals der Bergbach, unablässig, unaufhaltsam, mit auf- und abwallendem Basso continuo. Hinter einer leichten Linkskurve verschwand der Jahrmarkt mitsamt seinen Gerüchen nach Maronen und Zuckermandeln, Bratwurst und Erbseneintopf.

Nichts daran war einzigartig. Nichts hielt irgendeines der Versprechen, die Peter ihr gegeben hatte.

Christine ging in die Dunkelheit hinein und genoss das Geflirre der Scheinwerfer und Bremslichter, der Leuchtreklamen und Verkehrsampeln, wie sie es bei jedem Landeanflug nach Nachtflügen genoss, die diamantbunten Lichtpunkte im Samtschwarz funkeln zu sehen.

Wer, bitte, war schon Peter?!

 

(Eine abc-Etüde in 10 Sätzen, Reizwörter: Achterbahn, Straßenschlucht, einzigartig. Mit Dank an „Bruni“ Brunhilde Kantz, www.wortbehagen.de für die „Wortspende“, sowie an „Christiane“, Irgendwas ist immer.)

 

Sabotage

„Ich hab mal einen Flugkapitän gekannt“, sagte Franziska und ließ ihr Strickzeug sinken. Eine Masche löste sich von der Nadel, dann noch eine und noch eine, aber sie schien es nicht zu bemerken. Regenschnüre rannen die Fenster des Kaffeehauses hinunter und lösten sich zu Tropfen auf, die einander mal schräg, mal krumm nach unten verfolgten, bis sie irgendwo, meist lange vor dem Ziel, ihre Absicht vergaßen und stehenblieben, ehe sie sich mit anderen Tropfen zusammentaten und sich erst schwerfällig und dann schneller wieder in Bewegung setzten.
„Einen Lug-Agenten?“ Johannes nestelte an seinem Hörgerät und klopfte mit dem Kopf seiner Pfeife so unkoordiniert wie unbeabsichtigt auf den Kaffeehaustisch. „Entschuldige“, murmelte er erklärend dazu, „Parkinson.“ Die Pfeife roch nach kalter Asche. Seit Jahren hatte niemand mehr daraus geraucht.
„Einen Flug-ka-pi-tän“, wiederholte Franziska, so laut es ihre Stimme hergab, und strich sich eine weiße Haarsträhne von der Wange. „Der hat gesagt, Fliegen ist im Prinzip wie Busfahren, nur schneller und höher.“
„Ich fahre gern Bus“, sagte Johannes und versuchte, die Pfeife aufzuheben, die ihm aus den Händen gerutscht war. Es gelang ihm nicht. Franziska nahm einen Schluck von dem koffeinfreien Kaffee, den die Pflegerin ihr eingegossen hatte.
„Was wollte ich denn … ach ja, Georg, so hieß der Flugkapitän. Wir haben uns bei der Diakonie getroffen, im Altkleiderladen. Da war er schon seit Jahren in Pension. Einmal in der Woche hat er dort ausgeholfen, im Laden.“
„Als Flugkapitän?“ Roselies nestelte ein Papiertaschentuch aus dem Seitenfach ihres Rollstuhls und tupfte sich damit den Speichel aus dem Mundwinkel. Seit ihrem Schlaganfall konnte sie den Speichelfluss nicht mehr kontrollieren.
„Hörst du nicht zu? Das war er damals schon lange nicht mehr.“ Franziska versuchte vergeblich, ihren Rücken geradezubiegen. „Ich war dort Praktikantin, hatte eben die letzte Klasse abgeschlossen.“
Wer war die fremde Alte im gegenüberliegenden Kaffeehausspiegel? Der Spiegel war halb blind, und das war gut, denn er zeigte Franziska ohnehin nicht die junge Frau mit blondem Haarkranz, klaren Augen und glatter, sommerbrauner Haut, die er hätte zeigen sollen.
„Sabotage ist das“, sagte sie und bemühte sich vergebens, die Maschen ihrer Strickarbeit wieder aufzunehmen.
„Was? Die Laufmaschen?“ Roselies lehnte sich in ihrem Rollstuhl zurück und schloss die Augen. „Sabotage“ war Franziskas Lieblingswort.
„Das ganze Leben ist Sabotage. Irgendwer ist immer da, der einer Steine in den Weg legt, Sand ins Getriebe streut oder die Suppe versalzt.“
„Damals im Krieg …“, begann Johannes. „Wir haben dafür sorgen müssen, dass kein Flugzeug den Flughafen verlassen konnte. Ich habe die Motoren ausgebaut, manipuliert und wieder eingebaut, mein Kumpel Jonathan hat Schmiere gestanden und meine Mutter hat uns heimlich Stullen mit selbst gemachter Bratwurst in den Hangar geschleppt …“
„Sag ich ja. Sabotage.“ Franziska schnitt dem blinden Kaffeehausspiegel eine Grimasse, eine pubertäre Gesichtsverrenkung, eingebettet in blassgraue, zerklüftete Haut.
„Pflichterfüllung“, widersprach Johannes. „Es war ein Befehl der Partei!“
„So etwas Ähnliches hat meinen Flugkapitän fast das Leben gekostet“, erzählte Franziska den Blümchen auf ihrer Kaffeetasse.
„Er hat die Maschine in die Luft gebracht und zu spät gemerkt, dass etwas damit nicht in Ordnung war. Nur mit großer Mühe hat er sie wieder landen können. Sie ist wohl verbrannt, aber er konnte sich retten. Danach konnte er nie wieder fliegen.“
„War das hier am Flughafen Wiesental?“, fragte Johannes. „Georg hieß der also? Lebt er noch?“
„Nein“, sagte Franziska.

Gestrandet

Marietta schmeckte das Badesalz auf den Lippen. Badesalz. Kein Meersalz. In diesem Sommer würde sie kein Meerwasser sehen.

Nachdenklich, aber nicht mehr traurig betrachtete sie auf ihrem Handy-Display das Strandfoto vom letzten Jahr. Hankas Körper beulte breit und flundernplatt den Sand aus, ölig, fast leblos unter der Sommerbräune. Daneben stand Sven, breitbeinig, ein Lehrmeister, der seine Schülerin dahin gebracht hat, wo er sie hin haben wollte, ein Sklavenhalter vor seiner erschöpften Sklavin.

Marietta streichelte sich über die Hüften und lächelte dem Bild ihres molligen Selbst im Badezimmerspiegel zu. Es gab keinen Sven mehr in ihrem Leben, und das war gut so. Sie hoffte für Hanka, dass auch sie den Absprung irgendwann schaffen würde.

Start in den Tag

Wieder ein Morgen nach einer Nacht.

Das Radio hat einen Fehler gemacht

und wurde dafür von mir ausgelacht.

Danke dir, liebes Radio,

Lachen stimmt mich doch immer froh,

Versprich dich bitte weiter so!